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24.09.1999 - 

Hersteller starten Initiative mit neuen Geräten

Thin Clients nehmen einen zweiten Anlauf

MÜNCHEN (ba) - Die Hersteller im Thin-Client-Markt nehmen einen neuen Anlauf. Doch die Marktforscher haben die Meßlatte mit ihren Prognosen der letzten Jahre sehr hoch gelegt. Auch wenn wieder einmal Aufbruchstimmung herrscht, ist offensichtlich, daß die Hersteller kaum etwas Neues zu bieten haben.

Anbieter wie Sun, IBM, Hewlett-Packard oder Compaq haben sich in den letzten Wochen mit Ankündigungen neuer Thin-Client-Rechner überschlagen. Nicht weniger als acht neue Modelle sollen dem Markt einen kräftigen Schub geben.

Die Thin-Client-Anbieter schlagen mittlerweile leisere Töne an. Polterte Sun vor drei Jahren bei der ersten Javastation noch mit der Ankündigung in den Markt, das Ende aller PCs sei gekommen, zeigen sich die Verantwortlichen jetzt moderater. Den Anspruch, alle Computerarbeitsplätze mit Netzrechnern auszustatten, habe man aufgegeben, räumt Ed Zander, Chief Operating Officer der Kalifornier, ein. Die neue "Sun Ray 1" eigne sich vor allem für spezielle Anwendungsumgebungen wie für Call-Center oder Service-Arbeitsplätze.

Auch IBM ergänzt mit den Network Stations "2200" und "2800" seine Thin-Client-Linie. Strategie der Armonker ist, ihren Kunden ein möglichst breites Spektrum zu bieten. Dieter Zimmermann, Direktor des Bereichs Network Computer für Europa und Afrika, macht feine Unterschiede. Ultra Thin, Very Thin und Thin nennt er seine Abstufungen der Netzrechner.

Als Leichtgewichte definiert der IBM-Manager die älteren Geräte der 300er Serie, auf denen in erster Linie Terminalemulationen laufen. Die Mittelklasse mit den 1000er und 2200er Geräten greift über einen auf dem Client installierten Browser auf die Applikationen zu. Die Königsklasse der 2800er Modelle arbeitet mit größeren Java-Applets auf dem Client.

Ob diese Abstufungen für ein klares Verständnis des Thin-Client-Modells im Markt sorgen, darf bezweifelt werden. Letztendlich bleibt es jedem Hersteller selbst überlassen, welche Geräte er wie als Thin Client definiert. Genau diese Willkür sorgte in der Vergangenheit für Verunsicherung bei den Anwendern.

Nimmt man den jüngsten Thin-Client-Vorstoß genauer unter die Lupe, stellt sich heraus, daß die Hersteller wenig Neues zu bieten haben. Es gibt ein paar zusätzliche Geräte, und in Details wurden Verbesserungen vorgenommen, zum Beispiel können Anwender mit Suns Ray 1 flexibel arbeiten, da das Nutzerprofil über eine Smartcard auf jeden Netzrechner übertragen werden kann. IBM hat sein Management-Programm "Network Station Manager" in die Tivoli-Software integriert, so daß Anwender nicht zwischen zwei Tools hin- und herwechseln müssen.

Auf die Frage nach den Vorteilen der neuen Geräte versuchen die Produkt-Manager mit Antworten zu überzeugen, die seit dem Beginn der NC-Initiative vor drei Jahren immer wieder zu hören sind: Thin-Client-Rechner seien einfach zu installieren und könnten zentral administriert werden. Auch die gegenüber PC-Installationen angeblich wesentlich günstigeren Total Costs of Ownership (TCO) müssen nach wie vor dafür herhalten, das Thin-Client-Modell anzupreisen.

Thomas Reuner, Analyst bei der Gartner Group, läßt diese Argumente nicht mehr uneingeschränkt gelten. Das Kostenargument sei nicht mehr aufrechtzuerhalten, sowohl beim Anschaffungspreis wie bei der Administration. Die PC-Preise befänden sich weiter im freien Fall, so daß ein Thin Client nicht mehr zwangsläufig günstiger kommt als ein herkömmlicher PC. Da zentrale Management-Funktionen genauso gut in PCs integriert werden können, verliere auch das Administrationsargument an Gewicht.

Der Traum vom universellen NC ist vorbei

"Der große Hype im Thin-Client-Markt ist vorbei", resümiert Reuner. Die Diskussion, ob Thin Clients die Desktop-Rechner komplett ersetzen würden, sei beendet. Man müsse heute viel mehr differenzieren. Für die Unterstützung von sehr strukturierten Arbeiten wie zum Beispiel in Call-Centern ergebe das Modell laut Reuner nach wie vor Sinn. Aber die These von der uneingeschränkten Übertragung des Thin-Client-Modells auf alle PC-Arbeitsplätze sei nicht mehr haltbar.

