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03.05.1996 - 

Software-Ingenieure sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt, aber

"Unechte" Titel und praxisferne Ausbildung sorgen fuer Verdruss

Obwohl sich die angewandte Informatik unter der Bezeichnung "Software-Engineering" ueber die ganze Welt ausgebreitet hat, sind die europaeischen Laender weder in der Lage, ein einheitliches Ausbildungsprogramm fuer Software-Ingenieure zu definieren, noch die Voraussetzungen fuer ein entsprechendes Diplom festzulegen.

Der amerikanische Computerexperte Harry Sneed kommentiert das Dilemma: "Software ist nichts weiter als eine Abbildung unserer diffusen Wirklichkeit. Kein Wunder, dass in der Software-Ausbildung ebenfalls Chaos herrscht."

Selbst in den USA ist das nicht anders. Zwar richten dort immer mehr Universitaeten zumindest einen Lehrstuhl fuer Software- Engineering, also der ingenieurmaessigen Entwicklung von Computerprogrammen, ein, doch zur staatlichen Anerkennung als Ingenieurdisziplin fuehrt dies noch lange nicht. Lediglich in zwei der 50 US-Bundesstaaten gibt es, so Sneed, eine Zertifizierung fuer Software-Ingenieure, die allerdings in den anderen Staaten umstritten ist. In Tennessee sei es sogar ausdruecklich verboten, diesen Titel anzugeben, da sonst die "echten" Ingenieurdisziplinen in Misskredit geraten koennten.

Auch hierzulande darf sich kein Softwarespezialist offiziell als Software-Ingenieur bezeichnen. Es gibt naemlich keine staatlich geprueften Diplomsoftware-Ingenieure, sondern nur Diplominformatiker. Im Prinzip kann sich jeder Programmierer, sogar jeder PC-Hacker, als Software-Ingenieur betiteln, denn der Titel ist genauso bedeutungslos wie der eines Managers.

Wenig Sorgen ueber "echte" oder "unechte" Titel machen sich indes die DV-Verantwortlichen in den Unternehmen. Sie monieren vielmehr, dass sich die Hochschul- und Universitaetsabgaenger nach wie vor mehr durch theoretische Kenntnisse als durch Praxisorientiertheit auszeichnen - vom ingenieurmaessigen Ansatz ganz zu schweigen. Professor Herbert Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts fuer Software- und Systemtechnik (ISST) in Dortmund, haelt diese Klagen fuer berechtigt: "Auch heute noch gibt es Informatikstudiengaenge, in denen man weder etwas ueber Software- noch ueber Kommunikations- noch ueber Datenbanktechnik zu hoeren bekommt." Zum Glueck seien inzwischen aber eine ganze Reihe positiver Gegenbeispiele zu verzeichnen.

Der Bildungsexperte befuerchtet allerdings, dass sich viele Softwareprofis ueber ihre berufliche Zukunft falsche Vorstellungen machen. Er ist naemlich ueberzeugt, dass nur die Arbeitsplaetze jener Mitarbeiter sicher sind, die ihr Technikwissen laufend erneuern oder zumindest weiterentwickeln. Weber: "Diejenigen, die sich kuenftig mit objektorientierten Vorgehensweisen nicht auskennen, werden nur noch sehr eingeschraenkte Entwicklungsmoeglichkeiten haben."

Die zukuenftige Welt der Software-Entwickler sieht der Fraunhofer- Berater durch verschiedene Tendenzen bestimmt. Zum einen erfordere die zunehmende Komplexitaet von Softwaresystemen ein ingenieurmaessiges Herangehen an den Entwurf und die Realisierung, zum anderen benoetigten die offenen, integrierten Systeme Software, die sich leicht aendern und warten lasse.

Trotz des diffusen Berufsbildes und der zumeist praxisfernen Qualifikation wird in den Stellenanzeigen der Fach- und Tageszeitungen der Software-Ingenieur mehr als alle anderen sogenannten echten Ingenieure gesucht. "Jeder weiss, dass die Ausbildung der Softwerker nicht gerade praxisorientiert ist", erklaert Toni Heimbring, Bereichsleiter Personal und Organisation bei der Softlab GmbH in Muenchen. "Was bleibt uns denn anderes uebrig, als trotzdem die Diplominformatiker, Wirtschaftsinformatiker oder Wirtschaftsingenieure von der Hochschule einzustellen?" Zwar gebe es inzwischen genuegend private Schulungstraeger, die eine pragmatische Software-Ausbildung mit mittlerem Abschluss anbieten wuerden, aber gegen die Hochschulabgaenger haetten deren Absolventen kaum eine Chance.

Heimbring: "Wir nehmen die Frischlinge von der Universitaet und geben ihnen den Praxisschliff selber."

Fuer Gerhard Kockerbeck, Abteilungsleiter im Bereich Systemtechnik und Kommunikation beim Fraunhofer-Institut fuer Materialfluss und Logistik in Dortmund, steht ebenfalls fest, dass die Informatiker waehrend ihrer Ausbildung mit einem reichlich realitaetsfremden Ansatz konfrontiert werden. Die in seiner Abteilung taetigen Informatiker arbeiten indes durchaus praxisorientiert. Schliesslich haben sie bereits im dritten Semester ihres Studiums ihr Praktikum an seinem Institut absolviert und so den notwendigen "Stallgeruch" mitbekommen. Kockerbeck: "Mein Lieblingskandidat waere ein Informatiker mit einem ingenieurmaessigen Ansatz - wahrscheinlich eine Utopie."

Fuer Berater Sneed sind Software-Ingenieure diejenigen, die die Werkzeuge bauen. Die Konstruktion von Compilern, Betriebssystemen, Datenbanksystemen, Netzsoftware und Softwarewerkzeugen sei naemlich eine anspruchsvolle Taetigkeit, die weit ueber das hinausgehe, was ein normaler Softwarehandwerker in der Regel leiste. "Hierfuer stehen die Diplominformatiker zur Verfuegung.

Doch leider werden sie weltweit immer weniger benoetigt", weiss der Experte. Lediglich bei einigen High-Tech-Unternehmen sei es gerechtfertigt, ueberhaupt noch von Software-Engineering zu sprechen. Sneed wundert sich, "dass Softwareprofis es bei all diesem Chaos immer wieder schaffen, gut funktionierende Loesungen zu entwickeln".

*Ina Hoenicke arbeitet als freiberufliche Journalistin in Muenchen.