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08.10.2004 - 

Hypes in der IT/Gigantische Investitionen, aber der Durchbruch lässt auf sich warten

UMTS: Ein Hype - und was davon übrig blieb

Seit Februar 2004 steht in Deutschland die Breitbandtechnik UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) für die Nutzung bereit. Doch das Interesse ist gering. Immer noch fehlt es vor allem an attraktiven Anwendungen. Fachleute hoffen auf den Durchbruch zur Fußball-WM 2006. Von Manfred Buchner*

Als am 18. August 2000 der Auktionshammer fiel, hatte der Wahnsinn eine Ziffer: Genau 99 368 200 000 Mark spülte die Versteigerung der UMTS-Lizenzen in die Staatskasse. Auktionator Klaus-Dieter Scheurle, damals Präsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post in Bonn - seit Juli 2004 Aufsichtsrat bei Freenet -, gab den sechs vermeintlichen Lizenz-Gewinnern zum Abschluss der spektakulären Veranstaltung tröstliche Wort mit, die aus heutiger Sicht nach purer Blauäugigkeit klingen: "Das Ergebnis der Auktion stellt eindrucksvoll die Attraktivität von Deutschland als Investitionsstandort für Innovationen unter Beweis. Profitieren werden die Verbraucher; sie können sich auf attraktive neue Dienste zu erschwinglichen Preisen freuen".

Statt Freude kam Katzenjammer auf. Nicht nur die immensen Kosten für Lizenzen und Infrastrukturausbau erweisen sich als Bremse bei der Verbreitung der schnellen Mobilfunktechnik. Auch der Absturz der New Economy, Verzögerungen beim Aufbau der Infrastruktur und bei der Lieferung von UMTS-Handys und vor allem das Fehlen von attraktiven Anwendungen haben die Einschätzung dramatisch verdüstert. In der Folge mutierte UMTS zum Unwort. Selbst Deutsche-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke war der Begriff nicht mehr geheuer: "Wir sollten eigentlich nicht mehr von UMTS sprechen, sondern von mobilen Multimediadiensten", erklärte er auf der Hauptversammlung der Deutschen Telekom im vergangenen Jahr.

UMTS steht für Image- und Präsenzvorteile

Mittlerweile hat sich die Stimmung aufgehellt. Das zeigt die Medieninhaltsanalyse des Informationsdienstleisters Observer und des Beratungsunternehmens Accenture, die während der Monate um die CeBIT 2004 durchgeführt wurde. Petra Schneider, Leiterin der Medienanalyse bei Observer, kommt zu einem überraschenden Ergebnis: "Wir können nachweisen, dass mit UMTS nach wie vor Image- und Präsenzvorteile verbunden sind, obwohl nach der Versteigerung der Lizenzen UMTS zum Synonym für eine völlig überteuerte, durch staatliche und privatwirtschaftliche Fehlplanung zum wirtschaftlichen Desaster geratene Dinosaurier-Geburt wurde."

Mittlerweile wird die weitere Entwicklung des Breitband-Mobilfunks vergleichsweise nüchtern gesehen und an technischen und kostenmäßigen Indikatoren festgemacht, wenn auch die Meinungen auseinander gehen. Zum Lager der Skeptiker gehört Rolf Strehle, Vorstand der Beam AG: "UMTS ist derzeit noch nicht für unsere Kunden geeignet." Das Internet-Systemhaus aus Ulm hatte mit Beam Mobile, einem Mobilgerät für Servicetechniker im Walkman-Format, vor zwei Jahren den Dienstleisterpreis des Landes Baden-Württemberg gewonnen. Strehle: "WLAN und GPRS sowie die Satelliten-Telefonie für die weltweite Kommunikation sind aus unserer Sicht derzeit die besseren Alternativen." Als Gründe dafür, dass UMTS zum Stiefkind wurde, nennt Strehle fehlende Flächendeckung, mangelnde technische Reife und zu hohe Kosten.

Warten auf Location Based Services

Für Martin Hubschneider, Chef der Yellow Map AG in Karlsruhe, macht "nur eine schnelle Übertragungstechnologie den Ein-satz von individuellen Werbebotschaften mit audiovisuellen Animationen und Elementen sinnvoll". Der Anbieter des gleichnamigen Online-Branchenbuchs setzt auf Location Based Services, also positionsabhängige Dienste. So kann man sich zum Beispiel mit dem City-Guide von Yellow Map unterwegs per Handy Adressen vom nächstgelegenen Autohaus oder Zahnarzt anzeigen lassen, inklusive Lageplan und Anfahrtsbeschreibung. Diesen bislang für GSM- und GPRS-Datenübertragung angebotenen Service können mittlerweile auch UMTS-Anwender nutzen. Hubschneider: "Das geht natürlich wesentlich schneller. In fünf Jahren werden mobile Web-Services zum normalen Alltag gehören."

