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15.01.1999 - 

Thema der Woche

Thema der Woche Wenn der billige Jakob die Szene aufmischt

Offener TK-Markt Deutschland - eine "Strukturreform" mit überraschenden Ergebnissen. Vor allem auch mit enttäuschten Hoffnungen. Manch namhafter unter den neuen Wettbewerbern trat an, kam aber nicht vom Fleck. Andere, vor allem kleine Discounter, überholten das Feld mit links. Dazwischen der Ex-Monopolist, dessen Schwierigkeiten von Tag zu Tag größer werden.

So hatten es sich die Experten dann doch nicht vorgestellt: Mehr als 100 Anbieter, die mit den unterschiedlichsten Tarifkonzepten die Werbetrommel rühren; juristische Auseinandersetzungen zwischen der Telekom und ihren neuen Wettbewerbern, die in den meisten Fällen auch noch ihre besten Kunden sind; technische Pannen bei den neuen Telefongesellschaften; Streit zwischen der Telekom und der Regulierungsbehörde; und nicht zuletzt ein ehemaliger Monopolist, der, wie die "Süddeutsche Zeitung" zutreffend feststellte, "nach dem Börsengang um seine führende Stellung fürchtet und die Liberalisierung als kalte Enteignung betrachtet."

Ein Jahr nach der Liberalisierung läßt sich jedenfalls auf unterschiedliche Weise Bilanz ziehen. Zum Beispiel mit Momentaufnahmen wie die des inzwischen geschaßten Otelo-Chefs Ulf Bohla, der im Frühsommer die alles andere als überzeugende Markteintrittsstrategie seiner Company vornehm mit den Worten umschrieb: Man habe "nicht gerade einen Blitzstart hingelegt". Oder dem Auftritt des Telekom-Vorstandsvorsitzenden Ron Sommer, der sich kurze Zeit später bemüßigt fühlte, despektierlich auf die Konkurrenz herabzublicken. "Wir würden uns auf einen Wettbewerb der Investoren und Innovationen freuen - aber wir haben ihn nicht", gab der Frontmann des magenta-farbenen Riesen auf der Halbjahrespressekonferenz 1998 zum besten.

Man kann es aber auch bei (anderen) Fakten bewenden lassen. Im Jahr eins nach der Öffnung des deutschen TK-Marktes mußte der Branchenprimus rund 50 Millionen Gesprächsminuten abgeben, was einem Marktanteilsverlust (bei Ferngesprächen) von fast 20 Prozent entspricht. Und was für die Kunden noch viel entscheidender ist: Die Tarife sind seit Jahresbeginn um mehr als 70 Prozent gefallen.

Doch alles der Reihe nach. Das neue TK-Zeitalter in Deutschland begann mit einem Paukenschlag. Nein, nicht daß etwa die neuen Wettbewerber furios loslegten. Die Akzente setzte zunächst der Marktführer - in einer sehr eigentümlichen Weise. Sommer hatte den Telekom-Kunden im Vorgriff auf den einsetzenden Wettbewerb ein "wahres Preisfeuerwerk" versprochen, und er hielt Wort. Wer im Rahmen des sogenannten Pre-Selection-Verfahrens seine Ferngespräche regelmäßig über einen anderen Carrier abwickeln möchte, müsse der Telekom eine einmalige Bearbeitungsgebühr von 95 Mark bezahlen, eröffnete das Unternehmen seinen "Teilnehmern" in der ersten Januarwoche.

Entsprechend groß war der Aufschrei unter den neuen Konkurrenten, die in ihrer Mehrheit ohnehin noch dabei waren, das Wort Wettbewerb zu buchstabieren. Es ist müßig, darauf hinzuweisen, daß die ganze Debatte um Wechselgebühren einige Monate später wie weiland das berühmte Hornberger Schießen endete. Nachdem die Telekom in Folge eines vom Präsidenten der neuen Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation Klaus-Dieter Scheurle einberufenen "Runden Tisches" ihre Forderung für die Umschaltung auf ein anderes Netz auf 49 Mark reduzierte, sprach der Regulierer ein erstes "Machtwort": 1998 konnte die Telekom noch 27 Mark in Rechnung stellen. Für dieses Jahr ist die Wechselgebühr auf 20 Mark festgelegt; ab 2000 gelten zehn Mark.

