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14.07.2000 - 

Thema der Woche

UMTS-Bewerber riskieren den Ritt auf der Rasierklinge

Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten wird es in Kürze heißen, wenn die Frequenzen für die dritte Mobilfunkgeneration - UMTS oder 3G genannt - unter den Hammer kommen. Eine Auktion mit möglicherweise fatalen Folgen: Einer ganzen Branche in Europa droht das Siechtum, wenn die Lizenzen wie in Großbritannien zum Objekt der maßlosen Begierde für Netzbetreiber werden.

Die Sorgenfalten von Bundesfinanzminister Hans Eichel werden wieder tiefer. Nicht nur, weil seine Steuerreform klemmt, nein, jetzt muss der Bundeskassenwart auch noch um den Geldsegen fürchten, der ihm zur Tilgung der Staatsschulden gut ins Staatssäckel gepasst hätte. Die Rede ist von über 100 Milliarden Mark erhofften Einnahmen aus der Versteigerung der deutschen UMTS-Lizenzen, die am 31. Juli 2000 startet. Ob diese Summe jedoch erzielt wird, ist fraglich. Der Traum von Eichel ist der Alptraum der TK-Branche.

Die Hoffnung auf Erlöse von bis zu 120 Milliarden Mark wurde durch die UMTS-Auktion in Großbritannien geschürt. Optimisten hatten diesen Betrag ins Spiel gebracht, nachdem um die fünf britischen Lizenzen ein wochenlanger preistreiberischer Poker entbrannt war. Die Folge: Die Lizenznehmer auf der Insel müssen insgesamt knapp 75 Milliarden Mark in die Kasse des Schatzministers überweisen. Eine Wahnsinnssumme, die bei anderen europäischen Finanzministern zwar Begehrlichkeiten weckte, in den Konzernzentralen der TK-Gesellschaften aber Schockzustände auslöste.

Die Regierungen etwa von Italien oder Frankreich, die ursprünglich keine Auktion geplant hatten, dachten plötzlich laut über diese Vergabevariante statt dem klassischen Ausschreibungsverfahren (Beauty Contest) nach, weil sie eine außerplanmäßige Einnahmequelle für die leeren Staatskassen witterten. Für den lukrativeren deutschen Markt, wo Paragraph 11 des Telekommunikationsgesetzes (TKG) eine Auktion zwingend vorschreibt, kam es aufgrund des britischen Ergebnisses zu Hochrechnungen, die in besagten 100 bis 120 Milliarden Mark gipfeln.

Für die potenziellen Bieter tut sich ein Teufelskreis auf: Zum einen sind die UMTS-Geschäftspläne nicht für Lizenzgebühren in der Größenordnung der vielleicht notwendigen 15 bis 20 Milliarden Mark ausgelegt. Zum anderen kann es sich aber keiner der etablierten Carrier leisten, auf eine UMTS-Konzession zu verzichten, will er im Konzert der großen Player mitmischen. Das gilt insbesondere für Provider wie British Telecom, Deutsche Telekom, France Télécom oder Vodafone, die eine multinationale Mobilfunkstrategie verfolgen.

In den Stabsstellen der Konzerne wird deshalb fieberhaft an neuen Business Cases sowie Versteigerungsstrategien getüftelt. Doch wie die Strategen auch immer die Zahlen in ihren Berechnungsmodellen drehen und wenden, in der Gleichung bleibt eine große Unbekannte. Es ist nicht absehbar, in welchem Ausmaß die Verbraucher UMTS-Dienste nachfragen werden. Die Anbieter verlassen sich hauptsächlich auf Schätzungen der Marktforscher. Optimistische Prognosen sagen den Providern für das Jahr 2005 UMTS-Einnahmen von rund 30 Prozent des gesamten Umsatzvolumens voraus. Doch selbst wenn sich diese ohnehin gewagten Schätzungen bewahrheiten würden, im Falle eines Auktionsverlaufs à la Großbritannien ist ein Return-on-Investment für lange Zeit nicht in Sicht.

Diese düstere Aussicht haben die Kapitalmärkte in den letzten Wochen mit drastischen Abschlägen auf TK-Werte quittiert. Angesichts überteuerter Lizenzen sowie hoher Kosten für den UMTS-Netzaufbau, die je Carrier nochmals bei bis zu sieben Milliarden Mark liegen, ging bei den Shareholdern der Glaube an satte Renditen aus der Zukunftstechnologie UMTS verloren.

