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23.11.1979

Über die eigenen Kirchtürme hinaussehen

Walter Gollbach Dezernent für Öffentlichkeitsarbeit der Hessischen Zentrale für Datenverarbeitung

Fangen wir mit einem Beispiel an, das genau so wenig ganz falsch ist, wie es nicht ganz richtig sein kann: Früher hat der Bauer sein Korn selbst recht und schlecht vermahlen. Heute gibt er das Korn an Großmühlen und bekommt es als vielfach differenziertes, qualitativ hochstehendes Produkt zurück oder läßt es über die Mühle vermarkten. Den Transportkosten und dem Verlust der Wahlfreiheit des Verarbeitungsortes und -termins, der damit verbundene Zeitaufwand sowie die Nichtverfügbarkeit über den Arbeitsablauf und die dafür eingesetzte Technik; aber auch der Preis für die Dienstleistung der Mühle werden aus der Sicht des Bauern aufgewogen durch die Einsparung von sonst notwendiger Investition, Personal und Zeit, die besser von ihm eingesetzt werden können. Unter dem Strich bleibt für ihn ein Gewinn. Das allein ist für ihn interessant. Er wird folgerichtig so lange nicht selbst vermahlen, wie die Mühle in ihrer Preisgestaltung die Kirche im Dorf läßt, beziehungsweise eine neue Technik die Verarbeitung auf dem eigen Hof nicht wieder interessant werden lassen könnte. Will die Großmühle ihre Kundschaft dann nicht verlieren, wird sie sich etwas einfallen lassen müssen.

Wer anno dazumal in der Verwaltung automatisierte Datenverarbeitung betreiben wollte, mußte wollte er nicht einem Chaos von Programmen und Systemen Vorschub leisten, sich der "Großmühlen" bedienen, wobei es in diesem Zusammenhang keine Rolle spielt, ob diese Bestandteile große Hofgüter" waren oder sind oder ob sie als selbständige Dienstleistungsbetriebe agierten. Hessen schuf sich damals aus gutem Grund einen DV-Verbund. Die verfügbare Technologie rechtfertigte das Motto "Wenige für alle", zumal man sich davon mehr Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung versprach. Außerdem hatte man im Hinterkopf noch die Idealvorstellung von der Einheitlichkeit der Verwaltung, eine lobenswerte Fiktion, die in einem demokratischen Staat von der Politik zwangsläufig ad absurdum geführt wird. Aber die Technik war heil. Den quantitativ wachsenden Verfahrensanforderungen stellten die Hersteller immer größere und schnellere Rechner zur Verfügung beziehungsweise immer größere und schnellere Rechner weckten die Begehrlichkeit von Datenverarbeitern und Anwendern. Speicherkapazität war jedenfalls Trumpf und Status-symbol überall. Der Universalrechner verdaute alles und jedes. Doch der scheinbare Fortschritt mußte aus der Sicht der Anwender relativ hoch bezahlt werden: Der Herr mußte zum Knecht gehen. Die Daten mußten zum Zentralrechner gebracht und von dort nach der Verarbeitung zurückgeholt werden. Transportwege kosten aber nicht nur Geld sondern auch Zeit. Vor allem schaffte die langwierige Abwicklung des Änderungsdienstes viel Verdruß. Wer aus zwingenden Gründen auf Aktualität seiner Datenbestände angewiesen war, hatte das Nachsehen. Die Verfügbarkeit war entscheidend eingeschränkt.

Bürgernähe war nur noch bedingt

Von Bürgernähe konnte nur noch bedingt die Rede sein. Das "Zeitloch" zwischen Abgang der Daten von der Verwaltung und dem Vorliegen der Ergebnisse in der Verwaltung führte zu einer unerfreulichen Unterbrechung des Arbeitsablaufs beim Anwender und beeinflußte bei den Mitarbeitern das Verhältnis zum Arbeitsvorgang und zur Datenverarbeitung negativ. Kamen dann noch durch Gesetz oder Verwaltungswunsch notwendig werdende Verfahrensänderungen hinzu, war der "Bock fett", wie der Volksmund zu sagen pflegt; denn welchen Anwender interessieren schon die damit verbundenen Probleme der Datenzentralen? Die Schattenseiten der durch die angebotene Technik erzwungenen Zentralisierung im administrativen Alltag wurden offenkundig und ließen den Vorteil der Verbundlösung verblassen der darin lag und liegt daß nicht jede Verwaltung das Rad noch einmal neu erfinden mußte. Trotz allem war "Wirtschaftlichkeit" unter den gegebenen Umständen zu vermelden.

