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25.04.1997 - 

Vorurteile schrecken Frauen von Informatikstudium ab

"Typen mit fettigen Haaren und milchweiß im Gesicht"

"Fast zehn Jahre habe ich jetzt in meine Ausbildung gesteckt. Das ist doch Argument genug dafür, daß ich als Informatikerin auch arbeiten will." Birgitt Mayer will sich nicht beirren lassen von dem Branchengeflüster, eine Frau im gebärfähigen Alter bekomme keine Stelle. Dagegen hilft nur selbstbewußtes und offensives Auftreten, glaubt die Münchner Studentin im neunten Semester.

Diese Haltung empfiehlt auch die Frauenbeauftragte der Technischen Universität in München, Angelika Reiser, angehenden Informatikerinnen in Seminaren zu Karriere- und Lebensplanung. Frauenförderung in einer Männerdomäne ist lohnend, aber zäh: Die Arbeitsmarktsituation für Frauen ist nicht rosig; ihr Anteil an der Zahl der Studierenden stagniert; die Werbung für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium in der Kollegstufe kommt meist schon zu spät. Welche Form der Mädchenförderung die Stereotypen wirklich aufbricht, ist umstritten.

Eines ist aber klar bei den Informatikerinnen: Ein grundsätzlich neues Verständnis von Technik im allgemeinen und Informatik im besonderen muß her. Statt sich weiter an der schlichten Machbarkeit zu orientieren, muß die Frage in den Mittelpunkt rücken: Was ist sinnvoll?

In München bieten drei Hochschulen den Studiengang Informatik an, und der Frauenanteil ist jeweils gering: Technische Universität 9,6 Prozent, Ludwig-Maximilians-Universität 9,9 Prozent, Fachhochschule 15,4 Prozent. Die Angaben beziehen sich auf das Wintersemester 1996/97 und liegen im Bundestrend. Als vor gut 20 Jahren die ersten deutschen Hochschulen das Studium der Informatik anboten, war das noch anders. Zwar zog das Fach auch damals vor allem Männer an, doch im Wintersemester 1978/79 war im Bundesdurchschnitt immerhin jeder fünfte Studienplatz von einer Frau belegt. Seitdem fällt die Rate oder stagniert auf niedrigem Niveau.

Anfang der siebziger Jahre war erst unscharf erkennbar, wohin sich das Fach Informatik entwickelt. An "Mathematik mit Anwendungsbezogenheit" dachte sie, erinnert sich Angelika Reiser. Das gefiel ihr, sie stieg ein und promovierte 1982 auf dem Gebiet der Datenbanktechnik. Doch mittlerweile hatten bereits die Technik-Freaks und die "Hacker" dem Fach ihren Stempel aufgedrückt. "Typen mit dicker Brille, fettigen Haaren und milchweiß im Gesicht", so beschreibt Birgitt Mayer plastisch das gängige - und Frauen tendenziell abschreckende - Klischee von dem tage- und nächtelang am Rechner knobelnden Programmier-Fan.

"Dabei muß man eine ziemlich strukturierte Person sein, Ordnungsliebe haben und organisieren können, wenn man mit der Informatik klarkommen will. Und das sind ja nun keine speziellen Eigenschaften von Männern", argumentiert die junge Frau.

Die mangelnde Attraktivität des Fachs hängt aber auch mit den beruflichen Aussichten zusammen. Ein paar Zahlen: In den Computerkernberufen sind vier von fünf Beschäftigten Männer. Nur vier von 100 Führungspositionen sind von Frauen besetzt. Die Gehaltsdifferenz zwischen Männern und Frauen hat sich zwischen 1992 und 1996 von zwölf auf 18 Prozent erhöht. Wenn sich leistungsanteilige Bezahlung durchsetzt, wenn also nur die Rundumverfügbarkeit ein gutes Gehalt garantiert, könnte sich die Schere weiter zuungunsten der Frauen öffnen, fürchten nicht nur Betriebsräte und Gewerkschaften.

Vorbilder spielen eine wichtige Rolle

In einer Branche, in der eine Halbwertszeit des Wissens von fünf Jahren gilt, haben junge Frauen bei der Stellenvergabe schlechte Karten, weil sie angeblich im Falle einer Kinderpause den Anschluß verpassen. FH-Assistentin Monika Joosz kennt diese Argumentation aus eigener Erfahrung und hält dagegen: "Kein Mensch spricht davon, daß auch hochspezialisierte Männer, die in oft kurzen Abständen die Firma wechseln, jeweils neu eingearbeitet werden müssen."

Gerade 14 Wochen falle eine Frau am Arbeitsplatz wegen der Geburt eines Kindes aus, rechnet die TU-Frauenbeauftragte vor. Viel bedeutsamer sei, wie die Jahre der Erziehungszeit organisiert werden - von Müttern und von Vätern. Mit großem Nachdruck empfiehlt Reiser, die selbst zwei Kinder hat, den Studentinnen eine frühzeitige Lebensplanung, die Beruf und Familie umfaßt: "Das kann man bei Vorstellungsgesprächen auch schlüssig rüberbringen. Frauen neigen dazu, jeweils nur den nächsten Schritt im Auge zu haben, ohne einen großen Entwurf zu machen. Darum wirken sie nicht so zielstrebig wie Männer."

