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Vorwort-Vorabdruck des deutschen Titels "Die Informatisierung der Gesellschaft":


04.05.1979 - 

Telematik wird unser Kulturmodell verändern

Im Sommer dieses Jahres, wird der im Mai 1978 von Simon Nora und Alain Minc veröffentlichte Bericht an den französischen Staatspräsidenten zur Frage der "Informatisierung" der Gesellschaft in deutscher Sprache erscheinen. Die von GMD-Mitarbeiter Dr. Uwe Kalbhen herausgegebene deutsche Fassung umfaßt den vollständigen Berichtsband sowie eine Zusammenfassung der umfangreichen vier Anlagebände. Als Vorabdruck veröffentlicht die COMPUTERWOCHE die Einführung des Berichts, in dem die Autoren die wichtigsten Themen dieser französischen

Studie zusammenfassen.

Findet der französische Staat nicht die richtige Antwort auf die schweren und neuartigen Herausforderungen, werden ihm seine inneren Spannungen die Kraft nehmen, die eigene Zukunft zu meistern? Die wachsende Informatisierung der Gesellschaft steht im Herzen dieser Krise. Sie kann diese verschärfen oder lösen helfen. Je nach der Art der Politik, in die sie eingebunden ist, wird die Informatisierung das Beste oder das Schlimmste bewirken. Dabei gibt es weder Zwangsläufigkeiten noch schicksalhafte Verhängnisse. Alles hängt davon ab, wie sich in den vor uns liegenden Jahren die Beziehungen zwischen dem Staat und der Gesellschaft entwickeln werden. Die deutlichsten und dringendsten Schwierigkeiten entspringen der massiven und schlagartigem Verteuerung der importierten Energieträger. Diese Schwierigkeiten stören unser wirtschaftliches und soziales Gleichgewicht. Ihre Lösung ist Aufgabe der nächsten Jahre.

Die Reaktionen auf dieses Ereignis wären jedoch illusorisch, wenn sie den viel tiefer liegenden und schon vor dem Sechstagekrieg im vorderen Orient entstandenen Bruch unberücksichtigt ließen, den manche als Zivilisationskrise bezeichnen. Sie entspringt dem Konflikt zwischen traditionellen Wertvorstellungen und den durch die Industrialisierung und die Verstädterung provozierten tiefgreifenden Veränderungen. Diese Krise stellt langfristig sowohl eine elitäre wie eine demokratische Machtverteilung in Frage, letztlich also Kenntnisse und angesammeltes Wissen. Diese Zivilisationskrise ist dauerhafter als die augenblickliche Krise. Beide hängen eng zusammen, und es wäre unsinnig zu hoffen, man könne die zweite lösen, wenn nicht auf Wegen, die zugleich den Anstoß zur Lösung der ersten geben.

Wohlergehen und Souveränität jeder Industrienation beruhen auf einer ausgeglichenen Handelsbilanz, einem befriedigenden Beschäftigungsniveau und auf der Loyalität der Bürger gegenüber den sozialen Spielregeln. Zusammenhang zwischen diesen drei Zielen ist alt. Das Neue ist, daß es heutzutage keine selbstverständliche Übereinstimmung mehr zwischen ihnen gibt: Drei ehrgeizige Wunschvorstellungen, die sich früher noch gegenseitig ergänzt haben, sind heute Rivalen geworden. Sie erfordern eine gleichzeitige Befriedigung; die isolierte Lösung jedes einzelnen Ziels aber macht Aktionen notwendig, die den anderen entgegenwirken.

Eine geeignete Politik muß drei Bedingungen erfüllen:

1. Durch eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, verbunden mit einer Industriepolitik, die an die neue internationale Arbeitsteilung angepaßt ist, muß eine Erweiterung der Absatzmärkte hervorgerufen werden. Die Wiederherstellung des Außenhandelsgleichgewichts wird es erlauben, neuen Binnenbedarf zu wecken und damit die Beschäftigungslage zu verbessern. Die Finanzierung dieses Vorgangs wird dann durch den erreichten Produktivitätszuwachs getragen werden.

2. Es ist notwendig, daß die allgemeine Organisation der Gesellschaft (Beziehungen des Staates und der Behörden zu den Unternehmen und Bürgern, Wettbewerb zwischen großen und kleinen Unternehmen, Art des Managements und Organisation der Arbeit, etc.) die Selbstbeschränkungen und Spannungen, welche die weitere Entwicklung mit sich bringt, akzeptierbar macht.