Auch die Hersteller relativieren inzwischen die hoch geschraubten Erwartungen der letzten Jahre. "Vielleicht werden die Zahlen nicht ganz so groß, wie man das in der ersten Euphorie erwartet hat", gibt Zimmermann von der IBM zu. Und Howie Hunger, IBM-Marketing-Director der Network Division, beteuert, man habe nie behauptet, Thin Clients würden jemals alle PCs ersetzen können.

Analyst Eric Kuzmack von Gannett Publishing im US-amerikanischen Silver Springs bringt das Problem im Thin-Client-Markt auf den Punkt: "Hat es Sinn, sich einen speziellen Netzrechner zu kaufen, wenn ich die Citrix-Software auch auf einem 300-Dollar-PC laufen lassen und diesen als Thin Client nutzen kann?"

Die Hersteller müssen sich neue Mittel und Wege einfallen lassen, um die schlanken Netzrechner an den Mann zu bringen. Ein Trend, auf den Sun, IBM und Co. ihre Hoffnung setzen, sind die Application-Service-Provider (ASP). Deren Konzept fußt darauf, Anwendungen zentral zu verwalten und Unternehmen über das Internet gegen eine Gebühr zur Verfügung zu stellen (siehe Kasten "Hoffnungsträger ASP").

Betrachtet man die Strategien der ASPs und der Thin-Client-Hersteller genauer, entpuppt sich die Argumentation beider Seiten als klassischer Zirkelschluß. Die ASPs bauen darauf, daß sich ihr Konzept mit der zunehmenden Verbreitung von Netzrechnern durchsetzt, und die Hersteller von Thin Clients erhoffen sich durch die weitere Verbreitung der ASP-Pläne einen kräftigen Anstoß für ihr Geschäft.

Trotzdem verbreiten die Hersteller verhaltenen Optimismus. Der Faden, an den sich alle klammern: Die Zahlen von Marktforschungsinstituten wie IDC, Gartner oder Zona Research versprechen steigende Umsätze. Betrachtet man die Zahlen etwas genauer, wird aber deutlich, daß sich die hohen Erwartungen bisher nicht erfüllt haben (siehe Kasten "Auch Marktforscher können irren"). Die bis heute erreichten Verkäufe bleiben weit hinter den Prognosen zurück. Hersteller Siemens, der mit der "Scovery"-Reihe ebenfalls Thin-Clients in seinem Produktportfolio hat, verfolgt angesichts dieser Unsicherheit eine andere Strategie.

Die momentane Taktik sehe so aus, daß vorerst keine neuen Produkte geplant seien und der Markt erst einmal sehr genau beobachtet und analysiert werden müsse, erklärt Rolf Kleinwächter, Marketing-Leiter für den PC-Bereich bei den Münchnern. Welche Geräte am Ende herauskommen werden, wisse keiner. Bezeichnenderweise heißt die Abteilung bei Fujitsu-Siemens Computers, der diese Aufgabe zugefallen ist, nicht NC (Network Computer), sondern XC (X-Computer). Das X könnte für alles stehen, sagt der Siemens-Manager.

Zukunft der Thin Clients liegt im Projektgeschäft

Auch die Ansprüche der Hersteller sinken. Aussagen, der NC-Markt werde sich zu einem Massenmarkt entwickeln, sind passé. Alle von IBM bis Compaq sprechen im Zusammenhang mit Thin Clients nur noch vom Projektgeschäft. Zwar lassen sich auch über diesen Kanal hohe Stückzahlen absetzen - IBM verkaufte vor kurzem 12500 Network Stations an die Gesellschaft für automatisierte Datenverarbeitung (GAD) -, aber Absatzzahlen im Millionenbereich liegen in weiter Ferne. Zumindest sind die Zeiten vorbei, als die Anwender mißtrauisch nur wenige Geräte orderten, um das Ganze erst einmal auszuprobieren, berichtet IBM-Manager Zimmermann.

Auch die Anwender haben nach wie vor ihre Probleme mit dem Thin-Client-Modell. Die Realität unterscheidet sich doch recht deutlich von den Visionen der Hersteller. So berichtete beispielsweise Rob Carter, IT-Direktor bei Federal Express, einem US-amerikanischen Paketversender, von seinen Schwierigkeiten beim Umstieg auf NCs. Bislang sind 6000 Arbeitsplätze mit Netzrechnern ausgestattet. 20000 weitere sollen bis Jahresende folgen. Von einem kompletten Umstieg auf 70000 Thin Clients ist aber keine Rede mehr. Der IT-Manager erzählt von Integrationsproblemen, unbefriedigender Performance und Frustration beim Hardware-Update. Dies alles hebe die Vorteile der Thin Clients schnell wieder auf, klagt Carter.

