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13.06.1986

Tschernobyl - und sonst? Paul Maisberger

Leiter der Berufsschule für Datenverarbeitung im Control Data Institut München

Mit Erstaunen und Überraschung habe ich in der COMPUTERWOCHE Nr. 21 vom 23. Mai 1986 die Karikatur zu Tschernobyl und Libyen mit der Bildunterschrift "Bloß gut, daß wir Datenverarbeiter mit diesen Dingen nichts zu tun haben" gefunden.

Die Liste der Dinge mit denen wir DVer "nichts zu tun haben" läßt sich verlängern um:

- die Informationspolitik nach Tschernobyl;

- die Ausblendung Bayerns aus dem "Scheibenwischer";

- den Streit um Wackersdorf;

- die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen Bundeskanzle Kohl.

Ich will mit dem scheinbar unbedeutendsten der Ereignisse beginnen. Immerhin bestand gegen den Bundeskanzler so viel "Anfangsverdacht" daß von der Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Allerdings - und da liegt der Hund begraben - es wurde ja nicht geprüft, ob Helmut Kohl in der Frage der Parteispenden immer die Wahrheit sagte. Herr Schily hat offensichtlich die Anzeige falsch formuliert. Konsequenz: technischer k.o. für Schily, moralischer k.o. für den Bundeskanzler.

Schlimmer fand ich schon die Ausblendung Bayerns aus dem "Scheibenwischer". Hier wurde von inkompetenter Seite der immerhin erfolgreiche Versuch unternommen, über meinen (wie ich meine kritischen) Kopf hinweg zu entscheiden, was mir vom Fernsehen zuzumuten ist.

Wenn ich mir die Begründung von Herrn Oeller für die Ausblendung ansehe, muß ich sagen, da müßte er doch mindestens 50 Prozent der Sendungen absetzen.

Ich will mein eigener Zensor sein und gestatte mir dann sogar 95 oder mehr Prozent der Sendungen . auszublenden.

Was Kohl und "Scheibenwischer" mit uns Datenverarbeitern zu tun haben? Beides hat mit Information, Informationsverdrehung und Informationszurückhaltung zu tun - und Information ist doch per Definition unser "Rohstoff". Wir sollten darauf achten, daß mit diesem Rohstoff sorgfältiger umgegangen wird.

Ja keine Politik: Nein, nein! Wir (EDV-Cracks) wollen doch nicht politisch sein. Atomkatastrophen, Bomber über Libyen und politische Moral, das hat doch mit unserer Sparte der High-Tech-Freaks nichts zu tun. Wir sind auf der Insel der seeligen, arbeitsplatzschaffenden "Schlüsseltechnologien" . Wir bringen den "guten Fortschritt", die "Soft-Tech".

Könnte aber sein, daß, ausgelöst durch Tschernobyl, auch in unserer Zunft der "Softworker" das Nachdenken über unser Tun beginnt? Natürlich wird erwartet, daß gerade wir kühl, rational, klar strukturiert denken und methodisch einwandfrei "Problemlösungsprozesse" einleiten. Aber vielleicht müssen wir unsere Zunft aufrütteln zum "Denken im Zorn".

Nach Thomas von Aquin ist Zorn die Voraussetzung für Mut. Diesen Zorn verspürt wohl zur Zeit jeder von uns, insbesondere wenn er kleine Kinder hat. Er weiß ja nicht genau, ob er sie jetzt im Freien spielen lassen kann und welche Lebensmittel das geringste "Restrisiko" in sich haben.

Zorn erweitert auch die eingefahrenen Denkschemata. Nur im Zorn denkt man auch an die Möglichkeiten des Unmöglichen.

Der Normalfall bei Krisen ist nicht etwa dazuzulernen - sondern die Einstellung des ,"jetzt erst recht". Wir brauchen aber keine Politiker von gestern, die Probleme von heute mit Methoden von vorgestern zu lösen versuchen. Wir als Träger der "Schlüsseltechnologie" müssen raus aus unseren Abhängigkeiten und aus unserer "Bewußtseinslosigkeit".

Leben heißt Spuren hinterlassen. An den Spuren, die man hinterläßt, wird man erkannt. Wer nirgendwo Spuren hinterläßt, hat der gelebt? Laßt uns endlich jenseits von "schöner wohnen" und "besser essen" geistige und sensitive Bedürfnisse entfalten.