Viel wichtiger im Zusammenhang mit dem Streit um die Wechselgebühren war jedoch etwas anderes. Der Telekom gelang es zunächst, wechselwillige Kunden massiv zu verunsichern. Nicht wenige Beobachter vermuteten hier eine gezielte Strategie der Ron- Sommer-Company, erst einmal auf Zeit zu spielen. So waren schon bis Ende Januar vergangenen Jahres 17 Telekom-Einsprüche gegen Anordnungen der TK-Aufseher in Bonn anhängig. Auch sonst erweckte der Ex-Monopolist zeitweilig den Eindruck, den Wettbewerb eher in die Gerichtssäle der Republik verlagern zu wollen. Konkurrenten wie Talkline und Telepassport fanden sich wegen angeblich unlauteter Werbung vor dem Kadi wieder und selbst die vermeintlich großen Wettbewerber waren vor den Hausjuristen der Telekom nicht sicher. Otelo-Chef Bohla konnte jedenfalls schon Ende März auf der CeBIT über spezifische Erfahrungen in Sachen freier Wettbewerb berichten. Mit 40 Abmahnungen der Telekom habe man sich bis dato auseinandersetzen müssen, beschwerte sich Bohla vor Journalisten in Hannover. Und wo Justitia nicht helfen konnte oder wollte, sorgten verdächtig lange Freischaltungszeiten für die von der Telekom gemieteten Netzkapazitäten beim Markteintritt der Newcomer für einen gewissen Verzögerungseffekt.

Apropos Otelo: Natürlich waren nicht nur die unzähligen von der Telekom angezettelten juristischen Scharmützel sowie taktische Finessen dafür ausschlaggebend, daß sich viele der wechselwilligen Kunden zunächst auf wochenlange Wartezeiten und damit Frust einzustellen hatten. Technische Pannen sowie eine offensichtlich kapitale Fehleinschätzung der Marktentwicklung ließen so manchen verheißungsvollen Start der neuen Wettbewerber zum Rohrkrepierer werden. Vor allem Firmen wie Otelo und Viag Interkom gaben sich selbstbewußt. Mit Milliardeninvestitionen in Netzinfrastruktur, Technik und Personal werde man den Branchenführer schnell in Bedrängnis bringen und selbst einen respektablen Marktanteil erobern, hieß es.

Doch die Realität sah nach wenigen Wochen Wettbewerb anders aus. Neben dem schon im Mobilfunk erfolgreichen Mannesmann-Konzern (Arcor) waren es vor allem die kleinen Anbieter, die mit wenig Kapital und Technik für Furore im Markt sorgten. Dies hatte seine Ursache in einer weiteren, anfangs von allen Beteiligten in ihrer Tragweite gar nicht erkannten Zahlenspielerei. Bereits im September 1997 war vom letzten amtierenden Bundespostminister Wolfgang Bötsch die sogenannte Interconnection-Gebühr festgesetzt worden - also der Preis, zu dem die Telekom-Herausforderer Ferngespräche über das Netz des früheren Staats-Carriers routen können. Durchschnittlich 2,7 Pfennig pro Minute müssen die Newcomer dafür an die Telekom entrichten.

Eine Art trojanisches Pferd, wie sich nun herausstellt - zumindest nach Ansicht derer, die mit dem freien TK-Markt in Deutschland hauptsächlich einen Wettbewerb der Netze verbanden. Jedenfalls nutzten primär die vermeintlichen Kleinen wie Talkline, Tele 2, vor allem aber die im norddeutschen Schleswig ansässige Mobilcom AG die Gunst der Stunde. Mit nur einer Vermittlungsstelle und einer Handvoll gemieteter Leitungen trat beispielsweise Mobilcom- Chef Gerhard Schmid im Januar zum scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die übermächtigen Konkurrenten Telekom, Arcor, Otelo und Viag Interkom an. Unter der einprägsamen Netzkennzahl 01019 können seither die Mobilcom-Kunden für 19 Pfennig pro Minute Ferngespräche innerhalb Deutschlands führen - ohne vertragliche Bindung ("Call-by-Call"). Nicht nur ein Meisterstück in Sachen Marketing, sondern auch bei der Einschätzung von Kundenbedürfnissen, wie Experten meinen. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Otelo und Viag Interkom konnten nach mehrmaligen Verzögerungen erst im März beziehungsweise im Mai ihr Privatkundengeschäft im Festnetz starten und haben im Ranking täglicher Verbindungsminuten immer noch das Nachsehen. Das Unternehmen des ehemaligen Sixt-Managers Schmid hat sich indes mit 20 Millionen täglicher Gesprächsminuten als Nummer eins der Telekom-Herausforderer etabliert.

