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Mit dem Portabilitäts-Gedanken ändert sich auch die Ausbildung:


27.05.1988 - 

Unix-Know-how soll nicht Sache von Spezialisten bleiben

Das Profil der Unix-Anwender wandelt sich: War das Betriebssystem früher eine Domäne der Programmierer, tendiert der Markt jetzt in Richtung Sachbearbeiter. So jedenfalls sieht es Anton Illik*. Ursache sei das zunehmende Unix-Interesse im kommerziellen Bereich, das sich wiederum auf die Portabilität und Hardware-Unabhängigkeit des Systems zurückführen lasse.

Verfügbar ist Unix schon seit geraumer Zeit auf Rechnern aller Leistungsklassen. Zunehmender Akzeptanz bei den Käufern erfreuen sich Unix-Systeme seit etwa 1985. Ein verstärkter Nachfragedruck ist aber erst in jüngster Zeit zu beobachten. Seit etwa 1987 kommen auch die Vertriebsbeauftragten der Hersteller IBM und DEC nicht mehr um Unix herum: Man verlangt heute danach.

Dieser Trend beeinflußt den Markt in vielfältiger Weise. Hardware- und Softwarehersteller haben bei der Produktplanung Unix ins Kalkül zu ziehen. Für die Anwender und Käufer verschieben sich die Entscheidungskriterien bei der Computeranschaffung und beim Softwarekauf. Der stetige Unix-Aufwärtstrend hat neben den Aspekten Verkauf, Kauf und Marktanteilen aber noch eine andere Dimension: Er ist auch eine Herausforderung an die berufliche Weiterbildung.

Produktvergleich wurde von Herstellern verhindert

Analysen von DV-Marktforschungsuntemehmen wie beispielsweise International Data Corporation (IDC), Yates Ventures oder Frost & Sullivan, beziffern die Anzahl der 1986 ausgelieferten Unix-Systeme mit etwa 50 000 Einheiten. Unix-Marktanteile werden heute auf fünf bis zehn Prozent geschätzt. Für den Anfang der 90er Jahre ist mit einem Anstieg auf bis zu 25 Prozent zu rechnen. In Dollar ausgedrückt bedeutet das ein Marktvolumen von heute zirka 1,5 Milliarden.

Zu Beginn der nächsten Dekade dürfte dieser Wert sich auf über 20 Milliarden Dollar gesteigert haben. Die Ursache für den Wachstumstrend hat sicherlich auch einen technischen Aspekt.

Mindestens genauso wichtig sind jedoch psychologische und strategische Gründe. Denn seit gehandelt, verkauft und gekauft wird, ist es der Traum aller Konsumenten, aus einem möglichst breiten Angebot frei wählen zu können. Ein solcher Vorgang läuft über den Vergleich der Produkte. Dieser funktioniert jedoch nur dann, wenn die zu vergleichenden Waren strukturell verwandt sind.

Genau diese strukturelle Verwandtschaft aber wurde bisher von den Computerherstellern gewaltsam unterbunden oder geleugnet: Nur ja nicht kompatibel sein zu einem anderen Hersteller! Ausgrenzung hieß dreißig Jahre lang die Devise. So inkompatibel wie die Hardware und die Software war auch die Terminologie; mit dem Wortschatz des Herstellers X konnte man sich nur schwer mit jemandem vom Hersteller Y unterhalten. Zugegeben, jahrelang mag dies eine geschickte Marketing-Strategie gewesen sein.

Die Zeiten haben sich jedoch geändert, und vor allem das Wissen der Anwender um das Produkt Computer ist gewaltig angewachsen. Der User weiß heute, daß bestimmte Dinge nicht gottgegeben so sein müssen Damit ist das Ausgrenzungsmarketing zum Anachronismus geworden. Wen wundert es also, daß auf eine solche Marketing- und Verkaufsstrategie immer weniger Kunden hereinfallen?

So wie etwa Autos untereinander vergleichbar sind, will der Anwender heute auch die Computer miteinander vergleichen können. Der Kauf eines Wagens der Marke X zwingt keinen Käufer, aus technischen Gründen wieder ein Gefährt der gleichen Marke zu kaufen. Die Automobilindustrie weiß das und hat sich in ihrer Argumentation darauf eingestellt.

Die Computerindustrie kann nur von der Automobilbranche lernen: Nicht das Betriebssystem ist heute das geeignete Differenzierungsmerkmal, sondern das angebotene Lösungsspektrum, die Qualität der Produkte und das kundenorientierte Dienstleistungsangebot.

