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05.03.1999 - 

Thema der Woche

Thema der Woche Supply-Chain-Management ist kein Modethema

Mehr als 90 Prozent der heute eingesetzten betriebswirtschaftlichen Standardsoftware ist veraltet. Sie belastet Anwender mit unnötiger Komplexität und zwängt sie in ein Funktionskorsett. Wie die Software der Zukunft aussehen und was sie unbedingt können muß, diskutierten Vertreter von Bäurer, Navision, QAD, Soft M und dem Steinbeis Transfer Zentrum mit den CW-Redakteuren Bernd Seidel und Stefan Ueberhorst.

CW: Die Lähmung in der IT, soweit sie durch Datum-2000- Umstellung und die Einführung des Euro bedingt ist, sollte in den meisten Unternehmen bald kein Thema mehr sein. Was erwarten Anwender von künftigen Standardsoftware-Lösungen?

Peter Mörs, Managing Director Europe bei QAD Deutschland: Anwenderfirmen, ob Mittelstand oder Großunternehmen, fordern eine international benutzbare Software und einen Partner, der ihnen die Sicherheit vermittelt, auch in zwei bis drei Jahren noch am Markt zu sein.

Gunter Strickert, Leiter Fachreferat Industrie bei Navision: Insbesondere der Mittelstand braucht genau das Gegenteil von dem, was bislang am Markt verfügbar ist. Die heutigen Produkte schwelgen alle in Funktionen. Die vorhandenen Features von Standardsoftware werden überwiegend gar nicht eingesetzt, weil sie nicht menschengerecht sind und nicht den erhofften Nutzen bringen. Der Markt wartet auf ein neues, einfach und schnell einzuführendes Produkt.

Friedrich Freiherr von Loeffelholz, Leiter Steinbeis Transfer Zentrum Bereich Informations- und Kommunikationstechnik: Heutige Systeme haben viel zu viele Funktionen. Ich vergleiche PPS- oder auch ERP-Lösungen (PPS = Produktionsplanung und -steuerung; ERP = Enterprise Resource Planning, Anm. der Red.) mit Braunkohlebaggern. Wir nutzen monströse Lösungen, um eine vergleichsweise geringe Menge an Informationen zu bewegen. Mit diesen Lösungen bringt sich der Mittelstand derzeit selbst um.

Heinz Bäurer, Vorstand der Bäurer AG: Da gebe ich Ihnen recht. Die Lösungen der Zukunft benötigen bestimmt nicht noch mehr Funktionen, sondern Ziel muß sein, eine integrierte betriebswirtschaftliche Funktionalität in den Vordergrund zu stellen. Problematisch ist ferner, daß es heute immer noch zu viele Brüche in der Prozeßkette eines Ablaufes gibt. Neben der Einfachheit des Systems sollte die vernünftige und nachvollziehbare betriebswirtschaftliche Funktionalität im Vordergrund stehen. Das haben die Anbieter bis heute nicht geschafft.

CW: Die großen ERP-Hersteller bieten doch durchgängige, integrierte Systeme - zumindest behaupten sie das.

Bäurer: Die haben sie genausowenig. Sie haben nur die Macht im Marketing, das so darzustellen. Der Kunde kann irgendwann zwischen Versprechen und Realität kaum noch unterscheiden.

Loeffelholz: Die Technologie, auf der die meisten Systeme basieren, ist hoffnungslos veraltet. Laut dem Aachener Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) sind noch zwei Drittel der PPS-Anwendungen in RPG geschrieben, sehr viele noch in Cobol.

Ralf Gärtner, Leiter Marketing und Vertrieb bei Soft M:

Das stimmt so nicht. Man muß unterscheiden zwischen Systemen, die viele Betriebe einsetzen, und denen, die die Anbieter zur Zeit entwickeln. Da ist ein Entwicklungsschritt dazwischen. Der Bau neuer Systeme basiert heute meist auf Objekttechniken. Aber der Bedarf der Kunden sieht im Moment ganz anders aus: Viele basteln immer noch an der Datum-2000-Fähigkeit ihrer Anwendungen. Mittelstandsunternehmen werden sich auch die nächsten zwei Jahre noch sehr intensiv mit den vierstelligen Datumsfeldern beschäftigen müssen.

