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11.08.1995

Unternehmen zeigen Interesse an zertifizierten Mitarbeitern Geprueftes Produkt-Know-how verbessert Bewerbungschancen

MUENCHEN (hk) - Verbesserte Bewerbungschancen versprechen sich DV- Experten, wenn sie sich neben ihrer klassischen Ausbildung noch zusaetzlichen produktspezifischen Tests unterziehen. Auch Quereinsteiger nutzen diese Zertifikate, um in der DV-Welt Fuss zu fassen.

Bernhard Bergmuellers Lebenslauf ist typisch fuer viele DV-Experten. Der Muenchner DV-Profi gehoert zu den zahlreichen Quereinsteigern, die in den vergangenen Jahren die Chance nutzten, in eine boomende und gut zahlende Branche zu wechseln. Er begann seine berufliche Laufbahn bei der Polizei, wo er sechs Jahre arbeitete: "Schichtdienst und schlechte Bezahlung erleichterten mir die Entscheidung, aus diesem Beruf auszusteigen."

Und weil er eine Neigung zur Computerei entdeckte, wechselte er als Operator in ein Rechenzentrum - zunaechst wieder im oeffentlichen Dienst. "Sehr schnell wurde mir diese Arbeit langweilig", und so wagte er nach einem Jahr den Schritt in die freie Wirtschaft.

In wenigen Jahren lernte er - auch das typisch fuer viele Computerfachleute - mehrere Arbeitgeber kennen und fuehrte die unterschiedlichsten Arbeiten durch - sowohl in der Grossrechnerwelt als auch im Umfeld von PC-Netzen. Der letzte Arbeitgeber, bei dem Bergmueller in dieser Phase angestellt war, ein kleines Beratungshaus, musste Konkurs anmelden, was in den vergangenen zwei Jahren nichts Ungewoehnliches war: Die grossen DV-Hersteller bauten wegen der Rezession viel Personal ab, kleine Software- und Beratungshaeuser verschwanden vom Markt.

Zum ersten Mal arbeitslos und auf der Suche nach einem neuen Taetigkeitsfeld, stellte der Quereinsteiger fest, dass die Personalchefs grossen Wert auf Diplome legten. Bergmueller: "Damit konnte ich allerdings nicht aufwarten."

Um seine Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern, wollte er einschlaegige Zeugnisse erwerben. Es sollte etwas sein, was er beherrschte, das schnell ging und obendrein gefragt war. Die Entscheidung fiel auf eine Ausbildung zum Certified Novell Engineer (CNE), also zu einem Experten fuer die Produktwelt des PC- Netze-Marktfuehrers Novell.

Mit dem Diplom in der Tasche ging der frischgebackene CNE in die Offensive und gab ein Stellengesuch auf: "CNE sucht...". Und siehe da, es kamen einige interessante Angebote. Schliesslich stellte ihn der Maschinenbaukonzern MAN ein, wo er zur Zeit im Benutzerservice arbeitet.

Die Diskussion ueber den Sinn von produktspezifischen Pruefungen ist nicht neu. Kaum jemand interessierte sich aber in den letzten Jahren dafuer. Der Datenverarbeiter war eine gesuchte Spezies, und die Unternehmen waren schon froh, wenn er Programmier-Know-how und vielleicht noch ein wenig Berufserfahrung mitbrachte.

Von Jahr zu Jahr wuchsen allerdings die Ansprueche der Anwender an ihre externen Partner. Zu viele Projekte hatten letztere in den Sand gesetzt, was auch mit der Qualifikation der Mitarbeiter zusammenhing.

Diese Kritik fiel letztlich auch auf die Hersteller zurueck, weil es um deren Produkte ging. Novell erkannte die Entwicklung sehr frueh. Seit Mitte der 80er Jahre entwickelte das Netzwerkunternehmen ein umfangreiches Schulungsprogramm. Die Experten, die mit Novell-Produkten arbeiteten, sollten sich Tests unterziehen, die weltweit einheitlich waren und als recht anspruchsvoll galten.

