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14.03.2011

TOP DE: Erdbebenfolgen für deutsche Konzerne bisher begrenzt

Von Markus Klausen DOW JONES NEWSWIRES

Von Markus Klausen DOW JONES NEWSWIRES

FRANKFURT (Dow Jones)--Die Folgen des verheerenden Erdbebens in Japan fallen für deutsche Großunternehmen mit einer Vor-Ort-Produktion nach einer ersten Einschätzung überwiegend begrenzt aus. Während die Rückversicherer die Schäden bisher nicht beziffern können, melden Unternehmen aus der Industrie erste, kleinere Schäden.

Die Börsen spiegeln unterdessen die große Verunsicherung der Anleger wider: Nach herben Kursverlusten zum Wochenbeginn an der Börse in Tokio starten auch zahlreiche deutsche Aktien am Montagmorgen mit deutlichen Abschlägen in den Handel: Munich Re mit einem Minus von 3,7%, die Hannover-Rück gibt 5,3% und die Allianz-Aktie gibt 1,7% nach, das Papier von RWE um 3% und E.ON um gibt gut 3% nach. Insgesamt tendiert der DAX mit einem Minus von 0,6% leichter.

Während die Fernsehsender weltweit grauenhafte Bilder der Zerstörung liefern, tun sich die Versicherer bei der Einordnung der finanziellen Größenordnung dieser Schäden schwer. Munich Re, der weltweit größte Rückversicherer, erklärte am Morgen, es sei noch für "viel zu früh", die volkswirtschaftlichen und die versicherten Schäden zu beziffern. Es werde noch eine Weile dauern, bis "zumindest näherungsweise" feststehe, welche Lasten einzelne Rückversicherer wie Munich Re zu tragen hätten.

Unterdessen hat der Versicherungsdienstleister AIR Worldwide die versicherten Immobilienschäden auf bis zu 35 Mrd USD geschätzt. Doch ist die Prognose noch sehr grob, wie der Anbieter von Software und Beratung zur Risikomodellierung am Sonntag einräumte: Zwischen 14,5 Mrd und 34,6 Mrd USD schwanken die Schätzungen. Damit könnte die Katastrophe in Japan für die Assekuranz zum teuersten Erdbeben der Geschichte werden.

Allerdings, und das könnte den Schaden begrenzen, wird Erdbebenschutz in Japan nur als teure Zusatzpolice angeboten. Viele Japaner haben darauf verzichtet, so dass für einen Großteil der Schäden auch kein Versicherer aufkommen dürfte, wie James Vickers vom Versicherungsbroker Willis Re erklärte. Auch gehöre die am schwersten betroffene Region nicht zu den Wirtschaftszentren der Insel.

Auch Munich Re geht davon aus, dass bei der Deckung von privaten Erdbebenschäden nur "ein sehr kleiner Teil" des Risikos ins Ausland transferiert wird. Die Folgen der schweren Unfälle in den japanischen Atomkraftwerken dürften die private Versicherungswirtschaft ebenfalls "nicht signifikant" betreffen.

Neben der Versicherungsbranche ist der Automobilsektor vom Beben betroffen. Nachdem japanische Autohersteller wie Toyota, Nissan und Honda ihre gesamte Produktion wegen der Katastrophe und ihrer Folgen ausgesetzt haben, zeichnen sich auch Folgen für deutsche Hersteller ab. So hat die japanische Lkw-Tochter von Daimler, Mitsubishi Fuso Truck and Bus Corporation, die Produktion für diese Woche gestoppt. Die Sicherheit der 12.836 Mitarbeiter habe oberste Priorität, betonte ein Konzernsprecher am Montag in Stuttgart. Nach bisherigem Kenntnisstand sei kein Mitarbeiter zu Schaden gekommen.

Ein BMW-Sprecher sagte, es sei noch zu früh, die wirtschaftlichen Auswirkungen abzuschätzen. Der Münchener Autokonzern produziert zwar nicht in Japan, beschäftigt nach eigenen Angaben aber gut 700 Mitarbeiter im Vertrieb, in den Niederlassungen, beim Marketing und der Finanztochter. Die 50 deutschen Kollegen seien bereits ausgeflogen worden oder auf dem Weg. Den japanischen Beschäftigten habe BMW Hilfe angeboten, etwa in Form von Unterkünften im Süden der Insel, sagte der Sprecher.

Beim Automobilzulieferer Continental kann man noch nicht sagen, in welchem Ausmaß Mitarbeiter in Japan von dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami betroffen sind. Das Unternehmen habe ein Krisenteam eingerichtet, das in regelmäßigen Abständen den Vorstand informiere. In Japan hat das MDAX-Unternehmen Standorte in Yokohama, Hamakita, Asahi, Monbetsu, Hiroshima und Utsunomiya. Dabei handele es sich vor allem um Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie Marketing und Vertrieb.

Beim weltgrössten Automobilzulieferer Bosch gibt es nach jetzigem Stand keine Verletzten und Toten unter den Beschäftigten in Japan. Bosch betreibt in Japan 36 Standorte mit etwa 8.000 Mitarbeitern, davon rund 130 Deutsche. Es gebe Schäden an Gebäuden, die sich aber im Rahmen hielten, sagte ein Sprecher am Wochenende. Bosch geht nicht davon aus, dass die Produktion stark beeinträchtigt wird. Vereinzelte Schwierigkeiten gebe es aber auf Zuliefererseite.

