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31.08.2001 - 

Supply-Chain-Management/SCM in der Prozessindustrie

Termine, Tonnagen und Transporte

Mit überdurchschnittlichem Engagement betreiben Pharma-, Chemie- und Lebensmittelunternehmen in Deutschland die Einführung neuer Planungswerkzeuge. Doch die Marktdurchdringung von SCM-Software hat in der Prozessindustrie maximal 30 Prozent erreicht. Von Johannes Kelch*

Um rund 500 Medikamente in 20 Ländern jederzeit lieferbereit zu halten, hat das Pharmaunternehmen Byk Gulden kürzlich ein neues Supply-Chain-Management eingeführt. Von der Bedarfsmeldung aus den einzelnen Ländern über die mehrstufige Produktion an mehreren Standorten bis hin zur Auslieferung wird jetzt bei Byk Gulden alles professionell geplant und gesteuert. Das Unternehmen arbeitet mit dem Produkt Way Supply Chain Simulation der Münchner Wassermann AG.

Vier Mitarbeiter im "globalen Prozess-Management" registrieren die Bedarfsmeldungen aus den Vertriebsniederlassungen für 18 Monate im Voraus und legen monatlich rollierend Termine, Tonnagen und Transporte fest. Acht Beschäftigte im lokalen Prozess-Management wiederum planen sodann wesentlich konkreter die chemische Produktion, Tablettenherstellung und Verpackung.

Als Vorteil hebt Hans-Jürgen Wegner, Leiter der Hauptabteilung SCM bei Byk Gulden, die Visualisierung der Prozesse hervor. Positiv beurteilt Wegner auch Belastungsprofile, die auf drohende Engpässe aufmerksam machen. Das Management könne jetzt rechtzeitig Überstunden anordnen oder Leute einstellen.

Ein ideales Rezept zur Optimierung seiner Wertschöpfungskette fand der Nürnberger Speiseeis-Hersteller Schöller in einem Projekt mit dem SCM-Anbieter Manugistics. Der Konzern schafft es inzwischen dank einer verfeinerten Absatz- und Distributionsplanung, bei gleicher Kapazität in den Regionallägern immer mehr Produkte zu vertreiben. Der Leiter der Projekte Logistik und Planung Markus Beck betont, das Ziel der Bestandsoptimierung sei erreicht.

Jetzt kurzfristig lieferbarInsgesamt etwa 1200 Artikel - 20 Prozent mehr als vor zwei Jahren - sind jetzt trotz enger Lagerkapazitäten kurzfristig lieferbar. Dabei arbeiten lediglich sechs Mitarbeiter in der Nürnberger Zentrale mit dem Werkzeug "network demand" von Manugistics an der Absatzplanung. Auch die neu geregelte Distributionsplanung mit ebenfalls sechs Beschäftigten sorgt dafür, dass Schöller die eigenen und von anderen Firmen hergestellten Produkte immer rasch liefern kann.

Betriebswirt Beck berichtet, die neue Absatzplanung erzeuge als "Taktgeber für die Produktionsplanung" wesentlich realistischere Planzahlen für die Folgejahre als früher. Es gehe daher in der Vorproduktion von Speiseeis für das kommende Jahr wesentlich ruhiger zu als in der Vergangenheit.

Als Speerspitze des Supply-Chain- Managements haben die großen Konzerne der Prozessindustrie aufwändige Projekte aufgesetzt. Aventis, Roche und Schering zählen zu den Vorreitern, ebenso wie BASF und Bayer. Lebensmittelhersteller wie Schöller oder Union Deutsche Lebensmittelwerke versprechen sich ebenfalls durch gezielte Planung entlang der Wertschöpfungskette erhebliche Vorteile.

Installationen bei mittelständischen oder gar kleinen Firmen sind hingegen eher die Ausnahme als die Regel. Die Marktdurchdringung von SCM-Produkten in der Prozessindustrie hat höchstens 30 Prozent erreicht. Laut Meta Group sind es in der Branche knapp 57 Prozent der Unternehmen, die das SCM noch nicht eingeführt und das auch nicht geplant haben. Nur 13,3 Prozent der Befragten denken derzeit an einen Einstieg in eine verbesserte Planung. Aktiv engagieren sich erst knapp 30 Prozent der befragten Unternehmen mit prozessorientierter Fertigung im Supply-Chain-Management.

Branchenfokus sehr wichtigDoch auch dieser Prozentwert spiegelt nicht ganz die Realität wider. Oft sind nur kleine, marginale Insellösungen installiert, die dem ganzheitlichen SCM-Gedanken zuwiderlaufen. Und vielfach wird unter SCM schlicht und einfach ein "Excel-Sheet" verstanden, das mit Planungsdaten gefüllt ist. So nimmt es nicht wunder, dass sich die Marketing-Strategen verschiedener SCM-Hersteller unisono sehr abwertend zu den Excel-Tabellen äußern.

