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11.10.1991 - 

Maschinenfabrik portierte Anwendungen von 8870-System auf Unix-Netz

Unix-Migration als Rettung nach gescheitertem Upgrade

Die Computerhersteller werben mit problemloser Migration von kleineren auf größere Rechner - in der Regel jedoch nur innerhalb einer Rechnerfamilie und bei gleichem Betriebssystem. Eine mögliche Lösung für einen Anwender, der innerhalb seiner proprietären Umgebung das "Ende der Fahnenstange" erreicht hat, beschreibt Fritz Schmidhäusler* anhand eines Anwendungsbeispiels .

Die meisten DV-Anwender in dieser Lage müssen auf ein anderes Betriebssystem umsteigen und können ihre vorhandene Anwendungs-Software nicht ohne weiteres dorthin mitnehmen. Wenn aber die Übernahme eine unabdingbare Voraussetzung ist, muß der Anwender mit Hilfe eines Systemhauses seine Anwendungen portieren und die Objektcodes konvertieren, also mit Sack und Pack in die neue DV-Welt migrieren - so geschehen beim Nixdorf-Anwender Johannes Menschner Maschinenfabrik GmbH & Co. KG in Viersen-Dülken.

Standleitung zwischen den beiden Standorten

Das Unternehmen geht auf eine vor 100 Jahren in der Nähe von Leipzig gegründete Fabrik zur Konstruktion und Herstellung von Textilmaschinen zurück. Heute gehört Menschner zur Maschinenbau-Gruppe des Wisser-Konzerns. Das Produktionsprogramm umfaßt in erster Linie Textilveredelungs-Maschinen (für die trockene und nasse Bearbeitung von Woll- und Wollmisch-Geweben sowie Plüschstoffen und die Endbearbeitung von Stoffen). Sehr wichtig ist aber auch der zur Gruppe gehörende Hasbach-Bereich in Aachen, der Maschinen für die Automobil-Industrie und Industriewaschanlagen liefert. An den beiden Standorten Viersen-Dülken und Aachen werden insgesamt etwa 330 Mitarbeiter beschäftigt. Zwischen beiden Standorten besteht eine Standleitung, mittels der die Aachener Mitarbeiter mit dem Unix-Computer in Viersen-Dülken arbeiten.

Probleme bei der Implementation

In Düren gibt es das Softwarehaus Germa, das aus Aktivitäten der ebenfalls zur Wisser-Gruppe gehörenden Maschinenfabrik Hemmer entstanden ist und Anwendungen für Industrie-Unternehmen ("Formas") entwickelte, und zwar speziell für Nixdorf-Rechner Bei Menschner in Düren war auch ein Paderborner 8870-System im Einsatz; darauf lief die Individualsoftware "Menos". Irgendwann wurde der Rechner zu klein. Also beschloß man, eine größere 8870 anzuschaffen. Da Menschner gleichzeitig eine unternehmensweite integrierte Lösung für alle kaufmännischen und fertigungstechnischen Bereiche realisieren wollte, folgte das Unternehmen der Empfehlung des westfälischen Mittelstands-Anbieters und bestellte mit "Comet Ferros'' auch neue Software.

Von 1988 bis 89 versuchte man, diese Lösung zu implementieren stieß jedoch ständig auf Probleme. Eines davon war die Dateigrößen-Limitierung auf 132 Megabyte durch das Betriebssystem Niros, dessen Entwickler wohl nicht die Verknüpfung der Ferros-Dateien eingeplant hatten. "Das Ergebnis war" so Ralph Kleine, der als kaufmännischer Leiter für die Organisation innerhalb der Firmengruppe zuständig ist, "daß wir täglich die Meldung, LU-Größe gesprengt' erhielten, worauf mal wieder eine über Stunden dauernde Rekonstruktion fällig war."

Jedenfalls war das System nicht in der Lage, die Produktion so durchzuziehen, wie man mußt es von der vorherigen Menos Lösung gewohnt war - und das, obwohl noch lange nicht alle Anwendungen liefen. Anfang 1989 war das Auftragsvolumen der Gruppe dann auf 75 Millionen Mark gestiegen - zu viel für das System.

