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DIN-Entwurf und Bürostudie schockieren:

Übertriebene Ergonomie wird zur Zeitbombe

02.04.1982

Heftig diskutieren Deutschlands Ergonomen, Bürogestalter und Hersteller derzeit über das Design des "richtigen Büros". Angeheizt wurde die Diskussion nicht nur durch eine Studie über Großraumbüros, die vom Arbeitsministerium in Auftrag gegeben wurde, sondern auch durch einen neuen DIN-Entwurf zur Arbeitsplatzgestaltung, der sich noch als Zeitbombe entpuppen könnte. Dr. Gerald W. Radl untersucht in seinem Beitrag Auswirkungen beider Papiere sowie die Möglichkeiten, durch sinnvolle Gestaltung kostengünstig arbeitsplatzbedingte negative Auswirkungen auf die Gesundheit zu vermeiden.

In jüngster Zeit sind Deutschlands "Büromenschen" durch die Feststellung von Arbeitsminister Ehrenbergs Staatssekretärin Anke Fuchs geschockt worden, die Arbeitsplätze in Großraumbüros seien "schädlich für die Gesundheit der Beschäftigten" (1). Frau Fuchs berief sich dabei auf eine von ihrem Ministerium 1976 in Auftrag gegebene Studie des TÜV Rheinland (2). Zwischenzeitlich ist bereits massive Kritik an dieser Studie geübt worden (3), die in der Tat methodisch unhaltbar ist: Ausschließliche Datenbasis der 1976 bis 1979 durchgeführten Erhebung waren nämlich die anonymen Antworten auf 75 recht unspezifische Fragen ("Trinken Sie Kaffee beziehungsweise Tee, um munter zu bleiben? Berichten Sie den Kollegen von Ihrem Urlaub? Kommt es vor, daß Sie sich manchmal schwindelig fühlen?), welche die Autoren der Studie an nur 291 Mitarbeiter in sechs Großraumbüros in einem einzigen Gebäude gestellt hatten sowie die Zahl der Sichtbeziehungen zwischen Arbeitsplätzen.

Das Bürohaus der Kreisverwaltung in Hürth bei Köln war 1968/69 geplant und 1974 fertiggestellt worden. Die Hürther Großräume sind in der Tat nicht ideal: Beleuchtung, Klimaanlage und Möblierungskonzept entsprechen nicht unseren gegenwärtigen Komfortstandards für Büroarbeitsplätze. - Die Verfasser der TÜV-Studie sind auf diese Mängel jedoch nicht eingegangen. Sie haben vielmehr die Klassenhäufigkeiten, mit denen vorgegebene Antwortalternativen auf ihre 75 Fragen angekreuzt worden waren, statistisch vergewaltigt, indem sie diese Daten einer Faktorenanalyse unterzogen und sieben Faktoren extrahierten (die 41 Prozent der Varianz erklären). Und diese sieben Faktoren - willkürlich mit Negativattributen wie "Mangel an Privatheit" oder "Reduktion der Variabilität des Sozialverhaltens" benannt - "belegen" nun zusammen mit dem Resultat einiger Interpretationskunststücke der Autoren dieser Studie mit TÜV-Siegel und Bundesadler die krankmachende Wirkung von Großraumbüro-Arbeitsplätzen.

Schlagzeilen in der Tagespresse: "Jetzt bewiesen: Gromßraumbüros machen die Menschen krank" oder "Streß. Atemnot. Schlaflosigkeit. Kopfschmerzen. Großraumbüros machen die Menschen krank", erzeugen Angst und Unsicherheit nicht nur bei den etwa 300000 Büroarbeitern in bundesdeutschen Großräumen, sondern auch bei vielen Büromenschen, die zu zweit, zu dritt oder in dem in jüngerer Zeit propagierten Teambüro in Gruppen von sechs bis zwölf Mitarbeitern arbeiten.

Äußert sich Dieter Jäger, Büroplaner mit internationalem Renommee und Geschäftsführer des Quickborner Teams: "Aus meiner internationalen Erfahrung kann ich sagen, daß in den USA, Japan, England und anderen Ländern die meisten Büros sicher so aussehen, wie wir sie hier alle ablehnen würden. Trotzdem hat man dort viel weniger Probleme als in Deutschland. Das liegt zum Teil daran, daß wir mit Diskussionen dieser Art und solchen Studien die Erwartungen der Mitarbeiter ins uferlose getrieben haben, so daß wir in eine Sackgasse geraten sind, aus der wir möglicherweise nicht herauskommen. Woanders sieht man das Problem etwas nüchterner - wobei ich nicht die teilweise tatsächlich unzureichenden Bedingungen an Büroarbeitsplätzen außerhalb Deutschlands unterschreiben möchte." Jäger hat Recht.