Der Denkzettel der Aktionäre sowie schiefe und extrem riskante Geschäftspläne haben die UMTS-Euphorie in den Bieterkonsortien deutlich abkühlen lassen. "Es ist eine gewisse ökonomische Vernunft eingekehrt", bemerkt Diethard Bühler, Vice President der auf TK-Beratung spezialisierten A.T. Kearney GmbH in Berlin. Mit den in Großbritannien erzielten Lizenzpreisen ist ein sinnvoller Business Case keinesfalls zu rechnen, ist der Insider sicher. Bühler, der die Szene der Netzbetreiber, Service-Provider, Netzzulieferer und Endgerätehersteller aus dem ff kennt, mahnt beim E- und M-Commerce dringend zur konservativen Rechnung.

Einige der ursprünglich zwölf Bewerber für die deutsche Auktion scheinen die Warnungen über die Erfolgsaussichten von UMTS beherzigt zu haben. Bei der Revision ihrer Business Cases gelangten die Interessenten Vivendi, Talkline und Worldcom wohl zu der Erkenntnis, als Netzbetreiber im Mobilfunk der dritten Generation in absehbarer Zeit auf keinen grünen Zweig kommen zu können. Sie zogen daher ihre Bewerbung bei der für die Versteigerung verantwortlichen Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (Reg TP) zurück. Der Kreis der Bewerber um die vier bis sechs Lizenzen wird sogar noch enger werden. Der Zusammenschluss von E-Plus und Hutchison Whampona zu einer Bietergemeinschaft ist so gut wie sicher, stand bis Redaktionsschluss aber noch nicht endgültig fest (siehe Kasten "Kandidaten für UMTS-Lizenzen").

Unter die magische Teilnehmerzahl Sieben dürfte das Starterfeld jedoch kaum sinken. Mit T-Mobil (Deutsche Telekom), Mannesmann D2 (Vodafone), Viag Interkom (British Telecom), Mobilcom (France Télécom), Group 3G (Telefonica und Sonera) sowie Debitel (Swisscom) bleiben neben E-Plus/Hutchison jene Schwergewichte über, die freiwillig wohl kaum das Handtuch werfen werden.

Ob es unter den Bewerbern im Vorfeld der Auktion zu verbotenen Absprachen kommen wird, um eine Eskalation der Preise wie in England zu verhindern, wird wohl ein Geheimnis bleiben.

Der Start der 3G-Auktion in den Niederlanden mit einer ähnlichen Bieterkonstellation wie hierzulande lässt auf eine gemäßigtere Gangart bei den kommenden Versteigerungen in Europa schließen. Die Bieter scheinen die Lektion aus dem Beispiel Großbritannien zu lernen.

Dennoch kommt eine Prognose über den Verlauf der deutschen Auktion einem Blick in die Glaskugel gleich. Da in Deutschland im ersten Auktionsabschnitt mindestens zwei Frequenzblöcke ersteigert werden müssen, aber auch für drei Blöcke geboten werden kann, kommt es je nach Taktik der Bieter zur Vergabe von entweder vier, fünf oder sechs Lizenzen (siehe Kasten "Das Auktionsverfahren"). Diese Eigenheit der deutschen Versteigerung macht jede Vorhersage schwierig.

Geht es nach dem Willen der Marktforscher, zahlreicher Beratungsunternehmen, Teilen der Politik, der Wissenschaft sowie der Industrie, dann sind die Bieter gut beraten, sich so weit möglich in Zurückhaltung zu üben. In diesen Kreisen mehren sich nämlich die Stimmen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven eine kritischere Auseinandersetzung mit dem Thema UMTS fordern. Einer der prominentesten Mahner ist Professor Nicholas Negroponte vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Der Zukunftsforscher bezeichnet die in Großbritannien erzielten Lizenzkosten als ein Desaster und eine ökonomisch unerträgliche Steuer auf die Internet-Technologie.

Ins gleiche Horn stößt auch der deutsche Politiker und Professor Peter Glotz. Aus ökonomischen wie auch technologischen Gründen warnt er davor, die Unternehmen zugunsten der Staatskasse zu schröpfen. Dies wäre angesichts des technologischen Wettlaufs zwischen Europa und den USA kurzsichtig, kritisierte Glotz in der "Süddeutschen Zeitung".

