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21.11.1986 - 

Typografische Gründe bedingen wechselseitige Abhängigkeiten, aber:

Trennung von Inhalt und Layout ist entscheidend

Textverarbeitungssysteme haben inzwischen im Software-Repertoire für kleine und mittlere Rechner ihren festen Platz. Die verfügbaren Produkte basieren jedoch auf unterschiedlichen Benutzermodellen. Johannes Röhrich* vergleicht in seinem zweiteiligen Beitrag die einzelnen Modelle, die bei Textverarbeitungssystemen Pate gestanden haben und beleuchtet in diesem Zusammenhang entsprechende Produkte aus der Unix-Welt (Teil 2 und Schluß).

Dem Benutzermodell zufolge gliedert sich die Benutzerschnittstelle des Gesamtsystems in eine Texterfassungs- und -bearbeitungsschnittstelle, eine Schnittstelle zur Gestaltung des Schriftbilds und eine Schnittstelle zur Festlegung der Flächenaufteilung. Gewisse Grundfunktionen sind allen drei Schnittstellen des Dokuments gemeinsam. Dazu zählen insbesondere Funktionen zum Betrachten des Dokuments, zum Löschen, Kopieren und Bewegen von Objekten, Funktionen zur Visionskontrolle sowie die aus ergonomischen Gründen unbedingt erforderlichen Sicherungs- und Rücksetzfunktionen.

Die Texterfassung selbst spielt bei den meisten Dokumenten eine untergeordnete Rolle. Nur in Fällen, in denen bereits ein geschriebenes Manuskript existiert oder eine vom Autor verschiedene Schreibkraft das Dokument erstellt, verschiebt sich das Benutzerspektrum in Richtung auf eine Texterfassung.

Will man ein Dokument ändern, so muß man es zunächst in einer dazu geeigneten Form betrachten und beurteilen, primär also lesen können. Eine Änderung der Gestalt geht ebenfalls eine Beurteilung des Bestehenden voraus.

Antwortzeiten hängen von der Art des Textzugriffs ab

Die wichtigsten Grundfunktionen zum Lesen sind:

- Darstellung einer oder mehrerer "Seiten" wählbarer Größe, gegebenenfalls aus verschiedenen Dokumenten.

- differentielle Darstellung mehrerer Versionen des Dokumentes;

- assoziatives Suchen nach bestimmten Textstellen und bestimmter Auszeichnungen;

- Lesezeichen;

- kontinuierliche Rollen;

- seitenweises Blättern in beiden Richtungen, Blättern entlang der Gliederung beziehungsweise allgemein der Dokumentenstruktur, entlang in bestimmter Weise ausgezeichneter Textstellen und entlang der Unterschiede zwischen Versionen.

Vor allem beim seitenweisen Blättern und beim Springen zu einem Lesezeichen muß das System rasch, mit kaum merklicher Antwortzeit, reagieren. Die Zeit zum Suchen weit entfernter Textstellen darf hingegen spürbar von der Entfernung abhängen. Das gilt auch für das Blättern entlang der Gliederung, entlang ausgezeichneter Begriffe und entlang der Unterschiede zwischen Versionen. Aus wahrnehmungspsychologischen Gründen sollte das Rollen wirklich kontinuierlich, weich und mit einer Geschwindigkeit erfolgen, die sich zum Mitlesen eignet.

Änderungen erfolgen immer lokal, an einer einzigen Stelle im Dokument. Diese muß zunächst rasch auffindbar sein. Weiterhin können Änderungen von weit von der Änderungsstelle entfernten Textstellen abhängen und diese inhaltlich oder gestalterisch beeinflussen. Man muß solche Stellen im Dokument auffinden, während der Änderung sehen und - bei inhaltlichen Änderungen - systematisch mitändern können.

Sicht auf das Dokument bestimmt Änderungen

Geändert werden stets Objekte im Sinne der Sicht, die man jeweils auf das Dokument hat. Aus inhaltlicher Sicht sind dies Zeichen, Wörter, Sätze, Absätze, Abschnitte, Phrasen und Auszeichnungsfunktionen. Bei der Gestaltung des Schriftbildes ändert man die grafische Interpretation der Auszeichnungsfunktionen, beim Layout die geometrische Größe und Anordnung der Text- und Bildblöcke sowie die Reklamationen zwischen diesen.

Allgemeine Funktionen zum Ändern sind:

- Einsetzen eines Objekts;

- Löschen eines Objekts;

- Bewegen oder Kopieren eines Objekts an eine andere Stelle und

- Ersetzen eines Objekts durch ein anderes.

Bevor eine Änderung ausgeführt wird, muß der Benutzer das beziehungsweise die betroffenen Objekte auswählen und die entsprechende Operation, das "Verb", angeben. Dabei sollte die Reihenfolge der Angabe frei wählbar sein, und die betroffenen Objekte müssen in geeigneter Weise als ausgewählt dargestellt werden, zum Beispiel umrahmt, invertiert oder farbig.

Die Tätigkeit des inhaltlichen Änderns gliedert sich in das Ändern des textuellen Gehalts des Dokuments und das Ändern der inhaltsbezogenen, deklarativen Auszeichnung.