"Nur Verrückte verbuddeln ihr Geld unter der Erde", feixte der Mobilcom-Chef, der sich zuvor seine Sporen im TK-Geschäft als Wiederverkäufer der Mobilfunknetze D1 und D2 verdient hatte, bereits Mitte des Jahres im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Ungefähr zur selben Zeit, als sich Schmid im Lichte seines Erfolges und einer nicht minder lukrativen wie publicityträchtigen Kursexplosion der Mobilcom-Aktie am Neuen Markt sonnte, mußte Otelo-Chef Bohla dann seinen Hut nehmen.

Nachdem neben Mobilcom zeitweise auch noch Anbieter wie Talkline, Tele 2 oder Telepassport die Düsseldorfer bei den täglich vermittelten Gesprächsminuten überflügelten, wurde man bei den Otelo-Gesellschaftern RWE und Veba nervös. Zu lange hatte das Management um Bohla an den vor allem bei den Privatkunden unbeliebten Pre-Selection-Verträgen festgehalten.

Womit wir bei einem weiteren Ergebnis des liberalisierten deutschen TK-Marktes wären. Offensichtlich wollen sich die meisten Kunden nach jahrzehntelanger Zwangsehe mit der Telekom nicht sofort wieder auf Gedeih und Verderb an einen einzigen Carrier binden. Call-by-Call ist bis auf weiteres das, wie auch eine im Herbst 1998 veröffentlichte Studie der CW (siehe CW 42/98) ergeben hat, mit Abstand beliebteste Einwählverfahren.

Eine Ausnahme bildet lediglich das Geschäft mit großen Firmenkunden, wo es den Telekom-Konkurrenten gelang, zum Teil lukrative Pre-Selection-Verträge abzuschließen.

Für den Rest der deutschen Wirtschaft, also den Mittelstand und die unzähligen Kleinbetriebe gilt (noch): "Der Run von Geschäftskunden auf die neuen Anbieter ist trotz günstiger Preise weitgehend ausgeblieben." So lautete jedenfalls das Fazit einer bereits im August 1998 vom Wirtschaftsmagazin "Capital" und der Unternehmensberatung Arthur D. Little veröffentlichten Untersuchung. Doch die Front der Telekom bröckelt auch hier, das machte nicht zuletzt besagte CW-Umfrage deutlich - auch wenn verwirrende Tarife, der hohe Aufwand für Firmenkunden beim Carrierwechsel sowie im Markt verbreitete und zum Teil auch gerechtfertigte Zweifel an der Leistungsfähigkeit der neuen Netzbetreiber viele Unternehmen noch am Status quo festhalten hält.

Doch Anlaß, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, hat der zunehmend in die Defensive gedrängte Marktführer nicht. Nach Ablauf des Jahres eins nach Öffnung des deutschen TK-Marktes läßt sich folgendes festhalten: Die Tarife bei innerdeutschen Ferngesprächen sind um bis zu 70 Prozent gefallen. Damit einher ging allerdings das, was angesichts des freien Spiels der Marktkräfte wohl nicht anders zu erwarten war: die permanente Änderung von Preisen und Tarifmodellen. Zweitens: Die Telekom hat im Geschäft mit den großen Firmenkunden - nicht erst ab dem 1. Januar, seither aber nochmals verstärkt - massive Einbußen erlitten und hütet die entsprechenden Zahlen wie ein Staatsgeheimnis. Und das ehemalige Postunternehmen hat drittens, glaubt man seriösen Schätzungen, fünf bis sieben Prozent ihres Gesprächsaufkommens außerhalb der Ortsnetze an alternative Netzbetreiber verloren; bei überregionalen Ferngesprächen sollen es sogar mehr als zehn Prozent sein.

"Das Marktvolumen ist um rund zehn Prozent gestiegen und die Wettbewerber der Telekom konnten daran in erfreulichem Ausmaß partizipieren", kommentiert Gerd Eickers, Vorsitzender des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), diese Bilanz dennoch eher zurückhaltend. Und auch Telekom-Chef Sommer war noch auf eingangs erwähnter Halbjahres-Pressekonferenz seines Unternehmens bemüht, Selbstbewußtsein auszustrahlen. Schließlich galt und gilt es auch, die eigenen Investoren in Sicherheit zu wiegen. Die Dividende auf die "T-Aktie" in gleicher Höhe wie im Vorjahr sei bis dato nicht in Gefahr, hieß es. Unterstützt von Finanzvorstand Joachim Kröske jonglierte der Ex-Sony-Manager deshalb noch im August vergangenen Jahres mit auf den ersten Blick beeindruckenden Zahlen: 59,4 Milliarden Verbindungsminuten im City-Bereich, 24,1 Milliarden Verbindungsminuten bei regionalen und überregionalen Ferngesprächen konnten demnach die Bonner im ersten Halbjahr 1998 für sich verbuchen. Statistiken, die den deutlichen Abstand der Konkurrenz dokumentieren sollten.

