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28.06.2002 - 

Rentabilität rückt in immer weitere Ferne

UMTS-Geschäftsmodelle sind nicht tragfähig

28.06.2002
MÜNCHEN (sp) - Nicht erst seit dem schlechten UMTS-Start in Japan ist die Stimmung der hiesigen Mobilfunkbranche im Keller. Die Querelen um die Führung bei Mobilcom werfen jetzt erneut die Frage auf, ob, wann und wie die hoch verschuldeten Netzbetreiber ihre Milliardeninvestitionen in den 3G-Standard wieder hereinholen können.

Der Fall Mobilcom scheint geklärt: Nachdem der Großaktionär France Télécom den Firmengründer Gerhard Schmid entlassen und sich mit den 17 Gläubigerbanken geeinigt hat, wird der französische Konzern das Unternehmen mit großer Wahrscheinlichkeit ganz übernehmen und in seine Mobilfunktochter Orange eingliedern. Sollten sich auch alle anderen strittigen Fragen klären und Schmid seine Anteile an France Télécom tatsächlich verkaufen, wäre die drohende Insolvenz des norddeutschen Anbieters erst einmal abgewendet.

Konsolidierung unausweichlich

Dabei käme den anderen fünf Inhabern der UMTS-Lizenzen in Deutschland - T-Mobile, Vodafone, die British-Telecom-Tochter O2 (ehemals Viag Interkom), E-Plus und Quam - ein Konkurs von Mobilcom nicht ungelegen. Denn für alle ist der Kuchen zu klein - eine Marktkonsolidierung, ob durch Insolvenzen oder Übernahmen, scheint unausweichlich. Neben T-Mobile und Vodafone werden nach Ansicht von Branchenkennern nur ein oder höchstens zwei eigenständige Player die momentane Durststecke überstehen - die übrigen werden wie Mobilcom geschluckt oder fusionieren. So will E-Plus sein Netz gemeinsam mit Quam, einem Konsortium aus Telefónica Móviles und der finnischen Sonera, betreiben. Laut Quam peilen beide zusammen bis 2010 einen Marktanteil von zehn Prozent an.

Bereits durch das Ausscheiden eines Lizenzinhabers verbessert sich die Position der übrigen Player beim Start des Multimedia-fähigen Mobilfunks im kommenden Jahr. Das hätten diese auch dringend nötig: Durch den Erwerb der Sendelizenzen hoch verschuldet, schlittern die Unternehmen mit den jetzt notwendigen Investitionen in die Infrastruktur - laut den Lizenzbedingungen müssen sie bis Ende 2003 mit ihren UMTS-Netzen ein Viertel der Bevölkerung erreichen - noch weiter in die roten Zahlen: Experten schätzen die Kosten bis 2006 je nach Land auf drei bis fünf Milliarden Euro pro Anbieter. Deren Verschuldungs- und Zinslast ist mittlerweile so hoch, dass sie sich mit Gewinnen kaum kompensieren lässt.

Der anhaltende Preisverfall bei Netzausrüstungsprodukten und die geänderten Lizenzbedingungen, wonach die Lizenznehmer in Deutschland beim Netzaufbau kooperieren und sich so die Kosten teilen dürfen, wirken nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. "Durch diese Faktoren muss ein Anbieter in die Infrastruktur vielleicht nicht wie ursprünglich angenommen 4,2 Milliarden, sondern nur 3,2 Milliarden Euro stecken", schätzt Torsten Gerpott, TK-Experte und Professor an der Duisburger Mercator-Universität. "Aber das macht den Kohl jetzt auch nicht mehr fett."

Wie die Anbieter von ihrem Schuldenberg herunterkommen sollen, ist unklarer denn je. Auf dem Kapitalmarkt ist seit dem Absturz der TK-Aktien nichts mehr zu holen. Und da die im Boom zugekauften Firmen und Beteiligungen stark an Wert verloren haben, sind die Konzerne jetzt auch noch zu gewaltigen Wertberichtigungen gezwungen. Aber nicht nur die Netzbetreiber selbst, auch ihre Lieferanten trifft das UMTS-Debakel. Vor allem für Netzwerkausrüster wie Nokia oder Ericsson, die zurzeit selber nicht gerade glänzend dastehen, wird der Zeitpunkt, zu dem die Lizenznehmer in der Lage sein werden, die Lieferantenkredite zurückzuzahlen, immer ungewisser.