Zur raschen, störungsfreien Bearbeitung deutscher Texte müssen vor allem zwei Anforderungen erfüllt sein. Erstens müssen die Umlaute "ä", "ö". und "ü" sowie das scharfe "ß" in einfacher Weise erzeugbar sein, falls sie sich nicht bereits auf der Tastatur befinden. Das scharfe "ß" ist in den Schriften existierender Textverarbeitungssysteme oft nicht einmal vorhanden. Zweitens müssen diese Zeichen auch als Buchstaben behandelt werden, was ebenfalls nicht selbstverständlich ist.

Werden neben dem eigentlichen Text auch Editierbefehle und Auszeichnung in textueller Form eingegeben, so ergibt sich das bekannte Modus-Problem: Der Benutzer denkt über etwas nach oder wird abgelenkt, vergißt, ob er sich gerade im Einfüge-, Ersetzungs-, Kommando- oder einem sonstigen Modus befindet, und macht daraufhin unnötige Fehler. Es herrscht deshalb heute weitgehend Übereinstimmung darüber, daß Modi entweder ganz vermieden oder auf höchstens zwei beschränkt werden sollten: einen Text- und einen Kommandomodus.

Es gibt jedoch eine Schwierigkeit: Die Auszeichnung muß in einer zum Editieren geeigneten Form dargestellt werden, die die Abbildung des Textes selbst nicht zu sehr stört. Dies gilt vor allem für WYSWYG-ähnliche Darstellungen. Ein auf dem Bildschirm kursiv gestelltes Wort kann ja verschieden ausgezeichnet sein, zum Beispiel als neu definierter Begriff, als Stichwort oder auch einfach als betont. Umgekehrt schlägt sich nicht jede Auszeichnung in einer Veränderung des graphischen Bildes nieder; einer Überschrift kann man nicht ansehen, ob sie zu denen gehört, die ins Inhaltsverzeichnis aufgenommen werden, oder nicht.

Zur typographischen Gestaltung eines Dokuments "im Kleinen" müssen im wesentlichen Attribute festgelegt werden, die die Abbildung der einzelnen ausgezeichneten Textobjekte auf ein graphisches Medium beschreiben. Zu diesen Attributen gehören:

- die Schriften (Schriftschnitt, -grad, -stärke, Laufweite);

- horizontale und vertikale Abstände, Einzüge, Linien:

- die Form von Absätzen;

- die Form von Kapitel-, Abschnitts-, Abbildungs- und Tabellenüberschriften;

- Referenz- und Numerierungssysteme für Abschnitte, Formeln, Abbildungen, Tabellen, Aufzählungen und ähnliches sowie

- die Form von Inhalts-, Literatur- und sonstigen Verzeichnissen.

Hierbei ist eine WYSIWYG-Sicht von großem Vorteil. Diese sollte jedoch nicht einen zusammenhängenden Teil des vollständigen Dokuments, sondern frei wählbare Ausschnitte zeigen, in denen die ausgezeichneten Objekte einander gegenübergestellt und im Zusammenhang gestaltet werden können.

Die heute üblichen Auflösungen von Rasterbildschirmen reichen für eine wirkliche WYSIWYG-Sicht leider nicht aus. Dieses Problem wird auch nicht durch Vergrößerung gelöst; denn Schrift kann man nur in ihrer absoluten Große - und eigentlich auch nur auf dem letztendlichen Medium - wirklich gut beurteilen.

An sich muß die Aufteilung des Dokuments auf die zur Verfügung stehende Fläche gemäß einer Beschreibung der physikalischen Dokumentenstruktur, im wesentlichen also des geometrischen Aufbaus laufender Textseiten, völlig automatisch erfolgen. Der Seitenaufbau - im einfachsten Fall eine Menge von Rechtecken mit Angaben über den darin enthaltenen Text oder Linien - wird am besten mit grafischen Mitteln "gezeichnet".

Ganzseitengestaltung

Die ästhetisch ansprechende Anordnung von Abbildungen und zahl- und umfangreichen Fußnoten, die nicht zusammen mit dem diese referierenden Text auf eine Seite passen, bereits jedoch in manchen Fällen Schwierigkeiten, die nur mit menschlicher Mithilfe gelöst werden können.

Das Konzept verschiedener Sichten auf ein Dokument, einer inhaltlichen und gegebenenfalls mehrerer Gestaltungssichten, ist heute nur in Systemen zur Ganzseitengestaltung zu finden. Zukünftige WYSIWYG-Systeme können auch in dieser Hinsicht erheblich weiterentwickelt werden. Die Zielsetzung sollte eine Trennung von Gehalt und Gestalt sein, die den Autor bei der Erstellung des Inhalts des Dokuments von der Last der Gestaltung befreit und befriedigende Antwortzeiten auch auf üblichen Arbeitsplatzrechnern garantiert, die es andererseits aber auch ermöglicht, das Dokument im typischen WYSIWYG-Stil in allen typographischen Feinheiten zu gestalten.

Dr.Johannes Röhrich ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Informatik II der Universität Karlsruhe.