Als geradezu grotesk erweist sich in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Vergabepraxis der über 70 UMTS-Lizenzen in Westeuropa. Während die Europäische Kommission auf der einen Seite die Größe einer Kartoffel normiert und für alle Mitgliedsstaaten verbindlich vorschreibt, haben es die Brüsseler Eurokraten andererseits versäumt, die Erteilung von Lizenzen wettbewerbsrechtlich einheitlich und gerecht zu regeln. Angesichts des hehren Anspruchs der Kommission, Schlüsseltechnologien und Wettbewerb zu fördern, ist das ein Sündenfall, auch wenn einige nationale Staatskassen davon profitieren.

Jörg Tauss, Medienexperte der SPD-Bundestagsfraktion, kann die Freude seiner Kollegen über den Milliardensegen denn auch nicht uneingeschränkt teilen. "Wir müssen die Risiken sehen, die den Unternehmen bei völlig geleerten Kriegskassen technologisch wie auch im Wettbewerb mit anderen entstehen können", hebt Tauss warnend den Finger.

Ob Europa bei 3G seine Vorreiterrolle verteidigen kann, wird stark vom weiteren finanziellen Verlauf der Auktionen diesseits des großen Teichs abhängen. Insgesamt wächst jedoch die Sorge, dass sich die hohen Lizenzgebühren als Gift erweisen. Sie könnten das Investitionsvermögen- und -verhalten der kommenden UMTS-Netzbetreiber nachhaltig hemmen und damit eine katastrophale Kettenreaktion auslösen. Deren Auswirkung bekämen all diejenigen zu spüren, die Glied in der im Vergleich zu GSM-Netzen weit umfangreicheren Wertlieferkette des UMTS-Szenarios sind. Die Formel ist einfach: Eine geringere UMTS-Flächendeckung bedeutet weniger Bedarf an Netztechnik, beschnittene Absatzmöglichkeiten für Endgeräte, eine reduzierte Bereitschaft, UMTS-spezifische Dienste und Content zu entwickeln, eingeschränkte Zugriffsmöglichkeiten auf mobile Portale, weniger Umsatz für Access-Provider sowie Netzbetreiber und so weiter und so fort.

Ein Schreckensszenario, das so gar nicht in die vor kurzem noch gehegte Aufbruchstimmung in Sachen 3G passen mag. Studien zum UMTS-Markt fallen plötzlich weit weniger optimistisch aus als zuvor. "Der Verbraucher hat gegenwärtig keinen Bedarf an einem UMTS-Handy, weil die geeigneten Dienstleistungsangebote fehlen", finden beispielsweise die Hamburger Unternehmensberater von Mummert + Partner ein Haar in der Suppe und halten Prognosen für Utopie, dass im Jahr 2010 weltweit zwei Milliarden Menschen UMTS nutzen werden. Skepsis herrscht auch bei den Münchner Kollegen von Roland Berger vor. Sie rechnen frühestens 2003 mit der Markteinführung des neuen Mobilfunkstandards und erst 2006 mit einer "bedeutenden Anzahl von Endgeräten".

Sehr zum Kummer übrigens von Kurt Hellström. Der Ericsson-President bangt um die einst anvisierten Absatzchancen für Handys. Und noch in einem Punkt sieht die UMTS-Zukunft für Hellström nicht mehr so rosig aus. Aufgrund der hohen Lizenzgebühren befürchtet er, dass die Netzbetreiber die Kosten künftig stärker auf die Lieferanten von Netztechnik abwälzen.

"Wir werden knallharte, wasserdichte Verträge mit den Netzbetreibern machen müssen, wenn wir an unser Geld kommen wollen", sorgt sich auch der Vertreter eines anderen Equipmentherstellers, der anonym bleiben möchte. Er ist sich sicher, dass die Gelder aufgrund der hohen Lizenzkosten nur zäh fließen werden. Außerdem sei im Moment eine Zurückhaltung der Netzbetreiber bei Investitionen in ihre bestehenden GSM-Netze (siehe Glossar) spürbar. Die müssen sie aber zwingend mit den leistungsstärkeren Datentransportverfahren GPRS und EDGE (siehe Glossar) aufrüsten, um die Verbraucher schon heute für die spätere Nutzung von UMTS-Diensten zu animieren. Das Investment der Provider in diese Datenfunkverfahren für die "alten" GSM-Netze sehen die Marktforscher von Forrester jedoch als Handicap für UMTS. Sie würden den Aufbau der 3G-Infrastruktur verzögern und dafür sorgen, dass entsprechende Dienste mit Datenraten von 2 Mbit/s erst 2007 verfügbar sind - ausschließlich in Stadtgebieten.

