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11.08.2000 - 

Online-Training/IBM und Lotus wollen im Markt für E-Learning ihre Kräfte bündeln

Über die Chancen von Online-Lernen gehen die Meinungen auseinander

Mit ihrer Lösung "Learning Space" hat die IBM-Tochter Lotus Development ihr ehrgeiziges Ziel, kurzfristig Marktführer im Online-Lernen zu werden, verfehlt. Vor wenigen Monaten ergriff nun die Mutter IBM selbst die Initiative und will über das neue Venture "Mindspan Solutions" den Markt aufrollen. Von Winfried Gertz*

So war es schon immer: Nahezu 90 Prozent der deutschen Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter zu externen Seminaren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Weiterbildungsstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Während die Lehrgangsgebühren und andere Kosten lediglich mit 47 Prozent zu Buche schlagen, fließt der größere Teil der Aufwendungen in die Lohnfortzahlung für die Freistellung, so das IW. Trotz deutlicher Kostenvorteile scheint die Zeit für das Online-Lernen also noch nicht reif zu sein: Lieber lässt man Schulungsteilnehmer ab und zu aus ihrem Arbeitsalltag aussteigen. Auch die Chefs wollen sich nicht daran gewöhnen, dass sich ihre Mitarbeiter während der Arbeitszeit mit Lernprogrammen befassen.

Das Entwicklungspotenzial für E-Learning ist groß"Der Markt für E-Learning hat großes Entwicklungspotenzial", ist Fritz Fleischmann dagegen optimistisch. Der Vice President von Lotus Development, verantwortlich für Europa, den mittleren Osten und Afrika (Emea), lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich der Groupware-Pionier und Hersteller von Notes nun auch als Gigant des Online-Lernens in Szene setzen wird. Laut Forrester Research wächst der Markt um mehr als 30 Prozent pro Jahr. Zusammen sollen E-Learning und Knowledge-Management in den nächsten zwei Jahren einen Umsatz von sechs Milliarden Dollar erzielen. "Wir wollen Marktführer werden", lautet Fleischmanns ehrgeiziges Ziel. "Schon bei einem Anteil von 25 bis 30 Prozent gibt es einen ordentlichen Umsatzsprung."

Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Notes, später um den Messaging- und Web-Applikations-Server Domino ergänzt, hat Lotus vor allem in Konzernen zu einer beachtlichen Präsenz verholfen. Die Plattform, über die Anwender virtuell kommunizieren und zusammenarbeiten, kann nach Angaben von Lotus einen Anteil von nahezu 50 Prozent in Europa für sich reklamieren. Mit der Groupware arbeiten weltweit mehr als 60 Millionen Anwender. Grund genug, ihnen auch die Möglichkeit zu geben, online zu lernen. So entstand Learning Space, dessen Anwendung nun in der Version 4.0 erstmals keinen Domino-Server mehr voraussetzt.

Doch die bisherigen Verkaufserfolge der Lernplattform lassen zu wünschen übrig - und das in einer Zeit, in der die Wirtschaft von einer Welle von Mergern und Akquisitionen überrollt wird und es den Unternehmen besonders stark auf den Nägeln brennt, sich schnell neue Kompetenzen anzueignen. Viele errichten so genannte Corporate Universities, denn unter dem Druck der Globalisierung müssen international operierende Unternehmen mit dem Aufbau notwendiger Qualifikationen Schritt halten. Lotus-CEO Al Zollar bringt es auf den Punkt: "Wer mehr Zeit für die Weiterbildung benötigt als für die Entwicklung marktreifer Produkte und Dienstleistungen, hat keine Überlebenschance." Der Quotient aus "Time-to-Market" und "Time-to-Training" ist also die neue Erfolgsformel.

