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01.12.2000 - 

Thema der Woche

Trotz Personalmangels: Die Green Card ist bisher ein Flop

Computerprofis aus Nicht-EU-Ländern werden hierzulande nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Die Unternehmen geben sich sehr zurückhaltend und fürchten, dass diejenigen, die nach Deutschland kommen, nur "zweite Wahl" sind.

Damit hatten wohl weder Politiker noch Verbände gerechnet. Die Green-Card-Aktion, die extra für die IT-Branche ins Leben gerufen wurde, stößt bei den Unternehmen hierzulande nur auf geringe Resonanz. Seit Einführung der neuen Regelung im August dieses Jahres wurden gerade 2500 Arbeitserlaubnisse von den maximal vorgesehenen 20000 erteilt. Das liegt aber weniger, wie im Vorfeld befürchtet, am Desinteresse der ausländischen IT-Profis -, sondern an den deutschen Hightech-Firmen, die sich stark zurückhalten. Bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) stehen 12000 Gesuchen von Computerexperten aus Nicht-EU-Ländern gerade einmal 800 Stellenangebote gegenüber.

Der große Ansturm ist ausgeblieben, erklärt ein Sprecher der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Das klingt untertrieben, denn die Genehmigungen sind von Woche zu Woche weniger geworden. Auffällig ist, dass sich kaum große Konzerne um IT-Experten bemühen. Sie suchen sich ihre Fachkräfte offenbar über die eigenen Niederlassungen und Geschäftspartner in Drittländern. Oder sie sehen sich unter den ausländischen Studenten um, die an deutschen Universitäten studieren und einen Job suchen. Die Vorzüge dieser privat angeheuerten Computerprofis liegen auf der Hand - sie sprechen in der Regel deutsch und müssen nicht erst für viel Geld qualifiziert werden.

Die Zurückhaltung der deutschen IT-Unternehmen mutet indes etwas seltsam an. Schließlich können sie gar nicht oft genug betonen, wie sehr die Hightech-Branche unter Personalmangel zu leiden habe. Es ist auch noch nicht allzu lange her, da haben die Firmen die vom Bundeskabinett zunächst angepeilte Zahl von 10000 Fachkräften als viel zu niedrig kritisiert.

Hört man sich heute bei den IT-Unternehmen um, so heißt es, die Green-Card-Aktion laufe an der Wirklichkeit in der Branche vorbei. Als Gründe werden genannt: Die Bezahlung sei zu hoch, die Sprachbarrieren zu groß, die Einarbeitung und die Integration zu mühsam. Zudem wird beklagt, dass die wirklich guten Spezialisten aus dem Ausland sowieso kein Interesse an Deutschland hätten und lieber in die USA gingen. Fazit: Diejenigen, die nach Deutschland wollen, seien "zweite Wahl".

Selbst der IuK-Dachverband Bitkom ist in Sachen Green Card nicht mehr so euphorisch wie noch auf der CeBIT. Präsident Volker Jung räumt ein: "Die IT-Profis, die wir mit der Green-Card-Aktion ansprechen wollten, bekommen wir nicht." Viele der zumeist osteuropäischen Bewerber könnten weder Deutsch noch Englisch. Einer indes kann das ewige Lamento nicht mehr hören. Philip Jazek, Chef der Berliner Personalberatung Compujob, versteht zumindest die Kritik an den mangelnden Deutschkentnissen nicht: "In der IT-Branche wird doch sowieso fast nur auf Englisch kommuniziert. Warum sind die deutschen Firmen bloß so unflexibel?" Diese starke Unflexibilität zeige bereits Folgen. Immer mehr IT-Fachkräfte gingen lieber gleich nach England oder in die Schweiz.

Gabriele Kernwein, Geschäftsführerin der PC/Enter Personalvermittlungs-GmbH in Bad Homburg, hält dagegen: "Sprachbarrieren stellen nun einmal eine große Hürde dar. Wie soll jemand eine Applikation schreiben, in der es um die richtige Wiedergabe von Prozessen geht, wenn er die Sprache nicht beherrscht?" Andere Bewerber wiederum könnten zwar Dokumentationen lesen, sich dafür aber verbal nicht ausreichend verständigen. Die Personalberaterin verteidigt die deutschen Unternehmen: "Dass viele ausländische Bewerber nicht richtig Englisch sprechen, damit konnte keiner rechnen."

Ein weiteres Manko sieht Kernwein darin, dass für die Beurteilung der Green-Card-Spezialisten lediglich schriftliche Bewerbungsunterlagen zur Verfügung stehen: "Welches Unternehmen kann es sich denn leisten, potenzielle Mitarbeiter aus Indien oder Russland zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch einzufliegen?" Dieses Face-to-Face-Gespräch sei aber nötig, um die Sozialkompetenz beurteilen zu können. Von Kernweins Kunden hat bisher keiner einen Green-Card-Mitarbeiter eingestellt.

Welche Probleme die Initiative in der Praxis mit sich bringt, belegt ein Beispiel aus Berlin. Die I-net Software GmbH suchte für die Produktentwicklung ihrer Java-Komponenten mehrere Programmierer und wandte sich an das Arbeitsamt. Rund 150 Bewerbungen gingen bei dem Softwarehaus ein, von denen fünf die Basisvoraussetzungen erfüllten. Ralf Bischoff, der als Geschäftsführer für den Personalbereich zuständig ist: "Eine Einstellung der Computerprofis wurde jedoch durch die unrealistischen Gehaltsvorschriften des Arbeitsamtes verhindert."

