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23.12.2004

UMTS kommt auf leisen Sohlen

Arno Wilfert
Die dritte Mobilfunkgeneration kämpft noch mit Kinderkrankheiten. Ihren Nutzern verlangt sie trotz einiger Vorteile auch noch Entbehrungen ab.

Vergangenes Jahr war es endlich so weit: Nach und nach verkündeten alle vier deutschen Mobilfunknetzbetreiber den realen Betrieb ihrer UMTS-Netze. Während Vodafone bereits im Februar mit einer GPRS/UMTS-Datenkarte in das UMTS-Zeitalter startete, folgte T-Mobile im Mai. E-Plus und O2 brachten erste UMTS-Angebote im Sommer auf den Markt. Insgesamt verlief der UMTS-Start in Deutschland jedoch unspektakulär. So konnte zum Beispiel Vodafone bis Ende September 2004 weltweit lediglich rund 100 000 UMTS-Datenkarten an den Mann bringen.

Erst mit Beginn des Weihnachtsgeschäfts begann Vodafone eine breit angelegte Marketingkampagne für UMTS, bei der sieben verschiedene Endgeräte mit Preisen zwischen einem und 360 Euro angeboten wurden. Und als innovativer UMTS-Dienst wurde vor allem die Videotelefonie angepriesen. Vodafone ist damit bisher der einzige Netzbetreiber hierzulande, der begonnen hat, den Massenmarkt mit UMTS zu erschließen.

Was UMTS für den einzelnen Kunden bringt, bleibt aber weiterhin unklar. Zwar sind die Datentarife mit deutlich weniger als einem Euro pro übertragenes MB im Vergleich zu den GPRS-Tarifen wesentlich günstiger, bergen aber bei Übertragung hoher Datenvolumina ein erhebliches Kostenrisiko für den Nutzer. Der Grund: Es gibt derzeit noch keine echte Pauschalgebühr (Flat Fee) wie beispielsweise bei ADSL, und bei der Nutzung im Ausland werden Roaming-Gebühren von fünf Euro und mehr pro MB fällig. Das gilt sowohl für Privat- als auch Geschäftskunden.

Die Sprachtarife sind hingegen weitgehend identisch mit den bisherigen GSM-Tarifen und bieten für Kunden, die nur telefonieren wollen, daher keinen Anreiz, die neue Technik anzuschaffen. Die von den Herstellern und Netzbetreibern gepriesene bessere Sprachqualität von UMTS ist beim derzeitigen Stand des Netzausbaus kein überzeugendes Kaufargument.

Defizite der UMTS-Qualität

In der Vergangenheit waren Flops bei der Einführung neuer Technologien oder Services im Mobilfunk häufig auf die ungenügende Marktreife der Produkte sowie Dienste zurückzuführen. Als Beispiele seien hier WAP und MMS (Multimedia Messaging Service) genannt, deren schlechte Netzabdeckung zum Start eine nachhaltig negative Wahrnehmung beim Kunden zur Folge hatte. Um so mehr überraschen Messergebnisse zum Beispiel entlang des Kölner Rings - also einer innerstädtischen Lage in einer der größten Städte Deutschlands. Sie belegen noch erhebliche Defizite bei der Qualität der UMTS-Netze:

- Die durchschnittlich erreichten Datenraten lagen mit 157 Kbit/s beim besten Anbieter deutlich unter den von den Netzbetreibern für innerstädtische Regionen angekündigten 384 Kbit/s, von den lange Zeit verheißenen 2 Mbit/s ganz zu schweigen;

- nur zwei Drittel der Testanrufe wiesen ein so starkes Signal aus, dass auch innerhalb von Gebäuden ein Gespräch in vernünftiger Qualität möglich gewesen wäre;

- den Testern gelang es beim besten Anbieter nur in 65 Prozent der Fälle, eine E-Mail im Umfang von 1 MB Datenvolumen erfolgreich zu empfangen, beim schwächsten Anbieter sogar nur in knapp 50 Prozent der Fälle;

- auch in der Sprachkommunikation gab es noch Defizite. Hier waren je nach Anbieter nur 87 bis 96 Prozent aller Anrufversuche erfolgreich.

Damit stellt sich heraus, dass UMTS zwar deutlich schneller als GPRS ist. Bei wichtigen Entscheidungsfaktoren wie der Netzabdeckung innerhalb von Gebäuden oder Qualitätskriterien wie der Anzahl abgebrochener Gespräche kann UMTS mit den GSM/GPRS-Netzen aber noch nicht mithalten. Auch die Datenkarten der ersten Generation funktionieren noch nicht reibungslos. Zu Problemen bis hin zum nötigen Neustart des Computers kommt es insbesondere dann, wenn der Nutzer einen Bereich mit UMTS-Netzabdeckung verlässt und die Datenkarte auf GPRS umschalten muss.

Für diese Entwicklung sind die Netzbetreiber selbst verantwortlich, weil sie langsamer als zunächst geplant in den Ausbau der UMTS-Netze investiert haben. Infolgedessen sahen auch die Endgerätehersteller keinen Grund, ein breites Portfolio an UMTS-Endgeräten auf den Markt zu bringen. Noch immer sind die meisten UMTS-Telefone größer und schwerer als vergleichbare GSM-Endgeräte und fällt die Haltbarkeit der Akkus in der Regel deutlich gegenüber GSM-Telefonen ab.

