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06.12.1991 - 

Preisverfall zwingt Anbieter zu internationalem Geschäft

TK-Industrie: FuE-Kosten sind nur für die Großen finanzierbar

Die TK-Industrie wurde in den 80er Jahren durch gewaltige Technologiesprünge und Konzentrationsbewegungen geprägt. Der Übergang von der analogen zur digitalen Technologie sowie die zunehmende Globalisierung der Unternehmen zeichnete für diese Entwicklung in erster Linie verantwortlich, in deren Verlauf sich die Zahl der Hersteller für digitale Vermittlungssysteme von 27 auf die sechs wesentlichen Anbieter Alcatel, AT&T, Ericsson, Japan Inc., Northern Telecom und Siemens reduzierte.

Die wichtigsten Gründe für diesen Konzentrationsprozeß liegen in der Innovationsdynamik und Komplexität der Technologie, in den steigenden Entwicklungskosten für die Software von TK-Anlagen - sie beliefen sich von 1980 bis 1990 auf insgesamt 3,5 Milliarden Dollar -, in der Öffnung der nationalen Märkte für ausländische Anbieter (Europäische Gemeinschaft, Aufteilung in regionale Bell-Gesellschaften in den USA), in der zurückgehenden Marktnachfrage in den Entwicklungsländern sowie in dem rapiden Preisverfall der TK-Produkte. Aus diesen massiven Veränderungen resultiert für alle Beteiligten ein starker Wettbewerbsdruck und dadurch enorm gesunkene Gewinnmargen.

Nur eine starke Position in internationalen Märkten wie Europa, Amerika und Asien ermöglicht den potenten Anbietern, längerfristig Produktinnovationen durch ausreichende Forschung und Entwicklung sicherzustellen und über den Absatz großer Mengenvolumina (Economies of scale) einen angemessenen Return on Investment zu erzielen. Daraus erklärt sich auch die in der Abbildung dargestellte aggressive Akquisitionspolitik der Hauptakteure.

Die internationalen Verflechtungen lassen sich sehr gut an der 40prozentigen Beteiligung von Siemens an GPT (GB), dem 20prozentigen Engagement von AT&T bei Italtel (Italien), der mittlerweile 100prozentigen Übernahme von STC (GB) durch Northern Telecom sowie

an der 60prozentigen Beteiligung Alcatels an Telettra (Italien) veranschaulichen. Bezieht man diese internationale Konsolidierungswelle in die Umsatzstatistiken mit ein, so belegen drei europäische und zwei nordamerikanische Unternehmen die Plätze eins bis fünf: Alcatel, AT&T, Siemens, Northern Telecom und Ericsson (siehe Tabelle auf Seite 24).

Sechs Konzerne geben den Ton an

Gemessen an den Umsatzwachstumszahlen, die sowohl durch gezielte Akquisitionspolitik als auch durch internes Wachstum massiv gesteigert wurden, heben sich sechs Konzerne besonders heraus: Nokia (34,2 Prozent), Northern Telecom (32,4 Prozent), Siemens (27,4 Prozent), Ericsson (26,4 Prozent), Motorola (19,6 Prozent) und Alcatel (17,8 Prozent).

Aufgrund der Umsatzzahlen können folgende Aussagen gemacht werden:

- Die zehn größten Unternehmen produzierten im Jahr 1989 allein 63,2 Prozent des weltweiten Marktvolumens in Höhe von 106 Milliarden Dollar (1988: 58,9 Prozent).

- Der Konzentrationsprozeß steht im Widerspruch zu dem steilen Umsatzwachstum im Bereich T1-Equipment, private Netzwerke, LAN und VSAT, der in erster Linie von kleineren Unternehmen erzeugt wurde.

Drei verschiedene Kategorien von Anbietern

Daraus leitet sich die Vorhersage ab, daß der Anteil der Top ten am weltweiten Gesamtumsatz in den nächsten Jahren zurückgehen wird - ein Trend, der vermutlich nur durch eine Intensivierung der Konzentratiotisbewegung aufgehalten wird.

Bei der Betrachtung des Telekommunikations-Marktes ist daher eine Differenzierung zwischen drei unterschiedlichen Kategorien von Anbietern notwendig, nämlich zwischen multinationalen Unternehmen mit intensiver FuE-Tätigkeit und Produkt-Know-how in digitalen Vermittlungsanlagen (AT&T, Alcatel, Siemens, Ericsson, Northern Telecom und NEC) und Unternehmen, die sich auf Produktsegmente spezialisieren und nicht am Markt für digitale Vermittlungsanlagen partizipieren, wie Motorola (mobile Kommunikation), Rockwell (Übertragung), IBM (Datenkommunikation) und Digital Equipment (Netzwerkprodukte).

