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17.04.1987 - 

BMFTNixdorf-Projekt "Modellqualifizierung für moderne Bürotechnologie", 3. Folge

Trainer sind mehr als nur Wissensvermittler

Technik und Einführungsstrategien von integrierten respektive integrierenden Systemen stellen den Anwender vor viele neue Probleme. Das Projekt "Modellqualifizierung für moderne Bürotechnologie", das das Nixdorf-Weiterbildungszentrum zusammen mit der Sozialwissenschaftlichen Projektgruppe (SPG) München betreut, wurde vom Bundesminister für Forschung und Technologie (BMFT) gefördert. Die COMPUTERWOCHE berichtet in loser Folge über dieses Projekt, das unter anderem neue Qualifizierungsstrukturen erarbeiten soll.

Ein Ziel des Projektes "Modellqualifizierung für moderne Bürotechnologie" war deshalb, Fragen zu klären wie: Welche Ausbildung müssen Trainer für anwendernahe Qualifizierung haben? Welche persönlichen Merkmale sind von Bedeutung? Welches Wissen und Können ist erforderlich? Welche sonstigen Anforderungen müssen an sie gestellt werden?

Die Trainer in der Herstellerschule sind fast ausschließlich ausgebildet für Schulungen an anlagen- und softwarespezifischem Bedienerwissen und Standardanwendungen. Sie haben umfassende technische Kenntnisse in ihrem Fachbereich (Anlage, Software). Ihre Sprachwelt ist die der Datenverarbeitung und ihre Begriffswelt die des Herstellers. Außerdem haben sie eine methodisch-didaktische Grundausbildung. Sie erstellen Schulungskonzepte und Schulungsunterlagen, inklusive allgemeiner Standardbeispiele, für "fiktive" Teilnehmergruppen. Das heißt, der Trainer definiert eine Zielgruppe und legt fest, welches Wissen für diese von Interesse ist.

Für sein mehrjähriges - selten mehr als 1-2 Wochen dauerndes Seminar in den Räumen der Herstellerschule hat der Trainer dann ein strukturiertes Konzept, in dessen Rahmen er möglichst viel seines umfangreichen Fachwissens über Technik und Software an die Teilnehmer gibt. Dies ist für ihn "sicherer Boden", auf dem er dem Anwender überlegen ist.

Kritik an seinem Vorgehen sieht er deshalb oft als persönliche Niederlage an. Ein auf den Seminarinhalt bezogenes umfangreiches Feedback zum Seminarende erfolgt nicht - sei es aus Bequemlichkeit, aus Angst, aus Zeitmangel, oder weil die Teilnehmer nichts zu sagen haben.

Spätere Rückmeldungen der Teilnehmer über Einsetzbarkeit des Gelernten am Arbeitsplatz gelangen nur in Form von Beschwerden zum Trainer und zu dessen Vorgesetzten. Weitere Nachfragen beim Anwender werden in der Regel nicht gestartet.

Diese Trainer aus der Herstellerschule wurden im Projekt "Modellqualifizierung" ohne zusätzliche Ausbildung mit dem Problem der anwendernahen Qualifizierung konfrontiert. Die Trainermannschaft war zudem sehr unterschiedlich hinsichtlich Alter, Branchenerfahrung (im Projekt "Bankerfahrung"), Zugehörigkeit zur Schule des Herstellers etc. strukturiert.

Die Trainer im Projekt mußten den "sicheren Boden" vorstrukturierter Konzepte verlassen, immer wieder ihre Vorgehensweise und die Seminarinhalte hinterfragen und neue Themen auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der fordernden Anwender ausrichten. Sie mußten herausfinden: Was wollen die Teilnehmer wissen? Wo liegen deren Probleme? Welche Aufgabenstellungen sollten mit moderner Bürotechnologie gelöst werden? Ihre Aufgabe war es, für die Erarbeitung von Lösungen zu motivieren. Sie mußten die Teilnehmer dazu bringen, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden, über mögliche Lösungen zu diskutieren und konstruktive Kritik am Vorgehen des Trainers zu üben.

Die unterschiedlichen "persönlichen" Kriterien waren ohne Einfluß auf die anwendernahe Gestaltung der Qualifzierungsmaßnahmen. Alle Trainer hatten die gleichen Probleme, ihren Part auf die Bedürfnisse der Anwender auszurichten.