Auch die Web.de AG, ebenfalls aus Karlruhe, fährt mehrspurig. "Wir bieten zwar keine spezifischen UMTS-Applikationen an und stellen mobile Applikationen über alle Endgeräte zur Verfügung", berichtet Vorstandsmitglied Matthias Hornberger, "doch ist UMTS für uns ein wichtiger mobiler Zugangskanal. Wenn man ab 25 Prozent Marktdurchdringung von einem Massenmarkt spricht, müssen wir darauf nach meiner Einschätzung aber noch zwei bis drei Jahre warten."

Auch Jens Hanke, Vorstand der Robowatch Technologies GmbH in Berlin-Pankow, setzt auf mehrere Mobilfunktechniken, hat aber den mobilen Überwachungsroboter Morso zur Fernüberwachung kürzlich bereits mit der schnelleren Breitbandtechnik ausgerüstet. Bei den Hauptversammlungen von Daimler Chrysler in Berlin und der Allianz in München wird er zum Objektschutz eingesetzt. Das in der Grundausstattung 50 000 Euro teure, mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg prämierte Gerät wurde bislang mit GSM und WLAN angeboten. Neben der größeren Bandbreite bietet UMTS einen besonderen Vorteil: Der Roboter, unter anderem mit Sensoren, Mikrofonen und Videokamera ausgerüstet, ist an einem neuen Standort in wenigen Minuten einsatzreif, auch wenn vor Ort die TK-Infrastruktur fehlt. Bei WLAN hingegen müssen Telefonleitung und Stromanschluss vorhanden sein.

Endgeräte automatisch ins Netz eingebucht

Für Thomas Feld sind es solche Anwendungen, die UMTS zumindest im Geschäftskundenbereich erfolgreich machen werden. Der Spezialist für mobiles Business bei der IDS Scheer AG: "Wollen Telekommunikationsunternehmen in Europa weiter wachsen, kommen sie um schnelle Daten- und attraktive Multimediadienste nicht herum, denn mobile Sprachkommunikation und Messaging Services sind als Umsatzbringer bereits ausgereizt. In Europa und anderen erschlossenen Kommunikationsmärkten könnte UMTS es also durchaus schaffen, sich gegen den von derzeit weltweit 1,13 Milliarden Menschen genutzten GSM-Standard durchzusetzen. Auch wenn der Weg angesichts von etwa acht Millionen UMTS Kunden nach drei Jahren noch weit ist." Nach Felds Prognose wird die Marktdurchdringung von UMTS in Europa rasch zunehmen, sobald die Endgeräte sich nicht mehr wesentlich von herkömmlichen Geräten in Form, Größe und Preis unterscheiden, "denn in das UMTS-Netz einbuchen wird sich das Endgerät von alleine".

Konkurrierende Technologien sind der Grund, warum Professor Torsten Gerpott von der Universität Duisburg bezweifelt, dass die UMTS-Anbieter vor 2010 schwarze Zahlen schreiben. Gerpott: "Man kann den Kuchen nur einmal essen. 20 bis 40 Prozent der Umsätze, mit denen für UMTS gerechnet wurde, gehen an WLAN verloren." Auch mit Blick auf GSM ist nicht mit einem schnellen UMTS-Vormarsch zu rechnen. So wollen T-Mobile und Vodafone die ersten, 2010 auslaufenden GSM-Lizenzen bis 2017 verlängern. Gerpotts Prognose für die Mobilfunkversorgung: "Es wird eine Zweiteilung geben: UMTS in den Städten, GSM in den Dörfern."

Solche Prognosen sind Edgar Geffroy gleichgültig. Der Verkaufstrainer und Bestseller-Autor war einer der Ersten, der sein Notebook mit einer UMTS-Datenkarte von Vodafone ausrüstete, die seit Februar angeboten wird, um damit "schnelleren Zugriff auf Informationen und Daten zu bekommen sowie effektiver zu kommunizieren". Geffroy, der sich als "Mobile Worker" versteht, im eigenen Wagen vom Chauffeur kutschiert wird und währenddessen auf dem Rücksitz mit dem Notebook hantiert, sieht vor allem im Videoconferencing große Chancen: "Damit bekommt man Top-Manager mit vollem Terminkalender innerhalb kürzester Zeit für ein Business Meeting zusammen."

Umfrageergebnisse stimmen trübe

Early-Bird-Anwender wie Geffory lassen Mobilcom-Chef Thorsten Grenz weiter auf gute UMTS-Geschäfte hoffen, wenn er auch vom bisherigen Kundeninteresse ziemlich enttäuscht ist. Grenz: "Die Akzeptanz am Markt ist verschwindend gering." Seit Mitte Februar vermarktet der ehemalige Lizenzbesitzer und heutige Mobilfunk-Provider die UMTS-Karte von Vodafone, hat aber erst wenige UMTS-Karten und -Handys verkauft. Auch die Mobilfunker von E-Plus berichten von schleppendem Geschäft. E-Plus-Chef Uwe Bergheim pikiert: "Noch sind es wenige tausend Kunden."

Trübe stimmen die UMTS-Branche auch die Ergebnisse der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa: Danach wollen nur 13 Prozent aller Mobilfunkkunden in den nächsten 24 Monaten ein UMTS-Gerät kaufen. Optimistisch indes macht Mobilcom-Chef Grenz aber eine andere Zahl. Während "normale" deutsche Handy-Nutzer derzeit 26 Euro pro Monat ausgeben, liegt der Durchschnittsumsatz bei UMTS-Kunden bei über 50 Euro - eine Summe, die viele Fachleute nach der Auktion für unrealistisch hoch hielten.