Schließlich gibt es noch Unternehmen mit weniger als 500 Millionen Dollar Umsatz, die neue Technologien beziehungsweise Anwendungen entwickeln (zum Beispiel T1, Fax, LAN, Paging, Video und optische Glasfaser-Übertragung). Diese Unternehmen sind allerdings potentielle Übernahmekandidaten der beiden zuerst genannten Kategorien.

Daraus ergibt sich für die weitere Entwicklung des globalen Telekommunikations-Marktes eine Reihe von strategischen Fragen:

- Werden sich die Topten zu großen, schwerfälligen Dinosauriern entwickeln?

- Können die aus der Unternehmensgröße resultierenden Kostenvorteile in Wettbewerbsvorteile umgesetzt werden?

- Können die Europäer in den amerikanischen Markt eindringen?

- Können die Amerikaner und Japaner in Europa erfolgreich sein?

- Wird das amerikanische und europäische Engagement in Japan mehr als nur ein Lippenbekenntnis sein?

Für die sechs größten Unternehmen soll kurz beleuchtet werden, wie sie sich im globalen TK-Markt zur Zeit positionieren und welche voraussichtlichen Entwicklungen sich abzeichnen.

Alcatel

Das französische Unternehmen vollzog von 1987 bis 1990 eine wesentliche Restrukturierung seiner Geschäftsfelder. Zum einen verschmolz es die Bereiche Übertragungs- und Vermittlungstechnik zu einer Network System Group. Die Geschäftsfelder mobile Kommunikation, Weltraumtechnik und Verteidigung wurden dagegen in die Zellular-, Mikrowellen- und Satellitentechnik sowie in der militärischen Kommunikation integriert. Mittlerweile kann Alcatel eine ganze Reihe Erfolge verzeichnen:

Das Unternehmen ist Marktführer für Vermittlungsanlagen mit 15 Prozent Marktanteil weltweit und 33 Prozent in Europa, die Nummer drei im Weltmarkt für Übertragungstechnik mit einem Anteil von neun Prozent und Marktführer in Europa mit einem Anteil von 20 Prozent sowie weltweit führend im Bereich elektrische Übertragungs- und Telekommunikations-Kabel durch die Tochtergesellschaft Cables de Lyon.

Die strategische Marschroute Alcatels zeigt klar in Richtung einer stärkeren Penetration der globalen Märkte Nordamerika, Lateinamerika und Franco-Afrika.

AT&T

AT&T ist der einzige Hersteller von TK-Equipment, der sich auch als Serviceunternehmen engagiert. Über die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet AT&T mit Netzwerk-Management-Systemen. Die durch die Aufteilung in regionale Bell-Gesellschaften hervorgerufene Stagnation konnte AT&T durch Akquisitionen (GTEs digitale Vermittlungssysteme, Tridoms VSAT und Paradynes private Netzwerke) wieder überwinden.

Der Gewinn von Marktanteilen in Europa gestaltet sich durch die enge Verknüpfung der nationalen Netzbetreiber mit nationalen Anbietern recht schwierig. Es ist jedoch zu erwarten, daß AT&T auch in Europa sein Geschäft über neue netzwerkorientierte Serviceleistungen deutlich ausbaut.

Siemens

Auffallend bei Siemens war die zu Beginn der 80er Jahre eingeleitete aggressive Akquisitionspolitik. Die Übernahmekandidaten engagierten sich hauptsächlich in den Technologien privater Nebenstellenanlagen (PBX) und öffentlicher Netze, für die insgesamt 7,5 Milliarden Mark ausgegeben wurden. Die Akquisitionsliste von PBX-Herstellern reichte von Norten (GB), GPT über Atea (GTE, Belgien), Telplus (USA), Rolm (IBM, USA) bis Nixdorf. Im Bereich der öffentlichen Netze wurden sowohl GTE (Italien, Belgien, USA, Taiwan) als auch GPT (GB, USA, Südafrika) dem Konzern einverleibt.