3. Die notwendige Veränderung der Wirtschafts- und Sozialstruktur läßt sich nur durchführen, wenn Frankreich sich von den übermächtigen Pressionen fremder Staaten oder ausländischer Einflußgruppen freimacht, deren Ziele den eigenen entgegenstellen können. Der Erfolg dieser Bemühungen kann die nationale Unabhängigkeit stärken. Aber dies setzt voraus, daß diese nicht schon von Anfang an in Frage gestellt wird. Die Wahl der Mittel zur Lösung der konjunkturellen Krise kann nicht die langfristige Entwicklung der französischen Gesellschaft ignorieren. Sie wird durch zwei starke, oft gegensätzliche Wunschvorstellungen geprägt: Durch den Wunsch nach Emanzipation und das Verlangen nach Gleichberechtigung, die beide eine Umordnung traditioneller hierarchischer Strukturen erfordern.

Nichts von alledem ist in einem Land selbstverständlich, das über Jahrhunderte durch eine öffentlich zwar kritisierte, heimlich aber gewünschte Zentralisierung geprägt ist. Die Gesellschaft gewinnt ihre Macht nicht durch die unkontrollierte Anhäufung ihrer eigenen Ablehnung zurück. Andererseits wäre es eine Illusion zu glauben, daß sie ihr uneingeschränkt durch den bloßen Willen des Staates zurückgegeben werden könnte.

Die Informatik-Revolution ist nicht die einzige Innovation der letzten Jahre, aber sie stellt einen Gemeinsamen Wirkungsfaktor dar, der alle anderen Entwicklungen ermöglicht und beschleunigt. In dem Maße, in dem sie die Verarbeitung und Speicherung der Information tiefgreifend verändert, ändert sie das Nervensystem jeder Organisation und der ganzen Gesellschaft.

Bis vor kurzem blieb die Informatik als elitäres Instrument ein Vorrecht der Großen und Mächtigen. Jetzt wird sich eine Masseninformatik durchsetzen, die die Gesellschaft ähnlich der Elektrizität überschwemmt. Zwei Fortschritte sind Ursprung dieser Veränderung: Früher gab es nur große Rechner; jetzt existiert eine Vielzahl kleiner leistungsfähiger und billiger Maschinen. Sie sind nicht

mehr isoliert, sondern miteinander in Netzen verbunden

Diese wachsende Verflechtung von Rechnern und Telekommunikationsmitteln - die wir "Telematik" nennen - eröffnet einen völlig neuen Horizont. Schon immer haben Kommunikationsmittel die Gemeinwesen strukturiert: Verkehrswege, Eisenbahnen, Elektrizität sind sämtlich Stadien einer Entwicklung der familiären, lokalen, nationalen, multinationalen Organisation.

Die Telematik bewegt - im Gegensatz zur Elektrizität - nicht einen trägen Strom, sondern Information, das heißt Macht. Die Telefonleitung und der Fernsehkanal sind Voraussetzung für diese Mutation. Die Telematik wird nicht nur ein weiteres Netz darstellen, sondern vielmehr ein Netz neuer Art, das Bild, Ton und Informationsinhalte in eine vielschichtige Wechselbeziehung treten läßt. Sie wird unser Kulturmodell verändern.

Sie wird bedeutende Produktivitätsgewinne bringen. Dies wird zunächst die Arbeitslosigkeit verstärken, vor allem im Dienstleistungssektor. Diese Produktivität wird aber - falls sie richtig kanalisiert wird - unsere Wettbewerbsfähigkeit steigern und neue Wirtschaftsaussichten und Absatzmärkte eröffnen. Sie kann so die Rückkehr zu einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht erleichtern, das die Voraussetzung für jedes Wachstum ist. Der Widerspruch zwischen der unmittelbaren Gefahr von Arbeitslosigkeit und den späteren Chancen einer Verbesserung der Beschäftigungslage kann nur durch sehr aktive Anstöße und Anreize aufgehoben werden, die neue Nachfrage stimulieren. Die Dosierung und vor allem die zeitliche Verfolgung einer solchen doppelten Politik - hyperwettbewerbsfähige Sektoren zu festigen durch notwendige Transferleistungen ein Anwachsen kollektiver Annehmlichkeiten und kollektiven Konsums herbeizuführen - sind delikat. Jedes "Entgleisen" oder jede zu frühe oder übertriebene Beschleunigung in die eine oder andere Richtung würden zum Zusammenstoß mit den traditionellen Hindernissen führen: Außenhandelsdefizit oder unerträgliche Arbeitslosigkeit. Die neue Informatik erleichtert die Beherrschung eines neuen Typs von Wachstum, setzt ihn aber auch voraus.