Seit einigen Jahren sind nun zahlreiche andere Hersteller auf diesen Zertifizierungszug aufgesprungen. Sehr kraeftig ist zur Zeit der Softwaremarktfuehrer Microsoft am Wirbeln. In enger Anlehnung an Novell hat er das Certified- Professional-Programm aufgelegt.

Um zum Beispiel Microsoft Certified Systems Engineer (MCSE) zu werden, muss man vier Betriebssystem-Pruefungen (zum Beispiel ueber Windows for Workgroups oder den Windows NT Server) und zwei zu waehlende Tests aus den Bereichen Connectivity oder Back Office (etwa SQL Server, MS Mail-Enterprise) ablegen.

Bei Preisen und Ausbildungszeiten unterscheiden sich die beiden Hersteller nach Auskunft von Gerhard Erlmaier kaum voneinander. Durchlaufe man das komplette Trainingsprogramm zum CNE oder MCSE, muesse man mit einem Aufwand von etwa 25 bis 30 Tagen und Kosten von rund 15000 Mark inklusive Pruefungen rechnen. Natuerlich, so die Auskunft des Microsoft-zertifizierten Fachmanns, bestehe die Moeglichkeit, sich den Kursbesuch zumindest teilweise zu sparen, zu Hause zu lernen und sich nur dem Test zu stellen. Dieser kostet etwa 200 Mark und wird von Drake, einem unabhaengigen Testunternehmen, abgenommen.

Die Ausbildung ist nicht billig

Bergmueller entschied sich zum Beispiel fuer die Kombivariante, belegte zwei Kurse und lernte den Rest aus Buechern, "so bin ich noch mit 8000 Mark davongekommen". Von Vorteil, auch bei spaeteren Bewerbungen, seien auf jeden Fall praktische Erfahrungen.

Die Kombination aus Praxiswissen und Zertifizierung ist es, was die Kandidaten am Arbeitsmarkt attraktiv macht, glaubt Petra Ortmeier. Die Personal-Managerin beim Distributor Ingram Micro sucht genau diese Sorte von Experten fuer ihren technischen Support. Auf die Frage, warum es denn unbedingt Kandidaten mit einem Produktzeugnis sein muessen, antwortet sie: "Wer dem Kunden 100prozentiges Engagement verspricht, hat sicherzustellen, dass es keine Probleme beim technischen Know-how der Mitarbeiter gibt." Bisher sei allerdings die Resonanz auf Stellenanzeigen sehr mager gewesen: "Zertifizierte haben sich noch gar nicht gemeldet."

Auch Bernhard Schmid vom Muenchner Systemintegrator Bernecker & Partner moechte CNEs und MCSEs einstellen. Den Novell-Spezialisten, die sich auf sein Inserat meldeten, fehlte indes die als Einstellungsvoraussetzung geltende Berufserfahrung.

Es waren vor allem Kandidaten, die eine Arbeitsamtschulung durchlaufen hatten. Mittlerweile foerdern die Behoerden die CNE- Kurse naemlich finanziell. Gegen Ausbildung und Pruefung sei nichts einzuwenden, meint Schmid. Er benoetige aber Mitarbeiter, die schon real ein Netzwerk installiert haetten. Kunden forderten kompetente Ansprechpartner. "Zeugnis allein reicht nicht", betont auch Ortmeier. Angesichts dieser prekaeren Situation ist Ingram dazu uebergegangen, eigene Beschaeftigte auszbilden.

Was sich fuer einen Distributor und Systemintegrator mehr und mehr zum Muss entwickelt, naemlich zertifizierte Mitarbeiter, spielt fuer Anwenderunternehmen eher eine untergeordnete Rolle. MAN-Mann Bergmueller erzaehlt, dass seine drei Kollegen, mit denen er Netze im Unternehmen installiert, keine Pruefungen abgelegt haetten, aber "absolut fit sind".