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26.07.2002 - 

Worldcom-Pleite und Telekom-Krise sind symbolhaft für eine ganze Industrie

TK-Branche vor dem Armageddon?

MÜNCHEN (CW) - Seit Monaten funken weltweit die Netzbetreiber aller Couleur SOS: Nach der New Economy und der etablierten IT-Industrie haben die großen Telcos wohl am nachhaltigsten das Ende des Internet-Hypes zu spüren bekommen. Jetzt ist der Katzenjammer groß. Denn dank der trügerischen Hoffnung in das "mobile Internet" und sich kaum mehr amortisierenden Milliardeninvestitionen in neue Technologien hat sich die Branche in ihre bis dato größte Strukturkrise manövriert.

Wäre es - gemessen am stets zur Schau getragenen globalen Anspruch des Unternehmens und der Branche, in der es sich bewegt - nicht eine Provinzposse gewesen, hätte man der Berufung des 72-jährigen früheren Telekom-Aufsichtsratsvorsitzenden Helmut Sihler zum Interims-CEO der Deutschen Telekom zumindest noch eine tragikkomische Seite abgewinnen können. Der Ex-Henkel-Manager und jetzige Honorarprofessor für Marketing soll vordergründig möglichst schnell den "richtigen" Nachfolger für den geschassten Telekom-Chef Ron Sommer suchen. Gleichzeitig dürfte Sihler aber im Tagesgeschäft genügend Möglichkeiten haben, in Anlehnung an die vor Jahren quotenträchtige Fernsehserie mit dem Schauspieler Mario Adorf den "großen Bellheim" zu geben. Denn Schuldenstand und Aktienkurs des deutschen Ex-Monopolisten zwingen Sihler dazu, sich als Sanierer und Troubleshooter zu bewähren.

Mehr als 67 Milliarden Euro Verbindlichkeiten sprechen eine deutliche Sprache. Die wesentlichen Gründe hierfür sind bekannt: Der überteuerte Kauf der US-amerikanischen Mobilfunkgesellschaft Voicestream (33 Milliarden Dollar, je zur Hälfte in Aktien und in bar), der Erwerb der UMTS-Lizenzen (15,3 Milliarden Dollar) sowie die daraus resultierende Zinsbelastung. Allein im vergangenen Jahr musste die Telekom mehr als vier Milliarden Euro für den Schuldendienst aufbringen - ohne Tilgung, wohlgemerkt. Angesichts solcher Zahlen ist es fast schon irrelevant, wie die Bundesregierung die Ablösung Ron Sommers betrieben hat. War es wirklich fünf vor zwölf, um eine notwendige Kurskorrektur einzuleiten? War die Strategie des nun in die Wüste gejagten Ex-Telekom-Chefs, das Unternehmen als global aufgestellten Vollsortimenter zu positionieren, richtig oder falsch? Müßig könnten solche Fragen vor allem deshalb sein, weil Interims-CEO Sihler und sein Team aufgrund der Marktentwicklung kaum mehr Zeit haben werden, sie schlüssig beantworten. Soll sich der Abwärtstrend der T-Aktie in absehbarer Zeit nennenswert umkehren, muss die Telekom "möglichst schnell schlanker, schneller und schöner" werden, heißt es unter Experten. Mit anderen Worten: Die den Anlegern in insgesamt drei Börsengängen der T-Aktie erfolgreich verkaufte Vision des Global Player in den Bereichen Festnetz, Mobilfunk, Internet und IT-Services steht zur Disposition.