Die Migration von GSM auf UMTS, fehlende 3G-Dienste, eine im Gegensatz zu GSM-Netzen mit Content-Providern und Portalbetreibern angereicherte Wertlieferkette, vage Prognosen beim erwarteten Umsatz pro Anwender, Engpässe bei der Netztechnik, paketorientiertes statt zeittaktbasiertes Billing - all dies sind kritische Faktoren, die eine Konzeption von UMTS-Geschäftsplänen zum Lotteriespiel machen. Grund genug, zwei Größen dieser Liste, nämlich die Umsatzerwartung je Kunde sowie das Spektrum künftiger UMTS-Services, näher unter die Lupe zu nehmen.

Der durchschnittliche Umsatz pro Kunde ist der entscheidende Kalkulationsparameter in den Geschäftsplänen der Netzbetreiber. Die Plausibilität des Business Case hängt also wesentlich von der möglichst exakten Festlegung dieses Wertes ab. Im Hinblick auf UMTS fast ein Ding der Unmöglichkeit: Die Strategen können in ihren Rechenmodellen nämlich nicht mehr nur von den gewohnten Umsätzen mit Sprachdiensten ausgehen, sondern müssen die Entwicklung von UMTS-Services sowie deren Nachfrage vorausahnen. In der Wertschöpfungskette der Zukunft kommen Einnahmen aus Werbung und Transaktionen im Portal-Business hinzu, die aber nicht nur dem Carrier, sondern auch den Portalbetreibern sowie den Anbietern von Inhalten zufließen. Dieses wesentlich umfassendere, weil um neue Player bereicherte UMTS-Szenario ist den Protagonisten noch fremd und lässt die Bestimmung des Kundenumsatzes zur Quadratur des Kreises werden.

Ein Rechenbeispiel von Professor Torsten Gerpott, Inhaber des Lehrstuhls für Planung und Organisation an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg, dürfte den UMTS-Kandidaten wenig Mut machen. In seiner Kalkulation, die er auf einem Kongress in Frankfurt am Main präsentierte, sieht er die Netzbetreiber frühestens in zehn Jahren in die Gewinnzone kommen. Dabei hält Gerpott noch einen weiteren Wermutstropfen bereit. Sein Modell lässt die zu zahlenden Lizenzkosten außer Acht. Als wesentliche Parameter liegen der Berechnung ein durchschnittlicher Verbrauchswert je Kunde von 50 Euro zugrunde.

Doch solche Mahnungen schreiben die UMTS-Verfechter in den Wind. Sie halten den vom Duisburger Professor angesetzten Durchschnittsumsatz für zu gering und bauen auf einen regelrechten UMTS-Boom. Hoffnungsträger ist vor allem die jüngere Generation: Das Handy in der Tüte des ABC-Schützen oder aber die Tatsache, dass Kinder 90 Prozent ihres Taschengeldes für Kommunikation ausgeben, sind Strohhalme, an die sich die Investoren klammern. Doch damit nicht genug: Besonderen Optimismus schöpfen die Protagonisten aus dem grassierenden SMS-Fieber, sprich dem Versand von kurzen E-Mails via Handy sowie dem Wireless Application Protocol (WAP), (zu SMS und WAP siehe Glossar).

Kritische Stimmen, WAP sei bisher nicht gerade ein Renner, entkräften die Verfechter mit dem Argument GPRS. Die Aufrüstung der GSM-Netze mit dieser Technologie wird für höhere Datenraten sorgen und WAP zum Durchbruch verhelfen. Davon ist auch Bühler überzeugt: "Wir werden durch SMS und die WAP-Welle an neue Dienste jenseits der Sprache gewöhnt", attestiert der Berater beiden Verfahren eine gewisse Signalwirkung. GPRS wird seiner Meinung nach diesen Trend fortsetzen. Schon in mit dieser Technik modifizierten GSM-Netzen, so Bühler, werde es Dienste in Richtung UMTS geben. Zum Beispiel eine kurze Präsentation eines Filmtrailers auf dem Handy, der zum Kinobesuch per mobilem Kartenkauf animieren soll.

