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12.06.1992 - 

Altes RZ-Equipment spricht nicht gegen offene Systeme

Umstieg auch mit Altlasten möglich

Altlasten wie in die Jahre gekommene Cobol-Programme gelten bei Downsizing-Zauderern oft als unüberwindliche Hürde - von den miserablen Sicherheitsbedingungen ganz zu schweigen. Mit diesen Vorurteilen wird jetzt aufgeräumt: "Auch große Unternehmen können offene Systeme realisieren", behauptet Rolf Hellmann, DV-Chef der KSB AG.

Billigere Hardware, preiswertere und flexiblere Software sowie niedrigere Wartungskosten als in der proprietären Welt - die Vorteile offener Systeme liegen auf der Hand. Welcher DV-Chef möchte diese Möglichkeiten nicht für sein Unternehmen nutzen? Ein Handikap muß aber überwunden werden: Auf der grünen DV-Wiese können die wenigsten anfangen. Meist existieren alte Cobol-Programme, die über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren hinweg gepflegt und weiterentwickelt wurden. Mit diesen Altlasten in eine neue Welt zu wechseln, halten viele IT-Chefs für unmöglich. Rund 67 Prozent von 300 amerikanischen IS-Managern, das kam beispielsweise in einer Umfrage heraus, unternehmen derzeit keine Anstalten, Großrechner-Applikationen auf kleinere Systeme zu portieren.

Gegen Downsizing spricht aus Sicht der RZ-Koryphäen zum einen der im Vergleich zum Mainframe mangelnde Sicherheitsstatus. Zum anderen halten viele IT-Verantwortliche die Leistung der Unix-Maschinen für noch nicht ausreichend. Als Schwachpunkte gelten zudem die Standards sowie das Normierungsgerangel zwischen den Herstellern - laufend bilden sich neue Gremien, andere wiederum lösen sich auf, wie OSF und ACE.

Ernsthaft starten bisher nur wenige Unternehmen umfangreiche Open-Systems-Projekte. Niedrigere Kosten und keine Abhängigkeit mehr von einem Anbieter werden als Gründe für den Umstieg angegeben. Aber auch diese DV-Leiter sind mit proprietären Altlasten geplagt, und daß ihnen die Gewährleistung der Sicherheit noch Kopfzerbrechen bereiten wird, ist ihnen ebenfalls bewußt. Dennoch wagen sie den mühsamen Schritt.

"Nur in der offenen Welt wird es preiswert", resümiert Wolfgang Bommes von der Eduard Küsters Maschinenfabrik. Der DV-Leiter aus Krefeld löst die erst sechs Jahre alte VAX-Umgebung - "technisch und kommerziell, alles hochintegriert" - komplett durch Unix-Systeme ab. Die Kostenrelation liegt bei 1:10 im Vergleich der neuen zur alten Rechnerwelt, erläutert der IT-Fachmann. "Eigentlich könnte ich mich jetzt zurücklehnen und über unsere schöne DV-Lösung freuen, doch wenn man erst einmal anfängt, vorbehaltlos nachzudenken, dann gibt es keine Alternative zu Unix."

Bommes' DV-Landschaft ist zwar untypisch für deutsche Unternehmen, wo auf der kommerziellen Seite meist blaue Ware dominiert, doch auch dort sind mittlerweile Anwender zu finden, die sich mit Unix-Gedanken tragen. Klaus Weishaupt, DV-Leiter der Entsorgung Dortmund GmbH, ist einer davon. Bei einer früheren Firma konnte der Praktiker bereits leidvolle Erfahrungen mit dezentralen Systemen in der proprietären Mainframe-Welt sammeln: "Vor 15 Jahren habe ich diese tolle Sache mit der IBM 3790 und dem Nachfolgemodell 8100 mitgemacht - das war der letzte Hobel aller Zeiten", erinnert sich der engagierte IT-Verantwortliche. "Wie heißt es so schön: einmal IBM, immer IBM - in diese Richtung gehe ich nicht noch einmal." Bei dem erst jungen Dortmunder Unternehmen habe er deswegen die strategische Entscheidung getroffen, offene Systeme einzusetzen - ungeachtet der vorhandenen 3090-Anwendungen.