Alles das stellt sich im Zeichen einer fortgeschrittenen Technologie in einem anderen Lichte dar. Preisgünstige und leistungsstarke Rechner der Mittleren Datentechnik sind - vernünftig eingesetzt - eine Lösung vieler Mißlichkeiten, die der Verbund aufgrund der seinerzeitigen technischen Vorgaben zwar mildern, .aber nicht aus der Welt schaffen konnte. Die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe die Datenverarbeitung ins eigene Haus zurückzuholen, sollte allerdings nicht in die Versuchung führen, Stand-alone-Lösungen zu praktizieren. Der Verbund sollte nach wie vor allein aus Zweckmäßigkeitsgründen die solide Basis für eine von der Vernunft bestimmte Arbeitsteilung bilden. Insofern läutet die MDT auch nicht die Sterbestunde des Verbundes ein, sondern bietet eine reelle Chance für eine Renaissance in der Zusammenarbeit Verbund - Verwaltung, wenn die Veränderungen in der DV-technischen Landschaft von beiden nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch akzeptiert und genutzt werden. Denn nun sind - vor allem in der Verbindung mit der Datenfernverarbeitung die technischen Voraussetzungen für eine optimale Nutzung des vom DV-Verbund in den zurückliegenden Jahren geschaffenen Angebots für den Anwender gegeben. Die organisatorische und technische Einbindung von regional plazierten Rechenzentren mit Großrechnern und Rechnern der Mittleren Datenverarbeitung in den Verwaltungen selbst in ein gemeinsames Netz gibt dem Anwender die volle Souveränität über das Hilfsinstrument Datenverarbeitung zurück. Die Verfügbarkeit über "Intelligenz" vor Ort bietet ihm durchaus die Möglichkeit individueller Programmlösungen bei individuellen Problemen, soweit die personellen Voraussetzungen gegeben sind. Seine Datenbestände stehen ihm ohne Zeitverzögerung mit dem jeweils aktuellen Stand zur Verfügung, so sein Änderungsdienst auf dem laufenden bleibt. Er kann sie - entsprechend der Größenordnung seiner Anlage - vor Ort verarbeiten (was eine eigene Programmbibliothek voraussetzt), oder er kann sie per Datenfernverarbeitung über den Großrechner des Verbundrechenzentrums abarbeiten lassen (was eine Frage der Wirtschaftlichkeit ist). Die Mitarbeiter brauchen nicht mehr auf das "Zeitloch" zu starren, wie das Kaninchen auf die Schlange. Sie können ihren Vorgang kontinuierlich abarbeiten gleich ob sie mit dem Rechenzentrum kooperieren oder auf das "Eingemachte" im Haus zurückgreifen. Der Zeitfaktor hat jedenfalls seine Rolle ausgespielt.

Das alles braucht keine Utopie zu sein, wenn...Und hier liegt der Hund begraben: Voraussetzung für das reibungslose Zusammenspiel von Verbund-Großrechnern und Anlage der Verwaltung vor Ort ist die verbindliche Standardisierung bestimmter Hard- und Software-Bausteine im Sinne einer durchgängigen Kompatibilität. Das gilt für den DV-Verbund intern genauso wie für sein Außenverhältnis zu den Anwendern. Da der Verbund mit seinen Großrechnern nicht nur Vorhaltefunktionen für die Anwender bei den Programmen erfüllt, die man sinnvollerweise in den Rechenanlagen vor Ort nicht wirtschaftlich realisieren kann, da seine Notwendigkeit aus übergeordneten Aufgabenstellungen der Region oder des Landes sich legitimiert, da er als "Sicherheitsholz" beim Ausfall örtlicher Systeme unverzichtbar ist, da er insgesamt die Last der Entwicklung und Anpassung von V erfahren dem auf Produktion angewiesenen Anwender abnehmen sollte und da er eine Schnittstellenfunktion in der Zusammenarbeit mit Bund und Ländern wahrzunehmen hat, muß die Kompetenz für die unabdingbare DV- und verfahrenstechnische Kompatibilität bei ihm angesiedelt sein.

Der hessische Ansatz in diesem Bereich mit der Verbundkonstruktion ist nach wie vor richtungweisend und zukunftsträchtig, wenn die Verantwortlichen begreifen, daß die Philosphie: Datenverarbeitung für Land und Kommunen unter einem Dach auch heute noch richtig, wirtschaftlich und damit sinnvoll ist, wenn man bereit ist, das vorliegende Angebot zu nutzen und nicht als willkommenen Sprengstoff für tages-aktuelle Interessen einsetzt, die letztlich der Bürger dieses Landes über seine Steuergroschen teuer zu bezahlen hätte.

Entnommen: inform 5/79