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10.09.1999 - 

Experten halten die Sachbearbeiter für inkompetent

Überalterte Software stürzt Sozialämter ins Chaos

MÜNCHEN (uo) - Von Anfang an brachte die Software "X-Prosoz" die Stadt Nürnberg in Schwierigkeiten. Das jüngste Problem der von Siemens Business Services (SBS) stammenden Unix-Variante der Sozialamtssoftware vom Prosoz-Institut in Herten: Die aktuelle Version 2.13 ist nicht komplett Jahr-2000-fest.

Noch immer laufen X-Prosoz-Module nicht "adäquat" und mit "gewissen Unzulänglichkeiten", formuliert Reinhold Dehmel, Dienststellenleiter des Nürnberger Sozialamts, sein Softwaredesaster vorsichtig. Dabei sorgt das Programmpaket bereits seit einiger Zeit für fette negative Schlagzeilen.

So berichteten die "Nürnberger Nachrichten" im März über Sonderschichten am Heiligabend, ohne die im Januar keine Sozialhilfe ausgezahlt worden wäre. Weil die Statistik für die Berechnung von Leistungen und Ausgaben fehlte, die der Freistaat den kommunalen Sozialämtern erstattet, verschob sich die Zuweisung um mehrere Monate. Die Stadt wartete auf 40 Prozent der Sozialamtsleistungen, rund 46 Millionen Mark. Das pauschalierte Wohngeld wurde falsch berechnet oder nicht gezahlt. Immer wieder fiel das System komplett für zwei bis drei Tage aus, so daß die Sachbearbeiter gänzlich auf ihre Papierakten angewiesen waren und sämtliche Veränderungen später in das DV-Programm übertragen mußten.

Ursprünglich sollte X-Prosoz die Stadt Nürnberg 5,6 Millionen Mark kosten und bis Ende 1996 im Sozialamt mit seinen neun Außenstellen eingeführt sein. Bis zum Frühjahr dieses Jahres jedoch hatte die Stadt bereits 6,2 Millionen Mark bezahlt, plus 650000 Mark für Schulungen und Personal. Der für den Betrieb notwendige Austausch alter Rechner gegen neue wird in diesem Jahr eine weitere Million kosten.

Im September will Dehmel die X-Prosoz-Einführung endgültig abgeschlossen haben, obwohl etwa die Umlageverfahren immer noch unbefriedigend laufen. Nach SBS-Angaben ist diese Version Jahr-2000-fähig und wird seit Oktober vergangenen Jahres angeboten. Das gilt für das Dialogsystem, nicht aber für das zugrundeliegende Datenbanksystem "Informix 7.1". Eine X/Prosoz-Version, die auf die Jahr-2000-feste Version "Informix 7.3" zugreift, wurde den Sozialämtern für Oktober 1999 angekündigt. Dienststellenleiter Dehmel bekam zugleich von seinem Lieferanten SBS mitgeteilt, daß damit bis zum Jahreswechsel dieses Anwendungs-Release im Zusammenspiel mit der Datenbank nicht vollständig getestet werden könne. Somit richtet sich das Nürnberger Sozialamt auf eine Bearbeitung von Hand ein - angesichts von rund 35000 registrierten Leistungsempfängern keine leichte Aufgabe.

In 1500 von rund 2200 deutschen Sozialämtern ist die Software "Prosoz" des Prosoz-In- stituts im Einsatz; in weiteren 40 die auf Unix und das relationale Datenbanksystem portierte SBS-Variante. Da diese erst entwickelt werden kann, wenn das Hertener Institut eine neue Version seiner DOS- und Windows-Software fertiggestellt hat, kommt nach Aussagen von SBS-Kunden das Update der Siemens-Tochter mit bis zu einem Vierteljahr Verspätung bei ihnen an.

Nachfragen bei verschiedenen Ämtern ergaben, daß Nürnberg kein Einzelfall ist. So berichtet auch Gunther Neubaum, Systemverwalter beim Sozialamt Fürth, von erheblichen Problemen, deren Ursache und Wirkung denen in Nürnberg sehr ähnlich sind. Sie waren vor allem im Zusammenhang mit dem jüngsten Release-Wechsel Mitte Dezember des vergangenen Jahres aufgetreten. Nachdem im Februar die letzte große Korrektur erfolgt war, läuft die Software nun "einigermaßen vernünftig".

Das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, daß die Lösung technisch und funktional überaltert und kaum noch wartungsfähig ist. "Man hat das Gefühl, ein Fehler wird behoben, und das bringt den nächsten hervor", klagt Neubaum. Diese Erfahrung machten auch andere. So berichtet Gudrun Mathew, DV-Koordinatorin in Chemnitz: "Ein Fehler wird beseitigt, ein anderer tut sich auf." Sie hält die Prosoz-Programme, die Mitte der 80er Jahre entstanden, schlichtweg für "nicht mehr zeitgemäß".

