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23.02.1990 - 

Keine Versionskriege auf der "Unix-CeBIT" in Washington

Uniforum 1990: Zwei Gruppen auf gleichem Weg zum selben Ziel

Anders als in den vergangenen Jahren haben die Uniforum-Aussteller heuer den Endanwender zum Zielpublikum erkoren. Was nicht stattfand, waren jene Versionskriege, über die sich Medien und Marketing-Strategen so gern die Köpfe heißreden. - Auf der Messe hat sich Eitel Dignatz*) für die COMPUTERWOCHE umgesehen.

*) Der Autor ist Inhaber der Firma Dignatz Consulting, München. Das Unternehmen ist im Unix-Schulungs- und Projektgeschäft tätig.

Recht CeBIT-ähnlich kam dem Uniforum-erfahrenen Besucher vor, was sich Ende Januar in Washington, D.C., bot. Denn das, was sich bereits auf der Uniforum '89 in San Francisco abzeichnete, setzte sich auch in diesem Jahr fort: Hersteller konzentrierten sich weit weniger auf technische Details als noch vor wenigen Jahren, sondern stellten, ganz in CeBIT-Manier, eher "Lösungen" in den Vordergrund. Die Zielgruppe, die man damit anpeilte, waren nicht VARs (Value Added Resellers) und OEMs (Original Equipment Manufacturers) wie in früheren Jahren, sondern der Endanwender. Und so war Das Jahrzehnt der Anwender denn auch das Motto der Show.

Unix - bei der Invasion in Panama dabei

Eine besondere Art von Anwender, vor allem im Dunstkreis des Washingtoner Regierungsviertels, ist das amerikanische Militär. Nicht nur die Präsenz der Uniformierten auf der Uniforum war unübersehbar, sondern auch die prägende Rolle, die das US-Militär innerhalb des amerikanischen Behörden-Unix-Marktes spielt. Und so verwunderte es kaum noch, daß ausgerechnet ein Luftwaffengeneral die Eröffnungsrede des ersten Tages hielt.

Doch Generalleutnant James S. Cassidy Jr. blieben Peinlichkeiten nicht erspart. Der General lobte Unix in hohen Tönen für etwas, mit dem zumindest hierzulande nicht unbedingt jeder Hersteller in Verbindung gebracht werden möchte: Die Invasion in Panama, gab Cassidy zum besten, habe unter anderem deshalb so gut geklappt, weil das Militär "noch nie ein besseres Kommunikationssystem hatte". - Daß hier Unix-Systeme gemeint waren, versteht sich.

Zu Werbeveranstaltungen gerieten die Eröffnungsreden an den beiden folgenden Uniforum-Tagen, denn sowohl Hewlett-Packards President John A. Young, wie auch Geoff Morris, President von X/Open, wußten das Rednerpult trefflich für Eigenwerbung zu nutzen.

Zunehmende Flachheit zeigte sich bisweilen auch im Beiprogramm, das wie üblich aus zahlreichen Plenarveranstaltungen bestand. Konnte man vor zwei oder drei Jahren noch zu recht hoffen, daß es in den nicht-technischen Podiumsdiskussionen in puncto Unix-Markt zur Sache ging, so hatte man heuer nicht selten das Gefühl, PR-Veranstaltungen beizuwohnen, in denen jeder Referent gründlich über die hervorragenden Produkte seines Hauses lobhudeln durfte.

Reizworte wie Openness und Interoperability wurden reichlich strapaziert, und penetrant wirkten bisweilen auch Produktnamen, die ohne den Zusatz Open nicht mehr auszukommen scheinen. Bemerkte einer der Besucher etwas vergrätzt: "Hier ist alles so offen, daß es regelrecht zieht."

Anders als noch vor wenigen Jahren waren jene Zweifler verstummt, die in Unix eine Bedrohung der abendländischen DV-Kultur sahen, vor allem aber eine Bedrohung der Herstellermargen bei Nicht-Unix-Anbietern. Doch von einer Polarisierung a la "Unix oder MS-DOS" redete zumindest niemand mehr, der die Zeit nicht völlig verschlafen hatte. Und auch OS/2, sofern es denn überhaupt

irgendwann einmal in einer ernstzunehmenden Version auf den Markt kommt, sah man allgemein eher als Partner für eine friedliche Unix-OS/2-Koexistenz im LAN.

Nur ganz Verwegene kamen auf die Idee, das "OSF kontra Unix International"-Thema wieder aufzukochen, das im vergangenen Jahr mit sehr viel Trommelwirbel bedacht worden war. Wenngleich beide Interessengruppen wie gewohnt den Beitritt jeweils neuer Mitglieder bekanntgaben, verhielten sie sich doch sonst eher im Sinne der erst unlängst bekanntgewordenen Detente: Man umarmte sich zwar nicht öffentlich, doch dem geübten Auge konnte kaum verborgen bleiben, daß hinter den Kulissen in puncto Annäherung sehr viel mehr lief, als beide Lager öffentlich zugeben mochten .

Sowohl Unix International als auch OSF gaben unabhängig voneinander bekannt, wohin denn bei ihren jeweiligen "Unixen" die Reise in nächster Zukunft gehen soll. Kaum verwunderlich, daß beide Gruppen Enhanced Security, Multiprocessing und Network Computing als Ziele für ihre Entwicklungen der nächsten Jahre nannten. Selbst die sonst eher auf Unparteilichkeit bedachte Uniforum (früher "/usr/group") kommentierte, hier wollten zwei Gruppen "auf fast identischen Wegen das gleiche Ziel erreichen". - Auch bei Unix, so scheint es, führen alle Wege nach Rom.