Für den Insider steht die Entwicklung innovativer und interessanter UMTS-Dienste außer Frage. Dennoch mag er nicht bedingungslos in den UMTS-Jubelchor einstimmen: "Ich wage ernsthaft zu bezweifeln, dass neue Services für einen soliden Business Case im UMTS-Umfeld ausreichen."

Keinen Zweifel an der Rentabilität der UMTS-Lizenzen hat hingegen Reinhold Stammeier, bei Andersen Consulting im Bereich M-Commerce als Geschäftsführer für Beratung zuständig. Den besonderen Reiz von UMTS macht seiner Meinung nach die Verknüpfung von drei Faktoren aus: erstens die Tatsache, dass der Teilnehmer immer online ist. Zweitens die Personalisierung von Diensten, das heißt auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Konsumenten abgestimmte Angebote. Drittens schließlich so genannte Location-based Services, die dem Kunden standortspezifische Informations-, Transaktions- und Navigationsmöglichkeiten bieten.

Zum UMTS-Spektrum werden aber auch nicht ortsgebundene Mobile Services zählen. Dienstleistungen wie Banking, Messaging, Informationsabfragen aktueller Nachrichten und anderer Daten, Brokerage, Auktionen, der Download von Musik, Videoclips und Spielen dürften für den Anwender auf seinem UMTS-Smart-Device schon bald en vogue sein, prophezeit Stammeier. Ein Gerät mit dem er dann außerdem im Internet surft, Adressen und Visitenkarten per Infrarot austauscht und natürlich auch telefoniert. "Diese Trends mögen heute noch futuristisch klingen, werden sich aber durchsetzen", prognostiziert der Berater. Deshalb würden sich letztlich auch hohe Investitionen in Lizenzen lohnen.

Solch optimistisches Stimmen aus Beraterkreisen hören die Entscheider in den Konzernzentralen wohl gerne, da ihnen selbst vielleicht die Zuversicht abhanden gekommen ist. SPD-Politiker Tauss empfiehlt den Unternehmen, "betriebswirtschaftlich kühlen Kopf zu bewahren" und sich keinen "Vernichtungswettbewerb" zu liefern". "Diese hochbezahlten Profis können hoffentlich abschätzen, was ihren Kunden und Firmen abzuverlangen ist und was nicht." Teure und unattraktive Dienste kämen beim Verbraucher nicht an, erinnert Tauss an das warnende Beispiel Iridium.

Ob der Ratschlag zur Besonnenheit Gehör findet, wird die Auktion zeigen. Finanzminister Eichel könnte etliche Milliarden Mark weniger in der Kasse sicher leichter verschmerzen, wenn für Verbraucher und Industrie ein lukrativer Markt entsteht, der den Wirtschaftsmotor weiter ankurbelt. Gelingt dies nicht, werden die Gewinner von heute die Verlierer von morgen sein, denn eines steht fest: Das Abenteuer UMTS-Lizenz wird so oder so ein Ritt auf der Rasierklinge.

Peter Gruber

pgruber@computerwoche.de

KANDIDATEN FÜR UMTS-LIZENZENAuditorium Investments Germany: Hinter diesem Konsortium verbergen sich die beiden Hauptinvestoren Hutchison Whampona aus Hongkong sowie die kanadische TIW, wobei Hutchison die Federführung hat. Das Duo ging bereits in Großbritannien gemeinsam an den Start und sicherte sich die für einen Neueinsteiger reservierte Lizenz. In Deutschland gibt es diesen Freibrief für einen Newcomer jedoch nicht. Da deshalb die Chance, eine Lizenz zu erhalten, deutlich geringer ist, laufen derzeit Verhandlungen zwischen Hutchison und der niederländischen KPN Mobile über eine Bietergemeinschaft mit E-Plus. KPN Mobile, an der die japanische NTT Docomo eine Minderheitsbeteiligung hält, ist die Muttergesellschaft von E-Plus.