IBM-Mainframes hat Hellmann nicht installiert. Der DV-Manager arbeitet im Rechenzentrum des Pumpenherstellers KSB AG, Frankenthal, mit BS2000-Großrechnern von Siemens. Das Sterbeglöcklein der monolithischen Zentral-DV bimmelt jedoch bereits - bei dem Weltmarktführer KSB wird mit Nachdruck dezentralisiert. Hellmann hält den Weg zu offenen Systemen auch bei Großunternehmen auf jeden Fall für gangbar, nur werde es seine Zeit brauchen: "Die Mainframe-Welt wird ausgedünnt." Der aufgeschlossene Informatikfachmann ist sich aber nicht sicher, ob er den Mainframe ganz ausrangieren kann: "Wir sind zwar ein sehr gestreutes Unternehmen, haben jedoch gemeinsame Datenbestände - da weiß ich nicht so genau, ob das einmal ganz ohne Mainframe geht. Vielleicht werden wir ihn in gewissem Umfang, etwa als Datenbank-Server, weiter nutzen."

Das Marktforschungsinstitut IDC geht davon aus, daß sich alte DV-Strukturen und wettbewerbsorientierte Unternehmensziele nicht vereinbaren lassen. Eine Neuorientierung wird für Mainframe-Protagonisten also unumgänglich - und damit auch die Auseinandersetzung mit den Altlasten. Hellmann, der bereits Dezentralisierungsprojekte durchführt, kann ein Lied davon singen: "Die Altlastenproblematik ist schon groß, insbesondere bei der Software", berichtet der KSB-Mann.

Vor allem bei Unternehmen, die schon sehr früh viele Mainframe-Applikationen hatten, sei es nicht so einfach, alles wegzuwerfen. Firmen, die erst seit kurzem mit Großrechner-Anwendungen arbeiten würden, täten sich dagegen leichter. "Altlasten hat man unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten", stellt der IT-Fachmann fest. Bei der Einführung neuer Systeme müsse man darauf achten, daß auch tatsächlich ein größerer Nutzen im Vergleich zu dem bestehenden Equipment erzielt werde, sich die Investition also tatsächlich lohne. Hellmann: "Die Altlast wird uns noch lange daran hindern, die neue Welt in kurzer Zeit verfügbar zu haben."

Unter diesen Investitionsschutz-Überlegungen hat der DV-Chef sein Dezentralisierungskonzept geplant. Neue Anwendungen laufen bei der KSB auch heute noch auf den alten Hosts, "weil die noch da sind". Die Programme werden jedoch so modular entwickelt, daß sie sich später für den Client-Server-Betrieb dezentralisieren lassen. Hellmann leistet diese Downsizing-Vorarbeit mit dem Entwicklungswerkzeug "Natural" von der Software AG, das viele Plattformen unterstützt.

Weishaupt, der mit weniger Cobol-Programmen geschlagen ist, räumt die Relikte aus der proprietären 3090-Zeit rigoroser aus dem Open-Systems-Weg. "Es handelt sich dabei um teilweise schon veraltete Anwendungen unter IMS, die zehn bis 15 Jahre alt sind und zum Teil noch im Batch-Betrieb laufen. Die Software ist so totgepflegt, daß man sie sowieso wegschmeißen muß", erläutert der erfahrene DV-Leiter. "Wenn wir schon die Chance haben, vom Großrechner wegzukommen, nutzen wir die auch und schlagen eine - wie ich hoffe - vernünftige Richtung ein." Der Dortmunder ist zuversichtlich, daß sich die alten Datenbestände auch auf die neuen Systeme überspielen lassen.

Unix-Fan Bommes muß über 1000 VMS-Programme (Individualsoftware) in die neue Welt hinüberretten. Sein Weg führt über die relationale Datenbank von Sybase, die auf einem Server in das bestehende FDDI-Netz integriert wird. "Den Programmen, die noch auf den VAX-Systemen laufen, wird vorgetäuscht, daß es sich um indexsequentielle Dateien handelt", erklärt Bommes. Nach und nach werde die Software dann auf Unix und die Motif-Oberfläche umgestellt. In zweieinhalb bis drei Jahren soll VMS schließlich auch aus dem letzten Winkel des Unternehmens verschwunden sein. Die Maschinenbau-Company bleibe jedoch DEC treu, der Minicomputer-Marktführer lege dem Ausstieg aus der proprietären Umgebung keine Steine in den Weg. "Würde ich das bei der IBM so extrem angehen, wären schon längst Leute von Mother Blue bei der Geschäftsleitung aufgetaucht und hätten gesagt: Paßt auf, der fängt an überzuschnappen", höhnt Bommes.

Als Schwachpunkt Unix-basierter Systeme gilt immer noch die Datensicherheit. Hier können auch die Open-Systems-Freaks nicht zur Image-Verbesserung beitragen; sie halten die Sicherheitsprobleme jedoch für lösbar. So erklärt Georg Lampl, Leiter Anwendungsentwicklung für Baubetrieb und Niederlassungssysteme bei der Bilfinger + Berger Bau AG, die Sicherheitsvorrichtungen von Unix-Systemen für unzureichend. "Unix ist so unsicher, daß ich niemanden vor Ort an das System lasse", kritisiert der Unix-Profi, der bei dem Mannheimer Bauriesen schon seit rund acht Jahren mit dem Betriebssystem arbeitet. "Wir haben rund 100 Mehrbenutzer-Systeme mit über 1200 Endanwendern." Doch er hat das Problem im Griff. Lampl: "Ein Teil unserer Sicherheitsphilosophie besteht darin, daß die Systeme über eine eigene Datex-P-Strecke verwaltet werden."