"Die neue Informatik erleichtert die Beherrschung eines neuen Typs von Wachstum, setzt ihn aber auch voraus"

Sie bietet vielseitige und anpassungsfähige Lösungen für alle Formen von Steuerung und Regelung. Sie gestattet die Dezentralisierung oder gar Autonomie der Basiseinheiten. Mehr noch, sie erleichtert sie, indem sie den peripheren oder isolierten Einheiten Informationen verschafft, die bisher nur zum Nutzen der großen zentralen Einheiten zur Verfügung standen. Sie besitzt alle Chancen, die Struktur der Verwaltungen weniger schwerfällig zu machen und so ihren Wirkungsgrad und ihre Beziehungen zu den "Verwalteten" zu verbessern.

Die Telematik stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der kleineren und mittleren Unternehmen im Verhältnis zu den großen. Durch die Veränderung der Informationskreisläufe spielt sie eine zentrale Rolle bei den Machtverhältnissen. Sie verschiebt bestehende Gleichgewichte beim Wettbewerb auf dem Markt und zwischen den verschiedenen öffentlichen Aufgabenträgern. Sie verändert den sozialen Standort bestimmter Branchen und Berufe, vergrößert die Transparenz zwischen den sozialen Gruppen und die Verwundbarkeit großer Organisationen.

Es wäre aber illusorisch, von der Telematik allein eine radikale Veränderung der Gesellschaftsstruktur und der sie bestimmenden Machtstrukturen zu erwarten. Die historisch gewachsenen Traditionen und unser Kulturmodell begünstigen die Zentralisierung, die Ausweitung der Verwaltung, die hierarchische Starrheit in den großen Unternehmen und deren Herrschaft über die kleinen. Beides behindert in starkem Maße Initiative und Anpassungsfähigkeit, die eine Gesellschaft der Kommunikation und Mitwirkung fördern würden.

Nur eine zielbewußte Politik der sozialen Veränderung kann gleichzeitig auf die Probleme Antwort geben, die die Telematik aufwirft, und die ihr innewohnenden Kräfte nutzen. Sie impliziert eine klare Strategie, die basiert auf dem Gleichgewicht von Kräften und Gegenkräften, auf der Fähigkeit des Staates, bestimmte Entwicklungen zu begünstigen, aber sie nicht zu oktroyieren. Die Telematik kann das Aufkommen einer neuen Gesellschaft erleichtern; sie kann diese aber nicht spontan aus sich heraus und noch weniger alleine - entwickeln.

"IBM greift in eine Sphäre ein, die traditionell eine Staatsdomäne ist, nämlich in den Bereich der Kommunikation und der Kommunikationsmittel"

Die Telematik verschiebt schließlich den Einsatz, der bei der Frage der Souveränität auf dem Spiel steht. Die ersten französischen Großrechner wurden aus dem Wunsch militärischer Unabhängigkeit geboren. Der Staat hat in seinem Streben nach Autonomie die Förderung der Datenverarbeitungsindustrie ständig weitergetrieben. Diese Orientierung, wenn auch teilweise weiterhin notwendig, ist heute völlig unzureichend geworden, da sich der Schwerpunkt des Geschehens verlagert hat.

Die Politik muß vor allem die neuartige Herausforderung durch IBM berücksichtigen: Gestern noch Rechnerhersteller, morgen Betreiber von Nachrichtennetzen, verfolgt dieses Unternehmen eine Strategie, die es in die Lage versetzt, ein Nachrichtennetz zu errichten und zu kontrollieren. Es greift damit in eine Sphäre ein, die traditionell eine Staatsdomäne ist, nämlich in den Bereich der Kommunikation und der Kommunikationsmittel. Mangels einer angemessenen Politik zeichnet sich eine zweifache Abhängigkeit durch Fremdbestimmung ab: Bezüglich des Betreibers eines Netzes; bezüglich amerikanischer Datenbanken, deren Zugriff IBM als Netzbetreiber zudem erleichtert. Nur eine Aktion der öffentlichen Hand kann hier für ein Modell einer eigenen und eigenständigen Gesellschaft einen Spielraum schaffen, indem sie die Netze vereinheitlicht, Nachrichtensatelliten startet und Datenbanken errichtet.

