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02.12.1994

Traditionelle Ablaeufe ersticken moegliche Leistungssteigerung

Dr. Hans Seifert, Geschaeftsfuehrer der Boston Consulting Group, Praxisgruppe Investitionsgueter, Muenchen

Am Anfang steht immer Angst, Zukunftsangst. So einleuchtend das Konzept des Re-Engineering auch klingt, so sehr wird es doch mit dem Verlust gewohnter Prozeduren in Verbindung gebracht. Veraenderungen aber sind nicht sonderlich beliebt. So manche gute Idee ist schon von dem Argument "But we've done it before!" erschlagen worden.

Aber wenn etwas frueher lief, muss es nicht unbedingt gut gelaufen sein. Business Re-Engineering ist eine betriebswirtschaftliche Methode, mit der Ablaeufe optimiert werden koennen. "Moment mal", wirft da der IT-Manager ein, "das ist mein Text. Wenn wir nur etwas mehr in unsere Datenverarbeitung investieren wuerden, koennten die Prozesse in unserem Betrieb schneller, besser und effizienter ablaufen." Was ist da Henne, was ist Ei? Ist Re-Engineering der Hammer, mit dem auf der IT-Plattform herumgeschlagen wird, oder genuegt eine intelligent vernetzte Macht von MIPS, um die Geschaeftsprozesse zu verbessern?

Ich denke, Informationstechnologie kann sowohl ein erster Hebel als auch ein komplexeres Werkzeug fuer gezieltes Re-Engineering sein. Nur eines kann sie nicht: dieses ersetzen. Das waere kein grundlegendes, sondern nur ein kosmetisches Konzept.

Beispiel: Die international angelegte klinische Studie im Zulassungsverfahren eines neuen Medikaments - ein ungemein komplizierter Prozess. Wer hier schneller wird, spart nicht nur Kosten. Die bessere Ausnutzung der Patentlaufzeit bedeutet zusaetzliche Umsatz- und Ertragszuwaechse. Genau dies gelang einem weltweit fuehrenden Pharmaunternehmen - und zwar durch das konzeptionell richtige Vorgehen: Re-Engineering erbrachte in einem ersten Schritt eine Zeiteinsparung von 30 Prozent. Und IT-Einsatz fuehrte dann zu einer nochmaligen Verkuerzung um 50 Prozent. Die Betonung liegt auf "dann". Erst neue Schnittstellen und Ablaeufe als Resultat gedanklicher Vorarbeit im Re-Engineering machten auch die IT-Reform so produktiv.

Nun wird immer komplexere Software zum Workflow-Design und Prozess- Management angeboten. Und immer oefter lehnen IT-Berater die schlichte Entgegennahme einer Bestellung ab, bestehen vielmehr darauf, die zu verbessernden Geschaeftsablaeufe detailliert kennenzulernen.

Laengst geht es ihnen nicht mehr darum, Loesungen fuer das DV-System zu verkaufen, sondern Loesungen fuer das System Kunde-Unternehmen anzubieten. Die Spezialisten von Re-Engineering und Informationstechnolgie streben also zum selben Punkt - nur eben von verschiedenen Seiten.

So standen viele Unternehmen bereits vor Entscheidungen, in denen an sich ueberlegte Ansaetze nur deshalb scheiterten, weil die damit verbundenen IT-Investitionen ein radikales Umschwenken nicht berechenbar erscheinen liessen. Re-Engineering mit neuen Prozessvorgaben stellt diese Kalkulation unter veraenderten Rahmenbedingungen auf den Pruefstand und bietet damit die Chance zu einem informationstechnologischen Quantensprung.

Umgekehrt gleichen mancherorts die Systemloesungen immer noch autarken Inseln mit eifersuechtig bewachten Schnittstellen. Hier legt die Konzentration auf Geschaeftsprozesse die Verzoegerungen im Informationstransfer bloss. Das kann zu dem Entschluss fuehren, isolierte Systeme durch Netzwerke abzuloesen. Es kann aber auch die Empfehlung bringen, Netze abzubauen und statt 500 weiterer Terminals 100 intelligente PCs einzusetzen.

Noch einmal ein Beispiel aus der Praxis. In diesem Fall ging es darum, die Fertigung beschichteter Spanplatten schlanker, also schneller und kostenguenstiger zu gestalten. Zunaechst plante man, die immense Belegflut als einen der Hauptkostentreiber durch einen Werksrechner zu strukturieren. Zum Glueck schreckten die Kosten fuer das PPS-System: rund eine halbe Million Mark. So bekam Re- Engineering eine Chance. Und tatsaechlich: Die schliesslich gewaehlte neue Struktur kam durch den Abbau von Schnittstellen mit einer PC- Loesung im Netzwerk und einer Dbase-Mengenverwaltung aus. Hoehe der IT-Investition: 90000 Mark. Viel entscheidender noch war aber die Reduzierung der gesamten Fertigungskosten durch einfachere Ablaeufe.

So ist gezieltes Re-Engineering fuer viele Unternehmen nicht zuletzt auch der Weg, die vorhandenen und haeufig brachliegenden Potentiale der eingesetzten Informationstechnologie auszuschoepfen. Server, relationale Datenbanken, Expertensysteme, Wareneinsatz- und -distributionssysteme und Mobilkommunikation weisen nicht selten nur deshalb unzureichende Erfolgswerte auf, weil traditionelle Ablaeufe jede Leistungssteigerung durch Technik von vornherein im Keim ersticken. Re-Engineering legt den Finger genau auf diese Wunden. Zugegeben - das mag viele schmerzen. Aber wer will sich schon damit abfinden, dass ein flehendes "But we've done it before!" den Weg fuer Verbesserungen versperrt?