Debitel: Das Stuttgarter Tochterunternehmen dürfte kaum Aussichten haben, eine der Lizenzen zu ersteigern. Dazu fehlt es dem deutschen Unternehmen sowie seiner Mutter, der schweizerischen Swisscom, vermutlich am nötigen Kapital. Es gilt auch zunehmend als unwahrscheinlich, dass MCI-Worldcom nach der gescheiterten Fusion mit Sprint die Bewerbung von Debitel finanziell unterstützt. Die Amerikaner hatten kürzlich ihre eigene Kandidatur für die deutsche Auktion zurückzogen.

E-Plus Mobilfunk: Der deutsche Mobilfunkbetreiber ist durch die divergierenden Mobilfunkstrategien seiner Gesellschafter KPN, Bell South und NTT Docomo sowie rückläufige Kundenzahlen gehandicapt. Vor allem die Amerikaner verspüren wenige Lust auf ein UMTS-Abenteur. Aus diesem Grund hat E-Plus in dieser Konstellation wohl die geringsten Möglichkeiten der vier deutschen Mobilfunkanbieter, eine Lizenz zu ersteigern, würde seine Marktposition mit einem Verzicht aber weiter schwächen. Es ist jedoch so gut wie sicher, dass es zu der eingangs erwähnten Bietergemeinschaft mit Hutchison/TIW kommt. Diese Allianz hätte weit bessere Aussichten, stand bis Redaktionsschluss aber noch nicht fest.

Group 3G: Aus dem ursprünglichen Trio Orange, Telefónica und Sonera ist ein Duett des spanischen und finnischen Carriers geworden. Aufgrund der deutschen Auktionsbestimmungen musste sich die britische Orange jedoch aus dem Konsortium zurückziehen, nachdem der Provider kürzlich von France Télécom übernommen wurde. Dem Duo Telefonica und Sonera werden allerdings nur Außenseiterchancen auf eine Konzession eingeräumt. Beide TK-Gesellschaften haben in ihren Heimatmärkten in Ausschreibungsverfahren UMTS-Lizenzen zugesprochen bekommen.

Mannesmann Mobilfunk: Die Düsseldorfer gelten nach dem Merger mit Vodafone-Airtouch als eindeutiger Favorit in der Auktion. Da die Strategie von Vodafone-Chef Chris Gent bedingungslos auf internationale Mobilfunkdienste ausgerichtet ist, kann sich der Konzern in Sachen UMTS keinen weißen Fleck Deutschland leisten. Mannesmann wird daher um jeden Preis eine der Lizenzen anstreben.

Mobilcom Multimedia: Unter den Neueinsteigern werden dem Unternehmen des rührigen Gerhard Schmid die besten Erfolgsaussichten eingeräumt. Der Mobilcom-Chef will unbedingt als Netzbetreiber im Mobilfunk Fuß fassen. Die Zeichen stehen nicht schlecht: Mit der an Mobilcom beteiligten France Télécom haben die Rendsburger einen Partner im Rücken, der internationale UMTS-Ambitionen hegt und deshalb den lukrativen deutschen Markt nicht links liegen lassen kann.

T-Mobil: Für die Tochter der Deutschen Telekom gilt das gleiche wie für Mannesmann Mobilfunk. Auf dem Heimatmarkt muss eine Lizenz her, koste es, was es wolle. Die Telekom kann es sich keinesfalls erlauben, bei der Versteigerung leer auszugehen. Das wäre nicht nur ein herber Imageverlust, sondern auch das Ende der Bemühungen, sich international am Markt zu positionieren und den Vorsprung des Konkurrenten Vodafone nicht größer werden zu lassen. Die Deutschen gelten daher in der Auktion als Bank.

Viag Interkom: Das Münchner Unternehmen, dessen Gesellschafter der aus der Fusion von Veba und Viag entstandene Stromgigant E.On sowie British Telecom sind, hat als GSM-Netzbetreiber eine UMTS-Lizenz ebenfalls fest im Visier. Ein kleiner Unsicherheitsfaktor ist jedoch E.On. Der Konzern hat sich zwar zur Telekommunikation bekannt, klang dabei aber ein wenig halbherzig. Anders British Telecom: Ein Scheitern in Deutschland würde den Abstieg unter die zweitrangigen Mobilfunkanbieter bedeuten.

