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12.12.1980 - 

Technik der Zukunft Diskussionsthema auf der Tagung des Instituts der deutschen Wirtschaft

Uneins schon über die Problemdefinition

BONN - "Wir haben uns über den Verkauf des Kanapees unterhalten", bilanzierte der Münchener Schriftsteller und Publizist Carl Amery am Ende der Podiumsdiskussion "Wer kontrolliert die Technik? Ist die Zukunft zu planen?" - abgehalten auf der öffentlichen Jahrestagung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Bonn. Amery spielte damit auf den Witz mit dem Mann an, der seine Ehefrau mit seinem Freund auf besagtem Möbel in flagranti ertappt und das für ihn entstandene Dilemma durch den Verkauf des Kanapees zu lösen versucht.

Amery unterschied sich mit seinem Zweifel am Wert der geführten Diskussion nicht allzusehr von IW-Präsident Dr. Peter von Siemens, der sich in seinem Nachwort von der nur zeitweise wirklich kontroversen Debatte überrascht zeigte. Dabei hatte Siemens in seiner Begrüßungsansprache noch die Erwartung geäußert, daß es zu einem harten, aber fairen Schlagabtausch kommen werde.

Neben Amery stellten sich dem Publikum

- Dr. Günter Friedrichs, Automatisationsexperte der IG Metall,

- Reinhard Ueberhorst, SPD-MdB,

- Professor Dr. Ulrich Lohnar, Kommunikationswissenschaffler,

- Physik-Professor Dr. Edgar Lüscher,

- BDI-Präsident Professor Dr. Rolf Rodenstock sowie

- Dr. Hans Heigert, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, der die Moderation übernommen hatte.

Sektorales Denken

Amery scheiterte mit seinem Versuch, die Diskussion auf ein Niveau zu heben, wo es um Begriffe wie Mensch, Natur und "Kulturwechsel" gegangen wäre. (Lohmar dazu ironisch: "Die Beschäftigung mit der Seele ist ergiebiger, weil unverbindlicher.") Die übrigen Gesprächsteilnehmer zogen es vor, über Arbeitsplätze, Politik und Planung zu reden. Doch auch auf diesen mehr weltlichen Gebieten kam mangels allseits anerkannter Daten und Fakten nicht viel Konkretes zustande.

Beispiel Arbeitsplätze. Er sei beauftragt, berichtete Friedrichs, dem Club of Rome einen Bericht über "Mikroelektronik und Gesellschaft" vorzulegen. Alle, die daran mitgewirkt hätten, hätten "die nächsten Nächte nicht geschlafen". Angst mache es auch zu beobachten, daß die Chip-Hersteller zwischen 1970 und 1978 ihre Produktion um 55 Prozent ausgeweitet, ihr Personal aber um 20 Prozent vermindert hätten. Hier werde die Jobkiller-Eigenschaft der Mikroelektronik deutlich.

Lüscher meinte dazu, ein solches sektorbezogenes Denken müsse in die Irre führen; die neuen Arbeitsplätze seien anderswo entstanden. Und Rodenstock, der das alles "schon mal gehört" hatte, fragte zurück, was denn geschehen wäre, wenn nicht wenigstens diese Innovationen vorgenommen worden wären.

Beispiel Politik. Bei der heutigen Diskussion gehe es nicht um "Pro oder kontra Technik?", räumte Ueberhorst in seinem Eingangs-Statement ein, sondern "wir sprechen über ein Politik-Defizit". Doch nach diesem Bekenntnis fand der Abgeordnete Entschuldigungen für sich und seine Parlamentskollegen: Es sei klug, sich Optionen offenzuhalten; den Volksvertretern würden meist nur unzureichend aufbereitete Problemkomplexe zur Entscheidung vorgelegt; und Tagespolitik sei eh nicht Sache des Bundestags.

Während Ueberhorst also die Existenz zweier Politiker-Gattungen unterstellte, machten seine Gesprächspartner da keinen so feinen Unterschied. Amery beispielsweise wies auf die "Formationen von Betroffenen" hin, die sich in jüngster Vergangenheit gebildet hätten, und fragte: "Sind das Spinner? Oder ist mangelnde Entscheidungsfreude der Politiker im Spiel?"

