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09.07.1999 - 

Die Akteure der Sprach-Daten-Konvergenz (Teil 4): Siemens

TK-Anlagen im Datennetz stecken in den Kinderschuhen

Nach der bislang strikten Trennung von Daten- und Sprachkommunikation sollen diese Welten nun endlich zusammenwachsen. Die Hersteller versprechen sich Milliardengeschäfte, die Anwender Kosteneinsparungen. Mit Anthony Maher, Mitglied des Bereichsvorstands Information und Communication Networks der Siemens AG, sprachen die CW-Redakteure Peter Gruber und Jürgen Hill.

CW: Wie definiert Siemens die Konvergenz von Sprache und Daten?

Maher: Sie nennen eines der Schlüsselprobleme, mit dem sich die gesamte Branche derzeit beschäftigt. Bislang haben wir tatsächlich zwei getrennte Welten: Daten- und Sprachnetze. Nur vereinzelt gibt es wie bei ISDN überlappende Ansätze. Deshalb stellen sich immer mehr Anwender die Frage, ob sie nicht eine Infrastruktur für beides nutzen können, um so Kosten zu reduzieren.

Wenn wir von Konvergenz im Sinne von Sprache und Daten sprechen, sind zwei Aspekte zu beachten: Erstens, wie bringen wir die sehr unterschiedlichen Strukturen mit einem kosteneffizienten Verfahren zusammen? Zweitens, gibt es im Sinne der Konvergenz auch Synergieeffekte zwischen dem Festnetz und Mobilfunk?

CW: Was bedeutet das konkret für den Anwender?

Maher: Der Anwender, das ist jedenfalls meine These, interessiert sich kaum für die technische Seite. Er erwartet einen kostengünstigen Migrationsweg zu einem integrierten Netz für Sprache und Daten. Unter diesem Aspekt betrachtet auch Siemens das Thema Konvergenz. Die Frage lautet deshalb, wie können wir Anwendern ihre gewohnten Leistungsmerkmale zu vertretbaren Preisen anbieten, unabhängig davon, ob es Fest- oder Mobilfunknetze beziehungsweise Sprach- oder Datennetze sind?

CW: Sie erwähnten ISDN als ein Netz, das bereits integrierende Elemente besitzt. Warum wird es dann nicht weiterentwickelt?

Maher: Dieses Thema läßt sich aus zwei Blickwinkeln betrachten. Positiv gesehen, das implizieren Sie mit Ihrer Frage, wäre es grundsätzlich möglich ISDN weiterzuentwickeln. Nehmen wir die in Deutschland derzeit favorisierte Variante der Asymmetric Digital Subscriber Line (ADSL). In diesem Fall werden schnelle ADSL-Datendienste und -Geräte definiert, die zu ISDN kompatibel sind. Damit wurde eine sehr intelligente Lösung gefunden: Nämlich ISDN als Basis, das mit ADSL um breitbandige Dienste erweitert wird.

Doch nun zum Manko des ISDN-Ansatzes: Er integriert nicht die Welt der LANs und Datennetze. Wie wollen Sie unter ISDN auf einem Desktop Sprach- und Datendienste in einer Sitzung abwickeln? Diese Integration ist über ISDN nicht zu bewerkstelligen, da Sie zwei getrennte Infrastrukturen haben.

CW: Dem Anwender stehen demnach abrupte Änderungen bevor, will er integrierte Dienste auch im LAN?

Maher: Nein, beide Welten werden noch für lange Zeit weiterbestehen. Die Frage ist, wie können wir als Anbieter dem Kunden Lösungen bereitstellen, die diese Gegebenheiten zum einen akzeptieren, zum anderen aber trotzdem die Migration zu einer effizienteren Infrastruktur erlauben.

CW: Kann der Anwender diese Migration heute bereits in die Wege leiten?

Maher: Großanwender sollten meiner Meinung nach schon jetzt die IP-Telefonie nutzen, um Kosten zu senken.

Dazu haben die Unternehmen zwei Möglichkeiten: Entweder erweitern sie ihre Datennetze um Voice-Funktionen, oder sie bauen ihre Sprachnetze mit Datenkomponenten aus. In dem einen Fall sind Eingriffe in die LAN- und Router-Struktur, im anderen in die TK-Anlage erforderlich. Es ist jedoch ratsam, sich ein Schlupfloch zu klassischen TK-Netzen offenzulassen, falls die Qualität von Voice over IP zu schlecht ist.

Diesem Grundsatz folgt Siemens mit seinen Hicom-Anlagen: Hier besteht die Option, zwischen IP- und TK-Netz zu wählen. Gleichzeitig offerieren wir Systeme, die auch im LAN IP-Telefonie ermöglichen. Allerdings besitzen diese Lösungen noch nicht alle Leistungsmerkmale der Hicom-Familie.