Sihler selbst sprach zunächst nur von einem "harten Konsolidierungskurs", der eingeschlagen werden müsse. Was dahinter steckt, ist noch unklar. Fest steht nur, dass die Bonner um einschneidende Maßnahmen nicht umhinkommen werden - Schritte, die womöglich weit über das Programm hinausgehen dürften, das Sommer kurz vor seinem Rausschmiss noch in einem letzten von ihm initiierten Vorstandsbeschluss unter dem Titel "Kostensenkung und Effizienzsteigerung" auf den Weg gebracht hatte. Darin war "nur" von der Straffung aller Einkaufsprozesse, einer drastischen Reduzierung des Marketing-Budgets sowie vom Verkauf nichtstrategischer Unternehmensteile die Rede. Gleichzeitig wurde der bereits im Mai auf der Hauptversammlung angekündigte Abbau von mindestens 20 000 Stellen in der Festnetzsparte T-Com bekräftigt.

Doch um den Konzern finanziell und damit strategisch wieder handlungsfähig zu machen, werden wohl auch Teile des Tafelsilbers abgegeben werden müssen. So gibt es seit zwei Wochen Meldungen, wonach das Telekom-Management unter Initiative von T-Mobile-Vorstand Kai-Uwe Ricke intensiv nach einem Ausweg aus dem Voicestream-Debakel sucht, indem die US-Tochter notfalls auch als Juniorpartner in ein Joint Venture mit einem der dortigen Wettbewerber, etwa AT&T Wireless oder Cingular, eingebracht werden soll. "Strategisch war der Kauf von Voicestream genial, aber Sommer hat inmitten des Börsen-Hypes einen absoluten Mondpreis bezahlt", bringt ein Telekom-Insider das Problem auf den Punkt, das sich bezogen auf das Anbieterszenario in den Vereinigten Staaten auch so zusammenfassen lässt: Der US-Mobilfunkmarkt ist, anders als in Europa, noch wenig erschlossen. Keiner der momentan sechs Wettbewerber erwirtschaftet jedoch nennenswert Gewinne, weil noch Milliarden in den Netzausbau und in die Kundengewinnung investiert werden müssen. Kapital, das die Telekom aber nicht (mehr) hat. Bis zu zwei Milliarden Euro jährlich könnte sich der deutsche Ex-Monopolist nach Schätzungen von Experten durch eine Verringerung seines US-Engagements mit Hilfe eines Partners sparen. Insgesamt neun Milliarden Euro an Verbindlichkeiten zuzüglich eines momentan schwer einzuschätzenden Verkaufserlöses wären es, wenn man Voicestream wieder ganz abstoßen würde - eine Option, die nach dem Abgang Ron Sommers in der Telekom-Führung auch offen diskutiert wird.

Würde man sich zu so einem Schritt entschließen, wäre die erwähnte Vier-Säulen-Strategie des Konzerns bereits weitgehend Makulatur. Zumindest dürfte der ersehnte Börsengang der Mobilfunktochter T-Mobile mangels globaler Perspektive wohl in noch weitere Ferne rücken. Gleichzeitig könnten weitere "Dominosteine" wie der gerüchteweise gehandelte Wiederverkauf beziehungsweise die Herauslösung des Debis Systemhauses aus dem T-Systems-Verbund folgen. Telekom-CEO Sihler dementierte zwar Spekulationen, denen zufolge Teile dieses Unternehmenszweiges verkauft werden sollen. Allerdings hat der Konzern Sparmaßnahmen im IT-Servicesegment angekündigt, die langfristig durchaus zu strukturellen Veränderungen führen könnten. Den Ausverkauf aller wichtigen "Assets" komplettieren würde in jedem Fall der Rückzug auf eine "strategische Minderheitsbeteiligung" am Internet-Ableger T-Online. Planspiele dieser Art werden von der Telekom-Zentrale nicht mehr dementiert.