Der im Rahmen der Green-Card-Initiative vorgeschriebene Mindestlohn für einen Hochschulabsolventen beträgt 6750 Mark pro Monat, für sonstige Bewerber 100000 Mark per annum. Für den I-net-Manager sind diese Zahlen reichlich praxisfremd. Die genannten Gehälter lägen höher, als dies vergleichbare deutsche Bewerber - zumindest in Berlin - pauschal erwarten könnten. Besonders kleinere Unternehmen würden dadurch benachteiligt. Bischoff: "Bei uns verdienen einige Mitarbeiter weniger, als für einen Green-Card-Bewerber vom Arbeitsamt gefordert wird. Für das Betriebsklima ist das nicht gerade förderlich."

Inzwischen haben viele Personaldienstleister erkannt, dass die Unternehmen damit überfordert sind, unter den vielen Bewerbern den passenden Kandidaten zu finden. Aus diesem Grund bieten einige professionelle Jobvermittler Spezialdienste an. Die potenziellen Mitarbeiter werden schon im Ausland auf ihr Vorstellungsgespräch eingestimmt. Auf Wunsch werden die Kandidaten in speziellen Trainings auf ihren Arbeitgeber und die neue Umgebung vorbereitet. Wie sinnvoll diese Vorbereitung ist, erklärt Bernd Sydow, Geschäftsführer von Time & More: "Viele der ausländischen IT-Profis sind wesentlich stärker verunsichert, als wir vermuten." So sei der Mitarbeiter eines Unternehmens bereits am Ende des ersten Arbeitstages wieder abgereist, weil er sich fremd und völlig überfordert gefühlt habe.

Michael Neumann, geschäftsführender Gesellschafter bei Hager & Partner in Frankfurt am Main, wundert dies nicht: "Die Green-Card-Kollegen werden nicht immer mit offenen Armen empfangen." So mancher deutsche Mitarbeiter - oder auch Chef - fürchte offenbar, das Renommee des Unternehmens könne darunter leiden, dass ausländische IT-Profis auf der Gehaltsliste stehen. Neumann will eine solche Einstellung nicht als Fremdenfeindlichkeit interpretieren: "Die Deutschen gehören nun einmal nicht zu den Kosmopoliten dieser Welt. Ihnen ist eine multikulturelle Arbeitswelt suspekt." Hier seien die Amerikaner den Europäern um Lichtjahre voraus. Dennoch gibt sich der Frankfurter Personalberater optimistisch: "Wenn sich die ersten Unternehmen positiv über die Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen äußern, werden die anderen nachziehen."

Wesentlich drastischer hat Compujob-Chef Jazek die Haltung deutscher Personalchefs erlebt. Der Gründer des Unternehmens, das sich auf die Vermittlung polnischer IT-Fachleute spezialisiert hat, hat sich mehrfach den Satz anhören müssen: "Wir brauchen keine Mitarbeiter, die klauen." Jazek und seine Mitarbeiter müssen jenseits der Oder-Neiße-Grenze eine strenge Vorauswahl treffen, um erfolgversprechenden Kontakt zu den Personalbüros knüpfen zu können. Von 1100 Interessenten in Polen seien nach Bewerbungsgesprächen gerade einmal hundert übrig geblieben. Dass Ausländerfeindlichkeit in der Gesellschaft die Integration der Fachkräfte mit Green Card erschwert, musste das Debis Systemhaus (DSH) in München erfahren. Michael Rubas, Projektleiter bei DSH: "Mehrere Wohnungsbesitzer wollten unseren neuen Kollegen aus Südafrika wegen ihrer dunklen Hautfarbe keine Wohnung vermieten."

Doch die Green-Card-Realität hat auch positive Beispiele zu bieten. Arne Timm, Geschäftsführer der Curry Communication GmbH in Hamburg, hält die Einführung der Green Card für einen Segen. Die Berührungsängste vieler Kollegen kann er nicht nachvollziehen: "Gerade Startups profitieren von dieser Arbeitserlaubnis. Wo sollen wir denn bei der dünnen Personaldecke sonst unsere Leute hernehmen?" Seit Oktober 2000 sind in der Softwareentwicklung 35 internationale IT-Experten für das Unternehmen tätig.

Im Juli dieses Jahres begann Curry-Chef Timm nach neuen Leuten zu suchen. Zum einen fuhr er nach Osteuropa, um sich dort Bewerber anzuschauen, zum anderen arbeitete er mit der Ausländerstelle des Hamburger Arbeitsamtes zusammen. Innerhalb von ein bis zwei Tagen seien alle Unterlagen bearbeitet worden. Um das Eingewöhnen zu erleichtern, stellte das Unternehmen den Green-Card-Besitzern Übergangswohnungen zur Verfügung. Kollegen unterstützten die "Neuen" bei Behördengängen und allen administrativen Belangen. Auf die Frage, welche Veränderungen für ein Unternehmen eintreten, dessen Mitarbeiterliste sich wie die Mannschaftsaufstellung eines Champions-League-Teams liest, entgegnet Timm lapidar: "We all speak English now."

*Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.