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15.10.2004

Tenovis mutiert zum Global Player

Der deutsche TK-Spezialist Tenovis wird vom US-Konzern Avaya geschluckt. Damit sichern sich die Amerikaner ein Standbein in Europa und wollen nun auf Augenhöhe mit Siemens und Alcatel agieren.

Von CW-Redakteur Peter Gruber

Für den deutschen Anbieter von Kommunikationslösungen Tenovis ist die Zeit in den Fängen der Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) aller Voraussicht nach bald vorbei. Vorausgesetzt, die Kartellbehörden in Europa und den USA stimmen zu, wird das Frankfurter Unternehmen Bestandteil des US-amerikanischen Herstellers Avaya. Damit endet eine mehr oder weniger erfolgreiche und vier Jahre andauernde Gesundschrumpfung unter der Ägide von KKR. Die Beteiligungsgesellschaft hatte die deutsche Firma im Jahr 2000 von Bosch Telecom übernommen und in Tenovis umbenannt.

Die Meldung von der geplanten Akquisition der Tenovis durch Avaya kam überraschend. Der Tenovis-Eigentümer KKR hatte sich eigentlich mit dem Gedanken getragen, den Kommunikationsspezialisten an die Börse zu bringen, um Kapital für ein weiteres Wachstum zu schöpfen. Die Frankfurter, die 200 000 Kunden im Bereich kleiner und mittelständischer Betriebe haben, sind vor allem hierzulande stark vertreten. Ferner etablierte sich das Unternehmen in Italien, Frankreich, Spanien, Österreich und den Benelux-Staaten. Mit dem Börsengang sollte der Sprung auf weiteres europäisches, aber auch amerikanisches Parkett geschafft werden.

Vor diesem Schritt schreckte KKR nun jedoch zurück und zog den Verkauf des Unternehmens an Avaya vor. Der amerikanische TK-Ausrüster überweist 370 Millionen Dollar in bar an KKR und übernimmt außerdem Schulden in Höhe von 265 Millionen Dollar.

"Tenovis plante den Börsengang, weil nur dadurch internationales Wachstum und das Überleben im Wettbewerb mit Riesen wie Siemens oder Alcatel gesichert worden wäre", hieß es aus der Tenovis-Zentrale zu den ursprünglichen Expansionsplänen. Die Idee des Initial Public Offering (IPO) sei letztlich aber verworfen worden, weil damit nur ein langsames Wachstum möglich gewesen wäre. "Durch die Verschmelzung mit Avaya werden wir auf einen Schlag zu einem Global Player und zur Nummer drei in Europa", begrüßt eine Sprecherin in Frankfurt die überraschende Wendung.

Tatsächlich wäre es für Tenovis mittelfristig wohl schwer geworden, allein im Markt zu bestehen. Der Anbieter hat sich zwar erfolgreich auf das Segment der kleinen und mittelständischen Kunden konzentriert, die von den großen Wettbewerbern Siemens und Alcatel schwerer zu adressieren sind. Dennoch litt das Unternehmen zuletzt unter der aggressiven Preispolitik der Konkurrenten.

Hinzu kam, dass sich der Frankfurter Nischenanbieter das Leben selbst schwer machte. Nach der Übernahme durch KKR führte zunächst der Ungar Peter Zaboji das Regiment und fiel dabei eher durch blinden Aktionismus als eine gezielte Geschäftsstrategie auf. 2002 zogen die Investoren deshalb die Reißleine und setzten Zaboji vor die Tür. Ihm folgte David Winn, der das Unternehmen weiter abspeckte. Von den ehemals 8000 Beschäftigten sind heute noch 5400 übrig.

Allerdings litt Tenovis in den vergangenen Jahren nicht nur unter der Sparpolitik, sondern auch der geringen Investitionsbereitschaft der Kunden. 2002 schrieb der TK- und Networking-Anbieter einen Verlust von 71 Millionen Dollar und musste letztes Jahr einen Umsatzrückgang um 6,3 Prozent auf 889 Millionen Dollar hinnehmen. Immerhin gelang mit einem Plus von einer Million Euro die Rückkehr in die Gewinnzone.