Was nicht heißen soll, daß die damaligen Zahlen der Telekom nicht stimmen. Richtig ist aber auch, daß der Branchenprimus de facto - mehr als intern befürchtet - Marktanteile verloren hat. Sollten die neuen Wettbewerber bis Ende 1998 mehr als 40 Millionen Gespächsminuten vermitteln, dürften sich die Aktionäre der Telekom auf einen Gewinnrückgang im laufenden Geschäftsjahr von über 500 Millionen Mark einstellen, hieß es schon im Frühjahr vergangenen Jahres in einer vertraulichen Vorstandsvorlage. Ein Sollwert, den Arcor und Konsorten bekanntlich schon erreicht haben.

Längst droht auch von anderer Seite Ungemach: im für die Telekom (noch) lukrativen Ortsnetzgeschäft. Wieder macht(e) dabei allerdings der Markt zunächst alles von einer einzigen Zahl abhängig - dem Preis für den entbündelten Netzzugang, also den blanken Kupferdraht ohne Vermittlungstechnik zum jeweiligen Endkundenanschluß.

47,26 Mark forderte die Telekom hierfür ursprünglich von ihren Konkurrenten - auf der Basis sehr umstrittener interner Kalkulationen. Einmal mehr, so schien es, hatte die Ron-Sommer- Company hier mit Erfolg auf Zeit gespielt, um große Wettbewerber wie Arcor und Otelo mangels Planungssicherheit so lange wie möglich vom Einstieg in das Geschäft mit Ortsgesprächen abzuhalten. Bis zur Entscheidung des Regulierers galt (und gilt) ein "Übergangsgeld" von 20,65 Mark - für besagte große Herausforderer der Telekom angeblich ein zu hoher Preis, um auf der letzten Meile den Kampf um die Kundschaft aufzunehmen.

Am 30. November 1998 wollte der Regulierer hierzu eigentlich seine definitive Entscheidung bekanntgeben. Doch Ende Oktober vergangenen Jahres überstürzten sich die Ereignisse. Mit einer Tarifsenkung, die allen Kunden mit ISDN-Anschluß zum 1. Januar 1999 Preisnachlässe von mehr als 60 Prozent bei Regional- und Ferngesprächen brachte, trat die Telekom zunächst die Flucht nach vorne an. Ursache hierfür war das dritte Quartal der Bonner, das im Vergleich zum Vorjahr unter dem Strich ein Umsatzminus von 0,5 Prozent auswies. In der Chefetage des Marktführers müssen sämtliche Alarmglocken geläutet haben. Für Sommer indes stand der Schuldige längst fest: Der Regulierer, der einen "Preiskrieg" heraufbeschwöre, da er nicht zwischen Netzbetreibern und Resellern unterscheide. Jetzt müsse sein Unternehmen "tief in die Kasse greifen" und für den Erhalt der eigenen Marktstärke "zeitlich begrenzte Ergebnisverschlechterungen in Kauf nehmen", vergoß der Telekom-Boß Krokodilstränen.

Damit gelang es ihm, zumindest einen zu beeindrucken: den neuen Bundeswirtschaftsminister Werner Müller. Schon kurz nach seinem Amtsantritt hatte der ehemalige Veba-Manager mit ungeschickten Äußerungen den Verdacht genährt, die rot-grüne Regierungskoalition könnte in Sachen TK-Regulierung - anders als ihre Vorgängerin - wieder verstärkt die Interessen des Staates als Mehrheitsaktionär der Telekom im Blickfeld haben. Von der Rolle des Bundes als "Anwalt der Bürger" war da die Rede und von der Tatsache, daß ein überzogener Preiswettbewerb nicht zur "Entwertung von Milliardeninvestitionen" führen dürfe. Wenige Tage vor dem 30. November zog Müller dann quasi die Notbremse. Der oberste Dienstherr der Regulierungsbehörde "empfahl" dem Telekom- Management öffentlich, seinen Tarifantrag für das künftige Entgelt einer Teilnehmeranschlußleitung zurückzuziehen.

Der Ex-Monopolist nahm den Ball natürlich prompt auf und teilte dem Regulierer mit, daß er noch bis zum 30. April dieses Jahres mit der bisherigen Übergangsregelung einverstanden sei. Bis dahin will der Bundeswirtschaftsminister die Frage der Tarifierung des entbündelten Netzzugangs zur Zufriedenheit aller Marktteilnehmer lösen. Was einer Quadratur des Kreises gleichkommen dürfte. Der fatale Eindruck vieler Experten, daß die neue Bundesregierung die TK-Liberalisierung kräftig zurückschrauben möchte, blieb jedenfalls haften. Offenkundige Unterstützung für die Telekom, um deren noch lukratives Ortsnetzgeschäft gegenüber den großen Wettbewerbern abzuschirmen, mutmaßen die Kritiker.