Mit Blick auf Japan dämpft indessen TK-Marktforscher Bernt Ostergaard von Forrester Research die Hoffnungen. Dort ist nach seinen Angaben bei der dritten Mobilfunkgeneration der Umsatz pro Kunde wegen Preissenkungen bei den Diensten gefallen. Dennoch rechnet Forrester bis 2008 lediglich mit einem UMTS-Anteil von 20 Prozent unter den Handy-Besitzern.

Interesse kann schnell wachsen

Vielleicht aber geht es hierzulande doch schneller. Wie geschwind das Interesse wachsen kann, zeigt gerade das UMTS-Musterland Japan. Dort konnte der Telekom-Riese NTT Docomo, Inc., zum Jahresbeginn 2004 zwei Millionen für seinen UMTS-Dienst Foma vermelden, Ende Juli war die Zahl bereits auf mehr als fünf Millionen Kunden hochgeschnellt. NTT Docomo führt die Expansion auf die Einführung der 900i-Handys zurück, die über HTML-fähige E-Mail-Kommunikation, kombinierten Video- und High-Fidelity-Audio-Empfang und eine Zwei-Pixel-Kamera verfügen. Das bestätigt die Feststellung in der erwähnten Medienresonanzanalyse von Observer und Accenture, wonach taugliche und attraktive UMTS-Mobilfunkgeräte für den Markterfolg besonders wichtig sind.

IDS-Scheer-Manager Feld glaubt, dass erst mit zunehmender Nutzerzahl neue Geschäftsmodelle im Privatkundengeschäft ernsthaft angepackt werden, denn die angebotenen Multimedia-Dienste befänden sich derzeit noch immer im Demonstrations- und Versuchsstadium. Die Hoffnung auf eine UMTS-Killer-Anwendung hat er allerdings noch nicht aufgegeben. Feld: "Mobiles Fernsehen könnte es werden, sofern sich Medien- und Telekommunikationsunternehmen auf ein gemeinsames Geschäftsmodell verständigen." Als idealer Zeitpunkt für den Einstieg wird die Fußballweltmeisterschaft 2006 gehandelt.

Attraktivität steigt mit der Nutzerzahl

Noch aber gilt die geringe Verbreitung von UMTS als Problem. Immerhin: Die Forderung des Gesetzgebers an die UMTS-Lizenznehmer, bis 2003 für eine UMTS-Abdeckung von mindestens 25 Prozent der deutschen Bevölkerung zu sorgen, ist erfüllt. Damit ist UMTS in zirka 400 Städten ab 50 000 Einwohnern in Deutschland verfügbar.

Mit der Nutzerzahl steigt auch die Attraktivität der Technologie für Business-Anwendungen in den Unternehmen. Nach einer Umfrage der Meta Group sind Mobility-Anwendungen für Mitarbeiter, so genannte B2E-Lösungen (Business-to-Employee), für 87 Prozent der befragten 245 Unternehmen von Interesse. Hierbei geht es vor allem um die Optimierung von Geschäftsprozessen in Vertrieb, Service und Instandhaltung. Erste Projekte in Richtung UMTS- und ERP-Software sind nach Einschätzung des Mobility-Experten Feld bereits in der Pipeline. Ab 2007, so die Meta Group, wird dann der drahtlose Zugriff auf Unternehmensanwendungen und Portal eine weit verbreitete Funktionalität. Erst in dieser Phase wird sich die Masse der Unternehmen mit der Nutzung von UMTS-Diensten befassen. Fazit: UMTS kommt - aber langsam. (bi)

*Dr. Manfred Buchner ist freier Journalist in Berlin.

Hier lesen Sie ...

- warum es zu attraktiven neuen Diensten zu erschwinglichen Preisen via UMTS noch nicht gekommen ist;

- warum WLAN, GRPS und Satelliten-Telefonie es UMTS schwer machen;

- warum sich UMTS speziell in Europa gegen den GSM-Standard durchsetzen könnte;

- warum die Fußballweltmeisterschaft 2006 als idealer Einstiegszeitpunkt für die UMTS-Killeranwendung gehandelt wird.

Aktuelle Studien zu UMTS

Observer/Accenture: UMTS - Eine Zukunftstechnologie in der Gegenwart. Studie zur aktuellen Wahrnehmung von UMTS und Mobilfunkunternehmen in deutschen Medien

www.observer.de;

www.accenture.de

Berlecon Research: "Prozesse optimieren mit Mobile Solutions"

www.berlecon.de

Forrester Research: European Mobile Forecast: 2004 To 2009

www.forrester.com/Research

Initiative D21 und Bundeswirtschaftsministerium: Vergleichsstudie "Wachstumsmarkt Deutschland Mobile Dienste"

www.initiatived21.de

Meta Group Mobile Solutions 38; Services 2004

www.metagroup.de/studien/2004/mobile