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24.04.1987 - 

Selbst PCs sind nur für eine kleine Elite von Forschern da

UdSSR: Schnelle Rechner bleiben Mangelware

Während amerikanische Universitäten und Forschungslabors geradezu berühmt für opulente Bestükkung mit vielfältigsten und teilweise höchst modernen Computern sind, und während europäische Wissenschaftler wenigstens noch annähernd bekommen, was sie sich an Rechenzeug so wünschen, sieht es für Wissenschaftler und Hochschullehrer im Riesenreich Gorbatschows düster aus: denn "computermäßig", wenn man mal so sagen darf, mangelt es dort an allen Ecken und Enden.

Dies wurde unlängst im Zuge eines Symposiums deutlich, zu dem sich auf Einladung von NATO-Stellen Rußland-Kenner aus Europa und den USA versammelt hatten. Es zeigte, daß russische Wissenschaftler fast schon asketische Bescheidenheit an den Tag legen müssen, planen sie den Einsatz elektronischer Rechenanlagen, während sowjetische Regierungsstellen, Militärs und auch Industriebetriebe es erheblich leichter haben, mit teilweise durchaus modernen Daten-Maschinen versorgt zu werden. Mit - allerdings raren - Maschinen übrigens, die nach Meinung informierter Fachleute höchstens noch von Produkten der Amerikaner oder Japaner übertroffen werden.

Keine Gelegenheit auszuprobieren

Am akuten Mangel, den die UdSSR in Sachen EDV-Technik leidet, ist aus Sicht der Wissenschaft vor allem eines höchst störend: die Tatsache nämlich, daß es den Unis und so weiter nicht allein an schnellen Supercomputern fehlt, sondern vor allem auch an kleinen Maschinen. Denn dies hat zur Folge, daß russische Wissenschaftler weit weniger Gelegenheit als ihre westlichen Kollegen haben, einfach kurz mal selber auszuprobieren und zu erforschen, was Rechner wirklich sind und was sie können. Und wie man sie für ein gegebenes Forschungsvorhaben am ehesten nutzen könnte.

Wie man von Rußland-Rechner-Kennern erfahren kann, scheint die Sowjetunion seit neuestem auf Mittel und Wege zu sinnen, wie man dem schlimmen Mangel an MIPS und MFlops, also an Millionen-Instruktionen- beziehungsweise -Gleitkomma-Operationen pro Sekunde am schnellsten abhelfen könne. Und auch, wie man, ungeachtet immer neuer Probleme mit der Hardware und mit notorisch unzuverlässigen Telefon-Leitungen, schrittweise lokale Netze und weitreichende elektronische Nachrichten-Systeme implementieren könne.

Zur Verbesserung der Hardware-Ausstattung sowjetischer Forschungsinstitute wird seit neuestem ein frisch vom Montageband kommender "Supercomputer" - so nennt man ihn - eingesetzt, der mit bis zu zehn Prozessoren bestückt werden kann und im Maximum 12,5 Millionen Operationen pro Sekunde bewältigen soll. Er dürfte den heute noch vorherrschenden Rechner des Typs BESM-6 schrittweise ablösen, der rund zehnmal länger braucht, will er die gleiche Rechnung wie die neue Maschine bewältigen. Und der, was hierzulande nicht mal mehr von Heimcomputern der Billig-Klasse gesagt werden kann, sage und schreibe bloß 32 KByte an Speicher besitzen soll.

In den Computer-Fabriken Rußlands werden derzeit zwar kleine Maschinen vom Schlage einer - hier fast schon vergessenen - PDP-11 in Serie hergestellt, doch von echten PCs für den "persönlichen" Gebrauch können Rußlands Wissenschaftler meist bloß träumen. Es ist nur eine ausgewählte Elite, die über diese Art von Rechner ganz für sich allein verfügen darf; und erst für 1990 sei damit zu rechnen, besagen offizielle Planvorgaben, daß dann endlich auch im Ostblock mehr als eine Million PCs produziert werden. - Und das für ein Volk, das - nicht nur der schieren Kopfzahl nach - zu den größten der Welt rechnet.

Auch Ostblock kopierte IBM-Linie

Wie man von Rußland-Computer-Beobachtern weiter hören kann, kämpfen in der Sowjetunion viele Informatiker mit einem Problem, das letztlich auf die Firma IBM und deren fast ein Vierteljahrhundert alte Rechner-Linie der 360er- und 370er-Architektur zurückgeführt werden kann. Beziehungsweise auf die Tatsache, daß der Ostblock seinerzeit mit einer Reihe einheitlich produzierter Rechenanlagen eben jene IBM-Großrechner-Linie exakt "nachempfand".

Die IBM-Maschinen repräsentieren ob ihres Alters bekanntlich eine Architektur, die von Haus aus zwar auf effizienten Alleinbetrieb, nicht aber auf die Kommunikation mit anderen Computern zugeschnitten war; und die überdies primär auf Batch-Verarbeitung, nicht aber auf interaktive Programme ausgelegt worden ist. Denn erst die Einführung der zusätzlichen SNA-Software- und Netz-Regeln machte diese Stand-alone-Batch-Großrechner dann im Zuge der 70er Jahre schrittweise auch noch vernetzungsfähig.

