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12.02.1982 - 

Je Interaktiver ein Werkzeug ist, um so mehr verleitet es zur "Trial-and-error"-Methode:

Testdateien bilden meist nur die komplizierten Fälle ab

MÜNCHEN (je) - Interaktive Programmentwicklungssysteme stellen ein wirksames Mittel zur Steigerung der Produktivität der Softwareerstellung dar; daran dürfte, betrachtet man die unten wiedergegebenen Antworten von vier dazu befragten DV-Experten, kaum ein Zweifel bestehen. Ob dafür jedoch auch neue Programmiersprachen erforderlich oder empfehlenswert sein könnten, wird nicht so einheitlich beurteilt. Der Bogen spannt sich von völliger Ablehnung bis zur ausdrücklichen Befürwortung komfortabler neuer Sprachen (zumal für Endbenutzer). Ganz offensichtlich heikel ist die Frage, ob der Anwender für seine Softwareentwicklung den Hostrechner oder eine dedizierte Maschine einsetzen soll. Hier ist in den Antworten ebenso von Spitzenleistungen in beiden Spielarten die Rede wie von der Gefahr, daß ein ganzes System "abgeklemmt" werden könnte. Differenziert fielen auch die Antworten zur Frage nach der Akzeptanz interaktiver Systeme aus.

1. Steigern interaktive Programmentwicklungssysteme die Produktivität und Qualität der Programmierung?

Hans Optenhöfel, Prokurist und Bereichsleiter Technische Datenverarbeitung bei der Essener Ibat-AOP GmbH & Co. KG:

Die Frage ist mit einem klaren Ja zu beantworten. Hierbei ist es jedoch nicht nur der direkte Zugang zum Computer, der die Vorteile bringt, sondern der Einsatz des Computers verlangt geradezu nach Methoden, Richtlinien, Normen und Dokumentationen. Anzumerken ist, daß die Programmentwicklung nur Teil eines Projektes ist. Dieser Anteil sinkt teilweise unter 30 Prozent. Interaktive Computerunterstützung vom Systementwurf bis zum Integrations(...)t und für die Wartung vervielfacht den Nutzen.

Mario Zaleski, DB/DC-Berater bei der ADV/Orga F. A. Meyer GmbH, Wilhelmshaven:

Die Produktivität - partiell gesehen - wird mit Sicherheit um ein Mehrfaches gegenüber herkömmlichen Online-Programmiersystemen und insbesondere gegenüber Batch-Editier- und Testsystemen gesteigert. Betrachtet man jedoch die Qualität der Applikationen, die mit Hilfe interaktiver Programmiersysteme entstanden sind, so ergeben sich oftmals globale Produktivitätsminderungen. Diese resultieren primär aus entweder nicht eingehaltenen oder aus nicht vorhandenen Programmierrichtlinien und -grundsätzen. Weiterhin sollte man nicht verschweigen, daß je "interaktiver" ein - Werkzeug ist, es um so mehr zur "Trial-and-error"-Methode verleitet und somit Wurzel erheblicher Qualitätsmängel sein kann.

Karl-Heinz Weingarten, Produktmanager für das Computersystem DPS 4 bei der Honeywell Bull AG, Köln:

Zur Frage nach der Steigerung der Produktivität gibt es ein ganz klares Ja; allein schon wenn man bedenkt, daß bei interaktiver Programmentwicklung jeglicher Umweg über Datenträger entfällt, sei es die Lochkarte oder die Diskette. Zeitersparnis ergibt sich aber auch aus der sofortigen Syntaxprüfung, die den Änderungsaufwand senkt und die Intervalle . zwischen Änderung und Test verkürzt.

Die Qualität der Programmierung bleibt insoweit unberührt, als ein interaktives System sich um das, was bei der Softwareerstellung funktionell herauskommt, nicht kümmert. Anders ist die Sache, wenn man sie vom formellen Ansatz her betrachtet: Hier kann der Anwender mit Übersichtlichkeit sowie Dokumentations- und Änderungsfreundlichkeit seiner Programme rechnen. Mit diesen Eigenschaften aber wird ein Programm langfristig eben doch "produktiver". So bieten wir beispielsweise unseren DPS 4-Anwendern den Texteditor IPS (= Interactive Processing System), der auf die Softwarequalität dadurch positiv ein; wirkt, daß der Programmierer sich auf seine eigentliche Aufgabe besser konzentrieren kann.

