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"Textverarbeitungs-Software läßt zu wünschen übrig"

10.02.1978

Mit Unternehmensberater Hans-Georg Martin, Liederbach bei Frankfurt, sprach CW-Chefredakteur Dieter Eckbauer

- Herr Martin, Sie haben gerade eine Untersuchung über den Textverarbeitungsmarkt in der Bundesrepublik abgeschlossen. Wie wurde im Rahmen dieser Studie der Begriff Textverarbeitung definiert?

Textverarbeitung ist Verarbeitung jedweder Texte: manuell, maschinell mit der Schreibmaschine, mit Diktiergeräten, mit Textautomaten und mit Kopiergeräten. Textverarbeitung ist weiterhin natürlich auch die gesamte Reprografie. Das heißt, Vervielfältigungs- und Büro-Offset-maschinen - die "Hausdruckerei" im weitesten Sinne - gehören dazu.

- Ein Begriff, der auf die Geräte abstellt ...

Ja, ich habe eine Trennung nach Gerätegruppen vorgenommen und mich im Teil Textverarbeitung auf Diktiergeräte, Textautomaten und Kopierer beschränkt. Zunächst einmal ist im Rahmen der Untersuchung festgestellt worden, daß auf über 7000 Computern aller Größenklassen Textverarbeitung betrieben wird. Es wurde nicht untersucht, in welchem Umfang Textverarbeitung und Datenverarbeitung diese Computer auslasten. Es ist weiter festgestellt worden, daß Textverarbeitungs-Applikationen schon seit längerer Zeit auf kleinen MDT-Anlagen laufen, ohne daß in irgendeiner Form Software-Unterstützung dafür vorgesehen war.

- Ist das typisch für diesen Markt, daß die meisten Hersteller bisher noch keine Software-Unterstützung geben können?

Ich glaube nicht, daß die Hersteller überhaupt Unterstützung bei der Software geben wollen. Ich glaube vielmehr, daß die Hersteller noch gar kein Bedürfnis entdeckt haben, den Zusatznutzen "Textverarbeitung" auf Computern mit anzubieten. Warum sollten sie auch? Wenn ein Hersteller auf der einen Seite eine EDV-Anlage für EDV-Applikationen, auf der anderen Seite eine Textverarbeitungsanlage für Textapplikationen anbieten kann, warum soll er sich dann diesen Markt dadurch beschneiden, daß er beide Möglichkeiten auf einer Anlage anbietet.

- Es wird seit Jahren davon gesprochen, daß "jetzt" der Boom auf dem Textverarbeitungsmarkt losgeht. Aber immer noch warten die Hersteller auf das große Geschäft. Vielleicht, weil Übereifrige gleich die Komplettlösung, sprich Integration der Textverarbeitung in die Datenverarbeitung, anstreben?

Ich bin der Meinung, daß wir zunächst einmal eine Zwischenphase erleben werden, mit Textverarbeitungs-Applikationen, die neben dem Computer laufen, vielleicht vergleichbar mit der MDT in Form von Insellösungen, die erst später im Sinne dezentralisierter Datenverarbeitung teilweise wieder in das Systemkonzept integriert wurden.

- Kommen die Akzeptanzschwierigkeiten nicht auch daher, daß noch gar nicht genau definiert ist, wie eigentlich der ideale TV-Arbeitsplatz, wie das ideale TV-Gerät aussehen sollte; daß hier noch zuviel herumexperimentiert wird und daß bisher kaum Hardware angeboten wird, die den Anforderungen der Anwender voll entspricht?

Ich glaube, daß die Mittel schon seit einiger Zeit zur Verfügung stehen, um die Anforderungen der Benutzer abzudecken. Es ist innerhalb meiner Untersuchung jedoch herausgekommen, daß im Bereich der konventionellen Textverarbeitung nicht genug über Rationalisierungsmöglichkeiten nachgedacht wird, während im Bereich der Datenverarbeitung der designierte EDV-Chef selbst immer darum bemüht ist, die EDV noch rationeller zu gestalten. Es gibt vor allem bei Klein- und Mittelbetrieben, zum Beispiel im Rahmen der allgemeinen Verwaltung, niemanden, der für Rationalisierungs-Vorschläge zuständig ist - von fortschrittlichen Großunternehmen mal abgesehen.