Die UMTS-Ernüchterung kommt in einer Phase, in der die Erwartungen an den Mobilfunk generell gebremst wurden. Mit einer Handy-Penetration von 70 Prozent steht der westeuropäische Markt kurz vor der Sättigung. Einer Studie von Analysys zufolge wird er in diesem Jahr nur um vier Prozent wachsen - 2001 lag die Steigerung noch bei zwölf Prozent. Besserung ist nicht in Sicht: Laut Gartner soll die jährliche Wachstumsrate von 51,6 Prozent für den Zeitraum von 1997 bis 2001 auf 3,1 Prozent für 2002 bis 2006 zurückgehen.

Hoffnung auf multimediale Datendienste

Einen Ausweg aus der Krise erhofft sich die Branche von UMTS und dem Geschäft mit multimedialen Datendiensten. Doch der Durchbruch der neuen Technik rückt immer weiter in die Ferne. Mit flächendeckenden 3G-Services ist nach Einschätzung von Experten nicht vor 2004 zu rechnen. Und selbst wenn alle technischen Voraussetzungen geschaffen sind: Die bange Frage bleibt, ob sich das Geschäft angesichts der horrenden Investitionen überhaupt jemals rechnen wird.

Nachdem der Mobilfunkstandard "WAP" (Wireless Application Protocol) gefloppt hat und auch Dienste auf Basis des UMTS-Vorläufers GPRS (General Package Radio Systems) bislang nur auf ein verhaltenes Echo stoßen, wird das Handy in Europa hauptsächlich zum Telefonieren genutzt. Bis dato gibt es kaum Inhalte und Anwendungen, für die die Nutzer bereit wären, die hohen Übertragungsgebühren zu zahlen. Auch die 3G-Endgeräte sind teuer: "Ein Handy für 500 Euro schreckt gewiss nicht wenige von UMTS ab", gibt Nick Jones, Analyst bei Gartner, zu bedenken.

Die UMTS-Lizenznehmer wollen sich zu solchen Argumenten am liebsten gar nicht mehr äußern. So war bei den Recherchen für den vorliegenden Artikel kein einziger Anbieter außer Quam bereit, über die UMTS-Perspektiven zu sprechen. Möglicherweise hängt das aber auch mit technischen Problemen zusammen. So mussten T-Mobile und Vodafone ihren ursprünglich für Herbst 2002 geplanten UMTS-Start auf das kommende Jahr verschieben.

Der Aufschub erscheint in Anbetracht des missglückten UMTS-Einstiegs von NTT Docomo in Japan auch sinnvoll. Der Mobilfunkkonzern hat inzwischen eine enttäuschende Bilanz gezogen: Nur 115000 Kunden sind bislang auf den 3G-Zug aufgesprungen. Ursprünglich hatte NTT damit gerechnet, ein halbes Jahr nach dem Start im Oktober rund 150000 Verträge in der Tasche zu haben. Vergangene Woche musste Firmenchef Keji Tachikawa eingestehen, dass UMTS - abgesehen von technischen Anfangsschwierigkeiten - zu wenig attraktive Inhalte bietet und dafür selbst den technikverliebten Japanern zu teuer ist. Seiner Einschätzung nach wird der neue Standard daher "erst 2010 seinen wirtschaftlichen Gipfel erleben".

Dass in Japan so wenige Handy-Nutzer zum Wechsel auf UMTS bereit sind, hat allerdings auch eine landesspezifische Ursache: Der UMTS-Vorläufer "I-Mode", der das Senden und Empfangen von Multimedia-Inhalten via Mobiltelefon ermöglicht, ist in Nippon ein Renner. Fast 33 Millionen Menschen - das ist nahezu die Hälfte aller japanischen Handy-Besitzer - nutzen den von NTT parallel zur 3G-Technik angebotenen Dienst, der funktional kaum hinter UMTS zurücksteht.