Heinz-Dieter Hesse, Systems-Engineer bei der Düsseldorfer Westinghouse Management Systems S.A.:

Diese Frage muß unserer Meinung nach mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Wir sehen interaktive Programmentwicklungssysteme als echte Werkzeuge an, und jedes gute und handhabbare Werkzeug - das wissen wir aus allen Bereichen der Industrie - steigert die Produktivität derjenigen, die damit arbeiten. Speziell in der DV wird damit eine Produktivitätssteigerung schon deshalb erreicht, weil dann alle Programmierer mit dem gleichen Werkzeug arbeiten, was heute ja wohl kaum oder nur selten der Fall ist.

Eine Qualitätssteigerung des fertigen Produktes wird natürlich auch erreicht, weil ein solches Werkzeug schon früh Fehler aufdeckt, die sonst "mitgeschleppt" werden, was ja heutzutage die hohen Kosten der Wartung ausmacht. Aus unseren Erfahrungen wissen wir, daß rund 70 Prozent der durch Wartung verursachten Kosten auf Fehler in der Design-Phase zurückzuführen sind.

2. Erfordert interaktive Programmentwicklung "neue" Programmiersprachen?

Hans Optenhöfel, Ibat-AOP:

Eindeutig nein. Interaktive Programmentwicklung soll doch wohl Vorteile für den Anwender bringen. Von daher ist es selbstverständlich, daß die angebotenen Systeme zur

interaktiven Programmentwicklung das Spektrum der verbreiteten Programmiersprachen abdecken beziehungsweise darauf aufbauen müssen. Niemandem ist es zuzumuten, seine Investitionen in bestehenden Programmen systematisch in Fehlinvestitionen umzuwandeln und mit einer neuen Sprache zu beginnen - abgesehen von den immensen Ausbildungskosten, die die Einführung einer neuen Sprache erfordert.

Mario Zaleski, ADV/Orga:

Hierzu stellt sich unmittelbar die Frage, wer was mit Hilfe interaktiver Systeme programmieren soll. Steht der Aspekt des interaktiven Programmierwerkzeugs im Vordergrund, so sind neue Programmiersprachen sicherlich nur Ballast. Will man allerdings mit einem interaktiven System den technischen oder kaufmännischen Fachabteilungen ein System für Experimentier- und Ad-hoc-Programmierung zur Verfügung stellen, so sind neue Programmiersprachen und -techniken außerordentlich sinnvoll. Die ADV/Orga wird im kommenden Jahr das von der Cullinane Corporation, Boston entwickelte System "ads-online" (application development system) auf dem deutschen Markt anbieten. Es bietet aufgrund verfeinerter Programmiertechniken und einer außerordentlich hohen Programmiersprache die Möglichkeit, mittels weniger Anweisungen und Beschreibungen äußerst komplexe Online-Transaktionen zu realisieren.

Karl-Heinz Weingarten, Honeywell Bull:

Die Hilfsfunktion "interaktive Programmentwicklung" erfordert keine neuen Programmiersprachen. So kann man auf der DPS 4 alle Sprachen, zum Beispiel Cobol 74, RPG II oder Fortran IV, interaktiv nutzen und damit Batch- wie Dialogprogramme erstellen -und das alles unter IPS-Steuerung. Die Sprachen auf der einen und der Dialogmonitor auf der anderen Seite - das sind zwei Welten.

Es ist allerdings denkbar, daß die Entwicklung auf Sprachen zusteuert, die schon beim Prozeß der Programmerstellung logische Prüfungen vornehmen, und zwar nicht nur auf die Syntax bezogen, sondern auch auf die Funktion, und die damit Programmerstellung und Test zusammenziehen. Hier denke ich an Sprachen wie Pascal oder Ada, die wir ja mitentwickeln.

Heinz-Dieter Hesse, Westinghouse:

Nach unserer Meinung kann und darf das nicht der Fall sein. Hier kommt es auf das Produkt an. Es gibt sicher interaktive Programmentwicklungssysteme, die ein derartiges Umdenken erfordern. Wir meinen aber, daß dies kein gangbarer Weg sein kann.

3. Sollte für die Softwareentwicklung "im Dialog" der Hostrechner genutzt oder eine dedizierte Entwicklungs- und Testmaschine eingesetzt werden?