Bäurer: Nicht zu vergessen das Thema Euro, das bei den Anwendern oft nur im Ansatz gelöst ist. Speziell in den Beziehungen zu Kunden und Lieferanten müssen sie mit der neuen EU-Währung arbeiten. Neben den technischen Aufgaben, die dafür zu bewältigen sind, muß die unternehmensinterne Denke für den Euro reifen - und das dauert.

Mörs: Ein Trend zeichnet sich aber ganz deutlich ab: Auch mittelständische Unternehmen sind immer stärker in Wertschöpfungsketten eingebunden. Das bedeutet auch, daß die Entscheidung für ein System zum großen Teil nicht mehr in dem Unternehmen selbst getroffen wird, sondern bei der Konzernmutter. Bei vielen Multis gibt eine zentrale Stelle die Einführung einer internationalen Standardsoftware vor. Da wird keine Rücksicht mehr auf deutsche oder französische Mittelstandsgepflogenheiten genommen.

CW: Wie sollen denn die neuen Lösungen konkret aussehen?

Bäurer: Es existieren genügend Ansätze, bei denen man über vordefinierte Modelle oder gekapselte Objekte arbeitet, die man dann zu betriebswirtschaftlichen Einheiten zusammenkonfiguriert.

Loeffelholz: Das Problem dabei ist, daß Entscheider sehr sicherheitsbedürftig sind - sie haben Angst, Fehler zu begehen, wenn sie frühzeitig auf neue Techniken setzen. Deshalb kann der Verantwortliche einfach nur das machen, was alle tun. Bei der Auswahl eines System bewegt man sich weg von Sachfragen hin zu irgendwelchen nebulösen strategischen Vorgaben.

Gärtner: Zurück zu den Trends im nächsten Jahrtausend: Viele Anwender werden erst in den nächsten Jahren die Zeit und die Ressourcen haben, die Möglichkeiten der neuen Systeme überhaupt zu nutzen. Welcher unserer Kunden, der sich in den letzten ein bis zwei Jahren für ein neues Paket entschieden hat, nutzt die Features etwa, um seine Geschäftsprozesse zu optimieren? Das kann er doch zeitlich bis zum Jahreswechsel überhaupt nicht schaffen.

CW: Anwender, die sich heute für ein Paket entschieden haben, werden sich also erst in den kommenden Jahren mit dem Fein-Tuning der DV-Landschaft und der Verbesserung der Geschäftsprozesse beschäftigen?

Strickert: Von der reinen Lehre her ist keiner hier am Tisch anderer Meinung, als daß man Business Process Re-Engineering (BPR) vor der Einführung eines Systems erledigen sollte. Aber sowohl Betriebe als auch der einzelne Mensch brauchen schnelle Erfolge. Und gerade unter diesem Aspekt muß es auch andere Wege geben, als ein BPR zu betreiben mit Mannjahrhunderten Aufwand.

CW: Welchen schlagen Sie denn vor?

Strickert: Es muß möglich sein, das Pferd von hinten aufzuzäumen, das heißt erst die Software zu implementieren und im laufenden Betrieb die Geschäftsprozesse zu reorganisieren. Das ist jedoch eine Anforderung, der die alten Systeme überhaupt nicht folgen können, weil sie zu mächtig sind.

Bäurer: Der Mittelstand kann es sich finanziell und zeitlich nicht leisten, zuerst ein Jahr lang Prozeß-Re-Engineering und Modellierung zu betreiben und nachher ein System zum Einsatz bringen, das er dann noch ein halbes Jahr konfigurieren muß.

