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29.03.2002 - 

CW-Interview mit Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn

"Unsere Studenten sind nicht dumm"

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn plädiert für die Zuwanderung von hochqualifizierten Mitarbeitern und ist gegen Eingangstests für künftige Informatikstudenten. In einem Gespräch mit den CW-Redakteuren Heinrich Vaske und Hans Königes erläutert sie ihren Standpunkt.

CW: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation auf dem IT-Arbeitsmarkt ein? Es werden viel weniger Stellen angeboten als noch vor einem Jahr.

Bulmahn: Wir haben im Augenblick sicher nicht mehr diese Fachkräftelücke, die wir vor zwei Jahren hatten. Man darf aber nicht unterschätzen, dass es immer noch einen erheblichen Bedarf an IT-Spezialisten gibt. Wir benötigen sie ja nicht nur in der IT-Branche selbst, sondern in allen anderen wichtigen Branchen, sei es im Maschinenbau, der Biotechnologie oder auch in den Verwaltungen - wie zum Beispiel auch in meinem Ministerium.

CW: Sie planen demnach nicht, angesichts des schwachen Konjunkturverlaufs die Zahl der IT-Auszubildenden zu reduzieren?

Bulmahn: Es gibt nach wie vor einen großen Bedarf. Deshalb werden wir die Anstrengungen der letzten Jahre fortsetzen. Wir können jungen Leuten im IT-Bereich eine gute, qualifizierte Ausbildung ermöglichen. Das wird auch in den kommenden Jahren die berufliche Perspektive verbessern.

Die Auszubildenden können mit ihrem Know-how in vielen Branchen eingesetzt werden - und der Bedarf wird nicht abnehmen, weder in produzierenden Unternehmen noch in der Verwaltung. Deswegen brauchen wir qualifizierte Menschen. Das gilt genauso für die Hochschulausbildung.

CW: Warum spucken die Ausbildungsinstitutionen immer dann viele Fachkräfte aus, wenn sich die Konjunktur talwärts bewegt? Stabilisiert sich die Wirtschaft, fehlt es dann meist an Personal. Wie lässt sich dieser Prozess besser steuern?

Bulmahn: Wir müssen in der Bildung und Ausbildung eine Verstetigung auf hohem Niveau erreichen. Es wäre völlig falsch, die Zahl der Ausbildungs- oder Studienplätze zu verringern. Wir müssen diese erhalten und zum Teil weiter erhöhen.

Gerade im Hochschulbereich gibt es noch einige Schwächen, die sich unter anderem in den hohen Abbrecherzahlen beim Informatikstudium zeigen. Die Studierenden kritisieren vor allem die zu große Praxisferne der Ausbildung, aber auch eine mangelnde Studienberatung und -betreuung. Deswegen habe ich gemeinsam mit den Ländern vor zwei Jahren eine Initiative gestartet, um die Studienqualität zu verbessern. Die Situation war katastrophal schlecht. Inzwischen können wir die ersten Fortschritte feststellen. Wir haben nun ein vielseitigeres Informatikstudium, und auch die Zahl der weiblichen Studenten ist gestiegen.

Durch weitere Anstrengungen werden wir zukünftig auch die Zahl der Studienabbrecher reduzieren. Unsere Maßnahmen wirken aber nicht von heute auf morgen. Die Zahl der Informatikabsolventen an den Universitäten ist nach wie vor viel zu gering. Es kann überhaupt nicht die Rede davon sein, dass große Mengen von ausgebildeten Informatikern auf den Markt kommen. Wir haben zwischen 6000 bis 7000 Studienabsolventen jährlich. Das ist viel zu wenig.

CW: Hochschulen denken vereinzelt daran, Aufnahmetests für den Informatik-Studiengang einzuführen. So soll die hohe Abbrecherquote reduziert werden. Was halten Sie davon?

