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25.07.1980 - 

Allgemeingültige Konstruktionsregeln für Software fehlen:

Übertragbare Lösungen sind die Ausnahme

Die individuelle, auf die betrieblichen Besonderheiten zugeschnittene Problemlösung ist die Regel, Standard-Anwendersoftware die Ausnahme. Diese Tradition bestimmt sowohl das Anbieterverhalten als auch die zögernde Nachtrage der Anwender. "Eine riesige volkswirtschaftliche Verschwendung", argumentieren Standard-Software-Experten - müssen wir uns die leisten?

Im Jahr 1979 hat Infratest den Markt für Anwendungssoftware in der Bundesrepublik Deutschland umfassend untersucht. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen unter anderem die derzeitige Einsatzhäufigkeit von Standard-Anwendungssoftware.

Von den Anwendern, die 1978 neue Anwendungen einfahren haben im Durchschnitt nur 23 Prozent Standard-Software eingesetzt (Abbildung). Hierbei machen mit 29 beziehungsweise 23 Prozent die 19 000 Zentralbetriebe mit einem kleinen/ mittleren DV-System und 42 000 Einbetriebsunternehmen mit kleinen/ mittleren DV-Systemen den Löwenanteil aus. Die 2000 Großbetriebe mit großen DV-Systemen setzen Standard-Anwendungssoftware gar nur zu sechs Prozent ein.

Angebotene Standard-Software ist vielfach eine verallgemeinerte Individuallösung. Ein Anwender-Software-Paket wird in der Regel zum Standard-Anwendungsprogramm, indem es sein Ersteller oder Anbieter verbal auf dem Markt zu einem solchen deklariert. Er heftet ihm praktisch den Orden der Allgemeinverwendbarkeit an, obwohl "es sich häufig um nur notdürftig generalisierte Lösungen für einen in der Vergangenheit erfolgreich bewältigten Individualfall handelt". Die Folge sind zahlreiche sogenannte Standardprogramme, zum Teil für gleiche Problemstellungen, die sich in betriebsbedingt existenzwichtigen Abläufen unterscheiden und deshalb nur selten als einsetzbare Standards akzeptiert werden können.

Die Erstellung von Standard-Software erfolgt meist nicht nach standardorientierten Software-technologischen Methoden, sondern nach individuellen Gepflogenheiten der Produzenten. Unternehmen sind jedoch in relativ kurzen Zeiträumen marktbedingten und betriebsinternen organisatorischen Änderungen unterworfen. Zeiträumen, die die Lebensdauer eines Software-Produktes weit unterschreiten. Diese Änderungen spiegeln sich in den automatisierten Betriebsabläufen wider. Allgemeingültige automatisierte Betriebsabläufe werden spätestens dann notgedrungen zu Individuallösungen. Solange jedoch allgemeingültige Konstruktionsregeln für Software fehlen oder nicht eingehalten werden, ist die Anpassung von Standard-Anwendungssoftware zumindest überdimensional teuer, und sie wird sogar unmöglich, wenn die Erstellungswerkzeuge vom Verkäufer nicht mitgeliefert werden.

Integrationsprobleme

Standard-Software-Pakete werden dem Anwender in der Regel nur für Teilbereiche der DV-automatisierten Unternehmung angeboten. Eine Integration dieser Anwendungspakete in den betriebsindividuellen DV-organisatorischen und DV-technischen Ablauf ist häufig nur mit erheblichem Aufwand möglich. Denn nur selten sind die Daten- und Ablaufschnittstellen der Programme allgemeingültig konzipiert. Dies gilt sowohl für die Standardprogramme als auch für die Individual-Software der Anwender die nicht zusammenzuführen sind.

Software-Produzenten, deren Handwerkszeug, auf einen einfachen Nenner gebracht, auf Sprachtheorie aufgebaut ist, haben in der Regel mit ihrer Umwelt die größten Verständigungsschwierigkeiten. Sie verstehen sich prächtig untereinander, doch in der Darstellung ihrer Produkte gegenüber deren Anwender haben sie große Probleme. Vielen Standard-Software-Produkten fehlt daher eine exakte, für den Anwender verständliche Beschreibung ihrer Einsetzbarkeit und Bedienbarkeit sowie der eventuell erforderlichen Schnittstellen zur "programmtechnischen Umwelt".