Unix stellt heute den einzigen definierten und veröffentlichten Betriebssystemstandard dar, der jedem Interessierten zugänglich ist eine internationale Bedeutung hat und von keinem Hersteller abhängt. Damit läßt sich die Vision des Käufers in die Tat umsetzen: Er kann aus einem vergleichbaren Angebot frei wählen ohne das Risiko einer unüberschaubaren Bindung eingehen zu müssen. Diese Freiheit und Stärke werden die Anwender sicherlich nicht mehr aufgeben wollen.

Daraus läßt sich ableiten, daß ein Computerhersteller, der heute nicht Unix anbietet, morgen vor ernsthaften Absatzproblemen stehen kann. Da diese Betriebssystemumgebung zunehmend in den Ausschreibungen von Behörden und Großunternehmen als Voraussetzung zur Angebotsabgabe gefordert wird, werden die Hersteller bedeutende Investitionen in ihre Unix-lnfrastruktur fließen lassen müssen. Es gilt, das Applikationsvolumen zu erhöhen sowie das Support- und Vertriebspersonal entsprechend zu schulen. Bis etwa 1985 war der klassische Unix-Interessent der Programmierer, der von der Werkzeugvielfalt der Tool-Maschine Unix begeistert war. Die Applikationen in diesem Bereich gehörten damals überwiegend dem technischen Sektor an.

Heute ist zu beobachten, daß sich Unix mehr und mehr aus seinen traditionell technischen Anwendungen löst und verstärkt in dem kommerziellen Bereich Einzug hält. Der vermutlich größte Unix-Markt liegt in den Fachabteilungen komplexer Organisationen. Dort, wo ein DV-Konzept, in dem Großrechner immer monströser werden und immer mehr Arbeitsplätze zentral versorgen müssen, nicht akzeptabel ist, wird aus Gründen der Flexibilität und der Performance Unix eindringen. Im Rahmen dieser Dezentralisierung und Verteilung der Ressourcen kommt eine ganze Heerschar von Sachbearbeitern mit Unix in Berührung.

Welche Anforderungen werden nun an den Unix-Benutzer herangetragen? Aus den oben skizzierten Trends lassen sich im wesentlichen drei Benutzerkategorien ableiten: Anwender, Betreuer und die Gruppe der Programmierer, Designer, Systemintegratoren sowie Berater, die alle zur Kategorie der "Macher" zählen. Das Gros der Anwender wird sich aus Sachbearbeitern rekrutieren, die ausschließlich ihre Applikationen fahren und die Unix-Maschine als reine Anwendungsmaschine sehen. Unix-Kenntnisse sind für diese User nicht unbedingt notwendig.

Anders aussehen mag es für den neugierigen und engagierten Benutzer, der über den "Tellerrand" seiner Anwendung blickt: Er wird neben seiner Applikation sicherlich auch das Interesse haben, seinen Computer als Werkzeug zu sehen. Ob als Werkzeug für die Bearbeitung von technischen, wissenschaftlichen oder kommerziellen Problemen, ist dabei unerheblich. Als Benutzeroberfläche kommen hierfür durchaus die klassischen, kommandoorientierten Shells in Betracht. Die beste Aussicht, die Benutzeroberfläche erster Wahl zu werden, hat hierbei X-Windows.

Der engagierte Anwender sollte neben den Kenntnissen der Bedienoberflächen über die Struktur- des Dateisystems Bescheid wissen. Dieser User wird elementare Dateibearbeitungskommandos und Informationsdienste kennenlernen; mit diesem Systemverständnis dürfte er in vielen Fällen auch in der Lage sein, Anwendungen selbst zu installieren. Zwischen den Kategorien der Anwender und der Macher sind die Betreuer angesiedelt. Zusätzlich zu den oben skizzierten elementaren Kenntnissen wird diese Gruppe sicherlich das Prozeßkonzept verstehen und sich mit anderen architektonischen Gegebenheiten auseinandersetzen müssen.

Die Tätigkeiten der Betreuer dürften in erster Linie Aufgaben aus dem Bereich des Operating sein: unter anderem die Benutzerverwaltung, das Accounting, die Drucker- und Netzwerkverwaltung, das Aufspüren und Analysieren von Leistungsengpässen und die Durchführung der Datensicherung. Der Bedarf an Unix-Know-how bei dieser Anwenderkategorie ist nicht unerheblich, zumal die Betreuer auch Garanten eines reibungslosen Computerbetriebes sein sollen.