In Erweiterung ihrer Ziele muß eine Politik der Informatisierung unverzüglich ihre Stützpunkte vervielfachen und besonders ihre Durchführungsmöglichkeiten verbreitern. Man muß die positiven Auswirkungen der Telematik auf die Produktivität verbessern und die negativen Auswirkungen auf die Beschäftigung kompensieren; man muß den größtmöglichen Vorteil aus den neuen Möglichkeiten zur Umorganisation der Verwaltung ziehen, kleine und mittlere Unternehmen unterstützen, die großen umgestalten und die Arbeitsbedingungen verbessern. Es geht auch darum, die Vorherrschaft eines Teils der Informatikindustrie über die übrigen Branchenangehörigen zu vermeiden, ebenso wie die der Informatikindustrie über die übrige Industrie und die Bürger.

Der Staat kann aber nicht der einzige Promotor einer solchen Politik sein: Sein Eingreifen darf sich nicht auf die Alternative "Alles oder Nichts" beschränken. Die Staatsgewalt muß zum einen, um die Position Frankreichs in der Auseinandersetzung mit Konkurrenten, die sich seiner Souveränität entziehen, zu verbessern, ohne falsche Scham von ihrer hoheitlich-regelnden Gewalt Gebrauch machen, das heißt bestimmen. Zum anderen muß sie dort, wo sich sehr ungleiche nationale Akteure gegenüberstehen, den schwächeren stärken, das heißt regulierend eingreifen. In anderen, nämlich den meisten Fällen wird es darum gehen, die Autonomie und Verantwortung solcher Kräfte zu stärken, die beim Versuch der Selbstbehauptung auf Hindernisse - vor allem den Staat selbst - stoßen. Man muß daher all das stimulieren, was die Staatsgewalt kritisch in Frage stellen kann; das heißt der Staat muß es selbst übernehmen, sich unsichtbar zu machen. Die Wahl zwischen Bestimmen, regulierendem Eingreifen und eigenem Unsichtbarmachen ist nicht willkürlich. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Gesamtkonzeption der Gesellschaft.

"Die einzige 'Internationale', die auf der Basis von Gleichen zu Gleichen mit IBM in Dialog treten kann, ist die Allianz der Fernmeldeorganisationen"

Die einzige "Internationale", die auf der Basis von Gleichen zu Gleichen mit IBM in Dialog treten kann, ist die Allianz der Fernmeldeorganisationen. Die wesentliche Aufgabe des Staates ist also, den französischen Pol dieser Vereinigung zu stärken, der der Hebel für die Ziele und Mittel einer nationalen Kommunikationspolitik sein muß. Dazu muß ein Kommunikationsministerium gegründet werden, welches die Generaldirektion für Fernmeldewesen des Postministeriums, die französische Rundfunkbetriebsgesellschaft und das nationale Raumfahrtforschungszentrum koordiniert.

Die Generaldirektion für Fernmeldewesen muß sich aber noch an einen Markt anpassen, der in rascher Entwicklung ist, und dazu beweglicher werden. Dies erfordert sicher eine Trennung des Postwesens vom Fernmeldewesen und für den zweiten Bereich die Schaffung einer nationalen Gesellschaft, um ihr die notwendige Flexibilität zu geben. Eine entschiedenere hoheitlich-regelnde Funktion, zusammengefaßt in einem Kommunikationsministerium, wird sich dann auf autonomere Instrumente stützen. Die staatliche Politik gegenüber den anderen Beteiligten beim Zusammenspiel im Bereich der Informatik muß gezielt und pragmatisch sein und die Stärken und Schwächen jedes einzelnen berücksichtigen: die Dienstleistungsunternehmen und die Periinformatik - dynamische aber stark zersplitterte Sektoren - unterstützen; eine starke öffentliche Beteiligung an der Forschung herbeiführen; Anreize auf dem Bauelementesektor in Abstimmung mit den Maßnahmen der Industrie schaffen; schließlich, nach Festlegung der Gesamtstrategie, dem nationalen Großrechnerhersteller den ihm zustehenden Platz in dieser Politik einräumen.