I-Mode für Europa

E-Plus hofft, die japanische I-Mode-Erfolgsstory in Europa wiederholen zu können. Die KPN-Tochter vermarktet den Dienst seit März dieses Jahres in Deutschland und den Niederlanden. Laut Firmenchef Uwe Bergheim kann E-Plus seine Einnahmen beim Wechsel von GSM zu I-Mode um monatlich bis zu 20 Prozent pro Kunde steigern. Angesichts der vergleichsweise geringen Investitionen rechne sich I-Mode damit bereits bei 100000 bis 200000 Kunden.

Bislang konnten sich in Deutschland allerdings nur 38000 Mobilfunkkunden für ein Abo erwärmen. Experten bezweifeln auch, dass I-Mode in Europa auf eine ähnlich große Begeisterung stoßen wird wie in Japan. Dort sei die Plattform unter anderem deshalb so attraktiv, weil angesichts der geringen PC-Verbreitung die I-Mode-Telefone häufig die einzige Möglichkeit darstellten, im Netz zu surfen. Zudem ist seit dem Flop der WAP-Technik nicht wenigen Nutzern die Lust an neuen mobilen Datendiensten vergangen.

Auch nach Einschätzung von Professor Gerpott wird I-Mode in Europa keine mit dem Geschäft in Japan vergleichbaren Umsätze generieren. Als Wegbereiter für die dritte Mobilfunkgeneration sei die Technik dennoch interessant: "Strategisch gesehen ist I-Mode ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg ins UMTS-Zeitalter", ist der Experte überzeugt.

Neben dem I-Mode-Vorstoß von E-Plus versucht die Branche, den Nutzern das Thema UMTS mit weiteren Appetithappen schmackhaft zu machen. Umsatzpotenzial verspricht sie sich vor allem von der GPRS-basierten Multimedia-SMS (MMS), auch Enhanced-SMS (EMS) genannt. Kurznachrichten, die sich mit Bildern und Sound anreichern lassen, sollen an den unerwarteten SMS-Boom der vergangenen Jahre anknüpfen. Zwar sind bislang nur wenige MMS-fähige Handys auf dem Markt. Analysten rechnen in Europa jedoch bereits in diesem Jahr mit einem Marktvolumen von 68 Millionen Dollar bei durchschnittlich fünf MMS-Botschaften pro Monat und Abonnent. Im Jahr 2006 soll die Frequenz auf 28 MMS und die Umsätze auf 27 Milliarden Dollar ansteigen. Ob sich diese Prognosen bewahrheiten, wird allerdings von den MMS-Tarifmodellen abhängen. Bei einer paketweisen Abrechnung wäre die Multimedia-SMS definitiv zu teuer.

Zudem ist längst nicht gesagt, dass die MMS-Anwender später auf UMTS umsteigen werden. Laut Gartner-Analyst Nick Jones sind die Handy-Nutzer "Upgrade-müde": "MMS, GPRS, 3G - die Vielzahl der Techniken und Standards verwirrt den Verbraucher", so Jones. Zudem setzten die neuen Dienste voraus, sich alle sechs Monate ein neues Mobiltelefon anzuschaffen. Da würden viele nicht mitziehen. "Das wird sich für die Branche in den kommenden 18 Monaten zum größten Flaschenhals entwickeln", prophezeit der Experte.

Professor Gerpott schätzt den Anteil der UMTS-Einnahmen am gesamten Mobilfunkmarkt auf neun Prozent im Jahr 2005 und 30 Prozent 2007. Gewinne seien selbst für die Marktführer T-Mobile und Vodafone erst in zehn Jahren zu erwarten. "UMTS ist eben kein 100-Meter-Lauf, sondern ein Marathon".

Abb: Handy-Absatz in Westeuropa

Wegen des langsamen Rollouts MMS-fähiger Handys und der Unsicherheit hinsichtlich der Gebühren für die neuen Dienste stagniert das Handy-Geschäft in diesem Jahr. Quelle: Strategy Analytics