Nein, wir können nicht aus dem Industriesystem raus, aber wir können es ökologisch, human, demokratisch gestalten (nein, ich bin kein Grüner!). Wir wissen, daß gestörtes Denken und Fühlen zu Zerstörungen der Umwelt geführt haben und die zerstörte Umwelt wiederum Denken und Fühlen stört. Durchbrechen wir diesen Regelkreis und versuchen wir das Sein anstelle des bloßen Habens.

Oder wie es das Gleichnis von Laotse ausdrückt: "Dreißig Speichen stehen auf einer Nabe. Wo sie nicht sind, ist des Wagens Brauchbarkeit. Man knetet Ton zurecht zum Trinkgerät. Eben dort, wo keiner ist, ist des Kruges Brauchbarkeit. Man meißelt Tür und Fenster aus dem Haus. Eben dort wo nichts ist, ist des Hauses Brauchbarkeit."

Wer Leistung fordert, muß, Sinn bieten: Besonders in unserer Sparte werden Einsatzbereitschaft, Leistungsmotivation, Leistungsbereitschaft und Leistungsorientierung verlangt. Da kann uns keiner verwehren, daß wir auch einmal die Sinnfrage stellen. Edzard Reuter von Daimler Benz meint dazu: "Ich glaube, daß die größten Gefahren für unsere westliche Gesellschaftsordnung in Wirklichkeit nicht eigentlich in jenen neu entstandenen Problemen als solchen liegen, sondern vielmehr in der Heuchelei, mit der wir unsere dadurch ausgelösten vermehrten sozialen ökonomischen und politischen Einbindungen zu verdrängen suchen. Gleichzeitig liegt für mich hier eine entscheidend wichtige Ursache unseres gestörten Selbstverständnisses." Und weiter: "Wir verwenden einen großen Teil unserer Energie auf das Verdrängen der Wahrheit und rennen vor uns selbst davon."

Wir wollen nicht nur Effizienz, Lebenstüchtigkeit, innere Ausgewogenheit und Harmonie, sondern auch Harmonie mit gesellschaftlichen Zielen. Wir wollen nicht, daß unsere Erde kaputt geht.

Es war ja viel die Rede vom "Wertewandel". Diese Diskussion fand ihren Niederschlag in der New Age-Bewegung, deren prominenteste Vertreter M. Ferguson und F. Capra sind. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Konzepten müßte Gegenstand einer eigenen Erörterung sein.

Auf konkrete Situationen im Arbeitsleben bezogen wurde dieser Wertewandel bei Peters/Waterman in ihrem Bestseller "In Search of Excellence" dargestellt. Neben vielen anderen Faktoren, die sie herausstellen, behaupten sie: "Culture is Important." Wir übersetzen das gerne mit "Kultur". Besser wäre wohl: "Pflege ethischer Normen." Nur wer Menschen dazu bringt, vielleicht auch nur in kleinen Dingen so zu handeln, wie sie es wirklich wollen, wird erreichen, daß sie sich mit dem, was sie tun, identifizieren.

Die Zehn Gebote reichen nicht: "Moses müßte nochmals auf den Berg steigen", behauptet der Designer Otl Aicher. "Die Moral seiner Gebote deckt einen zu kleinen Bereich, den des einzelnen, der Familie und der Kleinwirtschaft ab. Der Bereich der Gesellschaft und Öffentlichkeit ist dem Freibeutertum überlassen." Er will damit ausdrücken, daß eine veränderte Natur des menschlichen Handelns auch eine Änderung in der Ethik erforderlich macht. Sehr ausführlich mit dieser Problematik hat sich Hans Jonas auseinandergesetzt und dies in seiner "Verantwortungsethik" niedergelegt.

Einer der ersten, der im deutschsprachigen Raum Anmerkungen zu einer Sozialphilosophie der Technik gemacht hat, ist Hans Lenk. Er hat folgende (von mir gekürzte) ethische Rahmenempfehlungen für Technik und Wirtschaft zusammengestellt:

- Macht und Wissen verpflichten.

- Technologische Verfügungsmacht bedingt eine erweiterte Verantwortlichkeit.

- Diese Verantwortung richtet sich nicht nur auf das Wohl des Nächsten, sondern auch auf die Erhaltung und Hege(...) der Natur.

- Die erweiterte Verantwortlichkeit richtet sich besonders auch auf nachfolgende Generationen.

