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01.09.2000 - 

Zahl der IT-Lehrstellen soll sich bis 2003 verdoppeln

Unternehmen sind aufgefordert, künftiges Personal selbst auszubilden

60000 Lehrstellen in der IT-Branche bis zum Jahr 2003 - die Zusage der Verbände steht im Raum. Erfüllt werden kann sie nur von den Betrieben vor Ort. Das klappt dann, wenn sie weiter unter dem öffentlichen Erwartungsdruck stehen, selbst etwas gegen den IT-Fachkräftemangel zu tun. Aber nur wenn nicht jeder das (Ausbildungs-)Rad neu erfinden muss. Von Helga Ballauf*

Wenn in drei Jahren kein Fachkräftemangel herrschen soll, müssen die Betriebe heute Azubis einstellen. "Die Zahl ist realistisch, wir werden sie erreichen", verkünden die Branchenvereinigung Bitkom und ihre Mitgliedsverbände, die Gewerkschaften IG Metall und DPG sowie die Bundesanstalt für Arbeit. 60000 Ausbildungsplätze - das ist das Ergebnis politischer Verhandlungen im Frühjahr dieses Jahres: Die Regierung sorgt für Green Cards - die Wirtschaft für Lehrstellen. Bis dahin galt die Vereinbarung im Bündnis für Arbeit, 40000 Ausbildungsplätze bis 2002 zu schaffen. Es handelt sich jeweils nicht nur um Stellen in den IT-Berufen Fachinformatiker, Systemelektroniker, Systemkaufmann und Informatikkaufmann, sondern auch in den neuen Medienberufen Film- und Videoeditor, Werbe- und Medienvorlagenhersteller, Mediengestalter für Bild und Ton und Mediengestalter für Digital- und Printmedien. Im laufenden Ausbildungsjahr befinden sich 34800 junge Männer und Frauen in einem dieser acht Berufe im ersten, zweiten oder dritten Lehrjahr. Diese Zahl soll nun bis 2003 nahezu verdoppelt werden.

IT-Konzerne bilden kaum ausEine Umfrage unter den großen deutschen IT-Unternehmen, die teilweise zu den Initiatoren der neuen Berufsbilder gehören, lässt zunächst Skepsis aufkommen. Ob IBM, Hewlett-Packard, SAP oder Wincor-Nixdorf - die Botschaft der Personalabteilungen heißt: "Keine Prognose zu den Ausbildungszahlen über den Herbst 2000 hinaus." SAP-Sprecher Markus Berner nennt drei Gründe für die Zurückhaltung: "Die Entwicklung der Azubi-Zahlen ist abhängig vom Geschäftsverlauf, von der Frage, ob wir die richtigen Bewerber finden, und von der Evaluation, ob etwa das neue Berufsbild Fachinformatiker tatsächlich für uns passt." Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass diese umsatz- und entwicklungsstarken IT-Unternehmen als Ausbilder keine quantitativ entscheidende Rolle spielen: Die genannten Firmen bringen es zusammen auf etwa 500 Azubis im ersten Lehrjahr in einem der vier IT-Berufe, das sind rund vier Prozent der bundesweit neu geschlossenen Verträge.

Debis, Deutsche Telekom und Siemens nehmen eine "proaktive" Haltung ein. Das heißt: Sie rechnen hoch, wie viele Fachleute in drei Jahren nötig sind, wenn die Firma wie prognostiziert wächst, und geben heute entsprechend vielen jungen Leuten eine Ausbildungschance. Debis will auf 160 Neueinstellungen, Telekom und Siemens auf jeweils gut 1000 IT-Youngsters pro Jahrgang kommen.

Die Verbandsoberen setzen ihre Hoffnungen ohnedies auf kleine Systemhäuser, Softwareschmieden, Internet-Spezialisten und auf die wachsenden DV-Abteilungen in Unternehmen aller Branchen. Hier soll die große Zahl zusätzlicher Ausbildungsplätze herkommen. Der Optimismus speist sich aus drei Quellen. Erstens: knapp 26000 IT-Lehrstellen sind in den letzten Jahren entstanden - ein Kraftakt für eine Branche mit wenig Ausbildungserfahrung. Ein Beispiel: Jeder sechste Betrieb, der im vergangenen Herbst angehende Fachinformatiker einstellte, nahm zum ersten Mal Azubis auf. Zweiter und dritter Grund für die Zuversicht, dass es zum Durchbruch kommt: Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände ziehen bei der IT-Qualifizierungsoffensive an einem Strang. Und sie knüpfen regionale Ausbildungsnetzwerke, um den Betrieben vor Ort unter die Arme zu greifen.

