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29.06.1990

Über Daten-"Banken", die keine mehr sind

Fritz Jörn Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Tandem Computers in Frankfurt

In grauer, Zusescher Vorzeit, als Computer noch Rechner heißen, gingen in sie wie in einen Trichter viele Daten hinein und nur wenige kamen heraus. Inzwischen hat sich die Datenverarbeitung aber zur "Informationstechnologie" gemausert. Digitale Daten, die ohne Zusammenhang auch nicht mehr bedeuten als lose Buchstaben, vermehren sich wie die Brote in der Bibel: Sammelt man nach der Massenspeisung die Krümel zusammen, dann bleiben immer noch volle Körbe übrig.

Gleitkommazahlen haben wir hinter uns gelassen, längst auch die einzelnen Bits und Bytes. Heute strömen Massen computertechnisch noch nicht interpretierbarer Pixelhaufen und Fax-Abbildungeng aus DTP stammender Tiff-Dateien in ihrem "tagged image file format" oder fertige Postscript-Druck-ausgaben und demnächst digital Gesprochenes von LAN zu LAN und von Land zu Land. Daten fristen nicht mehr wie stille Besen ihr Dasein im Bänderschrank des Rechenzentrums. Der Junge mit dem Apfel hat ihnen inzwischen soviel Eigenleben eingehaucht, daß sie seine und die "nexten" Rechner auch ohne Trojanische Pferde überrennen können. Wer den Zauberspruch "Hypercard" noch nicht gehört hat, sollte sich schnellstens damit anfeinden. Denn inzwischen sind Daten zu aktiven "Objekten" gewordene haben sich sozusagen homunkulisiert. Demnächst wird der vortragende Geschäftsführer erwarten, daß nicht nur seine Texte und alle gedesktoppten Diagramme darin - ob runde Torten oder dreidimensionale Balken - bei geänderten Geschäftsdaten sich automatisch wandeln und Ó jour stellen, sondern daß auch seine Vortragsfolien beim Sprechen datengesteuert mutieren - aber das gibt's ja schon, seit Flüssigkeitskristall-Anzeigen projektionsfähig wurden.

Dieser Datenschwall mit Eigenleben brandet nun an die ehemals gläsernen Fenster der Großrechenzentren. Dabei sind die Spezialisten im Rechenzentrum immer noch froh, daß sie all die RPG-Programme auf ihrer zentralen IMS-Datenbank zum Laufen gebracht haben. Endlich hatten die indexierten Dateien ihr Codeasyl in hierarchischer Ordnung gefunden.

Und jetzt will plötzlich keiner mehr von oben nach unten durch diese Datenbanken navigieren, erstens weil ruhende Daten in Banken - wer denkt da nicht an Parkbänke oder Banktresore? - passé und nicht mehr gefragt sind, zweitens weil die teamige Welt heutzutage quer durchs Unternehmen Just-intime schafft, und das keineswegs hierarchisch oder vordefiniert vernetzt. Die Daten lassen sich nicht mehr in Diktionären und Repositorien halten, in mehr verknoteten als vernetzten Strukturen oder in Großdatenbanken, die nur zu den üblichen Banköffnungszeiten zur Verfügung stehen und auch dann wirklich eher "stehen" als dahergeflitzt kommen, wenn man sie braucht. Die Daten wollen frisch sein und rauskommen.

Die Parole heißt also: Divide et impera! Verteilen wir die Daten dorthin, wo sie verantwortet werden und wo ihr Gebrauchsschwerpunkt liegt. Müssen alle Punkte in Flensburg verzeichnet sein, wo's doch auch weiter südlich Verkehrssünder gibt? Müssen alle Flüge der neuen Göttin Europa sich um ein einziges riesiges Plattenarchiv drehen, das seinen unpassenden Namen hoffentlich mehr von Mozart als vom Wunsch nach gütiger Himmelfahrt ableitet? Da waren doch wieder die Hierarchen am Werk!

Volkstümliche Daten lassen sich heute preiswert verteilen. Für die, die sie schnell brauchen, sind sie dann auch schnell zu haben. In der Fertigung werden bald nur mehr auftragsbezogene Einzelprodukte gemacht, wie es in der Möbel- oder Autoindustrie schon lange der Fall ist.

Im Handel wird täglich nachgeliefert und die feinsten Apotheken sind zu vorratslosen Arzneimittel-Kurierdiensten geworden. Unsere Fahrkarten kaufen wir einzeln, und das Bargeld kommt auch jedesmal wie frischgedruckt aus der Wand. Die vorher planende oder nachher berichtende klassisch-summarische Datenverarbeitung, die hat Zeit. Platz da für den schnellen Spontan- und Individualzugriff?

Also müssen neue Daten "Banken" her, die keine mehr sind. Die verbindbaren, "relationalen" Sammlungen schlichter, selbsterklärender Tabellen, nach ihrer Sprache SQL genannt, sind schon das richtige. Nur müßten diese Queries, ob strukturiert oder nicht, ob echte Anfragen oder aber neue Eingaben, die selbst bei Abstürzen konsistent bleiben sollen, sie also müßten datei- und systemübergreifend funktionieren, mit oder ohne Two-phase-commit-Verantwortlichkeit. Und wie bei RISC-Rechnern, wo raffinierte Compiler für eine schlichte Grundstruktur voroptimieren, müssen dazu alle relationalen Datenbankdienste von Haus aus hinein in die Datenbanksoftware, ins Dateien- und Betriebssystem, ja bis in die Hardware der Plattenlaufwerke möglichst frei verteilbar und im Notfall ersetzbar sein.

Und diese neue Datenbanken gibt's. Schnelle relationale Datenbanken können schon heute gefahren werden. Und nicht nur ins Kleinen auf immer hochfrequenteren PCs oder MIPS-starken Workstations, sondern auch auf Großrechnern. So schrieb Chris Jahn Date von Codd & Date, der's a wissen müßte, in der COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation "Computerworld": "Der Mythos (mieser) Performance relationaler Datenbanken hat sich schließlich als das entpuppt, was er ist - ein Mythos. Ein genuines (sic!) relationales Datenbank-Management-System hat endlich Online-Transaktionsraten gezeigt, die gleich gut oder besser sind als die Durchsätze der schnellsten nichtrelationalen DBMS. Das ist ein Meilenstein in der Geschichte der Datenbanken".

Ob DV, EDV, IT, Organisation, Informationslogistik, Telemation oder Informatik, wir sollten weniger auf das Prozessieren mit MIPS und Megahertz starren - code-kompatibel für die Programmierer oder nicht - , als lieber vorher über die Daten nachdenken. Denn aus denen wird erst Information, wenn man sie simpel, sicher und schnell erreicht.