Während KKR wohl froh ist, Tenovis abstoßen zu können, verspricht sich Avaya in erster Linie Vertriebskanäle in Europa. Abgesehen von Großbritannien taten sich die Amerikaner bisher schwer, in der Alten Welt Fuß zu fassen. Mit dem Tenovis-Vertrieb sichern sie sich nun jedoch mit einem Schlag den Zugang zu vielen Kunden.

Ralph Kreter, Geschäftsführer der Avaya Deutschland GmbH, sieht in dem Portfolio der Tenovis eine gute Ergänzung für seine Company, insbesondere im Bereich Voice over IP. Tenovis, so der Manager, sei sehr gut im Mittelstand aufgestellt und verfüge in diesem Bereich auch über branchenspezifische Lösungen, wie sie Avaya nicht habe. Von großem Nutzen seien auch die IP-Telefone der Deutschen, deren Design und Funktionalität speziell auf den Bedarf des europäischen Markts ausgerichtet seien.

Europäisches Standbein

Den größten Vorteil für Avaya bietet laut Kreter aber die Anwenderbasis der Tenovis. "Einen Kundenstamm dieser Größe aufzubauen ist sehr zeitaufwändig. Diese Zeit hat Avaya nicht, weil sich der Markt dafür zu schnell entwickelt", argumentiert der Deutschland-Chef und ergänzt: "Mit dem Zukauf wollen wir langfristig unser Wachstum sichern." Unter diesem Aspekt halten auch die Marktforscher von Ovum die Übernahme für einen klugen Schachzug, weil sich Avaya damit ein gutes Standbein im europäischen Markt sichere. Eigenen Angaben zufolge will der US-Konzern durch die Akquisition seinen Jahresumsatz um eine Milliarde Euro steigern und den Anteil Europas am Gesamtumsatz von zwölf auf 30 Prozent erhöhen.

Nach Ansicht von Petra Borowka, Leiterin des Planungsbüros Unternehmensberatung Netzwerke UBN in Aachen, sprechen überwiegend vertriebliche und kaum technische Gründe für den Deal. "Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die Tenovis-Kunden nicht auf Siemens oder Alcatel umschwenken", gibt die Expertin zu bedenken.

Zudem kommen auf Avaya noch andere Probleme zu. Während die Amerikaner im Bereich Networking mit Extreme Networks als Partner zusammenarbeiten, kooperiert Tenovis in diesem Segment mit dem Avaya-Rivalen Cisco. Laut Kreter gibt es derzeit noch keine Entscheidung, wie die weitere Marschroute in dieser Angelegenheit ist. Sowohl er als auch Tenovis betonten, dass über Integrationsaspekte erst in den kommenden Wochen entschieden werde.

Chronik Tenovis

1899 Harry Fuld gründet in Frankfurt am Main die Deutsche Privat-Telefongesellschaft, die Telefonanlagen vermietet.

1935 Fulds Firma schließt sich mit anderen zu dem Unternehmen "Telefonbau und Normalzeit" zusammen, kurz Telenorma genannt.

1981 Die Robert Bosch GmbH beteiligt sich an Telenorma.

1987 Bosch akquiriert Telenorma als 100-prozentige Tochtergesellschaft.

1995 Telenorma wird zum Geschäftsbereich Bosch Telecom umgewandelt.

2000 Die US-Beteiligungsgesellschaft KKR übernimmt von Bosch Telecom den Bereich "Private Netze" und benennt ihn in Tenovis um.

2004 KKR verwirft die Pläne, Tenovis an die Börse zu bringen. Das Unternehmen wird an den US-amerikanischen Hersteller Avaya verkauft, der 2000 durch eine Ausgründung von Lucent Technologies entstand.