Zollar, erst seit wenigen Monaten Chef von Lotus, blickt auf eine 23-jährige Karriere bei Big Blue zurück. Immer wieder wird er mit der Frage konfrontiert, ob seine Ernennung nicht der Auftakt dafür sei, dass IBM der Softwaretochter Lotus nun doch den Hahn zudrehen wolle. Nicht von der Hand zu weisen ist: Seit IBM 1995 die Softwareschmiede zu einem Preis von rund 3,5 Milliarden Dollar übernahm, haben sich viele Topmanager und Softwareentwickler aus dem in Cambridge ansässigen Unternehmen verabschiedet. Spannungen aufgrund unterschiedlicher Kulturen lassen sich noch immer kaum vermeiden. Doch Zollar weiß gut genug, dass IBM den kleinen Partner nicht vergraulen darf. Während sich im ersten Quartal dieses Jahres die Umsätze im Konzern vergleichsweise moderat entwickelten, schossen die Verkaufszahlen von Notes/Domino steil in die Höhe.

Nicht zufrieden konnte IBM indes mit den ausbleibenden Umsätzen aus der E-Learning-Plattform Learning Space sein - und das in einem boomenden Marktumfeld. Allein in den USA, so haben die Marktforscher von IDC ermittelt, haben Unternehmen mehr als drei Milliarden Dollar in E-Learning investiert. Im Jahr 2003 sollen es bereits 11,5 Milliarden sein. IBM, das bei der Entwicklung der neuen Version von Learning Space ein gewichtiges Wort mitredete, musste also handeln, um in dem von den Auguren optimistisch gezeichneten Markt die Nummer eins zu werden. Eine richtige Entscheidung, so Gartner-Group-Analyst Clark Aldrich: "Die ersten Versionen von Learning Space enttäuschten die Erwartungen. Nun sorgt IBM erstmals für eine umfassende Lernumgebung."

Vor wenigen Monaten hob IBM deshalb die neue Business Unit Mindspan Solutions aus der Taufe. Aufgabe der rund 4000 Mitarbeiter starken Truppe ist es laut IBM, Unternehmen beim Online-Lernen zu unterstützen und ihnen den Weg zum Wissens-Management zu ebnen. "Online-Lernen ist aus unserer Sicht Wissenstransfer, also eine entscheidende Grundlage für Wissens-Management", erklärt Laura Sanders, Vice President von Mindspan Solutions. "Nun wollen wir auf Basis des hohen Bekanntheitsgrades von Lotus auf diesem Gebiet auch konsequent Umsätze erwirtschaften."

In der Kombination aus Learning Space sowie Consulting und Services seitens IBM will Mindspan Solutions Lernpakete anbieten, die dem Anwender größtmöglichen Spielraum bei der Gestaltung seiner individuellen Weiterbildung verschaffen. Doch die Konkurrenz schläft nicht - Hersteller wie Docent, Hewlett-Packard, Mentergy oder Ninth House Network haben Learning Space den Kampf angesagt. Ob sich Mindspan durchsetzen wird, bleibt also abzuwarten.

Auch in der deutschen Wirtschaft, wo viele E-Learning-Projekte angekurbelt werden, kommen oft Alternativen von Learning Space zum Zug. Für die Eigenentwicklung einer Lernplattform mit dem Namen "_//Line" hat sich zum Beispiel die Volkswagen AG entschieden. Nach dem Start im Mai 1999 stehen heute bereits 27 Web-basierende Lernprogramme im Intranet. Auf dem "Highway für Bildung", so Axel Günther, verantwortlich für Marketing im Bereich Multimedia der Volkswagen Coaching GmbH, können sich die Mitarbeiter - je nach Einstiegslevel - in technische Themen wie Microsoft Office und Windows NT einarbeiten, ihre Sprachkenntnisse in Englisch und Spanisch verbessern oder sich mit der neuen Rechtschreibung vertraut machen.