Auch die psychologische Komponente spielt immer noch eine große Rolle. IBM-Mann Zimmermann erzählt von einem Gespräch, in dem er einen Kunden von den Vorteilen einer Thin-Client-Installation überzeugen wollte. Am Ende meinte der Kunde, es sei zwar alles sehr schön und überzeugend, aber er müsse leider darauf verzichten. Auf die Frage warum, kam die Antwort: "Meine Angestellten spielen in den Pausen am PC - und dieses Vergnügen kann ich ihnen unmöglich wegnehmen..

Hoffnungsträger ASP

Die Thin-Client-Anbieter setzen große Hoffnungen in den ASP-Markt. Das Konzept des Application-Service-Providing beruht auf der 1996 gestarteten NC-Initiative und althergebrachten Outsourcing-Ideen. Die Idee der selbsternannten NC-Strategen bei Oracle, Sun und IBM war es, das Frontend in einer Server-Client-Umgebung abzuspecken und den Clients die Server-Anwendungen über einen Browser zugänglich zu machen.

Application-Service-Providing bedeutet im Grunde, daß Anwendungen zentral bei einem Service-Provider vorgehalten werden. Dieser stellt die Nutzung der Software gegen eine Gebühr zur Verfügung. Der Zugriff auf das Programm funktioniert über das Internet.

In den Vereinigten Staaten ist das ASP-Modell bereits erfolgreich gestartet. Viele Hersteller wie zum Beispiel Baan, IBM oder Oracle arbeiten am Aufbau der entsprechenden Infrastruktur für Hard- und Software. In Europa wird es jedoch noch dauern. Hier stecken die Unternehmen zumeist erst in der Konzeptphase.

Auch Marktforscher können irren

Nach den Zahlen der International Data Corp. (IDC) konnten die Thin-Client-Hersteller in der ersten Hälfte dieses Jahres mit 305000 weltweit verkauften Rechnern 83 Prozent mehr Geräte an den Mann bringen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Umsatz mit den schlanken Netzrechnern wuchs um 24 Prozent von 155,2 Millionen Dollar in den ersten sechs Monaten 1998 auf 192,3 Millionen Dollar im laufenden Jahr.

Obwohl die IDC-Zahlen auf den ersten Blick recht vielversprechend klingen, bleiben sie weit hinter den ursprünglichen Prognosen zurück. 1998 konnten die Hersteller weltweit 368450 Thin-Client-Rechner verkaufen. Die Meßlatte von 507000 verkauften Rechnern, die IDC im März 1998 noch für das vergangene Jahr prognostiziert hatte, wurde klar verfehlt.

Im April 1999 sagte die IDC noch ein Marktvolumen von 1,2 Millionen verkauften Thin Clients für 1999 voraus. Aufgrund der jetzt veröffentlichten Zahlen für das erste Halbjahr wird man diesen Wert wohl auf etwa die Hälfte zurechtstutzen müssen. Auch hinter die sechs Millionen Thin Clients, die im Jahr 2003 verkauft werden sollen, gehört ein Fragezeichen.

Auch andere Marktforscher liegen bei ihren Einschätzungen des Client-Rechner-Marktes ziemlich daneben. So sagte das britische Marktforschungsunternehmen Frost & Sullivan für das Jahr 2000 einen Umsatz von 480 Millionen Dollar im Thin-Client-Geschäft voraus - allein für Europa. Angesichts eines für 1999 zu erwartenden Gesamtumsatzes von 400 Millionen Dollar und der Tatsache, daß sich immer noch ein Großteil des Geschäfts auf die USA konzentriert, sind die Zahlen der Briten eindeutig zu hoch gegriffen.

Die Gartner-Tochter Dataquest überzeugte mit ihren Vorhersagen ebenfalls nicht. Nach einem schleppenden Geschäft 1996 mit nur 144000 verkauften Thin Clients weltweit sagten die Marktforscher für 1998 eine verkaufte Stückzahl von weltweit 482000 Geräten voraus. Damit tippten die Auguren um 114000 Rechner daneben.

Und zuletzt sind auch die Zahlen der kalifornischen Marktforscher von Zona Research, die für das Jahr 2001 verkaufte Stückzahlen von 2,2 Millionen Geräten und einen Umsatz von einer Milliarde Dollar weltweit vorhersagen, wohl noch einige Nummern zu groß.