Die Fehler tauchen typischerweise auf, wenn zusätzliche Funktionen wie die Leistungen an Asylbewerber, Hilfe zur Arbeit, Schnittstellen zur Haushaltskasse oder Statistiken in den bestehenden Kern integriert werden, der das Bundessozialhilfegesetz abdeckt. So forderten fehlerhafte Statistiken auch die Kritik des Statistischen Bundesamts heraus. Dem Anpfiff ging ein Zwischenbericht der ISG Sozialforschung und Gesellschaftspolitik GmbH, Köln, zu Prosoz-Daten als Grundlage der Sozialhilfestatistik voraus. Die Gesellschaft arbeitet zusammen mit der Mummert + Partner Unternehmensberatung AG im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit an "Maßnahmen zur Erfolgskontrolle im Bereich der Sozialhilfegesetzgebung - Modellsozialämter".

Der Bericht vom März vergangenen Jahres moniert falsche Werte. Diese gingen auf fehlende Plausibilitätskontrollen in Prosoz zurück. In der Folge wurden Sozialhilfeempfänger geführt, die längst keine Leistungen mehr erhielten. Ein Sozialamt registrierte seit 1993 keine arbeitslosen Sozialhilfeempfänger mehr, eine anderes zählte seit 1995 gar keine Neuzugänge. Die Sachbearbeiter hatten einfach Voreinstellungen der Software übernommen und die Daten nicht abgeglichen.

Doch die bestellten Beobachter entdeckten selbst dann noch falsche Fallzahlen, als unter wissenschaftlicher Begleitung die Daten bereinigt waren. So fielen auch logische Fehler auf.

Christine Sellin von der ISG und Horst Tippelt von Mummert + Partner glauben jedoch in den Sachbearbeitern die Schuldigen gefunden zu haben. Es fehle häufig das Interesse an sauberen Daten sowie die Sensibilität für ein richtiges Controlling. Laut Tippelt ist der Ausbildungsstand der Sachbearbeiter in den Sozialämtern so schlecht, daß viele Mitarbeiter lediglich 50 Prozent der Softwarefunktionen beherrschten. Dazu kämen organisatorische Defizite in den Ämtern, so daß die Arbeitsplätze in den Kommunen auch als "Strafkolonie der Stadtverwaltung" bezeichnet würden.

Trotzdem sei das Prosoz-Institut von der Notwendigkeit einer besseren Benutzerführung etwa durch Plausibilitätskontrollen verständigt worden. Ob die Mängel vom Hersteller inzwischen behoben wurden, konnten jedoch weder die ISG noch Mummert + Partner sagen. So hat das Statistische Bundesamt immer noch offene Fragen, und der Chemnitzer DV-Spezialistin Mathew fehlen weiterhin Plausibilitätskontrollen.

Der Hersteller aus Herten kann sich indes über die Argumentation von Sellin und Tippel freuen. So sucht auch Gerlinde Albrecht-Herweg, Vertriebsleiterin des Prosoz-Instituts, die Verantwortung nicht etwa in der mangelhaften Benutzerfreundlichkeit, sondern in der Handhabung. Es werde an Erstschulungen und Weiterbildungen gespart, obwohl die Personalfluktuation in den Ämtern eine Quote von bis zu 30 Prozent im Jahr erreiche.

Sie verweist zudem darauf, daß die Anwender sehr stark in die Weiterentwicklung ihres Produkts eingebunden sind. Zwar gebe es seit einiger Zeit keine unabhängigen User-Gruppen mehr, sondern eine zentrale Anwenderbetreuung im Institut, doch diese Stelle sammle die Anforderungen, und ein "unabhängiges Gremium" im Haus entscheide, was davon umgesetzt werde.

Tatsächlich gibt es auch Sozialämter, die mit der Prosoz-Software zufrieden sind. So in Augsburg. Dort zählt das Amt 6000 aktuelle Fälle, 20 000 sind insgesamt erfaßt. Peter Joanni, DV-Betreuer beim dortigen Sozialamt, stellt nur kleinere Prosoz-Mängel heraus. So mache die sequentielle DOS-Dateihaltung Probleme; zum Beispiel sind historische Fälle nicht mehr auffindbar und müssen manuell recherchiert werden. Die gravierenden Schwierigkeiten anderer Sozialämter mit Prosoz führt er auf eine mangelhafte Organisation, fehlende Schulungen und eine schwache technische Betreuung des Systems zurück. In Augsburg hingegen habe man die Abläufe und die Organisation auf das Softwareprodukt abgestimmt.

Es bleibt die Frage, warum so viele Sozialämter diese Software benutzen. Die Antwort ähnelt stets der vom Nürnberger Dienststellenleiter Dehmel: "Es gibt nur ein Produkt." Ein Blick in das Curriculum Informatik für den Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik der Evangelischen Fachhochschule Berlin bestätigt indes: "Auf dem Softwaremarkt für soziale Dienste und soziale Organisationen werden zur Zeit mehr als 350 Spezialprogramme angeboten."