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25.02.2000 - 

Was Professoren von der Wirtschaft erwarten

Unternehmen sollen auf die Wissenschaftler zugehen

von Winfried Gertz* In Zeiten des Personalmangels entdecken immer mehr Unternehmen das Hochschul-Marketing, um möglichst früh mit dem IT-Nachwuchs ins Gespräch zu kommen. Professoren kritisieren manche Projekte als kurzatmig und einseitig an den Interessen der Firmen orientiert. Viele hoffen, die Wirtschaft würde Grundlagen bereitstellen, um das Fach Informatik langfristig weiterzuentwickeln.

Wenn Firmen auf dem Campus um die Gunst der Studenten werben, unterlaufen ihnen viele Fehler. Michael Lutz, Informatikprofessor an der Fachhochschule Augsburg, nennt ein Beispiel: "Unternehmen sollten auf ihrer Homepage alle relevanten Jobangebote platzieren und uns darüber informieren." Pro Jahr verlassen 60 Absolventen mit dem Examen in der Tasche die Hochschule in der Fuggerstadt, gleichzeitig werden allein am Schwarzen Brett 300 Stellenangebote ausgehängt. Lutz zufolge tun sich insbesondere Anwenderfirmen schwer, die Studenten für sich zu begeistern. "Studenten sollen etwas lernen", aber Praktika sind schlecht bezahlt und unprofessionell vorbereitet.

Auch die Hochschulen stecken in der Bredouille. Um die dicksten Forschungsaufträge, die renommiertesten Experten und die besten Studenten wird bereits heftig gekämpft. Anstatt sich in den Elfenbeinturm zurückzuziehen, müssen die Unis sich als attraktive Institutionen präsentieren. Gute Karten hat diejenige Alma Mater, die sich früh auch mit den Unternehmen, also den Abnehmern ihrer Leistungen, ins Boot setzt.

"Kooperationen mit der Wirtschaft sind für uns von existenzieller Bedeutung", sagt Reinhard Ginnold, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW). Auch Ginnold verantwortet mehrere Projekte, in denen Hochschule und Firmen zusammenarbeiten. In den Augen des Professors bringt diese Kooperation drei entscheidende Vorteile. Erstens könnten Studenten, die vorübergehend in Unternehmen arbeiten, beim praktischen Lernen ihre Leistungsfähigkeit testen und ihre Grenzen abstecken. Zweitens gingen Firmen mit ihren späteren Mitarbeitern auf Tuchfühlung, und schließlich erhöhe das erworbene Praxiswissen den Tauschwert der Hochschulbildung eklatant. Ginnold ist voller Zuversicht: "So werden Aktualität und Qualität der Lehre entscheidend beeinflusst."

Mit dieser Überzeugung ist der Berliner Hochschullehrer nicht allein. Mehr Mut im Umgang mit den Unis könne nicht schaden, sagt auch Rudolf Haggenmüller, Lehrbeauftragter an der Technischen Universität München und Geschäftsführer vom Forschungsinstitut für Angewandte Softwaretechnologie FAST . "Kompetente und vernünftige Manager sollen direkt auf die Hochschulen zugehen, Praxis einbringen und früh Kontakt zu den Studenten knüpfen." Unter den Hochschullehrern gebe es jedenfalls keine Vorbehalte. Noch deutlicher wird Gernold Frank, für drei Jahre beurlaubter BWL-Professor der FHTW und derzeit bei der Dresdner Bank in Frankfurt am Main verantwortlich für Personalführungs- und Steuerungssysteme. "Viele Kollegen in den Hochschulen wissen überhaupt nicht, welche IT-Systeme in der Praxis zum Einsatz kommen. Firmen sollten deshalb ihre Lösungen präsentieren, sie in Lehre und Forschung integrieren und vor allem auch zur Weiterbildung der wissenschaftlichen Mitarbeiter beitragen."

Frank empfiehlt den Unternehmensvertretern folgende Vorgehensweise: mit Kontakten zu einzelnen Lehrstühlen beginnen, im zweiten Schritt gezielt Experten für Seminare und Blockveranstaltungen einschleusen und schließlich das Vorgehen mit der Hochschulleitung abstimmen und auf eine institutionelle Basis stellen. Einen großen Schritt nach vorn verspricht sich Frank vom Internet: "Die Vernetzung von Hochschule und Wirtschaft ist ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. So erschließen sich neue Forschungsfelder, Personalressourcen und Finanzmittel."

Für Siegfried Wendt ist das eine allzu naive Hoffnung. Der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) in Potsdam, an dem der Studiengang für Software-Systemtechnik von SAP-Chef Hasso Plattner gesponsert wird, wirft gerade den Informatikprofessoren vor, den Praxistransfer links liegen zu lassen. Wendt erkennt ein elementares Strukturproblem. Im Unterschied zu ihren Kollegen aus Elektrotechnik oder Maschinenbau, die oft ohne Habilitation direkt aus der Praxis auf den Lehrstuhl berufen würden, müsste man einen Informatiker mit Industrieerfahrung wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen.

Firmen müssen in die Schulen

"Die stark von der Mathematik geprägten Professoren sind nur an ihrer Wissenschaftskarriere interessiert. Sie brüten Probleme aus, die in der Industrie niemanden interessieren." Wendt plädiert deshalb dafür, den ingenieurwissenschaftlichen Anteil in der Informatikerausbildung zu erhöhen und Studenten wie die künftigen HPI-Absolventen mit mehr Management-Kompetenz in die Praxis zu entlassen.

Doch darauf können die meisten Unternehmen angesichts ihres Personalmangels nicht warten. Manfred Broy, Informatiker an der TU München, bringt es auf den Punkt: "Wegen des Kompetenzdefizits werden technische Entwicklungen in Deutschland bereits zurückgestellt." Auch das Image der Informatik lasse zu wünschen übrig, dabei handele es sich um einen "wunderbaren" Beruf. Unternehmen sollten bereits an den Schulen aktiv werden, den Kultusministern ihre Vorstellungen nahe bringen und nicht 50000 Mark Headhunter-Prämie für einen einzigen Kandidaten aus dem Fenster werfen.

*Winfried Gertz ist freier Journalistin in München.