Auch beim Autozulieferer ElringKlinger sagte ein Sprecher, die Fertigung laufe. Allerdings sei unklar, wie sich die Katastrophe auf die Nachfrage aus der Autoindustrie auswirken werde. ElringKlinger ist in Japan über ein Joint-Venture vertreten, das an vier Standorten etwa 200 Mitarbeiter beschäftigt.

Beim Nutzfahrzeug- und Maschinenbauer MAN seien nach jüngsten Angaben die Mitarbeiter in Japan in Sicherheit. MAN hat in Japan nur rund ein Dutzend Mitarbeiter für MAN Diesel & Turbo. Die Münchener lassen in Japan Schiffsdieselmotoren in Lizenz fertigen.

Ähnlich äußerten sich Leoni und Tognum: Leoni verfüge in Japan über keine Produktion, sondern "nur" eine Vertriebsniederlassung. Diese befinde sich in der Stadt Nagoya, in der es offensichtlich keine schlimmen Auswirkungen der Katastrophe gegeben habe. Tognum betreibe in Japan ein Joint Venture, das eine reine Vertriebsgesellschaft ist. In zwei Büros in Osaka und Tokio arbeiten rund 30 Mitarbeiter. Durch das Erdbeben gab es nach Aussage einer Sprecherin keine Verletzten und auch keine Schäden an den Büros, so dass der Betrieb ganz normal weiter laufe.

Andere Industriezweige klären noch die Auswirkungen des Bebens. So kann der Chemie- und Pharmakonzern Bayer noch keine näheren Angaben machen. Man habe Kontakt zu den Mitarbeitern und müsse keine Toten oder Verletzten beklagen, sagte ein Konzernsprecher lediglich. Bayer beschäftigt in Japan rund 3.400 Mitarbeiter und betreibt vier Produktionsanlagen im Westen des Landes. Das Beben erschütterte am Freitag den Nordosten Japans. Dazu hat Bayer Forschungsanlagen und Verwaltungsgebäude, auch in Tokio. An einigen Gebäuden habe es Schäden gegeben, sagte der Sprecher. Über die genauen Ausmaße müsse sich Bayer aber noch Überblick verschaffen.

Bei BASF hieß es, dass keine Mitarbeiter zu Schaden gekommen seien, die Schäden an Anlagen würden derzeit überprüft. Betriebe, die Probleme hätten, seien heruntergefahren worden. Es gebe noch keine Details derzeit. Nach Angaben einer BASF-Sprecherin setzte das Unternehmen in Japan 2010 1,7 Mrd EUR um und beschäftigte 1.740 Mitarbeiter. Zum Vergleich: Der Konzernumsatz von BASF betrug 2010 63,9 Mrd EUR. BASF verfügt in Japan über 27 Produktionsbetriebe, die überwiegend technische Kunststoffe, Dispersionen, Bauchemie und Lacke produzieren.

Auch beim Einzelhändler Metro, der neun Cash & Carry-Märkte im Großraum Tokio mit rund 1.000 Mitarbeitern betreibt, habe eines keine Verletzte gegeben. Es gebe leichte Gebäudeschäden, die Märkte wurden kurzzeitig geschlossen, seien aber bereits seit Samstag schon wieder geöffnet und in Betrieb.

Während die Unternehmen und die Menschen in Japan sich derzeit darauf konzentrieren, die Verwüstungen und Schäden abzuschätzen, versuchen Aktienhändler mögliche Gewinner eines Wiederaufbau Japans auszumachen. Bauwerte sowie die Hersteller von Baustoffen und Baumaschinen könnten dabei profitieren, aber auch Stahlwerte zählten dazu, meinen Händler.

Die deutschen Baukonzerne Hochtief und Bilfinger Berger sind in Japan allerdings nicht vertreten. Hochtief verfügt über ihre australische Tochter Leighton zwar über ein starkes Standbein in der asiatisch-pazifischen Region, konzentriert sich aber hier auf Australien, die Golfregion sowie einige ausgewählte asiatische Standorte wie Hongkong oder Indien. Der Umsatz des Geschäftsbereichs Hochtief Asia Pacific lag 2009 bei rund 7,8 Mrd EUR.

Bilfinger Berger konzentriert sich vermehrt auf das Dienstleistungsgeschäft und hat den Bau in der Vergangenheit erheblich zurückgefahren. Die Schwerpunkte des Baugeschäfts liegen in europäischen Märkten: Deutschland, Österreich, Schweiz, osteuropäische Länder, Großbritannien und Skandinavien.

Am Freitag hatte ein sehr schweres Erdbeben Japan erschüttert. Anschließend war eine meterhohe Flutwelle über das Land gerollt und hinterließ eine Spur der Verwüstung in dem Land. Tausende Menschen starben bei der Katastrophe, mehrere Tausend werden vermisst. Die Folgen für die drittgrösste Wirtschaft der Welt sind noch nicht abzusehen.

-Von Markus Klausen, Dow Jones Newswires; +49 (0)69 29725 104, unternehmen.de@dowjones.com (Nico Schmidt, Stefanie Haxel, Rüdiger Schoss, Heide Oberhauser, Natali Schwab, Katharina Becker, Thomas Leppert in Frankfurt haben zu dem Bericht beigetragen.) DJG/kla/cbr

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