Heigert warf die Frage auf, ob das Wort vom Offenhalten der Optionen nicht ein Synonym für Drückebergerei sei (was Ueberhorst bestritt), und Rodenstock befand, die Kabelfernseh-Pilotprojekte seien als gutes Beispiel für Optionen im Sinne von Alternativen zu werten. Für Lohmar ("Wir waren früher alle unkritisch.") lag das

Hauptproblem nicht in einer vergangenheitsbezogenen Schuldzuweisung an Politiker, welcher Art auch immer. Er formulierte: "Politik soll falsche Zukünfte verhindern. Aber welche sind falsch?"

Der Ansatz der Antwort, die er selbst darauf gab, orientierte sich an der Forderung nach einer besseren Regierbarkeit unseres Staatswesens. (Zuvor schon hatte Heigert von der Unregierbarkeit des Staates aufgrund zu kurzer Wahlperioden gesprochen.) Lohmars vages Rezept: Generell mehr dezentrales Miteinander und Verminderung der Kompetenzkonkurrenz in Regierung, Parteien und Verbänden.

Beispiel Planung. Wenn im Zusammenhang mit Forschung von Planung die Rede sei, betonte Lüscher, müsse immer zwischen angewandter und Grundlagenforschung unterschieden werden. Letztere nämlich sei "Erkenntnissen" nicht zugänglich und somit auch nicht planbar.

Grenzen der Planbarkeit erkannte auch Rodenstock und wies auf die Praxis im eigenen Unternehmen hin: Dort müßten betriebliche Entscheidungen regelmäßig auf der Grundlage eines suboptimalen Erkenntnisstandes getroffen werden.

Die Forschungs- und Technologie-Politiker forderte Rodenstock auf, dies als unvermeidlich hinzunehmen und zu übernehmen. Rodenstock warnte davor, eine "Denkpause" einzulegen und verwies auf das jetzt schon existierende Forschungsdefizit in Deutschland etwa im Vergleich zu Japan. Lüscher, der dies bestätigte, schlug vor, mit einer gezielten Eliteförderung dagegen anzugehen, "sonst haben wir in 20 bis 30 Jahren nichts mehr, was unsere Wirtschaft ans Laufen bringt".

Friedrichs widersprach dem Eliteprinzip - was fehle, sei nur Politikermut - und meinte an Rodenstock gewandt, er sei bei Entscheidungen "nicht dafür, ins Becken reinzuspringen". Untersuchungen seien da besser, und man könne, wie das Mondlandeunternehmen der Amerikaner 1969 gezeigt habe, "eine ganze Menge planen". Darum gehöre mehr Planung in die Politik.

Lohmar hingegen nannte eine "normative Vorformung des Lebens für unsere Demokratie ungeeignet", und auch Heigert wollte wissen, worin die Vorzüge einer staatlichen Planung lägen. Friedrichs gab als Beispiele die Rohstoffknappheit und den Katastrophenschutz an und kritisierte, das Lösen von Problemen gestalte sich mehr und mehr als reines Krisenmanagement.

Sachzwang oder andere Zwänge?

Der Staat soll mehr planen, äußerte sich auch Rodenstock dazu, schob aber unter Hinweis auf den Ölschock von 1973 die Frage nach: "Wer hat die Weisheit?" Die Ölkatastrophe von 1973, widersprach Lüscher, sei in Wahrheit schon frühzeitig vorausgesagt worden, nur habe man dies wegen "Eingefahrenheit" nicht weiter beachtet. Diese mangelnde Umsetzung klarer Erkenntnisse in das politische Handeln hatte auch Friedrichs bereits angeprangert.

Mehr oder weniger einig zeigte sich die Runde darin, daß eine mutige und besonnene Politik, keinesfalls aber ein Sich-Verschanzen hinter vermeintlichen Sachzwängen am Platze sei. Bleibt abzuwarten, wie lange dieser Minimalkonsens Bestand hat. Immerhin sprach Heigert schon unwidersprochen von "Sozialzwängen" (in Verbindung mit Rationalisierungsmaßnahmen in Betrieben); und Siemens resümierte, zwar sei die Zukunft nicht planbar, sie werde in praxi aber laufend kurzfristig geplant - unter Beachtung von "Zugzwängen".