CW: Software muß also schnell implementiert werden und möglichst ohne vorheriges BPR. Aber wie kommt man denn von den jetzigen Braunkohlebaggern, wie Sie es nennen, zu kleinen, flexiblen Gefährten, die sich während des Betriebs anpassen lassen?

Loeffelholz: Wir brauchen eine vollständige Integration und eine ganzheitliche Terminierung von Ressourcen.

CW: Sie sprechen das Thema Supply-Chain-Management (SCM) an. Ist SCM die Lösung schlechthin?

Strickert: Die Anwender erwarten nicht Elemente des Supply-Chain- Managements oder der übergeordneten Planung, sondern sie suchen nach einer ressourcenabgestimmten, blitzschnellen Lieferterminfindung. Dazu sollte man vor allem die notwendigen Daten reduzieren und nicht weiter aufblasen.

CW: Wie wollen Sie denn mit weniger Daten auskommen, wenn immer mehr Partner in die Planungsprozesse einbezogen werden sollen? Die Datenflut, die ich zur Steuerung meines Unternehmens benötige, wird doch größer.

Strickert: Das übergreifende Lieferketten-Management wird eine Illusion bleiben, das wird es im Laufe der nächsten zehn Jahre nicht geben. Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß schon durch die Planung innerhalb eines Unternehmens oft eine Scheinwelt aufgebaut wird. Wenn Unternehmen dann auch noch übergeordnet mit Partnern kommunizieren und deren Daten nicht in Ordnung sind, das heißt, die Qualität der Informationen nicht ausreicht oder das System diese gar nicht erst liefern kann, ist eine Auftragsverfolgung überhaupt nicht mehr möglich. Deshalb wird Supply-Chain-Management in drei Jahren wieder mausetot sein.

CW: Glauben auch die anderen hier, daß SCM nicht funktionieren wird?

Mörs: Bei SCM geht es natürlich um Planung, und man weiß, daß die Realität anders aussehen kann. Ob der Mitarbeiter oder die Maschine, die gerade verplant wurde, morgen überhaupt verfügbar ist, ist nie mit 100prozentiger Sicherheit zu sagen. Mit solchen Ungewißheiten muß man rechnen. International operierende Kunden fordern immer stärker, ihre Zulieferer beurteilen zu können. Dazu braucht man eine Masse von Daten. Wenn ich als Unternehmen nicht versuche, mit den Werkzeugen meine Planung immer näher an die Realität heranzurücken, dann kann ich gleich aufhören.

Gärtner: SCM ist kein Modethema. Dahinter steht nicht mehr und nicht weniger, als die Geschäftsprozesse von Kunden und Lieferanten zu verbinden. Aber vor 15 Jahren war die Technologie für solche Anwendungen nicht vorhanden. Ganz zu schweigen von Kommunikationsmöglichkeiten wie dem World Wide Web. Heute ist es üblich, sich elektronisch auszutauschen.

CW: Wird SCM von Mittelständlern nachgefragt?

MÖrs: SCM breitet sich eher evolutionär als revolutionär aus, aber es ist auch im Mittelstand ein Thema. Allen Unkenrufen zum Trotz trägt das Konzept auf jeden Fall dazu bei, daß sich Unternehmen Gedanken darüber machen, etwas zu ändern.

Bäurer: Mittelstandsunternehmen beschäftigen sich sehr wohl mit dem Thema Lieferketten.

Strickert: Aber das Wissen hat der Unternehmer nur im Bauch und im Kopf und nicht in seinem System. Mehr als 85 Prozent der PPS- Systeme können überhaupt nicht fertigungssynchron planen.

Bäurer: Es gibt natürlich noch eine ganze Menge Anbieter, deren Systeme gerademal eine vorläufige Durchlaufterminierung bewerkstelligen. Aus diesem Grund ist das Supply-Chain-Management ganz wichtig. Ich benötige Informationen von meinen zahlreichen Lieferanten.

Strickert: Die bekomme ich aber heute auch: per Telefon, per Fax...