Diese Historie wiederum hat zur Folge, daß die staatswirtschaftlichen "PCM"-Produzenten von östlich der Elbe heute gezwungen sind, möglichst alle seitherigen SNA-Verrenkungen von Großmeister Big Blue möglichst exakt nachzuvollziehen. Und dies wiederum scheint eine hochkomplizierte Aufgabe zu sein, die inzwischen viele der besten Netz-Experten Rußlands bindet. Fachleute, die aber in erster Linie zum Aufbau von Rechner-Netzen für Regierung und Industrie benötigt werden und die somit nur noch wenig Zeit und Kapazität übrig haben, auch an den Bau von einer Art "russischem Forschungs-Netz" oder so zu gehen.

In diesem Zusammenhang mutet es fast wie ein Witz an, hört man, daß sogar das streng zentralistisch-einheitlich geführte Sowjet-System in puncto Computer inzwischen mit genau den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat wie auch der freihändlerische Westen mit seinem notorischen Produkte- und Normen-Wirrwarr. Denn auch aus Moskau tönt beredt die Klage: "Uns fehlen Normen für die Datenkommunikation!" Und "wir müssen einer Realität ins Auge sehen, in der wir pro Rechenzentrum meist gleich zwei bis drei verschiedene Typen (großer) Rechner, zwei Betriebssysteme, zwei oder drei Arten TP-Monitore und außerdem gleich mehrere Datenbank-Systeme zu managen" haben.

Gelingt es in Rußland aber dennoch mal, zwei oder gar mehrere Computer via Fernleitung miteinander zu verbinden, so stellt sich als nächste Hürde das Telefonsystem selber in den Weg. Denn Rußlands allgemeines Telefonnetz, so kann man erfahren, erlaubt nur während jeweils neun Minuten pro Stunde die Betriebsart "Datenkommunikation" - und dies dann noch mit einer Fehlerrate von sage und schreibe 1:1000 Zeichen. Außerdem funktionieren die Leitungen während etwa fünf Prozent der Zeit nicht - und die Reparaturtrupps scheinen heutzutage eher noch länger zu brauchen als früher, wollen sie einen Defekt beheben.

200 Bit pro Sekunde auf Telegrafenleitungen

Klappt es schon mit dem Telefonnetz bei weitem nicht so, wie man sich dies wünschen sollte, so sehen die Dinge eher noch schlimmer aus, geht man auf Telegrafenleitungen über. Denn die können allenfalls 200 Bit pro Sekunde durch den Draht schicken - und das ist für die Übertragung größerer Daten-Volumina in jedem Falle bei weitem zu wenig. Dabei tröstet dann auch kaum mehr, daß neue, automatische Vermittlungen und neue Leitungen schrittweise eine Versechsfachung dieser Datenrate bringen sollen.

Die neuen schnellen Vermittlungen sowie einige ihrer langsameren, aber ebenfalls schon automatisch betriebenen Vorläufer gehören zu einem "Allunions-Datenübertragungs-Netz", das in seiner ersten Aufbaustufe - mit 129 Vermittlungen - inzwischen fertiggestellt worden ist. Es ist 1977 als Grundnetz für ein die ganze UdSSR umspannendes Netz gebaut worden, doch da sein Ausbau eher zögernd vorankam, begannen inzwischen einzelne Ministerien, für den jeweils eigenen Geschäftsbereich separate, unabhängige Netze zu wirken. Mit der prompten Folge natürlich, daß nun auch auf diesem Gebiet der Teufel Inkompatibilität zu triumphieren beginnt.

Sollen aber trotz aller Schwierigkeiten dennoch mal große Volumina an Daten über lange Strecken übertragen werden, so besteht für Rußlands Computeure der Ausweg darin, vom Fernmelde-Ministerium besondere, leistungsstarke Leitungen anzumieten. Die allerdings haben dann wieder den Nachteil, ziemlich teuer zu sein.

Mangelnde Qualität der Bauelemente

Es wundert daher wenig, daß in Rußland der einfache Austausch bespielter Magnetbänder nach wie vor eines der beliebtesten Mittel ist, müssen größere Mengen an Daten über weite Strecken bewegt werden.

Betrachtet man hingegen den Bereich kurzer Distanzen, so kann man in Rußland rege Aktivitäten in Sachen "Lokale Netze" (LAN) bemerken. Doch scheint man sich jenseits des Eisernen Vorhangs mit weit kleineren Datenraten als im Westen behelfen zu müssen, denn meistens ist von maximal 1,2 MBit pro Sekunde die Rede. Während vergleichsweise ein typisches Ethernet jede Sekunde 10 MBit bewältigen kann.

Die Gründe für die bescheidenen LAN-Datenraten drüben im Osten suchen Fachleute in mangelnder Qualität der Bauelemente, aus denen die einzelnen Interface-Komponenten der LANs gefertigt werden.

Das Institut für Elektronenrechner-Technik in Riga entwickelt Berichten aus Lettland zufolge ein Paket-Transportnetz namens "Academset"; mit seiner Hilfe sollen dann die einzelnen Akademien der sowjetischen Teil-Republiken untereinander sowie mit der zentralen Moskauer Akademie der Wissenschaften verbunden werden. Derzeit sind schon, hört man, 55 Rechner angeschlossen, die in Riga, Moskau und Leningrad stationiert sind. Allerdings soll die Datenrate hier auch wieder recht dürftig sein; bloß 300 Bit pro Sekunde sind nämlich der Wert, von dem aktuell die Rede ist.

Der weitere Ausbau von Academset soll dazu führen, daß die Benutzer der angeschlossenen Rechner auch via "Elektronischer Post" miteinander kommunizieren können.

Über ein Medium also, das unter anderem von mißtrauischen Staatsorganen gewiß auch gleich noch lükkenlos überwacht werden kann. Natürlich mit Hilfe automatischer Computer . . .