Die öffentliche Verwaltung spielt in Frankreich mehr als anderswo die Rolle eines Motors und übt eine beispielgebende Funktion aus. Die Errichtung von Netzen kann die Verwaltungsstruktur auf Jahrzehnte ohne Wissen der politischen Kräfte festschreiben. Es müssen Mittel geschaffen werden, diese Zukunft vorherzusehen, zu planen und zu meistern. Eine interministerielle Einheit für Verwaltungsreform mit einem zentralen Regierungsbeauftragten an der Spitze, der dem Premierminister untersteht, würde die Analyse und Ausrichtung der möglichen Entwicklungen erlauben. Diese Einheit wäre kein Zentrum hierarchischer Macht, sondern ein Instrument zur Weckung des Problembewußtseins, zur Abstimmung der Lösungen und zur Veranlassung von entsprechenden Maßnahmen. Ihr Ziel wäre es, die Telematik einzusetzen, um sinnvolle Rationalisierung vorzubereiten, besonders aber um Verwaltungserleichterung und Dezentralisierung zu ermöglichen.

Indem er sich gleichzeitig dort wappnet und sich "Muskeln" zulegt, wo Machtverhältnisse vorherrschen, indem er sich dort beschränkt und Dezentralisierung betreibt, wo nur andere Beteiligte ihren eigenen Wandel vorantreiben können, wird der Staat die Instrumente seiner Politik erarbeiten müssen. Indem der Staat beizeiten Ungleichgewichte erkennt und rechtzeitig korrigiert, die durch die Informatisierung verschärft werden können, sowie die Spannungen und Verhärtungen, die sie verursachen kann, wird er notwendige Änderungsprozesse in den nächsten zehn Jahren ermöglichen, ohne die in unserem Lande übliche Sequenz "Verhärtung/Explosion" auszulösen. Hier steht ein wesentlicher - allerdings auch begrenzter - Einsatz auf dem Spiel. Selbst wenn diesen Aktionen ein angemessener Erfolg beschieden sein sollte, haben sie nur das Verdienst, eine langfristige Zukunft offenzuhalten, in der sich in voller Schärfe die wahren Umwälzungen der Zivilisation abspielen werden, die die Informatik-Revolution herbeiführen kann.

"Die Pessimisten unterstreichen die Gefahren: Anwachsen der Arbeitslosigkeit, soziale Zwänge, Verflachung der menschlichen Tätigkeiten"

Die Angst der Menschen verleitet sie dazu, von einer verstellbaren und sicheren Zukunft zu träumen. Diese Angst verschärft sich, wenn tiefgreifende Wandlungsprozesse die traditionellen Werte aufbrechen lassen. Da seit einem Jahrhundert die spektakulärsten Veränderungen eine technische Basis hatten, ist man leicht versucht, eine durch Technologie gesteuerte Zukunft zu entwerfen. Diese Versuchung überträgt sich in unseren Tagen auf die Telematik und drückt sich in widersprüchlichen Traumvorstellungen aus.

Die Pessimisten unterstreichen die Gefahren: Anwachsen der Arbeitslosigkeit, soziale Zwänge, Verflachung der menschlichen Tätigkeiten. Für sie ist die Informatik der Höhepunkt der Unpersönlichkeit repetitiver Arbeit und Dequalifikation der Beschäftigten. Sie verfestigt die druckende Last der Hierarchie in Organisationen, verstärkt die Allmacht der allwissenden Spezialisten und wertet die übrigen Menschen zu Robotern ab. Übrig bleiben nur die Informatiker und die "Informatisierten", die Benutzer und die Benutzten. Die Maschine ist nicht mehr ein "Rechner", das heißt ein Mittel zum Rechnen, zum Speichern und zur Kommunikation, sondern ein "Befehlender", mysteriös und anonym. Die Gesellschaft wird für sich selbst und für den Normalbürger undurchsichtig, aber gefährlich transparent zum Nachteil der Freiheitsrechte der Bürger für diejenigen, die als einzige Zugang zu dieser allmächtigen Technik haben und für die, die über sie herrschen.

"Die Optimisten hingegen glauben, daß wahre Wunder in greifbare Nähe gerückt sind: Informatik gleich Information, Information gleich Kultur und Kultur gleich Emanzipation und Demokratie"

Alles, was die Chancen der Information erhöht, ermöglicht einen weniger persönlicheren Dialog, eine starren und größere Mitwirkung und Mitbeteiligung, eine Erhöhung der individuellen Verantwortung, eine größere Widerstandsfähigkeit der Kleinen und Schwachen gegen Übergriffe des "Monsters Staat" und wirtschaftlicher und sozialer Supermächte.