Bäurer: Aber das nützt mir nichts, wenn ich mit dem System innerhalb einer halben Stunde eine Lieferterminaussage gegenüber meinem Kunden abgeben muß. Deswegen ist der Informationsfluß in dieser Lieferkette entscheident. Aber dazu brauche ich nicht unbedingt firmenübergreifende Systeme, sondern ich muß im Prinzip Datenmodelle definieren, die jederzeit kommunizieren können. Dazu braucht man auch kein Internet, sondern es reichen beispielsweise simple ISDN-Verbindungen, um dem Lieferantensystem einen Auftrag zu geben.

Strickert: Ich wünschte mir vor- und nachgelagerte Informationen wie kein zweiter, nur rennen wir wieder einer Illusion hinterher. Es wäre nicht das erste Mal, daß wir aus der Softwarebranche beweisen wollten, daß eine neue Methode funktioniert. Und ich möchte beim Anwender keine Illusionen wecken.

Bäurer: Es ist zudem vollkommen weltfremd zu glauben, wir müßten heute über Firmengrenzen hinweg auf Datenbanken direkt zugreifen. Damit müßte ja jeder seine Datenstrukturen offenlegen. Das ist gar nicht notwendig. Es gibt heute Möglichkeiten, via Prozeßkommunikation Aufträge in das System des Partners zu übergeben.

CW: Aber jede Datenbank ist eine Scheinwelt. Nicht umsonst müssen Unternehmen jedes Jahr eine Inventur machen.

Strickert: Das Problem ist doch nur, daß wir den Markt nicht glauben lassen sollten, mit einem Supply-Chain-Management-System werde alles besser.

CW: Die großen Anbieter haben das Thema SCM für sich entdeckt und entwickeln eigene Lösungen oder kooperieren, um das Feld nicht kampflos den Spezialanbietern zu überlassen. Wo sehen sie Ihre spezifischen Vorteile im Mittelstand gegenüber den großen Anbietern?

Gärtner: Im Vergleich zu den multinationalen Software-Anbietern gibt es einen ganz elementaren Unterschied. Diese Anbieter haben ihre Kunden zunächst in der Großindustrie mit ihren internationalen Ansprüchen. Wir aber kommen aus dem Mittelstand. Unsere Systeme sind für diese Klientel gestaltet und daher einfacher. Hinzu kommt, daß wir - ob es geplant war oder es sich so entwickelt hat - den Schwerpunkt auf bestimmte Branchen gelegt haben.

Bäurer: Auch wir konzentrieren uns auf spezielle Branchen. Seit 15 Jahren sind wir im Bereich der Einzel- und Kleinserienfertiger tätig, dort haben wir 80 Prozent unserer Kunden. Deren Sprache sprechen wir. Die Einfachheit der Systeme und die daraus resultierenden kurzen Einführungszeiten bekommen wir nur dann, wenn wir uns auf wenige Branchen und unsere Kernkompetenzen ausrichten.

Strickert: Die Gefahr dabei ist allerdings, daß man, sobald man sich hochgradig spezialisiert hat, nicht zu einer Massenvermarktung der Produkte kommt. Das ist heute aber für die Mehrzahl der Software-Anbieter notwendig, um zu überleben. All die großen Spezialisten des letzten Jahrzehnts sind heute vom Markt verschwunden, nicht weil sie schlecht waren, sondern weil sie die Massenvermarktung nicht geschafft haben.

Loeffelholz: Es gibt heute ebenso Beispiele dafür, daß spezialisierte Anbieter sehr gut überleben können. Aber auch die Großen haben diesen Trend erkannt und versuchen, ihre Produkte immer stärker in unterschiedlichen vertikalen Branchen unterzubringen. Sie entwickeln dazu branchenspezifische Referenzmodelle und versprechen, durch einfaches Schalterumlegen - neudeutsch Customizing - dann eine Lösung für die unterschiedlichsten Anforderungen liefern zu können.

CW: Funktioniert das?

Loeffelholz: Der Markt glaubt es, und das ist die Hauptsache.