Arbeitsplatz-DIN-Norm fördert Anspruchsinflation

Wissen Deutschlands Unternehmensleiter, Büroplaner und Organisationschefs aber auch, daß die nächste Zeitbombe bereits in Form eines DlN-Entwurfes mit der verharmlosenden Bezeichnung "DIN 33412, Ergonomische Gestaltung von Büroarbeitsplätzen", unter ihren Schreibtischen tickt? (4). In den Rechenformeln dieses Entwurfes versteckt sich die nach Gültigkeit des Entwurfes "gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnis", daß der Büroarbeitsplatz (Standard zur Zeit in Deutschland neun bis elf Quadratmeter) um 20 bis 40 Prozent (!) größer sein muß als heute. Stellen sich tatsächlich die Fragen: Warum machen sich Technologie-Entwickler noch Mühe, zu miniaturisieren? Warum diskutieren wir über elektronische Bürokommunikation und machen uns Gedanken, in Zukunft im Büro mit weniger Papier, weniger Ablagen, weniger Aktenschränken auszukommen? Und vor allem: Wer soll das bezahlen? - Letztlich doch der Mitarbeiter mit der Sicherheit des Arbeitsplatzes denn die meisten Unternehmen werden wohl 20 bis 40 Prozent höhere Bürobau- und Betriebskosten kaum verkraften und nicht (wo es noch möglich wäre) expandieren, sondern eher schrumpfen, bis die DIN-Vorgaben durch weniger Arbeitsplätze auf vorhandenem Raum erfüllt sind.

So wird auch aus den Reihen von Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern deutliche Kritik an der ministeriellen Angstmache über krankheitsverursachende Büros und Büroarbeitsplätze hörbar: "Anders als die Folgerungen der TÜV-Studie sind wir der Auffassung, daß durch bestimmte Maßnahmen die Mängel an Großraumbüro-Arbeitsplätzen sehr wohl zu eliminieren sind", äußert sich Wolfgang Deuschl, Leiter des Referates Arbeitsmedizin beim Bundesvorstand des DGB. Heinrich Vogel, Betriebsratsvorsitzender der Mannesmann-Röhrenwerke AG klagt: "Erst haben wir uns beim Bau eines Verwaltungsgebäudes für 800 Mitarbeiter die allergrößte Mühe gegeben, auch von seiten der Arbeitnehmervertretung alles an Fehlern auszuschalten, was nur irgendwie ausgeschaltet werden kann." Betriebsrat und Unternehmensleitung hätten lange vor Einschaltung eines Architekten detailliert zusammengetragen, was Arbeitgeber und -nehmer an den Arbeitsplätzen im neuen Gebäude nicht hatten haben wollen. "Unter den so geschaffenen Voraussetzungen, dachten wir, wir lägen richtig." Die Mitarbeiter hätten ein vertrauensvolles Verhältnis zu dem entstehenden neuen Gebäude gehabt, konstatiert Vogel. "Und das wurde mit der Feststellung von Anke Fuchs ,Großraumbüros machen krank' so zerstört, daß ich fürchte, daß dieses Vertrauensverhältnis überhaupt nicht mehr hergestellt werden kann." Vogel hält nicht den Büroarbeitsplatz im Großraum für inhuman, sondern die ministerielle Feststellung, Hunderttausende von Menschen würden durch die Arbeitsplatzbedingungen im Büro nun krank werden. Auch Prof. Dr. Theodor Peters, einer der Väter sinnvoller Büroergonomie und als Arbeitsmediziner und Gewerbearzt in der Praxis tagtäglich mit den Gesundheitsbedingungen an Arbeitsplätzen verschiedenster Art konfrontiert, meint, daß man gesundheitliche Auswirkungen bestimmter Arbeitsplätze nicht allein durch Befragungen feststellen kann, sondern daß man auf arbeitsmedizinische Untersuchungsbefunde zurückgreifen muß und außerdem sogenannte intervenierende Variablen wie Arbeitsmotivation, Arbeitsinhalte, Organisationsform nicht vernachlässigen dürfe. "Zwischen Belastung, Beanspruchung und als deren möglichen Folgen in Form bestimmter Erkrankungen bestehen keine direkten Beziehungen. Die Wirkung von Belastungen wird durch intervenierende Variablen erheblich verändert."