CW: Wo liegen die Probleme?

Maher: Es ist nicht so einfach, die vielen Funktionen der TK-Welt im Datennetz abzubilden. Die Idee ist dabei, diese Merkmale auf einem Server zu verwirklichen. Die Entwicklung der entsprechenden Software sowie der erforderlichen Schnittstellen kostet aber Zeit. Ein Stamm von Features, die zu 80 Prozent den heutigen Ansprüchen der Anwender gerecht werden, dürfte in etwa fünf Jahren verfügbar sein.

CW: Liegen die Schwierigkeiten nur im LAN?

Maher: Nein. Die Probleme sind zunehmend die Netze außerhalb der Unternehmen. Die Frage lautet dort: Bieten sie ausreichend Bandbreite für die IP-Telefonie? Hier sind die Carrier gefordert, zu investieren. In diesem Punkt hat die Deutsche Telekom unter allen Netzbetreibern, die ich kenne, bisher am meisten geleistet und viel Geld in ihr Backbone-Netz gesteckt. Diese Bandbreite werden Anwender allerdings nicht zum Nulltarif bekommen.

CW: Sprengt die Forderung der Anwender nach lupenreiner Sprachqualität auch in IP-Netzen nicht Ihr Kostenmodell?

Maher: Die Quality of Services bereitet uns kein Problem. Schließlich kommen wir aus der TK-Welt. Wir versuchen, diese Zuverlässigkeit nun auch in der Datenwelt zu erreichen. Hierzu verwendet Siemens etwa bewährte Bauelemente aus der TK-Umgebung, aber auch das Know-how von Unisphere Solutions, unserer neuen Company für IP in USA.

CW: Mit Unisphere haben Sie einen High-end-Partner in Sachen Datenkommunikation. Spielt 3Com diese Rolle im Low-end-Segment?

Maher: Low-end ist nicht der richtige Ausdruck. 3Com ist unser Partner im Consumer-Bereich. Dort ist die Firma etwa mit Produkten wie Palmtops, Netzkarten, Modems etc. erfolgreich. Für Siemens ist es wichtig, zu diesen Erzeugnissen Zugang zu haben. Das stellt unser Abkommen mit 3Com sicher. Zusätzlich planen wir aber, gemeinsame Produkte für Voice over IP anzubieten.

CW: Wie sieht die Symbiose bei dieser Entwicklung aus?

Maher: 3Com ist an unserem IP-Telefon, dem Server, der Server-Software für den LAN-Anschluß sowie der Gateway-Software interessiert. Für uns sind wiederum die Switch-Router von 3Com von Interesse, die gut mit unserem Voice-over-IP-Ansatz zu kombinieren sind. Sie sehen aber, daß viele der Produkte für den Endkundenmarkt von uns stammen.

CW: Neben 3Com kooperieren Sie auch mit Cisco, obwohl das Unternehmen zunehmend in Ihr Stammgeschäft eindringt.

Maher: Ja, wir machen mit Cisco gute Geschäfte. Das ist eine interessante Firma mit einem wirklich cleveren Chef. Ich kann nur sagen, es ist immer wichtig, seinen Partner zu respektieren. Aber es ist vielleicht noch wichtiger, einem potentiellen Wettbewerber Respekt zu zollen.

CW: In welchen Bereichen kooperieren Sie mit Cisco?

Maher: Siemens bietet weltweit seine Dienste als Systemintegrator für Großkonzerne an. Zu unseren Kunden zählt die Creme de la creme, darunter Unternehmen wie Coca Cola, Daimler-Chrysler, Deutsche Bank, Ford oder IBM, um nur einige zu nennen. Als Systemintegrator verstehen wir uns aber nicht als Lieferant von Komponenten. Ein solcher Anbieter ist Cisco, dessen Produkte wir in unsere Lösungen integrieren, sofern sie zum Projekt des Kunden passen.

CW: Sie wollen Ihren Kunden durchgängige Lösungen für integrierte Sprach-Daten-Netze anbieten. Kann Siemens ein Portfolio dieser Größenordnung alleine auf die Beine stellen?

Maher: Kein Hersteller der Welt schafft das allein. Dennoch bleibt Siemens auch hier seiner Linie treu, Komplettlösungen anzubieten. Teile davon werden aber nicht aus unserer Entwicklung stammen. Entscheidend ist doch, daß der Kunde seine individuelle Lösung aus einer Hand beziehen kann. Welche Produkte dahinterstecken, ist sekundär. Unbedingt nötig ist aber, daß die wichtigsten und strategischen Produkte aus dem eigenen Haus kommen. Hier müssen wir Weltklasse sein, und deshalb haben wir Unisphere Solutions gegründet.

CW: Was bezwecken Sie mit Unisphere Solutions?