Freiberuflichkeit und Teleheimarbeit erhöhen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dieses Argument stimmt - nicht nur in der DV-Branche -, wenn Mütter und Väter gleichermaßen gemeint sind. Und wenn es freiwillig gewählte Arbeitsformen sind, die sich auch wieder verändern lassen. Für Ulrike Hammerschall etwa, die im siebten Semester Informatik an der TU in München studiert, ist eine selbständige Tätigkeit nicht erstrebenswert: "Diesen Unternehmergeist habe ich nicht. Mir ganz neue Bereiche zu erschließen und das auch noch verkaufen zu müssen - das ist meine Sache nicht!"

Alternierende Teleheimarbeit dagegen kann sie sich gut vorstellen, "zwei bis drei Tage zu Hause und den Rest in der Firma arbeiten". Hatte sie zu Beginn des Studiums eher ein Bild von der Informatik als Einzelkämpferdisziplin im Kopf, berichtet Hammerschall, wisse sie inzwischen, wie wichtig sozialer und fachlicher Kontakt sei.

Probleme lösen, Kommunikation, Anwendungsbezug, Teamarbeit, Präsentation - das sind die wesentlichen Aspekte, um die das Bild der Informatik in der Öffentlichkeit ergänzt werden muß, unterstreichen die befragten Frauen. Nicht der Computer, nicht die Maschine steht im Mittelpunkt, sondern "ein Problemkreis, den ich strukturiert angehe, wobei ich mich auch der Unterstützung des Rechners bediene", so beschreibt Reiser den Wirkungszusammenhang.

Wie aber läßt sich das falsche Bild vom Computerfach korrigieren, wie kann das Interesse von mehr Mädchen und Frauen am Berufsfeld geweckt werden? Eine wichtige Rolle spielen weibliche Vorbilder.

Viele Informatikinstitute informieren an Schulen und bieten den Studentinnen Zugang zu einem bundesweiten Netzwerk an. "Eine harte Arbeit", urteilt Frauenbeauftragte Reiser. Wer in der Kollegstufe für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium wirbt, kommt zu spät, weil viele vom üblichen Mathe- und Physikunterricht frustrierte Mädchen schon abgesprungen sind. Spezielle Informatikkurse für jüngere Schülerinnen könnten helfen, könnten aber auch zum Bumerang werden, gibt Reiser zu bedenken: "Wenn das die Buben dann als ,Nachilfe' am Rechner lächerlich machen."

Ähnlich ambivalente Erfahrungen birgt die Frauenförderung an der Hochschule mit Angeboten wie Karriereplanungs-Seminaren, Frauentutorien, eigenen E-Mail-Verteilern, Studentinnen-Versammlungen, Frauenferien-Akademien. "Da komme ich mir wie eine gehätschelte Minderheit vor. Ich arbeite lieber in gemischten Gruppen. Etwas nur mit Frauen zu machen, das finde ich ein bißchen gezwungen." Mit dieser Einschätzung steht TU-Studentin Hammerschall nicht allein.

Die Frauenbeauftragte Reiser beobachtet auch bei den Maschinenbauerinnen und Elektrotechnikerinnen, daß "Minderheiten unter 15 Prozent die Frage, ob und wo sie benachteiligt sind, oft gar nicht an sich heranlassen, weil für sie nicht absehbar ist, daß sich etwas ändern läßt." Ihr eigenes frauenpolitisches Interesse, sagt Reiser, sei auch erst nach der Promotion geweckt worden. Da paßt es ins Bild, wenn Birgitt Mayer berichtet, welche für sie erstaunliche Erfahrung sie bei dem reinen Frauenseminar "Wissenschaftliches Schreiben, aber wie?" machte: "Ich war ein bißchen mehr ich." Und als sich die Kommilitonen beschwerten, warum sie außen vor blieben, wußte sie zu kontern: "Ihr würdet ja auch nicht zugeben, daß ihr euch mit wissenschaftlichem Arbeiten schwertut!"

Was ist männertypisch, was ist frauentypisch? Spätestens nach der Lektüre von Ulrike Erbs Dissertation "Frauenperspektiven auf die Informatik" (Verlag Westfälisches Dampfboot) ist klar, welcher Zündstoff in dieser Frage steckt. Wenn Frauen beispielsweise besonderes Interesse an der theoretischen Informatik und an sozial- und nutzenorientierter Technikgestaltung zeigen, so weist Erb nach, dann ist es gefährlich, daraus auf typisch weibliche Neigungen zu schließen.

Die beschriebene Orientierung liegt vielmehr häufig daran, daß Frauen sich auf gesellschaftlich zugestandene Nischen zurückziehen - gerade damit die Geschlechterstereotypen festigen. Die Autorin fordert deshalb, den "vermeintlichen Gegensatz von ,Frauen und Technik' aufzulösen". Die Richtung geben die von Erb interviewten Hochschul-Informatikerinnen vor.

Sie plädieren für eine Wissenschaftskultur, "in der durch Fachkompetenz statt durch spektakuläre Selbstdarstellung überzeugt werden kann, in der Kooperation statt (übertriebene) Konkurrenz herrscht, in der Technikkompetenz nicht als Geheimwissen mystifiziert wird, in der eine Identifizierung mit Technikkompetenz möglich ist, ohne sich gleichzeitig mit technikfixierten Verhaltensweisen identifizieren zu müssen."

Informatik ist eine junge Wissenschaft, die Strukturen sind noch flexibel, Frauen können sich aktiv einmischen - so macht die TU-Frauenbeauftragte Reiser wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Studentinnen Mut. Und es ist wichtig, daß Frauen sich das Berufsfeld erschließe.