Hans Optenhöfel, Ibat-AOP:

- Hostrechner arbeitet im Batch-Betrieb: dediziertes System für die Programmentwicklung verwenden.

- Hostrechner wird interaktiv genutzt und hat Antwortzeiten unter zwei Sekunden: interaktive Programmentwicklung auf dem Hostrechner durchführen.

- Hostrechner verfügt nicht über die Möglichkeit der interaktiven Programmerstellung: dediziertes System zur interaktiven Programmentwicklung verwenden.

- Es ist Software für mehrere Rechner zu erstellen: dediziertes System zur Programmentwicklung verwenden.

Mario Zaleski, ADV/Orga:

Dedizierte Rechner bieten ein Optimum an Leistung für interaktive Systeme. Schaut man jedoch vergleichend auf die noch nicht befriedigende Leistung von Großrechenanlagen auf dem Gebiet der verteilten Datenbanken, so wird erkennbar, daß die Benutzung von dedizierten Rechnern durchaus Softwareprobleme aufwerfen kann, die interaktive Systeme in ihrer umfangreichen Funktionalität behindern.

Karl-Heinz Weingerten, Honeywell Bull:

Wenn er bestimmte Voraussetzungen erfüllt, ist der Hostrechner auf diesem Gebiet nicht zu schlagen. Denn selbst wenn der Anwender auf einer dedizierten Maschine sein Gesamtentwicklungsprojekt durchzieht - in der Mehrzahl der Fälle dürfte die dedizierte Maschine nur Teilprojekte verkraften -, so hat er damit immer noch nicht den Nachteil ausgeräumt, daß Originalbetrieb und Testbetrieb zwei Paar Schuhe sind.

Wer einen Host hat, dessen Betriebssystem neben dem laufenden Stapel- und Dialogbetrieb auch interaktive Programmentwicklung zuläßt und Originaldateien zur Verfügung hat, ist da besser gestellt. Denn er hat wirklich alle Testelemente zur Verfügung - eben die Originalbedingungen. Auf der DPS 4 haben (...)dies realisiert.

Wie die Erfahrung zeigt, werden in Testdateien in der Regel nur die komplizierten Fälle abgebildet; die einfachen, mit denen man nachher auf die Nase fällt, sind meist nicht enthalten. Deshalb simuliert das unter IPS laufende DPS-System während des Tests die Dateien, die natürlich den Originaldateien entsprechen, und stellt so Originalbedingungen her.

Der Host muß also ausreichend leistungsfähig sein - auch was Haupt- und Plattenspeicher angeht -, muß synchronen Original- und Testlauf ermöglichen und vom Betriebssystem her verhindern, daß fehlerhafte Programme den Abbruch des ganzen Systems verursachen können. Im Gegensatz dazu bedeutet das Arbeiten mit einer dedizierten Maschine immer einen Kompromiß.

Denn wenn man hier endlich seine (Teil-)Projekte abgewickelt hat, muß man sie erst noch in den Host implementieren, und das ist ein Risiko. Fast immer kommt es zu Zeitverlusten, weil man ja im Grunde genommen "klassisch im negativen Sinne" oder "traditionell" arbeitet.

Heinz-Dieter Hesse, Westinghouse:

Das kommt ganz auf die eingesetzte Hard- und Software an. Wenn man natürlich einen Monitor betreibt, der bei der Programmentwicklung oder beim Test laufend abstürzt und womöglich dabei noch das ganze System abklemmt, dann sollte man tunlichst dediziert entwickeln.

4. Worauf führen Sie die noch ungenügende Akzeptanz interaktiver Programmiersysteme zurück?

Hans Optenhöfel, Ibat-AOP:

Das liegt zunächst einmal sicherlich daran, daß die Anbieter solcher Systeme den Anwendern die zweifellos vorhandenen Vorteile nicht überzeugend genug darlegen konnten. Es ist zugegebenermaßen schwer, den Wirtschaftlichkeitsnachweis zu führen. Selbst wenn die Steigerung der Produktivität von Programmentwicklern noch in Mark und Pfennig ausgerechnet werden kann, so sind die weiteren Vorteile wie Transparenz, Änderungsfreundlichkeit und Objektivierung des Know-how nur schwer zu bewerten.