1989 restrukturierte Siemens die Geschäftsbereiche mit dem Ergebnis, daß zwei der 15 Geschäftseinheiten, nämlich öffentliche Kommunikationsnetze und private Kommunikationssysteme, etwa zwölf Milliarden Mark Umsatz erwirtschaften. Die wesentliche Herausforderung in den 90er Jahren besteht in der Integration der Akquisitionen und in der Schaffung einheitlicher Produktmigrationspläne für die zahlreichen,

verschiedenen Produktlinien, Architekturen und Standards. Dazu wird der Konzern über mindestens fünf Jahre erhebliche Investitionen tätigen müssen.

Ericsson

Das schwedische Unternehmen verlagerte 1989 einen Teil seines Hauptgeschäfts auf die schnell wachsende mobile Kommunikation. Dies spiegelte sich besonders in den FuE-Ausgaben wieder, die rund zehn Prozent des Umsatzes ausmachten. Das Ergebnis waren Produkte, die durch hohe Verkaufszuwachsraten auffielen:

So würden für die öffentlichen Vermittlungsanlage AXE bis 1989 25 Millionen Zugangsleitungen in 80 Ländern installiert sowie von der PBX MD 110 PBX 2,6 Millionen Leitungen implementiert, davon 1989 alleine 800000 Leitungen. In der mobilen Kommunikation hat Ericsson bisher Geräte für mehr als 2,6 Millionen Teilnehmer geliefert. Im Vergleich zu Mitbewerbern, wie zum Beispiel Northern Telecom, beschäftigt Ericsson rund 40 Prozent mehr Mitarbeiter. Letztendlich bedeutet dies Raum für Produktivitätssteigerungen und höhere FuE-Investitionen, aber auch höhere Personalkosten.

Northern Telecom

Die Muttergesellschaft von Northern Telecom (NT), Bell Canada Enterprises, besitzt 53,1 Prozent der Anteile und ist gleichzeitig auch NTs größter Abnehmer. Ein Viertel des Umsatzes wird allein durch die Mutter erzielt.

NT konzentrierte sich fast ausschließlich auf den nordamerikanischen Markt. Nur ganze fünf Prozent des Umsatzes erzielte das Unternehmen in anderen Märkten.

Die neue Unternehmensführung forciert nun ein aggressives Wachstum in Europa, Japan, Australien und Lateinamerika. Ein Beispiel hierfür ist die Akquisition des britischen Unternehmens STC, aber auch ein deutlich wachsender Marktanteil im Bereich der Vermittlungsanlagen in Europa.

NEC

NEC hat sich vom ursprünglichen Telekommunikations-Geschäft zu einem weltweiten Produzenten für elektronische Integration entwickelt. Unter den Top 6 zeigt NEC als einziges Unternehmen globales Engagement für die drei Technologiefelder Halbleiter, Computer und Telekommunikation. Bemerkenswert ist auch die Grundlagenforschung, die für alle TK-Technologien betrieben wird.

1989 betrugen die FuE-Ausgaben insgesamt 16 Prozent des Umsatzes. Diese umfangreichen Investitionen trugen ihre Früchte bei den D70-Vermittlungssystemen, den 1,12- und 1,6-Gigahertz-Glasfaser-Übertragungssystemen, den VSAT-Systemen und mobilen Kommunikationsanlagen.

Jedoch konnte NEC bis heute weder mit öffentlichen Netzwerken noch mit privaten Nebenstellenanlagen in europäischen beziehungsweise amerikanischen Markt Fuß fassen. Als Folge ging der im Ausland erzielte Gesamtumsatz von 33 Prozent 1986 auf 25 Prozent 1989 zurück. Damit hängt NEC überwiegend von der Nachfrage des nationalen Marktes ab.

Fazit: In den letzten Jahren hat der Konsolidierungsprozeß in der Telekommunikations-Industrie einige einschneidende Veränderungen bewirkt. Während sich die großen Unternehmen kleinere Spezialisten einverleibten, entstand eine neue Generation von Wettbewerbern wie DSC, Novatel, Network Equipment Technologies und Novell. Einige von ihnen prosperierten vorzüglich, andere scheiterten. Durch den Trend zu offenen Standards könnte allerdings der darwinistische Erneuerungsprozeß erheblich gestört werden.

Dipl.-Wirtschaftsingenieur Heinrich Grabowski ist Berater bei der Arthur D. Little International Inc., Wiesbaden. Dr. Wolfgang Zillessen ist dort Mitglied der Geschäftsleitung.