Darüber hinaus sind einfache UMTS-Handys zu ähnlich günstigen Preisen wie bei GSM-Einsteigermodellen noch nicht verfügbar, was die Netzbetreiber zu hohen Subventionen zwingt. Solange die Einkaufspreise für UMTS-Telefone mit rund 250 bis 300 Euro deutlich über denen von GSM-Telefonen liegen, gibt die aggressive Vermarktung von UMTS über alle Kundensegmente hinweg wirtschaftlich aber wenig Sinn. UMTS wird deshalb zunächst nur die sehr kaufkräftige Kundschaft erreichen.

Verstopfte GSM-Netze

Trotz dieser Hindernisse kommt langsam Bewegung in den Markt, weil peu à peu mehr und bessere UMTS-Endgeräte verfügbar werden und infolgedessen die Einkaufspreise der Netzbetreiber sinken. Vor allem die großen Anbieter haben ein vitales Interesse daran, Vieltelefonierer zu UMTS zu migrieren, um ihre GSM-Netze zu entlasten. In den Ballungsgebieten operieren die Marktführer häufig an der Kapazitätsgrenze, was zu Gesprächsabbrüchen führt. Ein weiterer Ausbau der GSM-Netzkapazität ist wegen der parallel bestehenden UMTS-Infrastruktur jedoch nicht sinnvoll.

Dennoch ist es für Beobachter des Mobilfunkmarktes immer wieder überraschend zu sehen, wie die Marketing-Strategen einfache Zusammenhänge aus der Telekommunikationsökonomie vernachlässigen. Das wird vor allem am so genannten Netzwerkeffekt deutlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass Pionierkunden einen Kommunikationspartner finden, der den gleichen Dienst nutzt, ist noch gering. Durch diesen Netzwerkeffekt ist der individuelle Nutzen für sie begrenzt. Deshalb sind von den "Early Adopters" abgesehen nur wenige Kunden bereit, ein entsprechendes Endgerät zu kaufen oder einen entsprechenden Dienst zu abonnieren. Die Anbieter müssen daher durch Endgerätesubventionen und kostenlose Kurzzeitangebote Kaufanreize schaffen.

Ein prägnantes Beispiel für die Vernachlässigung des Netzwerkeffektes ist die Positionierung von Videotelefonie als Differenzierungsfaktor von UMTS. Dieser Dienst bringt dem Kunden kaum einen Nutzen, solange seine wichtigsten Kommunikationspartner nicht mit einem videotelefoniefähigen Endgerät ausgestattet sind und einen entsprechenden Dienst abonniert haben; von dem Problem, solche Dienste über die Grenzen unterschiedlicher Netzbetreiber hinweg zu nutzen, einmal abgesehen. Diese sind spätestens seit der Markteinführung von MMS hinreichend bekannt und verschärfen den Netzwerkeffekt zusätzlich. Ein Fokus auf Basisdienste wie E-Mail, Internet- und Intranet-Zugang, bei denen der Netzwerkeffekt keine Rolle spielt, scheint deshalb zielführender zu sein.

Untersuchungen des Nutzerverhaltens zeigen, dass Geschäftskunden vor allem vergleichsweise einfache Datendienste nachfragen. Dazu gehören E-Mail, Internet- und Intranet-Access ebenso wie SMS. Auch Auskunftsdienste wie zum Beispiel der Zugriff auf elektronische Telefonbücher oder Adressenverzeichnisse sowie Fahrpläne werden bei Kundenbefragungen häufig als attraktive mobile Datendienste genannt. Die Positionierung von UMTS scheint aber, mit Ausnahme der Datenkarte, eher auf die Privatkunden ausgerichtet zu sein. Dort hofft man, mit Videotelefonie, Musik-Downloads und Spielen zu punkten. Die Blackberry-Funktionalität sucht man bei UMTS-Endgeräten dagegen meist vergebens.

Neue Tarifmodelle erforderlich

Um UMTS zum Erfolg zu verhelfen, sind außerdem neue, radikalere Herangehensweisen bei den Tarifmodellen erforderlich. Das Beispiel Vodafone Japan zeigt, dass die Anwendung der aus der GSM-Welt bekannten Tarifmodelle auf UMTS keinen Erfolg hatte; Foma, das UMTS-Angebot von Docomo, dagegen ging mit Pauschaltarifen (Flat Fees) für die Datennutzung und 30 bis 40 Prozent niedrigeren Sprachtarifen viel aggressiver in den Markt und konnte damit klare Erfolge verzeichnen. In Deutschland sind solche Ansätze kurzfristig aber nicht in Sicht: Die Netzbetreiber bezweifeln, dass Preissenkungen tatsächlich zu überproportional höherer Nutzung führen und sich dadurch letztlich lohnen.

Fazit: Die Nutzer von UMTS-Datenkarten sind sich einig. Trotz der geringen Netzabdeckung und einiger Qualitätsmängel erleichtert die schnellere Datenübertragung die Arbeit enorm. UMTS wird sich deshalb vor allem in solchen Nutzergruppen rasch verbreiten, die häufig unterwegs sind und auf E-Mail, Internet und Intranet zugreifen müssen. Diese Kunden sind aufgrund ihrer Mobilitätserfordernisse bereit, höhere Preise gegenüber der Datenübertragung via Festnetz zu bezahlen.

Reine Telefonie über UMTS ist für die meisten Kunden dagegen so lange uninteressant, wie die Endgeräte gegenüber GSM noch nicht voll wettbewerbsfähig sind. Neue Dienste wie Videotelefonie werden sich aber schon aufgrund des Netzwerkeffektes nur sehr langsam durchsetzen - das sollten die Anbieter spätestens seit der misslungenen Einführung von MMS gelernt haben. Ob es überhaupt einen hinreichend großen Markt für solche Dienste gibt, ist ohnehin fraglich. Selbst im technikbegeisterten Japan ist Videotelefonie bislang kein Erfolg. (pg)