Dieser Alptraum einerseits und der Wunschtraum andererseits umkreisen die gleiche Frage: Werden wir - unter welchen Erscheinungsformen und vorgeschobenen Begründungen auch immer -Gesellschaftsformen entgegengehen, die die neuen Techniken benutzen werden, um die Zwangs-, Autoritäts- und Beherrschungsmechanismen zu verstärken? Oder werden wir im Gegensatz dazu Anpassungsfähigkeit, Freiheit und Kommunikation in einer Weise verstärken, daß jeder Bürger und jede Gruppe stärker eigenverantwortlich die Dinge in die Hand nimmt?

"Werden wir Anpassungsfähigkeit, Freiheit und Kommunikation in einer Weise verstärken daß jeder Bürger und jede Gruppe stärker eigenverantwortlich die Dinge in die Hand nimmt?"

In der Tat, keine Technologie, so neu sie in ihren Auswirkungen auch sein mag, führt langfristig zu unabwendbaren Folgen. Ihre Wirkungen werden durch die Entwicklung der Gesellschaft bestimmt, eher, als sie die gesellschaftliche Entwicklung einzwängen. Die Hauptherausforderung der kommenden Jahrzehnte liegt für die fortgeschritten Gesellschaften unserer Welt nicht mehr in der Fähigkeit, die Materie zu beherrschen. Dies ist bereits erreicht. Die wesentliche Herausforderung liegt in der Schwierigkeit, ein Netz von Verbindungen zu errichten, in dem sich gemeinsam Information und Organisation weiter entwickeln können. Unter bestimmten Bedingungen kann die Informatik diese Entwicklung erleichtern.

Die Angstvorstellungen, die die Informatik hervorruft, sind daher unbegründet. Nicht weil sie verschwinden, sondern weil sie sich in die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft als solcher auflösen: Wird eine Zivilisation, die auf sehr starker Produktivität beruht, kalt und indifferent sein oder wird sie konfliktreich bleiben? Werden die sich dann gegenüberstehenden Gruppen wie bisher durch ihre Stellung im Produktionsprozeß oder durch ihre Rivalitäten beim Konsum strukturiert sein? Oder wird man schrittweise an einem Aufbrechen der traditionellen Szenerie teilnehmen, die heute darin besteht, daß die Individuen sich in der Zugehörigkeit zu vielfältigen Gruppen erkennen, die ihre Vorstellungen über gewisse Elemente des Kulturmodells zu den beherrschenden machen wollen? Die herkömmlichen Muster der Gesellschaftsinterpretation und der Prognose der gesellschaftlichen Zukunft wären dann nur eine schwache Hilfe. Da sie den Ausgang der an den Produktionsprozeß gekoppelten Kämpfe falsch voraussagen, sind sie ungeeignet, eine Welt zu beschreiben, die sich mehr und mehr dem Produktionsprozeß entzieht. Die neue Herausforderung ist die der Ungewißheit: Es gibt keine sichere Vorhersage, sondern nur richtige Fragen über die Mittel und Wege, mit deren Hilfe man zum erhofften Ziel kommen kann. Die Zukunft baut sich nicht auf Vorhersagen auf sondern auf Zielvorstellungen und Plänen und auf der Fähigkeit der Nation, sich die geeignete Organisation zu geben, um die Zukunft zu realisieren.

"Die Zukunft baut sich nicht auf Vorhersagen auf, sondern auf Zielvorstellungen und Plänen und auf der Fähigkeit, sich die geeignete Organisation zu geben, um die Zukunft zu realisieren"

Die Staatsgewalt kann folglich auch nicht mehr zu den Zielen und Methoden von gestern zurückkehren, ohne Mißerfolge zu riskieren. Die Zukunft vorzubereiten, impliziert eine Erziehung zur Freiheit, die die festgefahrensten Gewohnheiten und Ideologien hinter sich läßt. Dies setzt eine erwachsene Gesellschaft voraus, die ihre Spontaneität, ihre Beweglichkeit und ihre Phantasie entwickelt und dabei zugleich die Verpflichtung zu globalen, verbindlichen Regelungen anerkennt. Dies setzt aber auch einen Staat voraus, der seine hoheitlich-regelnde Funktion ohne Scheu übernimmt, der sich aber gleichzeitig darauf einläßt, nicht mehr der quasi einzige Akteur im sozialen Geschehen zu sein.

* Die deutsche Ausgabe erscheint in Kurze:

U. Kalbhen, GMD (Hrsg.): Die Informatisierung der Gesellschaft - Der Bericht von Simon Nora und Alain Minc an den französischen Staatspräsidenten; Vorwort von Ulrich Lohmar; Campus Verlag, Frankfurt/New York 1979, zirka 250 Seiten