- Die Verantwortung liegt nicht nur bei einzelnen, sondern bei einer Gesamtgeneration sowie bei Spezialisten.

- Die Verantwortung liegt besonders bei wissenschaftlichen und technischen Experten (da würden wir uns wohl dazu zählen) an strategischen Positionen.

- Der Mensch darf sicherlich nicht alles herstellen, was er technisch kann, nicht alles anwenden, was er herstellen kann.

- Um künftigen ethischen Herausforderungen gewachsen zu sein, muß das moralische Bewußtsein, wo überhaupt möglich, gefördert werden.

Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt wurde in der Mount Carmel Declaration on Technology and Moral Responsibility gefordert: "Keine technische Unternehmung darf die Menschheitszukunft aufs Spiel setzen und Menschen zu Objekten erniedrigen."

Rupert Lay hat in seinem Buch "Ethik für Wirtschaft und Politik" die nachfolgende Tafel ethischer Prinzipien zusammengestellt. Darüber sollten wir auch in unserer Zukunft diskutieren.

- Handle so, daß du und jeder andere Mensch nicht nur als Mittel dient, Handlungszwekke zu erreichen, sondern daß du den Menschen, den du als Mittel gebrauchst, zugleich auch als Ziel deiner Handlungen einsetzt.

- Handle so, daß du in deinem Handeln beachtest, daß deine Mitmenschen bedürftig sind wie du.

- Alles, was du von einem anderen Menschen erwartest, das tue auch ihm.

- Handle so, daß deine Bedürfnisse beziehungsweise die deiner Gruppe in möglichst hohem Maße für lange Zeit befriedigt werden.

- Handle stets so, daß dein Handeln offen bleibt für die Erkenntnisse von Lebenslügen.

- Handle so, daß du niemals unter Gruppennötigung entscheidest.

- Handle so, daß die Zwänge, die dein Handeln für dich und andere schafft, niemals über das zur Bewältigung realnotwendiger Aufgaben hinaus gehen.

- Gestalte deine kommunikativen Interaktionen stets so daß es nicht zu Phantombildungen kommt.

- Grenze deine Bedürfnisse gegen die anderer Menschen so ab, daß ein Optimum an der Befriedigung der Erhaltungs- und Entfaltungsbedürfnisse möglich wird.

- Versuche, andere Menschen nicht unter dir leiden zu lassen.

- Handle so, daß auch in 100 Jahren die Erde noch Lebensraum für Menschen sein kann.

- Löse keine Probleme, die aus dem Umgang mit der Naturwelt entstehen, nach Maßgabe technisch-rationalen Verhaltens.

- Handle so, daß sich deine Arbeit und die Folgen deiner Arbeit nicht gegen die Naturwelt stellen, sondern deren Möglichkeiten zum Nutzen der Menschen ordnen.

- Handle so, daß du deine eigenen sozialen und kosmischen Grenzen akzeptierst und realisierst.

- Verantworte was du tust - ohne Bedingungen.

- Handle nicht, um zu haben, sondern um zu sein.

- Handle so, daß du niemals mittelbar oder unmittelbar wider das Leben eines formal und material unschuldigen Menschen entscheidest.

- Handle stets so, daß du, insofern es zu deiner Disposition steht, niemals Situationen fahlässig oder gar mutwillig herstellst oder deren Herstellung durch andere duldest, in denen sittliches Entscheiden nicht mehr oder kaum mehr möglich ist.

- Handle in deinem Erziehungsverhalten so, daß du die personalen Bedürfnisse des Kindes an die erste Stelle setzt und die der konkreten Gesellschaft nur berücksichtigst, insofern sie diesen nicht widersprechen.

- Handle so, daß die familiären Konflikte offen ausgetragen werden können, und sorge dafür, daß diese Austragung niemals einen Besiegten hinterläßt.

- Handle in deiner Familie so, daß eine partnerschaftliche Grundeinstellung deine Interaktionen bestimmt.

Gehen wir wie Lay davon aus, daß es besser sei, die Menschheit überlebe auf dieser Erde, als daß sie sich umbringe.

Laßt uns nicht so tun, als seien Silicon, Chips und Bits schon alles. Wir haben als "Schlüsseltechnologen", wie sie uns gerne bezeichnen, eine Vorbildfunktion - enttäuschen wir sie nicht!