Die Diskussion wird wohl noch weitergehen. Bleibt nur zu hoffen, daß nicht Verunsicherung und Angst bei den betroffenen Mitarbeitern tatsächlich Krankheitssymptome erzeugen. Daß Angst vor Krankheit zu Erkrankungen führen kann (Psychosomatik), ist in der Medizin und in der Psychologie durch viele Beispiele belegt.

Es ist deshalb wichtig, nicht nur öffentlich Kritik an unbelegten Behauptungen zu üben, Büroarbeitsplätze machten den Menschen krank, sondern auch an möglichst vielen Beispielen zu dokumentieren, daß die weitaus größte Zahl der Arbeitsplätze im Büro (mit und ohne Bildschirmterminals) heute bereits so gestaltet ist, daß negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten auszuschließen sind.

Ausmaß an Flexibilität wird Gütesiegel

Geht man bei der Frage, ob Büroarbeitsplätze krank machen von einem weit gefaßten Gesundheitsbegriff aus, bei dem unter Gesundheit nicht nur das Freiseln von körperlichen Krankheitssymptomen, sondern auch das psychische Wohlbefinden verstanden wird, dann sind Bedenken eher begründet durch ein Übermaß an wohlmeinender Normierung und perfektionistischer Planung, die den individuellen Gestaltungsspielraum am Arbeitsplatz einschränken. Ergonomen haben auch dazulernen müssen und wissen heute, daß ab einem bestimmten Entwicklungsstand der Arbeitsplatzgestaltung dem Freiraum für individuelle Gestaltung außerordentlich große Bedeutung für das Wohlbefinden zukommt und daß es anmaßend wäre, dem einzelnen Mitarbeiter in allen Details vorschreiben zu wollen, was gut für ihn ist und was ihm zu gefallen hat. Wahrscheinlich wird das Ausmaß an individueller Flexibilität des Arbeitsplatzes in der Zukunft ein entscheidendes Kriterium für die Güte von Büromöbel-Systemen Sein (5).

Dagegen scheint die Ära der Ergo-Monster - häßlicher Spezialmöbel für Bildschirmarbeitsplätze - zu Ende zu gehen. Auch bei Ergonomen setzt sich die Erkenntnis durch, daß Arbeitsplätze mit Schnittstellen zur Informationstechnik keine Sonderarbeitsplätze sind, für die spezielle Vorgaben erforderlich sind. Es hat sich herumgesprochen, daß die Ergonomie an Arbeitsplätzen mit Bildschirmterminals primär eine Aufgabe der Gerätehersteller ist und daß optische Unzulänglichkeiten von Bildschirmen und Mängel bei der Tastatur nicht mehr durch Spezial-Tische, Spezial-Stühle und Spezial-Umgebungsbedingungen kompensiert werden müssen: Die Terminals sind in letzter Zeit zunehmend besser geworden.

Mehr ist weniger

Worüber wir uns in der Tat im Hinblick auf die Gesundheit der Mitarbeiter der zukünftigen Büroarbeitsplätze mehr Gedanken machen müssen:

- Je besser Informations- und Kommunikationssysteme im Büro (hardware- und softwaremäßig) werden, desto weniger zwischenmenschliche Kommunikation ist vom Arbeitsablauf her erforderlich. Der Dialog zwischen Mensch und Computer ersetzt den Dialog zwischen Menschen. Das perfekte Büroinformationssystem soll jedem Mitarbeiter alle für seine Tätigkeit erforderlichen Informationen an den Platz liefern.

- Da die meisten Menschen bei der Arbeit auch soziale Bedürfnisse haben - man will mit anderen reden will Gedanken austauschen, will, daß einem manchmal wer zuhört -, müssen wir uns wieder Organisationsformen der Arbeit einfallen lassen, bei denen bewußter als bisher zwischendurch verschiedene Formen der Gruppenarbeit und der direkten Kooperation zwischen Mitarbeitern belebt werden. Gemeinsame Besprechung von Arbeitsaufgaben, Gruppendiskussionen nach verschiedenen Ablaufprinzipien, Qualitätszirkel etc. können zwar nicht durch Büromöbel erzeugt werden. Wohl aber können entsprechende Möblierungskonzepte das Bemühen von Organisatoren, Mitarbeitern und Führungskräften um diese für das Wohlbefinden (und auch für die Leistungsbereitschaft) zunehmend wichtiger werdenden Arbeitsformen mit persönlicher Kommunikation erheblich erleichtern.

- Nicht so sehr der Arbeitsplatz, sondern die Arbeitsinhalte und das soziale Umfeld bei der Arbeit bedürfen in Zukunft bewußter Aufmerksamkeit, um mögliche Nachteile für das Wohlbefinden und negative Auswirkungen für die Gesundheit des Menschen im Büro zu vermeiden!