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02.09.1988

Unix für mittelständische Anwender?

Es ist keine Frage mehr: Unix wird sich als Standardbe-triebssystem fü komerzielle Anwendungen durchsetzen und ist die einzige Basis, auf der sich offene Mehrbenutzer-Systeme aufbauen lassen. Sich ergänzende und von den großen Computerherstellern un- terstützte Initiativen wie X/Open, Posix und OSF beschleunigen gleichzeitig die Verbreitung von Unix.

Nun fällt auf, daß die großen Hersteller mit Unix insbeson- dere den dezentralisierten Großanwender im Visier haben und im Markt primär Proprietary-Systeme positionieren. Das war bisher verständlich, da die bestehenden Produkte für den Mittelstands- markt noch nicht am Ende ihres Lebenszyklus stehen. Aber warum kündigt ein Hersteller für diesen Markt eine neue Produktfamilie an, die nicht auf Standards basiert? Warum schafft man für bestehende Anwendungen nicht Migrationswege in offene Systeme,

über die dieser Hersteller bereits verfügt?

Beispiel IBM. Unter AIX stellt man eine standardisierte Anwendungsumgebung für Abteilungsrechner bereit, die nicht unter komplexen Mainframe-Betriebssystemen betriben werden sollen. Für mittelständische Anwender gibt es aber weiterhin Proprietary-Systeme, zum Beispiel die AS/400 mit hardwareabhängigen Lösungen. Anwendungsbedingt? Die Datenverarbeitung in der Mahnabteilung eines großen Automobilherstellers, der Unix in der Fachabteilung einsetzt, unterscheidet sich wohl kaum vom DV-Mahnverfahren des Händlers, dem IBM eher eine AS/400 für diesen Zweck empfehlen würde.

Im Falle IBM ist diese Strategie leicht zu erklären: Das Ziel heißt Herstellerbindung; offene Systeme nur auf massive Forderungen der Anwender. Und da sich bisher das Bewußtsein für offene Systeme im Mittelstandsmarkt nicht ausreichend gebildet hat, könnte die Rechnung in diesem Marktsegment aufgehen. Leider wird vom mittelständische Anwender der Vorteil offenen Systemen noch sträflich unterschätzt.

Oder ist Unix nichts für diese Anwender? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Genauso wie die Fachabteilungen von Großanwendern könnten auch kleinere Anwender künftig die Vorteile von Standards nutzen. Der Mittelstand ist in jedem Falle gut beraten, wenn er - bei identischen Anwendungsfunktionen - die portable Unix-Lösung, das offene System, einer hardwareabhängigen Lösung vorzieht. Die ersten Mittelstandsverbände haben bereits ihren Mitgliedern ausdrücklich empfohlen, Unix einzusetzen.

Der mittelständische Anwender profitiert von den Unix/Standard-Auswirkungen genauso wie der Großanwender. Angesichts der relativ kurzen Lebenszyklen für die Hardware, drei bis fünf Jahre, müssen die Software-Investitionen und -Aufwendungen in die Infrastruktur auch oder gerade kleineren Anwender längerfristiger geschützt werden und einen Herstellerwechsel zulassen.

Die installierte Software muß offen für neue Technologien sein und diese auch nutzen, wie zum Beispiel neue, parallele Architekturen. Was nützen zum Beispiel symmetrische Multiprozessoren auf den neuen VAX-Rechnern, wenn die Software sie nicht voll ausnutzen kann.

Die große Herausforderung künftiger Dialogverarbeitung heißt Performance. Der Anwender fordert wachsenden Komfort, komplexere Vorgangs-orientierte Verarbeitung (OLTP), mehr Durchsatz, kürzere Antwortzeiten, weitergehende Anwendungsintegration und Datenbankorientierte Lösungen. All dies fordert mehr Leistung von der Hardware.

Die permanente Bereitstellung wachsender Performance ist ein Schlüsselkriterium beim Design zukünftiger Systeme. Und es ist anzunehmen, daß auch die größten Hersteller diesem neuen Innovationstempo allein mit eigenen Ressourcen nicht mehr folgen können, ohne Standardsoftware einzusetzen. Dies könnte - neben Anwenderforderungen nach Standards - langfristig aus Herstellersicht der Grund sein, von Proprietary-Systemen abzurücken.

Noch ein Wort zur Technik. Grundsätzlich ist Unix ein universell einsetzbares System ohne unüberbrückbare konzeptionelle Lücken.

Gewiß sind seitens der Anbieter für den Mittelstandsmarkt Ergänzungen zu berücksichtigen, wie Datei- oder Datenbanksysteme, eine komfortable Benutzeroberfläche, Endbenutzer-orientierte Tools oder Bürofunktionen. Aber dies sind Eigenschaften, die die Unix-Anbieter ohnehin im kommerziellen Markt schaffen müssen, oder die bereits verfügbar sind.

Die wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von Unix heißt insbesondere im mittelständischen Markt: Anwendungssoftware und Trunkey-Lösungen. Natürlich kann die Computerindustrie diese Voraussetzungen nicht heute oder morgen erfüllen. Aber sie könnte dem Anwender eine Perspektive für seine heutige Software-Investition aufzeigen. Ein wichtiges Differenzierungsmerkmal im Unix-orientierten Markt wird der Migrationsweg aus den Proprietary-Systemen in die neue Welt offener Systeme sein.

Abschließend auf den Punkt gebracht: Ein Betriebssystem ist nicht nur dazu da, Computer zu betreiben, sondern es ist auch ein Marketing-Instrument der Hersteller, mit dem sie die Kunden über den kurzen Lebenszyklus der Hardware hinaus für Folgegeschäfte binden. Die Mainframe-Welt liefert bereits den Beweis: Monopolähnliche Zustände schafft man in der Computerindustrie am einfachsten über den Marketingfaktor Betriebssystem - und zwar schleichend und lautlos, so daß die Mehrheit unvorbereitet ist. Noch ist im Mittelstandsmarkt alles offen, aber nur, wenn der Anwender offene Systeme fordert und die Industrie Lösungen bereitstellt sowie Migrationswege für heute installierte Software aufzeigt.