Kriterien für die neue Lösung

Da Nixdorf keine akzeptable Alternative anzubieten hatte, sah man sich auf dem Markt um. Zuvor definierte die Geschäftsleitung jedoch einige Kriterien. Die neue Lösung sollte preislich akzeptabel sein, nicht mehr Personal erfordern und den Produktions-Standort Aachen integrieren, darüber hinaus offen sein, damit man in der Lage sein würde, mit Programmier-Sprachen der vierten Generation neue Anwendungen zu entwickeln oder Software zuzukaufen.

Diese Anforderungen zielten auf ein Standard-Betriebssystem wie Unix hin. Doch es gab weitere Kriterien: Zum Beispiel mußte die gesamte vorhandene Anwendungssoftware übernommen werden können, und die Umstellung durfte keinen Produktionsstillstand erfordern. Natürlich wurde zuvor geprüft, ob Menschner die Applikationen auf einen anderen Rechner übernehmen durfte. Weil die Software mit Mehrfach-Lizenzen erworben worden war, stand - so der juristische Befund - dem Einsatz auf einem neuen System nichts im Wege.

Als Generalunternehmer stellten sich die Verantwortlichen ein mittelständisches Systemhaus vor, das ein Mißerfolg des Projektes genauso schmerzen würde" wie Menschner selbst. Zusätzlich holte man dennoch Angebote von den Großen der Branche ein, die eine breite Auswahl an Unix Produkten im Programm hatten. Lange Zeit wurde jedoch kein Anbieter gefunden, der Erfahrungen mit Portierungsprojekten von 8870-Systemen auf Unix nachweisen konnte.

1,2 Gigabyte an Daten mußten portiert werden

Rein zufällig, durch eine Mailing-Aktion, stieß Menschner auf die Ratinger Carl Schasiepen GmbH, die die Probleme der Comet-Unix-Umsteiger aus Erfahrung kennt. Der Werbebrief von Schasiepen traf genau zum richtigen Zeitpunkt ein. Der Besuch bei einem Referenz Kunden, der bereits mit seiner Individualsoftware von einer Nixdorf-Anlage auf ein Unix System umgestiegen war, verlief zufriedenstellend: Menschners Ralph Kleine unterhielt sich nicht nur mit der Geschäftsleitung, sondern auch mit den Endanwendern, "weil diese am besten sagen können, ob und welche Probleme es gegeben hat .

Schasiepen wurde schließlich als Generalunternehmer ausgewählt; für die eigentliche Portierung der Programme und Daten war das Unternehmen Sperber zuständig.

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Menschner-Tochter Germa, der an der Entwicklung des "Ferros"-Paketes mitgearbeitet hatte, stand zur Unterstützung bereit für den Fall, daß man bei der Portierung auf Detail Probleme in der Fertigungs-Software gestoßen wäre. Das war jedoch nicht der Fall. Und obwohl die an der Portierung beteiligten Unternehmen noch nicht mit einem derartigen Volumen (rund 1,2 Gigabyte an Daten und Programmen mußten portiert werden) konfrontiert gewesen waren, wurde sogar der enge Zeitrahmen eingehalten.

Im Oktober 1989 startete das Projekt; im Dezember 1989 standen Hardware und Demo-Programme bei Menschner für Tests und zur Einarbeitung zur Verfügung. Am 2. Januar 1990 lief das neue System im Echtbetrieb. "Zwar mit kleinen Haken und Ösen'', berichtet Kleine, "aber im Produktionsbereich, wo wir mit Schwierigkeiten gerechnet hatten, gab es keine Probleme; die Produktion ist nach den Weihnachtsferien sofort ohne einen Tag Stillstand durchgelaufen ."

In den Weihnachtsferien erfolgte übrigens nicht nur die Inventur, sondern die am Projekt mitarbeitenden Mitarbeiter mußten zusammen mit den Angestellten bei Menschner auch die Umstellung vorbereiten.