Bitkom-Sprecher Stephan Pfisterer versteht, dass sich Betriebe nicht mit Lehrstellenprognosen öffentlich outen wollen. "Aber intern werden die Weichen für eine größere Ausbildungskapazität gestellt. Schließlich sprechen auch die Konjunkturdaten dafür." IG-Metall-Experte Michael Ehrke ist optimistisch genug, 60000 Azubis allein in den vier IT-Berufen anzupeilen. Eine erkleckliche Anzahl an Berufseinsteigern im Mediensektor käme noch hinzu. "Da helfen wir mit", verspricht der Arbeitnehmervertreter.

Tatsächlich entstehen in verschiedenen Regionen des Landes Qualifizierungsnetzwerke, in denen Gewerkschaften, Arbeitsämter, Kammern und Wirtschaftsverbände ihr Know-how bündeln. Beispiel Augsburg/Kempten: Mit Fördermitteln des Freistaats Bayern kann voraussichtlich drei Jahre lang ein eigener Berater finanziert werden. Er soll jungen Soft- und Hardwarefirmen helfen, das Einmaleins des Ausbildungsgeschäfts zu beherrschen, bei den IT-Verantwortlichen großer Unternehmen für die neuen Berufe werben und bei Bedarf für alle IT-Azubis der Region Spezialkurse in Projekt-Management oder Teamarbeit organisieren. "Im Herbst 1999 fingen 120 Fachinformatiker in Schwaben mit der Lehre an. Auf 200 pro Jahrgang könnten wir schon kommen", beschreibt Jürgen Kerner von der Augsburger IG Metall das Ziel der Unterstützer. Ähnliche Netzwerke entwickeln sich quer durch die Republik - von Braunschweig bis Baden-Württemberg. Ein regionales Austauschforum, das den Sachverstand für Aus- und Weiterbildung bündelt, hilft nicht nur, mehr IT-Betriebe für Fortbildung zu interessieren, sondern auch dabei, die Profile der neuen Berufe zu schärfen. Wie viel kaufmännisches Know-how benötigt ein Systemelektroniker in der Praxis? Für welches Tätigkeitsfeld empfiehlt sich die Fachrichtung Anwendungsentwicklung?

Gänzlich zufällig ist bislang die Zuordnung der Berufe in der Sparte Multimedia. Ein Softwaredienstleister für die Baubranche in Thüringen sucht junge Fachleute für Gebäudevisualisierung und Web-Design. Er hat sich für den Ausbildungsberuf Informatikkaufmann entschieden, obwohl ihm der betriebswirtschaftliche Anteil eigentlich zu hoch ist. In Köln dagegen bildet ein mittelständisches Druckerei- und Verlagshaus für ein ähnliches Aufgabenspektrum Mediengestalter für Digital- und Printmedien aus.

Wer ist für fehlende Lehrstellen verantwortlich?Neben den neuen Allianzen zwischen den an Ausbildung beteiligten Akteuren existiert auch die alte Haltung "Wir würden ja gern, aber die anderen blockieren". Am eifrigsten schieben sich Betriebe und Berufsschulen den schwarzen Peter wechselseitig zu. Es würden qualifizierte Lehrkräfte fehlen, sollten tatsächlich so viele Azubis wie versprochen kommen, sagt ein Ministeriumsvertreter aus Baden-Württemberg. Aber er bezweifle, dass die Unternehmen ihre Zusage einlösen. Und umgekehrt meint ein bayerischer IHK-Vertreter: "Warum sollen wir noch mehr für IT-Lehrstellen werben? Die Schulen sind ohnedies überfordert." Für Bitkom-Vizepräsident Jörg Menno Harms sind ebenfalls "vor allem die Berufsschulen der Flaschenhals". Die Branche selbst kann dazu beitragen, dass sich das ändert: durch eine dem jeweiligen Stand der Technik entsprechende IT-Ausstattung der Klassenzimmer.

*Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.