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30.09.1988

Treten die Infonauten ins zweite Glied?

Mit knapp 30 000 offenen Stellen beziffert der Fachverband Büro- und Informationstechnik im ZVEI den Bedarf an Informatikern in der Bundesrepublik. Diese Zahl wird inzwischen von vielen Computerherstellern bezweifelt. So stellen zum Beispiel Nixdorf und Bull zunehmend fertigungsorientierte Praktiker ein, also Elektroingenieure, Maschinenbauer, Bankkaufleute, Ärzte und Juristen, die die Probleme der Anwender kennen. "Chancen, an der Hardware herumzubasteln, gibt es kaum Hoch", heißt es bei Bull. Klaus Luft, Vorstandschef der Nixdorf AG, unterstreicht dies: "Investitionen in die Mitarbeiter, nicht in die Technik, standen im vergangenen Jahr im Vordergrund. Dabei war die Branchenorientierung ungeheuer wichtig."

CIM macht es notwendig, daß Produktions- und Planungs-Software aufeinander abgestimmt werden. Die Gesprächspartner der Computerfertigungsfirmen sind nicht mehr die EDV-Leiter, sondern Produktions- und Vertriebschefs, die Leiter der Materialwirtschaft und des Finanzwesens. So hat die Kölner Bull AG gerade in letzter Zeit 50 Diplomingenieure und

-kaufleute angeheuert. "Informatik wird heute als Nebenfach von fast allen Hochschulen mitgeliefert", heißt es dazu.

Wie genau die Arbeitsteilung in der informationsverarbeitenden Wirtschaft stattfinden soll, darüber streiten sich gegenwärtig noch die Experten. Teamarbeit ist angesagt, wobei die Bedeutung des reinen Computer-Fachmanns, des Informatikers, offensichtlich abnimmt - jedenfalls an der Verkaufsfront. In den Software-Häusern aber werden sie natürlich nach wie vor gebraucht. Und so wird die Frage, wie ein Team am besten zusammengesetzt werden soll, heute noch mit "sowohl als auch" beantwortet. Denn das Generalisieren geht häufig am Detailproblem vorbei. Je näher die zu bearbeitenden Aufgaben am Computer lokalisiert sind, um so stärker ist der Spezialist gefragt, der schon in seiner Grundausbildung eine breite theoretische Basis gewonnen hat. Was künftig an theoretischen Kenntnissen in der Datenverarbeitung eines größeren Unternehmens verlangt wird, geht weit über eine nachträglich erworbene Qualifikation hinaus.

Die Frage, die sich heute stellt, ist, ob die rund 600 Millionen Mark, die die Bundesanstalt für Arbeit noch im vergangenen Jahr für die Ausbildung von Computerspezialisten ausgegeben hat, richtig angelegt sind. Noch sprechen die Zahlen für die Maßnahmen der Bundesanstalt. Denn wer sich als Fachmann aus seinem benachbarten Wissensgebiet durch Umschulung und Quereinstieg zum Computerspezialisten qualifiziert hat, braucht sich um einen Job nicht zu sorgen.

Während im Mittel die Arbeitslosenquote bei acht Prozent liegt, suchen nur drei Prozent der Computerfachleute einen Arbeitsplatz. Dazu kommt, daß ihr Gesamtniveau über dem des Durchschnitts der Beschäftigten liegt. Allerdings ist der Streß angesichts der hohen Beanspruchung durch die Technik ebenfalls überdurchschnittlich hoch. Die Faszination dieser Technik führt allerdings oftmals auch dazu, daß viele am Computer arbeitende Freaks länger vor dem Bildschirm hocken, als es die Tarifverträge vorsehen.

Bereits heute ist ein Drittel aller Beschäftigten mit der Informationsverarbeitung befaßt. Tendenz steigend. Prognosen gehen dahin, daß sich bis Ende des Jahrhunderts diese Zahl verdoppelt. Die Zahl der eigentlichen Computerfachleute nimmt sich demgegenüber fast bescheiden aus: 300 000 - gerade ein Prozent aller Beschäftigten.

Das macht deutlich, daß der Ausbau des Studienganges Informatik an vielen Hochschulen der Bundesrepublik noch richtig ist. Die zur Zeit vorhandenen 2500 Studienplätze sind gegenwärtig mit 5000 bis 7000 Studenten völlig überbelegt. Die Gefahr, daß am Bedarf der deutschen Wirtschaft "vorbeiproduziert" wird, wie es zur Zeit bei den Ärzten und Juristen der Fall ist, besteht hier nicht. Es gilt aber, die gegenwärtigen Studienpläne in Richtung Anwendungsorientierung zu ergänzen, was in der Regel auf ein zweites Aufbaustudium hinauslaufen dürfte. Erfolg winkt gegenwärtig noch den Quereinsteigern, die als großes Plus ihre Erfahrungen aus einem anderen Fachbereich in den Job im Dunstkreis des Computers einbringen können.

Solche "Alleskönner", ob sie nun Betriebswirte, Architekten oder Bankkaufleute sind, haben freilich - wie bereits erwähnt - nicht die breite Kenntnis der Grundlagen, wie sie ihre im Studium geschulten Informatik-Kollegen besitzen. Aber offensichtlich sind auch die reinen Informatiker reicht mehr das, was sie einmal waren: Auch sie sind, wie von der Bull AG zu hören ist, Generalisten geworden, "die nur noch auf Schnittstellen-Ebene diskutieren können". In der Tat: Da die Hardware festliegt und die Computer heute fast alle die gleiche Leistung erbringen müssen, gilt es primär, Software-Lösungen für die Probleme der potentiellen Kunden anzubieten. Und da sind derzeit noch beide gefordert der Spezialist und der Generalist. Wer langfristig am längeren Hebel sitzt, wird die Zukunft zeigen.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus M. Magazin Messen & Märkte, September 1988