Was genau erwarten sich all jene Chemie-, Lebensmittel- und Pharmaunternehmen vom SCM, die bereits überzeugt sind von der Idee einer raffinierteren Planung mit neueren Werkzeugen? Die Meta-Group-Befragung hat dazu einige Erkenntnisse zu Tage gefördert.

Der größte Bedarf besteht offenbar nicht in der auf eine lange Zeitspanne angelegten Planung. Viel stärker gefragt ist die kurzfristige, flexible Entscheidungshilfe in der operativen Arbeit ("Supply Chain Execution"). Die Branche will vorrangig die Abläufe in Produktion, Verpackung und Auslieferung auf die Reihe bekommen.

Mit knapp 90 Prozent steht das "Production-on-Order-Management" - die flexibel und klug auf eine rasch wechselnde Auftragslage reagierende Produktion - ganz oben auf der Wunschliste. Für das "Warehouse-Management" interessieren sich knapp 80 Prozent der befragten Firmen aus der Prozessindustrie. "Alerts & Managing", Alarm bei Nichteinhaltung der Pläne, findet bei 68,4 Prozent Anklang, verbessertes "Transport- Management" wird von mehr als 63 Prozent gewünscht.

Im Bereich des übergeordneten Supply Chain Planning fand mit 70,6 Prozent die Produktionsplanung den größten Anklang. Jeweils 64,7 Prozent der Befragten benannten Werkzeuge für das "Advanced Planning", "Available-to-Promise" und das "Supply Network/Collaborative Planning" als vorrangig bei Anschaffungen.

Welche SCM-Produkte passen zu diesem Anforderungsprofil? Bernd Hellingrath vom SCM-Competence & Transfer Center der Fraunhofer-Gesellschaft hält den "Branchenfokus" der Softwarehersteller für "sehr wichtig". Der Informatiker empfiehlt den Anwendern, nicht nur zu prüfen, wer zur strategischen Ausrichtung von SCM-Projekten passt, sondern auch, ob sie über Erfahrung in einer Branche verfügen. Nicht nur die Software müsse Branchenspezifika - etwa die mehrstufigen Prozesse bei der Herstellung von Pharmaka oder Chemikalien - abbilden, auch beim Customizing sei Branchen-Know-how gefragt (siehe rechts "SCM-Anbieter für die Prozessindustrie").

Timo Lührs von Diebold empfiehlt, bei hoher Komplexität der Aufgabenstellungen erst einmal mit einer lokalen Teillösung anzufangen. Dieser "micro approach" führt zu schnelleren Resultaten, weil die globalen Anforderungen eines Unternehmens ausgeblendet bleiben. Dagegen befürwortet Lührs einen "macro approach"- eine unternehmensweite oder-übergreifende Strategie - erst dann, wenn bereits Erfahrungen mit Insellösungen gesammelt sind. Ob Micro- oder Macro-Ansatz, Lührs empfiehlt in jedem Fall, die Software nicht "kunterbunt" zu mixen, sondern auf ein breites Spektrum an Funktionalitäten sowie auf Schnittstellen zum ERP-System zu achten.

Als Hemmschuh bei der raschen Einführung von SCM hat Lührs die mangelnde Datenhaltung in ERP-Systemen kennen gelernt. Viele Unternehmen hätten noch keine ausreichende Datenbasis als Grundlage für exakte Planungen und müssten erst einmal "ihre Hausaufgaben machen". Vor allem jene Firmen, die überhastet wegen der Jahr-2000-Problematik ein neues ERP-System implementiert haben, sollten erst einmal für eine konsistente Benennung der Ordnungssysteme (Materialnummern, Kundennummern) sorgen .

Timo Lührs meint, SCM müsse Chefsache sein. Die Einführung einer Software allein garantiere noch keine Verbesserungen. Lühr wörtlich: "Erst das gleichzeitige Betrachten und Optimieren der Organisation, Prozesse und IT eröffnet die vollen Potenziale."

Die Projektleiterin Nicole Czober von der Beratungsgesellschaft KPMG rät hingegen den Unternehmen, bei SCM-Projekten darauf zu achten, dass die Mitarbeiter die neuen Werkzeuge "akzeptieren, verstehen und eigenverantwortlich damit umgehen können". Sonst bestehe die Gefahr, dass bald nach der Projektphase wieder mit Excel-Sheets gearbeitet werde.

*Johannes Kelch ist freier Journalist in München.