Überzogene Anwenderforderungen

Daß Software-Entwicklung als personalintensive Aktivität teuer ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Daß jedoch im Lebenszyklus eines Software-Produktes Kosten in mindestens gleicher Höhe für Marketing und Wartung eines Software-Produktes anfallen, ist vielen Anwendern nicht bewußt. Je höher die Gesamtkosten eines Produktes sind, desto größer muß die Verkaufsstückzahl bei gegebenem Preis sein. Und hier nehmen sich die Forderungen vieler Anwender nach großzügigsten Rabatten für Mehrfachinstallationen und erheblichen Vorleistungen, beispielsweise in Form von betreuungsintensiven, aber kostenlosen Probeinstallationen, etwas überzogen aus. Die Anwender klagen zwar, sicherlich zu Recht, über ein mangelhaftes Angebot von Standard-Anwendungssoftware. Das Angebot wird jedoch in einem offenen, freien Markt von der Nachfrage stark beeinflußt, und hierzu gehört auch der Nachfragepreis. Daß dieser Nachfragepreis für die auf unserem Markt erzielbare Stückzahl nicht hoch genug ist, ist sicherlich mit ein Grund für ein in der Regel qualitativ und quantitativ unzureichendes Standard-Software-Angebot.

Umgebaute Individuallösungen, fehlende Schnittstellen und Benutzer-Handbücher sowie mangelnde Wartbarkeit und eine ungünstige Preis- und Kostenrelation charakterisieren unsere gegenwärtige Standard-Anwendungssoftware. Standard-Software ist zur Zeit in der Regel noch so unflexibel, daß es leichter ist, den Betriebsablauf zu ändern als die zugehörigen Programme. Anders formuliert:

"Je geringer der funktionale Umfang von Standard-Software, um so größer die potentielle Anwendungsbreite, um so geringer aber auch die Verwendbarkeit derartiger Systeme für den Anwender." Ist die Produktion individueller Software in der gegebenen Größenordnung also volkswirtschaftliche Verschwendung? Keinesfalls - sie ist leider derzeit eine Notwendigkeit.

Die "Mittlere Datentechnik", der Einsatz von Mini- und Mikrocomputern in Mittel- und Kleinunternehmen ebenso wie in dezentralisierten Funktionseinheiten von Großbetrieben, scheint alle bisher aufgestellten Betrachtungen zu widerlegen. Hier wird Standard-Anwendungssoftware vielfach erfolgreich eingesetzt. Wie ist das möglich?

Sicherlich sind die auf diesem Markt maßgeblichem Anbieter (vornehmlich Hardware-Hersteller) flexibel in Wartung und Kommunikation. Dies wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil sie Problemen weitaus geringerer Komplexität gegenüberstehen. Allgemeingültige Standards oder eine Lösung von betrieblichen Integrationsproblemen können sie jedoch ebensowenig bringen wie die Lieferanten von Groß-EDV-Standard-Software.

Minicomputer-Anwender sind besser dran

Für letztere nur ein Traum, für MDT-Software-Lieferanten jedoch eine erfreuliche Realität:

Viele Anwender sind aufgrund ihrer Größenordnung in der Lage und willens, ihre Betriebsabläufe an die Quasi-Standards der Software-Anbieter anzupassen. Sie ändern bereitwillig, wenn auch in Grenzen, ihre Organisationsform und ihren Arbeitsablauf nach den EDV-technischen Gesichtspunkten der Standard-Anwendungsprogramme. Und, nicht zu vergessen der potentielle Absatzmarkt ist viel größer.

Die große Chance liegt in der Einbringung dieses Verhaltens der MDT-Anwender in die Großunternehmen und damit in der, Dezentralisierung. Software-technisch bedeutet dies eine fachabteilungsbezogene automatisierte Problemlösung mit klaren Schnittstellen zur DV-Lösung des Gesamtunternehmens im Rahmen einer eindeutigen datenhierarchischen und funktionalen Trennung beider Bereiche. Hardware-technisch ist dies das "Konzept des Distributed Processing". Dazu ist es erforderlich, die Zusammenführung der peripheren fachabteilungsbezogenen Lösungen mittels Minicomputern und der zentralen Gesamtkonzeption der Groß-EDV zu bewerkstelligen. Diese schaffen nur diejenigen, die auf beiden Gebieten Erfahrung besitzen: Das sind nicht zuletzt die Software- und Systemhäuser! Sie sind es auch vor allen anderen, die sich um eine Verfahrenstechnik der Software-Entwicklung bemühen müssen, eine Grundvoraussetzung für übertragbare Standard-Anwendersoftware für Minicomputer und Großrechner.

* Dr. Klaus Neugebauer ist Geschäftsführer der Softlab GmbH für Systementwicklung und EDV-Anwendung, München.