Doch die vermeintliche Rechnung Bonner Seilschaften dürfte nicht aufgehen - auch wenn man bei Arcor & Co. ehrgeizige Pläne in puncto letzter Meile zunächst auf Eis gelegt hat. Längst haben nämlich lokal tätige Firmen wie Netcologne, Isis Multimedia Net oder Citycom Münster mit größtenteils eigener Netzinfrastruktur ihre Claims in diesem Markt abgesteckt. Branchenkenner rechnen bis Ende des Jahres mit rund 200 solcher City-Carrier, die nun ihrerseits durch Kooperationen verstärkt in den Regional- und Fernbereich expandieren wollen.

Offen ist aber auch noch die eingangs erwähnte Interconnection- Frage. Ob Sommer das lateinische Sprichwort "pacta sunt servanda" kennt? Sind doch Discounter wie Mobilcom genau das, was den Telekom-Chef bisher bei jeder Gelegenheit abschätzig über den Wettbewerb reden ließ. Es könne nicht angehen, daß "vor allem kleine Unternehmen von den Regulierungsentscheidungen profitieren, die am Markt praktisch als Wiederverkäufer von Leistungen der Deutschen Telekom auftreten", war hierzu immer wieder von Sommer zu hören. Bisweilen wurde der Ton auch noch etwas schärfer. In Deutschland habe man es, so der Telekom-Frontmann, mit der einzigartigen Situation zu tun, "daß der frühere Monopolist seine Wettbewerber subventionieren muß".

Ein weiteres Strukturproblem der noch jungen deutschen Wettbewerbslandschaft also, das - wie auch immer - noch gelöst werden muß. Das von Mobilcom vorexerzierte Geschäftmodell, das inzwischen Dutzende von Mini-Carrier zu kopieren versuchen, ist längst auch anderswo umstritten. Und es führte zu ganz seltsamen Allianzen. So drängte Sommer monatelang, unterstützt vom Wettbewerber Arcor, auf eine Änderung der Interconnection-Preise.

Der fromme Wunsch aus der Telekom-Chefetage wurde erhört. Zumindest teilweise. Mitte Dezember entschied Scheurle, es grundsätzlich bei den besagten 2,7 Pfennig pro Minute zu belassen. Unternehmen, die aufgrund einer nur rudimentär vorhandenen eigenen Netzinfrastruktur "atypischen Verkehr" erzeugen, müssen allerdings den dadurch der Telekom entstehenden Mehraufwand in Zukunft bezahlen. Was das auch immer heißen mag. Denn wieder einmal zog sich der Regulierer elegant aus der Affäre. "Wir haben die Telekom aufgefordert, diesen allgemeinen Beschluß in einen Tarif umzuwandeln", erläuterte Vizepräsident Arne Börnsen den Beschluß der Behörde. Gilt ein - weil technisch nicht anders möglich - über Hamburg geroutetes Ferngespräch von München nach Stuttgart als "atypisch", und wieviele "Points of Interconnection" (POI) machen einen Netzbetreiber aus? Fragen, die bis dato unbeantwortet blieben.

"Wenn ein Unternehmen im Schnitt nur 2,7 Pfennig für Interconnection-Leistungen berechnet bekommt und den Endkundenpreis im Minimalfall auf zehn Pfennig pro Minute festsetzt, erzielt es nach Abzug aller Vertriebs- und Betriebskosten noch eine Marge von 30 bis 50 Prozent, bezogen auf den Endkundenpreis", rechnete TK-Experte Torsten Gerpott im Oktober vergangenen Jahres in einem CW-Interview vor. Mit Kalkulationen dieser Art dürfte es jedoch in vielen Fällen vorbei sein. Die Telekom zog jedenfalls ihre ganz eigenen Schlußfolgerungen aus der "Entscheidung" des Regulierers und hat Ende 1998 die Interconnection-Verträge mit ihren Wettbewerbern gekündigt. Die Karten werden neu gemischt - Verteilung ungewiß. Insider werteten deshalb die letzte Preisrunde vor Weihnachten, als das "Enfant terrible" Gerhard Schmid seine Kundschaft teilweise sogar umsonst telefonieren ließ, als letztes Strohfeuer einer hysterisch gewordenen Branche. Viele Experten erwarten jetzt eine Fusions- und Übernahmewelle. Gerhard Holzwart