Nähme die Entwicklung beim Bonner Carrier einen solchen Verlauf - sie wäre symptomatisch für die ganze Branche. "Sommer hat handwerkliche Fehler gemacht, aber er hatte vor allen Dingen Pech, dass sich der Markt völlig anders entwickelt hat, als es alle Experten erwartet hatten", analysiert ein Insider die "negative Marktdynamik", die mit der Anfang dieser Woche angemeldeten Insolvenz von Worldcom ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Die Strukturkrise, die hinter der größten Firmenpleite in der US-Wirtschaftsgeschichte steckt, ist zwar seit Monaten bekannt, lässt sich in ihrer Tragweite aber bis heute kaum erahnen. Neben Bilanzmanipulationen und gravierenden Management-Fehlern wie bei Worldcom waren es vor allem zwei grandiose Fehleinschätzungen, die einige der großen Telcos jetzt in existenzielle Bedrängnis bringen: Der völlig überschätzte Bedarf an breitbandigen Internet-Kapazitäten sowie - in Europa - das immer offenkundiger werdende Milliardengrab UMTS. Letzteres liest sich bei der Deutschen Telekom, aber auch der niederländischen KPN oder France Télécom buchhalterisch so: Viel zu hohe Gebote in den UMTS-Auktionen und zum Teil teure Übernahmen ausländischer Mobilfunkunternehmen haben den Schuldenstand so stark ansteigen lassen, dass er die Börsenkapitalisierung mitunter mehrfach übersteigt und bedenklich nahe an die entsprechenden Relationen bei den US-amerikanischen Pleitiers Worldcom, KPN-Qwest und Global Crossing heranreicht.

Konsolidierungswelle in Europa befürchtet

Immer mehr Branchenkenner fürchten daher auch einen Shakeout unter den Telcos auf dem Alten Kontinent. Befürchtungen dieser Art werden bestätigt, wenn man sich die Performance der früher staatlichen PTTs näher anschaut. France Télécom, über seine Beteiligung an Mobilcom deutscher UMTS-Lizenznehmer, gilt mit rund 63 Milliarden Euro Schulden, aber deutlich geringeren Umsätzen als die Deutsche Telekom, inzwischen als Sanierungsfall. Ein vor kurzem angekündigtes drastisches Sparprogramm sowie anhaltende Spekukationen über eine komplette Wiederverstaatlichung der ohnehin noch zu 56 Prozent in Staatsbesitz befindlichen Gesellschaft sprechen Bände. Andere europäische Netzbetreiber wie Telecom Italia, KPN und British Telecom haben sich längst vom Traum des "Global Player" verabschiedet - wenn auch auf ganz unterschiedlichen Wegen. Während der frühere italienische Staats-Carrier sich beispielsweise gar nicht erst um eine UMTS-Lizenz im Deutschland bewarb, stellt man bei KPN derzeit alle ausländischen Beteiligungen, insbesondere die an der Düsseldorfer E-Plus GmbH, auf den Prüfstand.

British Telecom: Rolle rückwärts?

Ein besonderes Menetekel für die in den 90er Jahren gepflegten Weltmarktambitionen fast aller europäischer Carrier dürfte die Entwicklung bei British Telecom sein. Dort hat man einen Prozess in Gang gesetzt, der der Deutschen Telekom erst noch "gelingen" muss: Die Briten halbierten binnen eines Jahres ihre Verbindlichkeiten auf 13,7 Milliarden Pfund - unter anderem durch die Abspaltung ihrer Mobilfunksparte und die Liquidierung des auf Firmenkunden ausgerichteten internationalen Joint Ventures "Concert" mit AT&T. Doch der Preis dafür war hoch - nämlich die, wie es unter Branchenkennern heißt, "Aufgabe der ehrgeizigen Pläne für einen internationalen Großkonzern und die Reduzierung auf die Rolle einer regionalen Telefongesellschaft".

Guter Rat für die Bonner Telekom-Verantwortlichen dürfte daher in den kommenden Wochen in mehrfacher Hinsicht teuer sein. Denn glaubt man Experten, werden Vollsortimenter mit globaler Präsenz neben dem weltweit führenden Mobilfunkanbieter Vodafone, der eine Sonderrolle einnimmt, die besten Überlebenschancen haben. "Maximal vier Gesellschaften werden übrig bleiben, die alles anbieten: Ferngespräche, Ortsgespräche, Internet-Services und Mobilfunk", heißt es in einer Branchenanalyse der US-Marktforschungsgesellschaft Adventis.