Einige Anwender von Learning Space, wie die Bausparkasse Schwäbisch Hall AG, sind noch unentschlossen. Birgit Krüger, Fachberaterin Lotus Notes und Internet: "Derzeit setzen wir Learning Space noch nicht produktiv ein. Im vergangenen Jahr haben wir einen Test mit 30 Mitarbeitern im Außendienst gemacht. Momentan sind wir in der Entscheidungsphase bezüglich des weiteren Vorgehens." Bei der Bausparkasse verfolge man das Ziel, das traditionelle Trainingsangebot um eine virtuelle Akademie zu ergänzen und mittelfristig auch die Personalentwicklungskosten zu reduzieren.

Andere Perspektiven zeichnen sich dagegen in der Hochschulbildung ab. Hier hat Lotus definitiv als "First Mover" und "First Prover" einen wichtigen Markt besetzt. Mit einer geschickten Strategie aus Preisnachlässen und speziellen Lizenzvereinbarungen ließen sich laut Fleischmann inzwischen 220 von insgesamt mehr als 300 Hochschulen ins Lotus-Bildungsnetzwerk einbinden. Viele davon setzen auch Learning Space ein, zum Beispiel die Fachhochschule Heilbronn. Neun Mark Jahresgebühren pro Client, erläutert Professor Ermfried Prochaska, könne er problemlos aus seinem Etat bestreiten, ohne umständliche Anträge zu stellen. Studenten benötigten keine Lizenz, sondern könnten von jedem Browser aufs Lehrangebot greifen. Bereits zum vierten Mal bietet der Professor für Mikroelektronik einen Laborversuch an, für den sich seine Studenten online qualifizieren können. Sie laden sich Aufgaben herunter, erarbeiten die Lösung und senden sie zur Korrektur an ihren Dozenten zurück. Macht diese Methode nicht ein normales Seminar überflüssig? Keineswegs, ist Prochaska überzeugt. Studenten hätten viele Fragen, was zu einer intensiveren Kommunikation im Klassenraum beitrage.

Gute Noten erteilt auch Andrea Back, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen, den neuen Ansätzen. Sie setzt bereits die aktuelle Version von Learning Space ein, die nun auch die synchrone Kooperation zwischen Studenten und Dozenten ermöglicht. Während ihr Kollege Prochaska inzwischen beim Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) einen Projektantrag gestellt hat, um per Learning Space die Weiterbildung im Projekt-Management voranzutreiben und zugleich einen neuen Ansatz für die Hochschulausbildung zu liefern, übt Professorin Back Kritik: "Der Haken am Online-Lernen ist die unzureichende Kenntnis vieler Kollegen im Umgang mit neuen Medien. Didaktisch angemessene Kurse zu entwickeln kostet viel Geld. Doch nur an die Kosteneinsparung zu denken ist ein Ansatz ohne Zukunft. In wenigen Jahren wird kaum eine Ausbildung ohne technische Lernplattform auskommen."

In der öffentlichen Bildung ist heute schon zu erkennen, wohin die Reise beim Online-Lernen gehen wird. Nach der jüngsten Umfrage der National Education Association (NEA), der größten Dozentenvereinigung der USA, ist die Vorbereitung und Umsetzung von Online-Kursen weit aufwändiger als herkömmlicher Unterricht. Zudem beklagen viele Dozenten, dass ihnen eine dafür angemessene Mehrvergütung vorenthalten wird. Irgendwann seien guter Wille und das Interesse an neuen Konzepten verbraucht, heißt es. Am meisten beansprucht würden die Dozenten von der E-Mail-Kommunikation mit ihren Studenten. "Im Klassenraum", erläutert Christine Maitland von der NEA, "hat man es nur mit einer Handvoll aktiver Teilnehmer zu tun. Im Online-Kurs bringen sich dagegen alle ein." So sei es keine Ausnahme, dass 20 Studenten bei einer Online-Diskussion zu einer vom Dozenten gestellten Frage bis zu 90 Antworten liefern.