Das AuktionsverfahrenDie Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (Reg TP) bringt ab 31. Juli 2000 in zwei aufeinander folgenden Auktionsabschnitten zwei unterschiedliche Frequenzspektren zur Versteigerung. Im ersten Teil des Verfahrens, zu dem noch alle Bewerber zugelassen sind, kommt ein gepaarter Frequenzbereich von zwei mal 60 Megahertz unter den Hammer. Die Reg TP hat die insgesamt 120 Megahertz in zwölf abstrakte Blöcke zu je zwei mal fünf Megahertz (zehn Megahertz) aufgeteilt. Der Auktionsmodus schreibt vor, dass jeder Bieter mindestens zwei dieser Blöcke (20 Megahertz), maximal aber nur drei Blöcke (30 Megahertz) ersteigern darf. Aufgrund dieser Eigenheit der deutschen Auktion kann es je nach Bieterverhalten zur Vergabe von vier, fünf oder sechs Lizenzen kommen.

Am zweiten Auktionsabschnitt dürfen dann nur noch diejenigen Bieter teilnehmen, die in der ersten Versteigerungsrunde eine der begehrten Lizenzen erworben haben. Maximal können also sechs Teilnehmer ins Rennen gehen, im Minimum vier. Diese Gruppe bietet dann um ein ungepaartes Frequenzspektrum von ein mal 25 Megahertz, das von der Reg TP in fünf Pakete zu je fünf Megahertz zergliedert wurde. In dieser Verfahrensrunde sind den Teilnehmern keine Begrenzungen bei den Blöcken auferlegt. Jeder Interessent kann Gebote von einem bis zu fünf Paketen abgeben.

GlossarUMTS: Das Universal Mobile Telecommunications System, auch dritte Mobilfunkgeneration oder 3G genannt, ist für mobile Multimedia-Dienste ausgelegt. Es wird eine Bruttoübertragungsrate von 2 Mbit/s bieten, die sich jedoch alle Insassen einer jeweiligen Funkzelle teilen müssen. Als Einführungstermin wird das Jahr 2002 gehandelt.

GSM: Global System for Mobile Communications ist ein in Europa entwickelter, international aber weit verbreiteter Mobilfunkstandard. Er stellt die gegenwärtig aktuelle zweite Generation des Mobilfunks dar, wird den Anforderungen der modernen Datenübertragung mit einer Transferrate von nur 9,6 Kbit/s aber nicht mehr gerecht.

GPRS: Der General Packet Radio Service ist eine Weiterentwicklung von GSM und ermöglicht den Datentransfer mit Geschwindigkeiten von bis zu 115 Kbit/s. Im Gegensatz zum heutigen Datenfunkmodus ist GPRS nicht leitungsvermittelt, sondern paketorientiert. Damit eignet sich das Verfahren besser für eine volumenabhängige Tarifierung. Bei diesem Verfahren ist der Anwender ständig mit dem Netz verbunden (always-on).

EDGE: Das Kürzel steht für Enhanced Data Rates for GSM Evolution. Dabei handelt es sich um eine Highspeed-Übertragungstechnik, die auf der Grundlage von GSM und GPRS durch neue Kanalcodierung Bandbreiten von 384 Kbit/s bis etwa 500 Kbit/s erreicht. Die Technik soll ab 2001 einsatzbereit sein.

SMS: Der Short Message Service ist der Oldie unter den textbasierten Infodiensten auf dem Handy. Sein größter Nachteil ist die Beschränkung der Nachrichtenlänge auf 160 Zeichen. Ursprünglich für die Kommunikation von Handy zu Handy konzipiert, liegt SMS mittlerweile einer ganzen Reihe von SMS-Diensten zugrunde, zum Beispiel Verkehrsinformationen.

WAP: Das Wireless Application Protocol ist ein Standard, der den Versand von Texten und Bildern an mobile Endgeräte definiert. In der aktuellen Version verwendet WAP den Datenmodus der GSM-Netze mit einer Transferrate von 9,6 Kbit/s. Um die Informationen auf dem Handy anzuzeigen, benötigt dieses einen WAP-Browser.

Abb1:Mobile E-Services

Der steigende Bedarf nach mobilen E-Services soll die UMTS-Entwicklung forcieren. Quelle: Durlacher

Abb2:Mobilfunkdienste

Der Privatmann will seine Bedürfnisse des Alltags via Handy befriedigen. Quelle: Nokia