Am umfangreichsten sind die Anforderungen an die Gruppe der "Macher", also der Unix-Systemprogrammierer, -Designer, -Berater und Systemintegratoren. Der Anforderungskatalog an das Wissen dieser Benutzerkategorie reicht von der kenntnis der Architektur über die Feinheiten des Datei- und Prozeßkonzeptes (Datei-l/O, Terminal-l/O, Prozeß-Synchronisation, Prozeß-Kommunikation, Netzwerkdienste, Treiber-Design und Treiberintegration etc.) bis hin zum richtigen Tool-Einsatz .

Lernaufwand ist bei den "Machern" am größten

Die Werkzeugvielfalt (Systemgenerator, Versionsverwaltung, Patternmatching-Sprache, Parser-Generator, Scanner-Generator) macht das Unix-System für jeden Softwareentwickler außerordentlich interessant - allerdings nur dann, wenn er die Werkzeuge auch beherrscht. Vor der Effizienzsteigerung durch den Unix-Einsatz macht sich in dieser Benutzerkategorie der Lernaufwand am deutlichsten bemerkbar. Von der Investition in das Know-how der "Macher" hängt unmittelbar die technische Qualität der Unix-Produkte ab - und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit des jeweiligen Produktanbieters.

Woher kommt nun aber das Unix-Know-how? Im wesentlichen stehen vier Quellen zur Verfügung: Literatur, Universitäten und Fachhochschulen, Computerhersteller und Softwarehäuser.

Softwarehäuser, die im Unix-Projekt- und Produktmarkt tätig sind, können für gewöhnlich alle Knowhow-Ebenen abdecken - vorausgesetzt, daß die folgenden Randbedingungen erfüllt sind: Die Trainermannschaft muß sich also aus projekterfahrenen Unix-Kennern zusammensetzen.

Wichtig ist auch, daß die Ausbilder didaktisch begabt sind und Spaß an der Wissensvermittlung haben. Die Unix-Projekterfahrung eines Trainers ist insbesondere dann unerläßlich, wenn es um Seminare über die Werkzeuganwendung und die Systemprogrammierung geht. Als Know-how-Lieferanten sind Softwarehäuser vor allem dann interessant, wenn sie Unix-Maschinen verschiedener Hersteller im Einsatz haben und damit über herstellerübergreifende Erfahrungen verfügen.

Hersteller bieten für gewöhnlich ebenfalls Seminare zu allen Know-how-Ebenen an. Erfahrungsgemäß kommt es hier jedoch vergleichsweise häufig vor, daß ein Trainer nicht über praktische Erfahrung in seinem Lehrgebiet verfügt.

Die Ursache ist darin zu sehen, daß die Trainer nur selten aus einer Projektmannschaft kommen, sondern in den meisten Fällen aus einem Trainerpool, der das Gesamtangebot an Hersteller-Seminaren zu betreuen hat. Im Gegensatz zu den Softwarehausseminaren treffen sich bei den Herstellern fast ausschließlich die eigenen Kunden.

Eine bedeutende Rolle als Wissenslieferanten spielen auch die Universitäten. Der Know-how-Transfer kann heute jedoch nur dann genutzt werden, wenn es um Neueinstellungen von Informatikern geht, die Unix bereits an der Hochschule kennengelernt haben. Zur Ausbildung des vorhandenen Mitarbeiterkreises kommen Universitäten daher nicht in Betracht.

Autodidakten haben später die doppelte Arbeit

Die teuerste Methode, sich Unix-Know-how anzueignen, ist die des Autodidakten - mit Hilfe der Literatur. Um nicht mißverstanden zu werden: Gute Literatur spielt beim Wissenserwerb eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gemeint ist hier das reine Literaturstudium ohne Betreuung durch einen Trainer, ohne die Möglichkeit, das Wissen eines erfahrenen Systemkenners zu nutzen. Die scheinbare Kosteneinsparung und der vermeintliche Zeitgewinn durch die Umgehung eines Trainingsseminars werden in Wirklichkeit teuer bezahlt. Hat sich nämlich nach ineffizienter und frustrierender Einarbeitungszeit Monate später das Wissen abgerundet, so setzen erfahrungsgemäß sogenannte "Optimierungsarbeiten" zur Performancesteigerung ein. Diese Doppelarbeit kann man sich beim richtigen Ansatz sparen. Ein Wort von Henry Ford erfährt hier seine Bestätigung: "Nichts ist teurer als eine gute Ausbildung - es sei denn, man verzichtet darauf. Dann wird es noch teurer."

* Anton Illik ist Geschäftsführer der Ambit Informatik GmbH, Hohenbrunn bei München.