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15.12.2000 - 

Personalmisere an den Hochschulen

Unis erwägen Numerus clausus für Informatik

15.12.2000
MÜNCHEN (am) - Die Informatikmisere an deutschen Hochschulen spitzt sich zu: Noch vor fünf Jahren gab es zu wenig Studenten. Mittlerweile ist der Zustrom an Erstsemestern so stark, dass ihn das Lehrpersonal nicht mehr bewältigt. Es droht ein bundesweiter Numerus clausus für ein Fach, das derzeit wie kein zweites eine Jobgarantie verspricht.

Die TU Berlin hat seit diesem Wintersemester schon einen Numerus clausus für Informatik, an der Uni Dortmund wird es im nächsten Jahr vermutlich so weit sein. Die Westfalen-Metropole muss 1000 Erstsemester verkraften. Die geforderten zusätzlichen Lehrstühle werden nicht genehmigt, im Gegenteil, dem Fachbereich sind Anfang des Jahres noch eine Professur und viereinhalb Stellen abgezogen worden.

Dortmund ist kein Einzelfall. An der Uni Rostock hat der kleinste Fachbereich sich um die meisten Studenten zu kümmern. Von intensiver Betreuung kann aber de facto keine Rede mehr sein. "Die Informatik ist eine Massenausbildung geworden, und dabei lebt das Fach davon, dass man am Computer etwas ausprobieren kann. Wenn wir im nächsten Jahr 500 Anfänger haben, können wir das Studium nicht mehr anbieten", erklärt Professor Andreas Heuer. Werden keine Stellen genehmigt, bleibt nur der Numerus clausus als einziger, wenn auch ungeliebter Ausweg. Der Fakultätentag für Informatik hat bei seiner jüngsten Sitzung in Magdeburg sogar gefordert, die IT-Studiengänge an Universitäten bundesweit zu beschränken.

Angesichts des enormen Bedarfs an IT-Fachkräften "wäre das ein Armutszeugnis für den Wirtschaftsstandort Deutschland", urteilt Heinrich Mayr, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI).

Für den diesjährigen Ansturm von rund 24 000 IT-Studienanfängern (1997 waren es gerade einmal 10 650) habe man trotz Warnungen seitens der Fachbereiche und der GI keine hinreichenden Vorkehrungen getroffen. Nun müsse man umgehend handeln, um den positiven Trend zur Informatik nicht wieder zu gefährden.

Mayr, im Hauptberuf Professor für Praktische Informatik an der Universität in Klagenfurt, fordert nicht nur ein stärkeres finanzielles Engagement der öffentlichen Hand und der Wirtschaft, sondern auch ein unternehmerisches Denken innerhalb der Hochschulen: "Es ist nicht sinnvoll, teure Studienrichtungen in aller Breite und an vielen Standorten zu erhalten, deren Absolventen keinen adäquaten Arbeitsplatz finden und dann noch einmal kostspielig auf die Informatik umgeschult werden müssen." Die Universitäten sollten sich daher entgegen dem "althergebrachten Besitzstandsdenken" stärker am Bedarf orientieren und Stellen entsprechend umwidmen.

Die Technische Universität München ist schon aktiv geworden. Vier Lehrstühle aus Bereichen der Ingenieur- und Naturwissenschaften wurden zugunsten der Informatik umgestellt, der Freistaat Bayern hat eine Zwischenfinanzierung von 10,5 Millionen Mark lockergemacht, damit die Stellen sofort besetzt werden können und nicht erst dann, wenn die Lehrstuhlbesitzer der anderen Fakultäten pensioniert sind. Für zwei zusätzliche Lehrstühle hat man Sponsoren aus der Industrie gewonnen. Dazu kommen noch 2,5 Millionen Mark Überbrückungsgelder von der Hochschulleitung, um kurzfristig Mitarbeiter einzustellen oder die Ausstattung mit PCs zu verbessern. Dennoch sieht TU-Vizepräsident Arndt Bode, die Gefahr der Zulassungsbeschränkung noch nicht gebannt: "Seit 1997 hat sich die Zahl der Erstsemester mehr als verdreifacht, während das Personal nur um 50 Prozent gewachsen ist. Wir wollen zwar keine pauschale Zulassungsbeschränkung, dafür aber ein intelligentes Auswahlverfahren, um die Qualität der Studenten zu verbessern und auch ihre Zahl zu reduzieren."

Der Fakultätentag Informatik spricht sogar von 500 neuen Professuren, die gebraucht werden. Selbst wenn ein Teil dieser Stellen finanziert würde, ist die Informatikmisere nicht behoben. Noch mehr als die IT-Industrie werden die Informatikfakultäten Schwierigkeiten haben, genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Dazu Mayr: "Das trifft vor allem auf den Bereich des akademischen Mittelbaus zu, wenn nicht zusätzliche finanzielle Anreize und hinreichend Gelegenheit für Forschung und damit zur wissenschaftlichen Weiterqualifikation geboten werden."

Diskutieren Sie mit uns!Die IT-Industrie lechzt nach Fachkräften, und die deutschen Universitäten müssen bald junge Leute abweisen, die Informatik studieren wollen: Die Hochschulen haben zu wenig Dozenten. Wer soll die dringend benötigten Mitarbeiter finanzieren - der Bund, die Länder oder die Industrie? Wer ist schuld an der Bildungsmisere? Sagen Sie uns Ihre Meinung. Unter http://www.computerwoche.de haben wir ab sofort ein Informatik-Forum eingerichtet, in dem sich unsere Leser austauschen können.