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04.03.1994

Unternehmen Walzwerk-RZ mausert sich zum Software-Entwickler

Noch vor zwei Jahren schien die Zukunft des Rechenzentrums der Stahl- und Walzwerk Brandenburg GmbH (SWB) im rosigen Licht zu liegen. Mit der Vision von einem "bluehenden Stahlunternehmen" erhoffte sich der Dienstleister als eigenstaendiges DV-Haus einen grossen Kundenkreis, um den Uebergang von der Plan- zur Marktwirtschaft gesund ueberleben zu koennen. Dieser Traum war nur von kurzer Dauer. Das Aus fuer das vor rund 80 Jahren gegruendete Stahl- und Walzwerk - an der Bundesstrasse 1 in Richtung Magdeburg gelegen - kam im vergangenen Jahr. Der groesste Stahlproduzent der ehemaligen DDR - mit einem Umsatz von etwa zwoelf Milliarden Ostmark - liess kurz vor Weihnachten noch einmal alle elf Schlote seiner Siemens-Martin- Oefen zum letzten Abstich qualmen. Damit war die stolze Stahlwerkeraera (1990 waren im Werk noch rund 9000 Menschen beschaeftigt) vorbei und auch das betriebseigene Rechenzentrum (RZ) am Ende. Privatisierung brachtedem RZ keine AuftraegeAchim Hase, ehemaliger Walzwerker und seit 1986 DV-Chef des SWB, sah diese Entwicklung mit "einem lachenden und einem weinenden Auge". Mehr Glueck habe immerhin der moderne Teil des ehemaligen Kombinats gehabt, meint er. Das 1980 im Sueden der Stadt erbaute Elektrostahlwerk - heute die Elektrostahlwerke GmbH (BES) - wurde im Jahre zwei nach der Wende fuer den italienischen Stahlkoenig Emilio Riva zum interessanten Objekt. Der Mailaender zoegerte nicht lange und uebernahm den Betrieb von der Treuhand. (In Ostdeutschland gehoeren dem Multi ausserdem das Stahlwerk Hennigsdorf und seit Anfang des Jahres die EKO Stahl AG in Eisenhuettenstadt.)Trotz Stahlkrise produzieren derzeit im BES rund 900 Mitarbeiter "wie die Teufel guten Stahl", so Hase. Ein Hoffnungsschimmer fuer die etwa 90 000 Einwohner zaehlende eher graue Stadt an der Havel. Den RZ-Leuten brachte der neue Investor jedoch keine Auftraege. Bei den privatisierten Brandenburgern hatte man fuer den frueheren Dienstleister keinen Platz. Zwar wollte das Management des bereits toten SWB immer noch nicht aufgeben und "aus sich und uns etwas machen", resuemiert der DV-Chef. Doch darauf konnte sich das inzwischen auf 54 Mitarbeiter (von ehemals 270 Beschaeftigten) reduzierte Team nicht verlassen. Zuviel gutes DV-Potential waere auf lange Sicht brachgelegen, sagen die Mitarbeiter. Bereits kurz vor 1989 waren die ESER-Maschinen sowie die von Robotron adaptierten, aus der westlichen Welt uebernommenen fehlerhaften Betriebssysteme gegen modernes Know-how (IBM-Technik, Glasfaser-PC-LANs) ausgetauscht worden. Dabei half dem gelernten Diplomingenieur Hase "meine Schmalzfliegentaetigkeit" im Kombinat. Finanzen waren knapp, und so klopfte er an alle wichtigen Tueren, um fuer das RZ Investitionen genehmigt zu bekommen. Die muehevoll erkaempfte Computerbasis wurde nach der Stillegung des Werks fuer einen Neuanfang genutzt. Und der hiess: Ausgliederung der Informationsabteilung und Gruendung einer Informatik Zentrum Brandenburg GmbH (IZB). Die formale Ausschreibung durch die Treuhand lag im Sommer 1993 auf dem Tisch. Mit den Konzepten der zahlreichen Investoren "haetten wir leben koennen", so der DV-Chef. Doch sahen die meisten in Wirklichkeit eher auf die Immobilie. Das Rechenzentrum mit seinem Potential habe bei den Verhandlungen nur als Randnotiz eine Rolle gespielt.Fuer die Ostdeutschen kam das "groesste Glueck, das uns passieren konnte", aus