Doch derzeit erscheinen Aussagen wie diese nur als graue Theorie. Die Wellen, die die Worldcom-Pleite schlägt, übersteigen längst das Ausmaß einer herkömmlichen Branchenkrise. Im Vertrauen auf glorreiche Internet- und Multimedia-Zeiten legten, wie es in Analystenkreisen geradezu verzweifelt heißt, Banken, Versicherungen und US-amerikanische Pensionsfonds ab Mitte der neunziger Jahre ein "privates Konjunkturprogramm" auf. Heute setzt sich aufgrund der aktuellen Entwicklung eine "fatale Kettenreaktion" in Gang. Banken müssen Milliardensummen an faulen Krediten abschreiben und rücken keine zusätzlichen Gelder mehr heraus. Anleihen, mit denen die oft ungesunde Expansion finanziert worden ist, sind nahezu wertlos geworden. Rating-Agenturen wie Standard & Poors setzen die Kreditfähigkeit vermeintlicher Schwergewichte wie France Télécom auf ein Rating nahe der "Spekulationsklasse" herunter. An den Börsen wiederum regiert die nackte Panik. Aktionäre werfen ihre Anteile ohne Rücksicht auf Verluste auf den Markt; dem Management der einzelnen Gesellschaften wird keinerlei Vertrauen mehr entgegengebracht.

Nichts geht mehr an den Kapitalmärkten

Wann dieser Teufelskreis wieder durchbrochen werden kann, ist fraglich. Klaus-Dieter Scheurle, ehemaliger Präsident der Bonner Regulierungsbehörde und heute Managing Director bei der US-Investmentbank Credit Suisse First Boston, macht den Betroffenen wenig Hoffnung: "Die Kapitalmärkte sind für die TK-Gesellschaften derzeit völlig verschlossen", so der Experte. Konsolidierung, Gesundschrumpfen, nachhaltige Korrektur der Wachstumsziele nach unten dürfte somit noch geraume Zeit auf der Agenda einer Branche stehen, die einst angetreten ist, Wirtschaft und Gesellschaft zu revolutionieren. (gh)

"Worldcom"-Folgen

Glaubt man US-amerikanischen Branchengerüchten, könnten die Nutznießer der Worldcom-Pleite vor allem die vermeintlich "ewig Gestrigen" sein. Die Rede ist von den alten "Baby Bells" á la SBC Communications, Bellsouth oder Verizon, die nach der Zerschlagung des ehemaligen "Mother-Bell"-Konzerns AT&T im Jahre 1984 mit den ihnen zugewiesenen regionalen und lokalen Monopolen alle Liberalisierungsstürme unbeschadet überstanden haben. Ähnlich wie in Europa hat sich - wenn auch aus anderen Gründen - die Ortsnetzbastion als stabile Cash-Cow der betreffenden Carrier erwiesen. Wenn es jetzt zum Verkauf einzelner Worldcom-Sparten wie dem Privatkundengeschäft von MCI kommt, stehen die Ortsnetzmonopolisten Gewehr bei Fuß. Nur sie haben derzeit die Finanzkraft (und etwaige Investoren im Rücken), um sich einzelne Assets der gestrandeten Bernie-Ebbers-Company einzuverleiben. Michael Powell, Chairman der US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) hat jedenfalls schon diskret durchblicken lassen, dass er einem "größeren Engagement" etwa von SBC bei Worldcom "wohlwollend" gegenüberstehen würde. Viele Bestimmungen des legendären Telecommunications Act von 1984 wären damit aber konterkariert.

Abb: Ranking der Schuldenmacher

Unerfreulicher Saldo: Die Schulden der europäischen Telcos sind kein Ruhmesblatt. Allein beim "Schuldenkönig" waren schon 2001 die Netto-Verbindlichkeiten fünfmal so hoch wie das Ebitda. Quelle: Handelsblatt/Sal Oppenheim/Unternehmensangaben