"Sicherheit ist ein gewaltiges Problem", bestätigt auch Bommes. Abzuwarten, bis Unix zum Beispiel den Level von VMS erreiche, sei aber keine Lösung: "Das dauert bis zum Sankt-Nimmerleinstag." Zudem läßt sich aus seiner Sicht der Vergleich so nicht ziehen. Für den Krefelder lautet die eigentliche Frage, ob sich die Anforderungen, die das Unternehmen an eine DV stellt, mit Unix realisieren lassen - und das sei der Fall.

"Mit der Datensicherheit haben wir noch Probleme", stößt Hellmann ins gleiche Horn. Der DV-Manager ist zum Beispiel mit den Netzadministrations-Systemen nicht zufrieden, gibt sich jedoch zuversichtlich: "Das wird lösbar sein, erste Ansätze gibt es bereits. Schätzungsweise in einem Jahr sind wir auf dem als Anforderung definierten Sicherheitslevel."

Wie Bommes erläutert, bewahrt auch ein vernünftiges Datenbanksystem die Informationen vor unberechtigtem Zugriff. Zudem biete sich noch eine andere Möglichkeit, etwa um sensitive Personaldaten zu schützen, indem die Lohn- und Gehaltssoftware auf einem separaten Rechner installiert und isoliert in das Netz eingebunden wird, so daß nur die Personalabteilung darauf zugreifen kann. Auf diese Weise will auch Weishaupt die Gehaltsdaten unter Verschluß halten. Er fügt außerdem hinzu, daß sich die Datensicherheit - auch vor Viren - durch sensibilisierte Mitarbeiter erreichen läßt. Die Androhung einer stichprobenartigen Untersuchung der Verzeichnisse und damit verbundene Konsequenzen - "das geht bis zur Kündigung" - hätten sich als probates Mittel erwiesen.

Unterschiedlich bewerten die Unix-Protagonisten die Standardisierungspolitik der Hersteller. In einem Punkt sind sie sich aber einig: Daß sich die Anbieter auf einheitliche Standards einigen, halten die meisten für Utopie. Dagegen spricht vor allem die trotz Schulterschluß in den jeweiligen Gremien vorhandene Konkurrenzsituation zwischen den DV-Unternehmen. Ärgerlich sei nur, daß in den Standardisierungsbemühungen das Geld der Anwender stecke, da die Kosten über die Produkte finanziert würden, kritisiert Arno Klein von der Provinzial Brandkasse in Kiel.

Obwohl vereinzelt Unklarheit darüber besteht, welche Produkte sich letztendlich durchsetzen werden, lassen sich die Open-Systems-überzeugten DV-Profis nicht von ihrem Vorhaben abbringen. "Im Moment sind wir verunsichert, weil die ganzen Normierungsbestrebungen im Sande verlaufen", bemerkt Bommes, der sich zum Beispiel zwischen Mips- oder Alpha-Plattformen entscheiden muß. In Lampl findet der DV-Leiter einen Mitstreiter. Auch für den Mannheimer stellen die fehlenden Standards einen Unsicherheitsfaktor dar.

Dennoch hält Bommes die Existenz verschiedener Unix-Derivate sogar für positiv. "Wenn sich alle einigen würden, wäre das - vergleichbar mit Windows NT - schließlich doch wieder ein proprietäres Betriebssystem. Die Leistungsfähigkeit von Unix liegt darin, daß es jeder anbietet. Auch wenn die Systeme nicht vollkompatibel sind - wo Kompatibilität erforderlich ist, etwa bei NFS oder TCP/IP, da war sie immer da. Jeder kann beispielsweise innerhalb eines halben Jahres ohne weiteres von Sun auf Hp umsteigen", argumentiert der Unix-Verfechter.

Von dem Kampfgeschrei der Hersteller vollkommen ungerührt betrachtet offenbar der Frankenthaler IT-Manager die Standardisierungsschlacht. Hellmann: "Wir haben uns für diesen Weg entschieden und lassen uns nicht davon abbringen. Der Markt wird zu diesen Standards zwingen. Das läßt sich durch das Kaufverhalten beeinflussen, das immer mehr in Richtung X/Open läuft. Dadurch werden die Hersteller zum Einlenken gezwungen."