- Über das Marktpotential für Textverarbeitungs-Systeme gibt es abenteuerlich anmutende Schätzungen. Haben Sie genaue Zahlen ermittelt?

Es gibt folgende Installationszahlen: Wir haben in Deutschland rund 40000 Textautomaten. In dieser Zahl sind noch die alten lochstreifengesteuerten Schreibmaschinen enthalten, ferner Schreibmaschinen mit Magnetbandspeichern und anderen Magnetmedien. Darüber hinaus haben wir rund 2000 Bildschirmplätze und schließlich, wie ich anfangs gesagt habe, rund 7000 EDV-Anlagen, auf denen in irgendeiner Form Textverarbeitung betrieben wird - insgesamt gesehen also noch ein sehr kleiner Markt. Auf der anderen Seite haben wir rund 27 Anbieter, die alle hoffen, sich auf einem stürmisch entwickelnden Textverarbeitungs-Markt ihre Anteile sichern zu können.

- Dieser Markt ist zu 50 Prozent in Händen von IBM. Rechnet man die Computer hinzu, auf denen Textverarbeitung betrieben wird, rückt die Zahl an die 60 Prozent. Da kann man sich ausrechnen, daß die übrigen Anbieter kämpfen müssen, um hier noch einen Platz zu bekommen. Das kann für den Interessenten doch nur ein Vorteil sein.

Für den Kunden ist es zunächst sicherlich reizvoll, so viele Anbieter zu haben und aus einem großen Produktspektrum auswählen zu können. Auf der anderen Seite ist die Textverarbeitung aber noch sehr stark erklärungsbedürftig. Man kann vom typischen Anwender nicht sagen, daß er weiß, welche Möglichkeiten die Textverarbeitungsgeräte bieten. Das heißt, der Anbieter auf diesem Markt hat noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

- Denkbar wäre, daß Verwaltungs-Abteilungen großer Organisationen, aber auch Klein- und Mittelbetriebe, Mehrzweck-Computer mit Bildschirm zusätzlich zur Be- und Verarbeitung von Texten einsetzen wollen. Hat die Industrie jetzt schon das passende Angebot?

Wenn ich mir den Sachbearbeiterplatz vorstelle, der heute mit einem Bildschirmgerät ausgestattet ist: Warum soll es nicht künftig möglich sein, über diesen Platz zusätzlich auch Textbausteine anzufordern, die dann unter Umgehung der Schreibsekretariate zu Briefen zusammengesetzt werden. Das ist sicher eine Form der Textverarbeitung, die sich entwickeln wird. Wenn man nun die Alternative zu dieser dezentralen Text- und Datenverarbeitung betrachtet, gibt es für kleinere Unternehmen genauso die Stand-alone-Version mit einem Arbeitsplatz, über den sowohl Textverarbeitung als auch EDV abgewickelt wird. Beide Konzepte haben für unterschiedliche Unternehmensgrößen durchaus ihre Berechtigung.

- Was sind die Gründe dafür, daß sich bisher so mancher Allgemein-Organisator an der "organisierten" Textverarbeitung die Zähne ausgerissen hat?

Traditionelle Organisationsstrukturen und damit verbundene Verteilung der Organisationsaufgaben stehen der sinnvollen Entwicklung der computerunterstützten Textverarbeitung entgegen. Die Ursache - glaube ich - liegt darin, daß die EDV-Leiter die Textverarbeitung nicht ernst genommen haben. Textverarbeitung war eine Applikation, die einfach für die EDV nicht salonfähig war. Die Organisatoren für Textverarbeitung wurden immer so über die Schulter angesehen.

- Daran wird sich, fürchten wir, so schnell auch nichts ändern...

Solange wir zwei Organisationsphilosophien in einem Unternehmen haben und zwei Mannschaften, eine für EDV, eine für Textverarbeitung, so lange kann eine sinnvolle Integration der Textverarbeitung in die Informationsverarbeitung - ich möchte einmal ganz bewußt nicht EDV sagen - nicht durchgeführt werden. Was wir Ó la longue brauchen, ist ein Verantwortlicher im Unternehmen für Informationsverarbeitung. Und zur Informationsverarbeitung rechne ich hier auch die Textverarbeitung.

- Unterstellt, die Kommunikationslücke zwischen EDV- und Textverarbeitungs-Organisatoren wäre geschlossen. Welche Schwierigkeit ist dann noch zu überwinden, Wordprozessing in die Informationsverarbeitung zu integrieren?