Weitere Hemmnisse sind die noch zu hohen Kosten für Hardware und Software derartiger Systeme, so daß die Wirtschaftlichkeit ohnehin erst dort beginnt, wo eine größere Anzahl von Programmentwicklern interaktiv arbeiten kann. Ferner muß der Anwender bei der Einführung (...) Systemen zur interaktiven Programmentwicklung die organisatorischen Voraussetzungen schaffen. Die Maßnahmen erstrecken sich von der Arbeitsplatzgestaltung bis in die Aufbau- und Ablauforganisation der DV-Abteilung. Hier sind teilweise dieselben Widerstände zu überwinden, wie sie die DV-Abteilung bei der Einführung von DV-Verfahren in den Fachabteilungen selbst vorfindet.

Mario Zaleski, ADV/Orga:

Die Bereitstellung hochentwickelter interaktiver Systeme wird in absehbarer Zeit den Programmierer klassischen Typs ersetzen. Sicherlich ist daher eine gewisse Schwellenangst schon in den meist für die Einführung verantwortlichen Organisations- und Datenverarbeitungsabteilungen zu finden. Hauptsächlich stehen aber wohl die Kosten für die Software, ihre Pflege und Wartung (Manpower-Defizit) sowie oftmals Performance-Probleme der Einführung interaktiver Systeme im Wege.

Karl-Heinz Weingarten, Honeywell Bull:

Auch zu dieser Frage soll IPS das Beispiel liefern. (Diese Betriebssystemkomponente haben wir seit zwei Jahren - beginnend auf dem System 62 - im Einsatz.) Von da her läßt sich eindeutig sagen, daß von einem Akzeptanzproblem nicht die Rede sein kann. Entscheidend ist, daß den Anwendern die Schwellenangst genommen wird, die der unmittelbare Kontakt mit dem Rechner auslösen kann.

Und dazu muß man einen Komfort bieten, wie ihn die DPS 4-Anwender, die IPS installieren, vorfinden - die Aussagen unserer Kunden gehen übereinstimmend in diese Richtung. Zur Begründung verweisen sie auf IPS-Einrichtungen wie etwa die Systemmenüs für die interaktive Programmierung, die genauso transparent sind, wie das bei Anwendungsmenüs Standard ist, die außerdem vom Kenner nicht durchlaufen werden müssen.

Genannt sei ferner die Zugriffssicherheit, die dadurch erzielt wird daß Benutzerprofile genau festlegen wer was tun oder abfragen darf. Erwähnt werden muß auch das Wiederanlaufverfahren, bei dem der Systementwickler sich nach einem etwaigen Netzausfall exakt an der Stelle wiederfindet, wo er aufhören mußte. Er hat nur diejenige Transaktion zu wiederholen, die zuvor auf dem Bildschirm stand und noch nicht beendet war. Anwendungsprogrammen steht dieses Restartverfahren übrigens auch zur Verfügung.

Was für IPS gilt, gilt allerdings nicht für alle interaktiven Systeme, die am Markt sind. Akzeptanzschwierigkeiten sind in der Tat weithin zu beobachten, und dafür gibt es verschiedene Gründe. Das beginnt mit ergonomisch miserablen Terminals, setzt sich fort mit Ängsten aufgrund zu hoher Anforderungen, vor die sich ein Benutzer gestellt sieht, und endet mit einer ablehnenden Haltung, die darauf zurückzuführen ist, daß ein Benutzer nicht oder zu spät in eine Systemauswahl einbezogen wurde.

Heinz-Dieter Hesse, Westinghouse:

Die Akzeptanz hängt wohl kaum von dem Produkt "Interaktives Programm-Entwicklungssystem" ab. Sondern wir sind der Auffassung, daß die Akzeptanzschwelle in der DV ganz allgemein Überdurchschnittlich hoch ist.

Dies hat nicht zuletzt seine Ursache darin, daß das Tempo der DV-Technologie-Entwicklung wohl kaum in anderen Industriezweigen wiederzufinden ist. Das wiederum hat zur Folge, daß die Menschen, die in der DV arbeiten, neuen Methoden vielleicht nicht ganz so aufgeschlossen gegenüberstehen - verständlich, denn man möchte doch auch endlich einmal auf vorhandenes Wissen und Erfahrungen zurückgreifen können, oder?

Ein Grund mehr, daß solche Werkzeuge leicht erlernbar sein müssen.