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25.08.1995

Tuning abgeschlossen Microsoft hat Windows nicht neu erfunden, sondern nur verbessert

Beim Blick unter die Haube von Windows 95 trifft man neben vielem Altbekannten einige neue Komponenten. Der Umstieg von Windows 3.1 bringt einige Aenderungen mit sich, da der sichtbare Teil des Betriebssystems relativ stark veraendert worden ist.

Die wesentliche Neuerung von Microsofts juengster Windows-Variante zeigt sich sofort nach dem Einschalten des PCs: Windows 95 startet, ohne dass die Eingabeaufforderung "C:>" am Bildschirm erscheint. Die alten Startdateien ("autoexec.bat" und "config.sys") werden aber - so vorhanden - trotzdem wie bisher ausgefuehrt. Damit ist laut Microsoft sichergestellt, dass alle Hilfsprogramme (Treiber), die fuer Spezialhardware noetig sind, geladen werden.

Fuer die gaengige PC-Hardware kann man bei Windows 95 allerdings auf eigene Treiber verzichten, da Microsoft eine reiche Auswahl dieser Hilfsprogramme standardmaessig mitliefert - einige sind sogar schon im 32-Bit-Format programmiert, was eine hoehere Verarbeitungsgeschwindigkeit gewaehrleisten soll.

Die Installation von Windows 95 kann zentral von einem Server gestartet werden, der zeitraubende Weg zu den einzelnen PCs innerhalb eines Unternehmens gehoert der Vergangenheit an. Wo aber Windows 95 parallel zu OS/2 Warp oder Windows 3.x installiert werden soll, ist Handarbeit angesagt - die Standardinstallation von Windows 95 bewirkt, dass sich keines der beiden anderen Betriebssysteme mehr nutzen laesst.

Programme werden unter Windows 95 ueber die gewohnten, allerdings anders angeordneten Symbole aufgerufen. Windows 95 macht Schluss mit der Zwangsjacke fuer die Namen der Dateien: Statt acht Zeichen vor und drei nach dem Punkt lassen sich jetzt Namen mit bis zu 255 Zeichen eingeben, die auch Leer- und Sonderzeichen enthalten duerfen. So recht ausleben kann man diese neue Freiheit aber nicht: Nur die kuenftigen 32-Bit-Programme kommen mit den langen Dateinamen zurecht, ausserdem irritiert die Anpassung der neuen Namen an die alten Gepflogenheiten manchen Anwender. Denn auf der Festplatte werden die Dateien nach wie vor mit den Acht-Punkt- Drei-Namen gespeichert, da das VFAT-Dateisystem (VFAT = Virtual File Allocation Table) von Windows 95 dem FAT-Vorgaenger von DOS sehr aehnelt.

Nicholas Petreley von der CW-Schwesterpublikation "Infoworld" erlaeutert eines der damit verbundenen Probleme: "Nehmen wir an, Joe erhaelt per E-Mail ein Dokument, das mit dem Textverarbeitungssystem Describe geschrieben wurde. Joe gibt dieser Datei den Namen info.doc. Windows 95 prueft nun die Endung dieses Dateinamens und erkennt anhand der letzten drei Buchstaben, dass es sich um ein Word-Dokument handelt. Diese Zuordnung geschieht automatisch und laesst sich vom Anwender nicht steuern. Es gibt kein Hilfsprogramm, mit dem man diese Endung wieder veraendern koennte. Damit Windows 95 die Datei korrekt als Describe-Dokument erkennt, muss ein DOS-Fenster geoeffnet und die Datei mit dem Befehl rename umbenannt werden."

Windows 95 wurde trotz solcher Maengel vor allem in zwei Punkten im Vergleich zum Vorgaenger verbessert: Laut Microsoft gehoert der gefuerchtete taegliche Absturz des Betriebssystems ebenso der Vergangenheit an wie die Meldungen ueber Speichermangel. Unter Windows 3.x koennen normalerweise drei bis fuenf Programme gleichzeitig in den Speicher geladen werden, unter Windows 95 steigt diese Zahl auf sechs bis zwoelf.