Maher: Unser Wunsch war, dort Fuß zu fassen, wo das Know-how für IP-Netze liegt und die erste Phase der Sprach-Daten-Integrationswelle startet. Dieser Ort ist zweifellos die USA. Unisphere als amerikanisches Unternehmen stellt das sicher.

CW: Ihr Ziel war aber auch, Siemens in Nordamerika besser zu positionieren?

Maher: Natürlich auch, aber so schlecht ist unsere Position da nicht. Wir rangieren in den USA in der Festnetztechnik an Nummer drei und sind weltweit die Nummer eins. Es kann schon sein, daß wir in Nordamerika gegen Cisco, Bay (Nortel) oder Ascend (Lucent) nicht ankommen, aber unsere weltweite Marktmacht ist weit höher zu bewerten. Diese Stellung auf dem Weltmarkt verschafft uns Zugänge zu vielen Projekten. Zudem sind unsere Produkte wegen der integrierten Steuerungselemente zuverlässiger, hier nutzen wir intern Synergieeffekte mit anderen Bereichen.

Siemens hat eine Eigenschaft, die manchmal ein Plus, manchmal aber auch ein Minus ist: Wir sind geduldig, können aber auch kämpfen.

CW: Warum kämpfen, statt sich mit Cisco, der Nummer eins im IP-Networking, enger zu verbünden? Stichwort Aktientausch!

Maher: In Indien gibt es ein Sprichwort: Wer mit einem Tiger schläft, sollte eine Metalldecke haben. Partnerschaften sind sehr wichtig. Die Praxis zeigt aber auch, je größer die Unternehmen einer Partnerschaft sind, desto problematischer wird sie. Das ist ein Gesetz wie Murphys Law. Ein Aktientausch ist für uns nicht möglich, weil wir in den USA erst im Jahr 2001 an der Börse gelistet werden. Damit haben wir momentan nicht die gleiche Währung wie andere Player am Markt. Mit anderen Worten: Die Währung Wertpapier steht uns nicht zur Verfügung.

CW: Dann haben die Konkurrenten gegenüber Siemens einen elementaren Vorteil?

Maher: Ich bewundere Nortel und Lucent, das Risiko der Akquisitionen von Bay Networks beziehungsweise Ascend eingegangen zu sein. Damit haben sie hoch gepokert, weil die Vergangenheit ja zeigte, wie schwierig die Integration von Unternehmen solcher Größenordnung aufgrund der unterschiedlichen Firmenkulturen ist. Ich hoffe, dieser Integrationsprozeß richtet bei beiden nicht zuviel Schaden an, denn trivial ist er nicht.

Für Siemens stellt sich, wie gesagt, die Frage nach Übernahmen dieser Größenordnung nicht. Ich glaube, daß wir mit den Firmen, die wir akquiriert und in Unisphere Solutions integriert haben, den richtigen Weg gehen. Erstens, weil wir bar bezahlen mußten, zweitens vor allem aber, weil es kleine, strategisch wichtige Unternehmen sind, die eigenständig unter unserer Koordination weiterarbeiten.

CW: Sie wollen sich gegen Lucent, Nortel und andere Konkurrenten positionieren. Führt dies nicht wie bei den TK-Anlagen auch in der Sprach-Daten-Konvergenz zu inkompatiblen Ansätzen?

Maher: Die Enterprise-Kunden haben dazugelernt und werden den Herstellern Inkompatibilitäten nicht mehr durchgehen lassen. Sie fordern Systeme, die nicht nur weltweit nutzbar sind, sondern auch von einem verantwortlichen Ansprechpartner organisiert werden. Wir Hersteller und Dienstleister sind also gezwungen, kompatible Lösungen anzubieten.

CW: Werden Ihre Schnittstellen in Sachen integrierte Netze wirklich offen sein?

Maher: Siemens hat akzeptiert, daß sich die Bedürfnisse der Kunden nicht mit proprietären Ansätzen in Einklang bringen lassen. Deshalb unterstützen wir offene Schnittstellen. Wenn es andere nicht tun, werden wir diese Schwäche zu unserem Vorteil ausnutzen.

Konvergenz der Netze

Seit etwa einem Jahr prägt ein Themea die Netzszene: Die Konvergenz von Sprach- und Dateninfrastruktur. Mit milliardenschweren Investitionen rüsten die Player aus Daten- und Telekommunikation für die bevorstehende Verschmelzung auf. Je nach Ausgangsposition verfolgen die Hersteller hierbei unterschiedliche Ansätze. Nachdem die COMPUTERWOCHE bereits über die Visionen von Cisco (8/99), Lucent (11/99) sowie Nortel Networks (18/99) berichtet hat, wird sie in loser Folge die Ansätze weiterer wichtiger Player in diesem neuen Marktsegment beleuchten.