Ohne Software läuft die Geschichte nicht. Und die Software wird sicher zum großen Teil von den Anwendern mitbestimmt. Aber es gibt noch zu wenig Anwender, die bereits soviel Erfahrung auf dem Gebiet der Textverarbeitung haben, daß sie echte Beiträge zur Software-Entwicklung leisten könnten.

- Haben die einschlägigen Hersteller Marketingfehler gemacht?

Es wurde die Baustellenkorrespondenz in den Vordergrund gestellt. Es wurde dem Benutzer aber nicht gesagt - und viele Hersteller wußten es selbst nicht -, daß Textbausteine - ebenso wie Computerprogramme - Änderungen unterworfen sind, lebendig sind und eben auch gepflegt werden müssen. Viele Hersteller haben beispielsweise das Muster eines Texthandbuchs angeboten, die Anwender haben nach diesem Rezept ihre Textbausteine entwickelt und feststellen müssen, daß Texte veralten und daß sie auf dem laufenden gehalten werden müssen. Die Textverarbeitung hat dadurch Rückschläge erlebt, weil die Baustein-Korrespondenz nicht als das Rationalisierungsmedium empfunden wurde, das es tatsächlich sein könnte, wenn man die Baustein-Korrespondenz richtig betreibt.

- Kann man sagen, daß im Bereich Textverarbeitung ein enormes Rationalisierungs-Potential brachliegt, oder wird das überschätzt?

Wir wissen ja, daß der Kostendruck immer größer wird und daß wir gar keine andere Möglichkeit haben, als in der Verwaltung noch mehr zu rationalisieren. Dafür bietet gerade die Korrespondenz eine Vielzahl von Angriffsflächen.

- Sollte die Initiative, Textverarbeitungsproblemen mit Hilfe des Computers zu Leibe zu rücken, von den EDV-Leuten ausgehen oder von den Korrespondenz-Spezialisten?

Wir wissen ja, daß der Kostendruck immer größer wird, und daß wir gar keine andere Möglichkeit haben, als in der Verwaltung noch mehr zu rationalisieren. Dafür bietet gerade die Korrespondenz eine Vielzahl von Angriffsflächen.

- Sollte die Initiative, Textverarbeitungsproblemen mit Hilfe des Computers zu Leibe zu rücken, von den EDV-Leuten ausgehen oder von den Korrespondenz-Spezialisten?

Eine sinnvolle Entwicklung kann meines Erachtens nur aus einer engen Kooperation beider Disziplinen - EDV- und Textverarbeitungs-Organisatoren - entstehen. Viele Anwendungsgebiete stehen an für eine sinnvolle Integration der Text- in die Datenverarbeitung. Die Konzeption geht aber wohl kaum ohne die Text-Organisatoren, das heißt die Korrespondenz-Spezialisten, die von den EDV-Spezialisten wirksam unterstützt werden können. Eines darf dabei nicht übersehen werden: Numerische Datenverarbeitung und alphabetische Datenverarbeitung sind zwei Dinge, die in ihrer Natur grundsätzlich anders sind.

- Ob ich an eine Schreibmaschine einen Speicher hänge oder an einen Computer eine Schreibmaschine - im Prinzip ist das gleich.

Es gibt, bereits Systeme auf dem Markt, die sich in ihrer Hardware nicht unterscheiden. Sie sind einmal Datenverarbeitungsanlage, einmal Textcomputer. Das Unterscheidungsmerkmal ist die Betriebssoftware. Hier ist noch viel zu tun. Und auch hierbei sollten sich EDV-Organisatoren und Hersteller doch auch der von Text-Organisatoren und Schreibdienstleiterinnen gesammelten Erfahrung bedienen. Das gleiche gilt für die Textbausteine. Richtig konzipiert und gewartet und weiterentwickelt ist Baustein-Korrespondenz ein echter Rationalisierungsbeitrag. Ist sie aber unzureichend vorbereitet eingeführt, so führt sie zu Widerständen bei den betroffenen Sachbearbeitern. Die Mehrzahl der Textautomaten mit programmierter Korrespondenz läuft inzwischen problemlos. Doch Sie wissen ja selbst, schlechte Beispiele sprechen sich schneller herum.