Die Zahl der Applikationen ist jedoch noch immer eng beschraenkt, weil fuer jedes laufende Programm ein Speicherbereich (Program Segment Prefix) im unteren Bereich des Arbeitsspeichers (bis zur Grenze von 640 KB) reserviert werden muss, schreibt der Windows- Guru Andrew Schulman in "Unauthorized Windows 95". Die heute erhaeltlichen 16-Bit-Programme koennen ausserdem wie bisher Speicher blockieren, ohne ihn bei Programmende wieder an das Betriebssystem freizugeben. Erst wenn kein 16-Bit-Programm mehr genutzt wird, kann Windows 95 diese Ueberreste beseitigen.

Mit mehreren Schutzmechanismen will Microsoft Windows 95 absturzsicherer als Windows 3.x machen, doch noch immer sind grosse Teile des Arbeitsspeichers fuer alle Programme zugaenglich, so dass ein Fehler in einer Anwendung das ganze Software-Kartenhaus zum Einsturz bringen kann. Ein Beispiel: Windows 95 verwaltet intern einen 4 GB grossen Speicher, der in mehrere Segmente eingeteilt und auf die tatsaechlich vorhandenen 4 oder 8 MB Arbeitsspeicher umgesetzt wird. Innerhalb des 4 GB grossen "linearen" Speichers gibt es ein fast 1 GB grosses Segment, in dem alle 32-Bit- Applikationen Daten ablegen duerfen. Genau dort speichert Windows 95 selbst aber auch Daten ueber geoeffnete Fenster und die laufenden Programme. Wenn ein 32-Bit-Programm faelschlicherweise diese Daten ueberschreibt, stuerzt Windows 95 unweigerlich ab.

Besonders gefaehrdet, weil ungeschuetzt, ist auch die Interrupt- Vektortabelle, die im unteren Teil des Arbeitsspeichers abgelegt wird. Diese Tabelle gibt an, welche Befehle nach einer Unterbrechung ausgefuehrt werden sollen. Beispielsweise wird nach einem Uhr-Interrupt die Uhr auf dem Bildschirm um eine Sekunde vorgestellt.

Allen Versprechen zum Trotz koennen auch unter Windows 95 nur wenige Programme parallel genutzt werden. Die CW- Schwesterpublikation "Computerworld" versuchte eine Diskette zu formatieren, waehrend gleichzeitig ein umfangreiches Wordperfect- Dokument gedruckt wurde, eine Installation von "Microsoft Office" lief und in einem DOS-Textverarbeitungsprogramm geschrieben wurde. Diese Belastung habe dazu gefuehrt, dass die gedruckten Seiten unleserlich wurden und das Installationsprogramm von Office abstuerzte.

Der von Microsoft versprochenen Zeitscheibenmechanismus auf Basis einzelner Aufgaben (Preemptive Multitasking und Multithreading) wird erst mit den kommenden 32-Bit-Applikationen wirksam. Nur mit ihnen lassen sich verschiedene Aufgaben (Threads) parallel bearbeiten (beispielsweise Drucken im Hintergrund), alle heute erhaeltlichen 16-Bit-Programme koennen den Prozessor belegen, ohne dass Windows 95 dies unterbrechen koennte.

Ein einziges 16-Bit-Programm, das mit einer langwierigen Berechnung beschaeftigt ist, kann den Rechner wie bisher lahmlegen, weil alle Applikationen auf Teile von Windows 95 zugreifen, die mehr oder direkt von Windows 3.x uebernommen worden sind. Konkret: Wenn eine heute erhaeltliche Software auf die Speichersegmente "Graphical Device Interface" (GDI) oder "User" zugreift, kann kein anderes Programm mit diesen Bereichen arbeiten. Der Rechner steht...

Walter Mehl