der Schweiz. Die Interdialog Beratungs- und Treuhand AG kam nicht mit klugen Spruechen daher, sondern "brachte auch Arbeit mit" - und erst einmal Sicherheit: Das IZB wurde ihre hundertprozentige Tochter. Die 1976 gegruendete Zuericher Firma verfuegt ueber vier eigene Software Development Center (SDC) auf heimatlichem Boden, in Deutschland und Frankreich, und hat sich spezialisiert auf Organisation, Beratung sowie den Aufbau von DV-Abteilungen inklusive der Entwicklung von Software. Dem Gruender des Unternehmens und Geschaeftsfuehrer, Rudolf Gloe von Bachelle, macht die Arbeit mit der neuen Osttochter "grossen Spass". Zumal seine Erwartungen "voll erfuellt" wurden. Schliesslich muesse man "den Ossis nicht beibringen, wie DV gemacht wird". Mit solchen "motivierten Spitzenkraeften" mache es Sinn, etwas Neues aufzubauen. Fuer von Bachelle ist das "kein leeres Gerede". Investieren in Brandenburg bedeutet fuer den Wahlschweizer auch Veraenderungen innerhalb der eigenen Firma: Kuenftig werden die Ostdeutschen das Software-Entwicklungszentrum der Zuericher sein. Die westlichen Geschaeftsbereiche sollen sich verstaerkt um Beratung, Schulung, Support sowie Management kuemmern. Fuer die bisherigen Softwerker im Unternehmen sieht der Interdialog-Chef kaum Probleme. Wer weiterhin in der Firma DV-Loesungen entwickeln wolle, muesse eben zu dem ostdeutschen Team nach Brandenburg gehen. Ansonsten haben die Mitarbeiter die Moeglichkeit, sich alternativ fuer die anderen Taetigkeitsfelder zu entscheiden. Die Programm- und Systementwicklung ist nicht das einzige Pferd, auf das die Brandenburger setzen. Zum Angebot gehoeren RZ-Leistungen fuer die Industrie, oeffentliche Verwaltungen, Beratung, Schulung sowie Installation von Softwareloesungen - und als neue Schiene: DV- Pakete fuer die Vermoegensverwaltung. Laut Hase und von Bachelle laufen die Geschaefte derzeit nicht schlecht, so dass bereits neue Investitionen geplant sind: Fuer etwa fuenf Millionen Mark soll auf einer 5000 Quadratmeter grossen Flaeche des SWB das neue Dienstleistungszentrum des IZB entstehen. Sogar von Treuhandseite sei die Kaufaktion fuer den Grund und Boden bereits abgesegnet, heisst es. Unverstaendnis zeigen Geschaeftsfuehrer Hase und seine Mannen allerdings fuer die Entscheidung der Brandenburger Stadtverwaltung, eigene DV-Wege gehen zu wollen. Obwohl eigene Computerspezialisten seit Jahren vor Ort agieren, will man im Rathaus lieber die Projekte der "Zwangspartnerstadt" Muenster (laut Vertrag ist es Kaiserslautern) nachnutzen. Eine wohl eher politische Entscheidung, kritisiert Detlef Voigt, RZ-Leiter im IZB - zumal die von den Informatikern vorgeschlagene DV-Loesung erst von den Stadtvaetern "als die guenstigste fuer Brandenburg" akzeptiert, dann aber fallengelassen wurde. Rudolf Langkabel, Abteilungsleiter Datenverarbeitung des Stadtamtes, sieht in der Entscheidung fuer Muenster andere Gruende. Erstens habe man im Rat eine unterschiedliche Techniklinie vertreten - die Stadt nutzt Siemens-Anlagen, das Brandenburger RZ aber IBM-Maschinen. Zweitens habe das notwendige Know-how fuer Projekte wie Haushaltskassen- und Einwohnermeldewesen etc. nach der Wende bei den ostdeutschen DVlern gefehlt. Egal, wie sich der ganze Zwist heute darstellt, Fakt ist nun einmal, dass der ostdeutsche Mittelstand vor allem Auftraege aus der Region braucht. Warum sollten sich Unternehmen ansonsten gerade dort ansiedeln wollen, und nicht zu vergessen - die nicht unbetraechtlichen Steuern in das Stadtsaeckel zahlen?