Bulmahn: Die Hochschulen haben ja ohnehin die Möglichkeit, sich einen großen Teil ihrer Studierenden selbst auszuwählen. Über die zentrale Studienplatzvergabe wird nur ein Drittel der Plätze besetzt. Ich halte es aber für wichtig, dass die Hochschulen nicht nur den Ausleseprozess vorantreiben, sondern an den Kern des Problems gehen. Sie sollten ihren Studierenden die Möglichkeit geben, Schwächen im mathematischen Bereich zu beseitigen. Nur wenige wissenschaftliche Einrichtungen bieten ihnen Kurse an, um die Lücken zu schließen.

Es wäre auch sinnvoll, wenn Prüfungen in den Semesterferien nachgeholt werden könnten, damit Wiederholer und Nachzügler nicht ein ganzes Semester anhängen müssen. Solche Dinge meine ich, wenn ich von einer besseren Organisation von Studiengängen und einer effektiveren Studienberatung rede.

Die Hochschulen selbst müssen bessere Studienmöglichkeiten eröffnen. Unsere Studenten sind nicht dümmer als französische oder amerikanische. Wir haben uns an den Universitäten nur besser auf die Ausgangsqualifikationen einzustellen und darauf aufbauend zu agieren - dann werden die Ergebnisse auch besser, und die Abbrecherquote wird sinken.

CW: Sie meinen also, die Hochschulen müssten die Versäumnisse der Schulen nachholen?

Bulmahn: Wir kommen nicht weiter, wenn sich Schulen und Hochschulen gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben. Jeder muss das seinige leisten, damit sich die Situation verbessert.

Ich kann das als Bundesministerin im Hochschulbereich tun, in der Forschung und der beruflichen Ausbildung. Die Länderminister müssen ihre Verantwortung in der schulischen Ausbildung wahrnehmen. Sie lehnen jeden Einfluss des Bundes rigoros ab und müssen deshalb ihre Verantwortung wahrnehmen.

Ich habe den Ländern das Angebot gemacht, ein gemeinsames Programm zur Verbesserung des naturwissenschaftlich-mathematischen Unterrichts in den Schulen auszuarbeiten. Der Modellversuch verlief erfolgreich. Die Länder müssen die guten Ergebnisse jetzt in der Breite umsetzen.

Bis wir die Früchte der Schulreformen ernten können, werden einige Jahre vergehen. Das Hochschulamt kann aber nicht darauf warten, dass in fünf Jahren die Studienanfänger besser ausgebildet sind. Deshalb müssen die Hochschulen selbst Sorge dafür tragen, dass vorhandene Lücken und Mängel geschlossen und überwunden werden.

CW: Halten Sie es für vernünftig, angesichts der Entspannung am Arbeitsmarkt an der Green Card festzuhalten?

Bulmahn: Wir haben Bedarf an einer stärkeren Internationalisierung in unserem Land. Wissenschaft und Forschung sind heute international, man kann sich nicht mehr auf eine kleine Insel zurückziehen. Wer sich aus dem globalen Geschehen ausklingt, verliert. Deshalb dränge ich darauf, den Anteil ausländischer Professoren und Studierenden an unseren Hochschulen zu erhöhen. Deutschland braucht eine gesteuerte Zuwanderung. Die Green Card ist derzeit nötig, weil wir noch kein Zuwanderungsgesetz haben und damit auch keine gesteuerte Zuwanderung. Die brauchen wir aber wie andere Industrieländer auch. Wir dürfen nicht einfach die Tür öffnen, sondern müssen ganz gezielt sagen: Hier haben wir einen Mangel oder einen Bedarf.

CW: Der Personalbedarf ist auch deswegen so hoch, weil es in Deutschland keine funktionierenden Strukturen für die Weiterbildung gibt.

Bulmahn: Es ist mir ein wichtiges Anliegen, dass die Weiterbildung nicht länger vernachlässigt wird. Ich habe in der vorletzten Woche gemeinsam mit den Sozialverbänden ein neues, gut strukturiertes Weiterbildungssystem vorgestellt. Wir brauchen es, um denjenigen, deren Erstausbildung schon einige Zeit zurückliegt, so zu helfen, dass sie den neuesten Anforderungen entsprechen (siehe auch Seite 48).