Mit ihrer heutigen Ausbildung sind sie überfordert, ihnen fehlen Organisationswissen, Wissen über Verfahrens- und Vorgehensweisen sowie Kenntnisse der Moderation und der Gruppendynamik.

Die Analyse der Projektergebnisse brachte für die Anforderungen an die Trainer des Herstellers folgende Erkenntnisse: Der Trainer für anwendernahe Qualifizierung muß sich schon im Vorfeld eines Seminars intensiv mit seinen Teilnehmern und deren Arbeitswelt auseinandersetzen. Nur dann kann er sich individuell auf seine Teilnehmergruppe einstellen.

Im Seminar selbst darf er nicht der Allwissende sein, der möglichst viel

Fachwissen an eine Konsumentengruppe abgibt, sondern gleichberechtigtes Mitglied einer Arbeitsgruppe, in die er sein spezielles Wissen einbringt. Hierbei wird nur in geringem Umfang reines Technikwissen benötigt; viel wichtiger sind Verfahrens- und Vorgehensweisen bei der Erarbeitung von Lösungen und Organisationswissen. Seine Sprache darf nicht die des Technikspezialisten sein, sondern die des Anwenders. Im Vordergrund dürfen nicht Fachbegriffe stehen, sondern das Verstehen und Erkennen von Zusammenhängen und Hintergründen, die in Lösungen umgesetzt werden

können. Er präsentiert nicht Standardlösungen, sondern regt die Gruppe zur Erarbeitung von Lösungen an.

Hierzu benötigt er nicht unbedingt detaillierte Branchenkenntnisse und -erfahrungen. Anwenderfachwissen haben die Teilnehmer und können es aus ihrer täglichen Arbeitserfahrung viel besser einbringen. Dies kann sogar dazu führen, daß fehlendes Anwenderwissen des einen Teilnehmers durch vorhandene Kenntnisse eines weiteren Teilnehmers ergänzt wird. Hat keiner der Anwesenden dieses Wissen, so muß der Trainer in der Lage sein, einen anderen "Experten" heranzuziehen oder Anregungen zu geben, wo und wie fehlendes Anwenderwissen erworben werden kann.

Ebenso wichtig wie die Seminarvorbereitung ist das Nachbereiten, das heißt die Anregung aussagefähige Kritik, deren Verarbeitung und Weiterführung in neuen Qualifizierungen.

Der Trainer muß für dieses Vorgehen zu einem neuen Selbstverständnis finden. Er ist nicht mehr der Wissensproduzent für eine Masse stummer Konsumenten oder sogar der Mittelpunkt des Seminars, sondern nur ein gleichberechtigtes Mitglied einer Arbeitsgruppe, die er lenkt und motiviert. In diese bringt er nur bei Bedarf Verfahrens- und Organisationswissen ein. Er muß erkennen können, was der Anwender will und wann tatsächlich Zusatzwissen erforderlich ist. Dies setzt erhebliches analytisches Denkvermögen voraus. Aber auch ein hohes Maß sowohl räumlicher (Qualifizierungen müssen anwendernah stattfinden) als auch geistiger Flexibilität.

Er darf sich in Zukunft nicht mehr an der Zahl der angegebenen Fakten messen, sondern an der Qualität und Quantität der aufgeworfenen Fragen und angestoßenen Lösungsprozesse. Hierzu benötigt er neben Verfahrens- und Organisationswissen eine umfangreiche Ausbildung in der Moderation von gruppendynamischen Prozessen.

Das bedeutet aus heutiger Sicht zunächst eine umfangreiche Bereitschaft zur Weiterbildung, die er nur mit der Unterstützung (Angebot, Zeit) seines Arbeitgebers, der Herstellerschule, umsetzen kann. Aber gefragt sind auch Mut zum Abenteuer "Anwendung" und Bereitschaft zum Risiko "Anwenderbedarf". Dieser läßt sich nun mal nicht vordenken und -strukturieren. Er sieht immer anders aus.

Informationen: Nixdorf Computer AG, Aus- und Weiterbildungszentrum Wiesbaden, Adele Heinz, Gustav-Stresemann-Ring 12-16, 6200 Wiesbaden.

Sozialwissenschaftliche Projektgruppe, Veronika Lullies, Ohmstraße 16, 8000 München 40, oder Ursula Jacobi, Obergasse 18, 8911 Finning.

*Adele Heinz ist als Projektreferentin, Aus- und Weiterbildung der Nixdorf Computer AG, und Christoph Lammersdorf als Leiter der Kundenschulung im gleichen Unternehmen tätig.