Was an Schulen und Universitäten in der Praxis bereits erprobt wird, muss sich im unternehmensweiten Kontext erst noch Bahn brechen. Die von optimistischen Prognosen der Auguren beeindruckten Anbieter von Produkten und Dienstleistungen haben es schwer, ihre Kunden vom Vorteil des Online-Lernens zu überzeugen. "Auf das Lernen am Arbeitsplatz", unterstreicht auch Jörn Oelze, Inhaber der New Horizons Learning Centers GmbH in Hamburg, "sind die Unternehmen nicht vorbereitet." Der Business-Partner von Lotus warnt vor übertriebenem Ehrgeiz, obwohl die vorhandene Technik durchaus überzeugt. Er versteht sich als Berater von Personalabteilungen, die Weiterbildung besser organisieren wollen. "Optimal ist immer ein Mix aus Präsenzunterricht und anderen Lernformen."

Ähnlich argumentiert auch Jan Netzow, Vorstandsvorsitzender der Learning Online AG in Neuler bei Aalen, ebenfalls LotusBusiness-Partner. Zwar sieht er einen "explodierenden" Markt und viele Unternehmen, die derzeit auf WBT umsatteln. Dabei würden allerdings viele Fehler gemacht. "Es reicht nicht, Lerninhalte ins Netz zu bringen. Die Mitarbeiter, die ihr Wissen zur Verfügung stellen, müssen auch die Teilnehmer von Online-Kursen betreuen." Vielerorts mangele es an angemessener Vergütung und Motivation, auch Kommunikation und Kooperation seien verbesserungswürdig. Auf keinen Fall dürfe die tutorielle Betreuung ausgelagert werden, vielmehr müsse das Wissen im Unternehmen bleiben.

Dafür scheint zumindest IBM gut gerüstet. Rund ein Jahr nach Einführung seines virtuellen Bildungszentrum Global Campus findet bereits jede dritte Schulung online statt. Nach eigenen Angaben hat IBM 1999 durch den Einsatz der neuen Lernformen rund 100 Millionen Dollar eingespart. Für Susanne Tepel, Leiterin des Bereichs Distributed Learning in Herrenberg, handelt es sich dabei um entscheidende Voraussetzungen, um auch als Anbieter von Online-Trainings die Anwender zu überzeugen. "Bevor wir ein Konzept entwickeln, ermitteln wir den individuellen Weiterbildungsbedarf. Nur auf die Technik zu setzen wäre ein großer Fehler." Schließlich gehe es im Markt des Online-Lernens, in dem laut Tepel viele "Scharlatane" mitschwimmen, nicht um Hightech, sondern um menschliche Entwicklungsbedürfnisse.

"Der Dümmste der Abteilung muss mithalten können", skizziert Tepel den IBM-Ansatz. Den Unterricht im Klassenraum wolle man nicht ersetzen, nur ergänzen. Viele IBM-Kunden treten an den IT-Konzern heran, um sich in Fragen der Weiterbildung unter die Arme greifen zu lassen. "Sie müssen auf ihre Kosten achten und dabei schnell agieren. Sie wollen ihre Mitarbeiter nicht verlieren."

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.

Lernformen- Selbstbestimmtes Lernen

Einzelne Personen haben die vollständige Kontrolle über die Lerngeschwindigkeit bei der Bearbeitung von Kursmaterialien, die gering oder auch mit einer Vielzahl von Lernkontrollen stark strukturiert sein können.

- Kooperatives Lernen (asynchron)

Unabhängig von Ort und Zeit bearbeiten Teams vorgegebene Übungen. Diese Art des Lernens eignet sich als Diskussionsforum und für Aufgaben, bei denen jeder seine Fähigkeiten zur Lösung von Problemen unter Beweis stellen kann.

- Zeitgleiches Lernen (synchron)

Mit Lotus Learning Space lässt sich ein virtuelles Klassenzimmer unter Nutzung aller zur Verfügung stehenden Multimedia-Tools einrichten. Dies ermöglicht eine direkte, zeitgleiche Kommunikation und Kooperation mit anderen Lernenden und einer Lehrkraft. Quelle: Lotus