Die beiden neuen Unisys-Rechner des Typs 6000/50 wurden von Schasiepen den Anwendungen entsprechend konfiguriert: So baute man zum Beispiel in die Tower-Gehäuse je zwei Plattenlaufwerke mit großer Kapazität (660 Megabyte mit einer durchschnittlichen Zugriffszeit von 17 Millisekunden) ein. Die Rechner sind untereinander gekoppelt, so daß die Laufwerke beliebig verteilt, also beispielsweise dem Rechner A drei Laufwerke und dem Rechner B ein Laufwerk zugeordnet werden können. Zur Zeit hängen zirka 60 Terminals, 3 PCs und etwa 20 Drucker an einem der beiden Rechner; der andere wird benutzt, um neue Anwendungs-Software zu portieren und zu testen. Es gibt keine Probleme mit dem Antwortzeit-Verhalten .

Die Unix-Maschinen stehen in Viersen; dort sind die Terminals per Ethernet angebunden. Die Terminals am Standort in Aachen kommunizieren mit den Viersener Computern über eine 64-KB-Standleitung (die in diesem Falle kostengünstiger war als die Nutzung des Datex-P-Netzes) und einen 16-Kanal-Multiplexer, der nur einen physikalischen Port belegt. Logischerweise wurde durch den Einsatz der beiden Unix-Rechner nicht nur die Anlage in Viersen, sondern auch die in Aachen abgelöst. Insgesamt entfielen so drei Nixdorf-Anlagen, und zwar bei Hasbach, Hemmer und bei Menschner.

Ein Backup-Lauf dauert 90 Minuten

Zur Über-Nacht-Datensicherung in Viersen wird ein Streamer-Tape von Exabyte mit einer Kapazität von 2,4 Gigabyte benutzt. Ein Backup-Lauf dauert im neuen System zirka 90 Minuten, während früher viele Stunden dafür erforderlich waren. Dementsprechend schnell kann man heutzutage auch eine Rekonstruktion vornehmen. Die war laut Kleine allerdings bis bisher, zumindest wegen Systemproblemen, nicht erforderlich; fatale Bedienungsfehler sind anfänglich jedoch vorgekommen.

Die Mitarbeiter bei Menschner haben sich schnell an das neue System- und die Sicherheit, mit der es arbeitet - gewöhnt; nur zwei von sieben AV-Mitarbeitern machen sich aufgrund der schlechten Erfahrungen mit dem alten System noch handschriftliche Notizen. Übrigens hat man die alten Anwendungen eins zu eins umgesetzt und auch die alten Bildschirm-Masken beibehalten; anders wäre es in der Kürze des Projekt-Zeitraums auch gar nicht möglich gewesen.

Jetzt können in Ruhe Verbesserungen vorgenommen und die Lösungen noch mehr den individuellen Anforderungen des Unternehmens angepaßt werden.

Neues System mit neuen Möglichkeiten

Darüber hinaus plant Menschner, neue Anwendungen zu realisieren: Zum Beispiel wird künftig die Kommunikation mit der Bank, die früher durch Magnetbänder-Austausch vorgenommen wurde und heute per Diskette stattfindet, über eine Datenleitung erfolgen. "Dann können wir", so Kleine, "die gesamten Finanztransaktionen ohne großes Papier-Handling durchführen und haben bei diesem Direct-banking sogar Zugriff auf unsere Konten bei anderen Banken. So erfahren wir zum Beispiel rechtzeitig von Buchungen, die als Überweisungen (von Bank zu Bank) einige Tage unterwegs sind. Auf diese Weise ist unser Finanzbericht immer tagesaktuell." Das Direct banking wird über einen der drei PCs erfolgen, die auch mit den Unix-Rechnern vernetzt sind. Die entsprechende Konfiguration wird ebenfalls von Schasiepen erledigt.

*Fritz J. Schmidhäusler lebt in Mönchengladbach als freier Fachjournalist für Informations- und Kommunikationstechnik.