Nicht Versionsgezänk, sondern "Interoperability", also das Zusammenwirken verschiedener, unterschiedlicher Rechner im Netz, war allgemein das ganz große Thema. Auf der Messe waren zusammen etwa 500 Rechner und X/Terminals zu einem Messaging System zusammengeschaltet, das jeder Besucher wie Aussteller benutzen konnte.

Die organisatorische Vorarbeit für diesen Kraftakt, der in minimaler Vorbereitungszeit regelrecht übers Knie gebrochen wurde, hatte Ralph Barker geleistet, Technical Director bei der Unix-Interessengruppe "Uniforum": "Wir haben Mitte Dezember den Source Code an 21 Aussteller geschickt. Die meisten von denen hatten dann die Software bis zum Eröffnungstag zum Laufen gebracht."

Doch nicht nur die Portierung, sondern auch die eigentliche Softwareentwicklung lief im Hauruck-Verfahren, wie Barker selbst einräumt: "Selbst für eine relativ einfache Anwendung ist das eine recht aggressive Vorgehensweise, wenn man bedenkt, daß wir nur drei Monate von der Konzeptionsphase (!) bis zur Produktauslieferung gebraucht haben."

NCD X/Terminals: "Ick bün all hier"

Basis dieser Großdemonstration waren die unterschiedlichsten Rechner, davon ein Großteil Workstations und nicht zuletzt 14 X/Terminals. Unnötig zu sagen, daß das Messaging System unter X/Windows lief und überall die gleiche Benutzerschnittstelle bot. Neben dem friedlichen Miteinander unterschiedlicher Rechner ging es in dieser Anwendung nicht zuletzt darum, den Einsatz grafischer Benutzeroberflächen bei Netzwerkanwendungen zu demonstrieren.

GUIs (Graphical User Interfaces) gab es auch sonst, wohin das Auge reichte. Doch wenig Gedanken machte man sich auf Herstellerseite offenbar darüber, welcher Anwender denn diesen ganzen Segen wohl bezahlen will. Ansätze zur Senkung der Arbeitsplatzkosten waren gleichwohl sichtbar: Im Gegensatz zur letzten Uniforum, auf der man über X/Terminals vor allem redete, fand dieses Jahr eine wahre Invasion von X/Terminals statt.

Die erste Runde bei der Eroberung dieses Marktsegments geht dabei an die Firma NCD (Networking Computing Devices), die eindeutig den Anbietermarkt dominierte: Wo immer X/Terminals zu sehen waren, NCD war stets dabei.

Dem aufmerksamen Benutzer blieb jedoch nicht verbogen, daß X/Terminal-Lösungen in puncto Reaktionszeit zumindest gegenwärtig nur geringen Ansprüchen genügen. Beim Preis von 3000 bis 4000 Dollar pro Terminal stellen sie zwar auf den ersten Blick einen preiswerten Netzwerk-Grafikarbeitsplatz dar. Doch da diesen Geräten von ihrer Konzeption her die Fähigkeit fehlt, die eigentlichen Anwenderprogramme abzuarbeiten, muß dafür hinter den Kulissen ein leistungsfähiger Computer- und Fileserver zur Verfügung stehen. Und nicht zuletzt muß das Netz die erhebliche Zusatzlast verkraften, die der Datenverkehr von und zu jedem X/Terminal erzeugt. - Ein Anwender, der schnelle Grafik wirklich braucht, wird sich nur mit Waffengewalt an ein X/Terminal zwingen lassen, wenn er beispielsweise einmal mit einer Sparcstation gearbeitet hat.

Daran aber wird auch die Misere deutlich, die mit allzu unüberlegten Forderungen nach "Grafik für jedermann" einhergeht: Sollen die Anwendungen unter X/Windows laufen und gleichzeitig schnell sein, dann kostet das eine Menge CPU-Power. Und unter vorgehaltener Hand waren sich auch Hersteller darüber durchaus einig, daß man mit X/Windows unterhalb einer 10- bis 12- MIPS-Workstation, wie etwa der Sun Sparcstation, am besten gar nicht erst anfangen sollte. Pfiffige Anwendersoftware, die eine Grafik-Workstation so richtig nutzt, dürfte in Zukunft eher noch mehr MIPS benötigen.

In einer öffentlichen Diskussion fragten Anwender, wie man denn wohl die 100-MIPS-Workstations sinnvoll nutzen solle, die von Hardwareherstellern in Aussicht gestellt wurden. Sowohl General Systems Division wie auch Sun-Mitgründer Bill Joy und Larry Crume, Vice-President of International Development beim Spreadsheet-Hersteller Lotus, insistierten, daß Netzwerk-Applikationen mit grafischen Benutzeroberflächen die zusätzlichen MIPS genau so schnell verschlingen werden, wie sie die Hardware liefern kann.

Meinte Larry Crume: "Bei den 30- bis 40-MIPS-Workstations, die schon bald auf dem Markt sein werden, wird die Unix-Version von Lotus 1-2-3 jedes MIPS gebrauchen können, wenn mehrere Spreadsheet-Berechnungen gleichzeitig durchgeführt werden."

Womit wieder die alte These bewiesen wäre: Gleichgültig, über wieviel CPU-Leistung, Hauptspeicher oder Plattenplatz das System verfügt, es ist

mit Sicherheit zu wenig. +