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Knowledge-Management/Kreativitätsschub aus dem "Atelier für Innovatoren"?


27.02.1998 - 

Unternehmer aller Art in der Zukunftswerkstatt zusammenbringen

Das "Atelier für Innovatoren" befindet sich im obersten Stockwerk des Münchner Trainingscenters von Siemens Nixdorf und umfaßt 160 Quadratmeter. Ein Großraumbüro mußte dem Kreativbereich für Unternehmer, Mitarbeiter und Politiker weichen. Das lichtdurchflutete Atelier ist mit Computern ausgestattet, die dem Zweck dienen, aus dem Informationsüberfluß der Welt das spezielle Wissen herauszufiltern, das für ein laufendes Projekt Wert hat. Ein Transparent, das einen Kreuzgang zeigt, lädt die versammelten Innovato- ren ein, gemeinsam zu wandeln und zu meditieren.

Plexiglasplatten einer "Prozeßwand" lassen sich an der Decke hin- und herschieben. Sie helfen, Denkansätze zusammenzuführen - bis hin zu detailliert ausgear- beiteten Zukunftsprogrammen. Eine Bibliothek mit den "Beständen alten Wissens" umfaßt Werke wie "Popcorn-Report", "Trends 2015" und "Ethik des Führens". Zur Ausstattung zählt auch ein Bild einer irrealen Insellandschaft, das den Titel "Aufbruch zum Kontingent der Lösungen" trägt (siehe Seite 87).

Mit dem "Atelier für Innovatoren" beginnt die Vermarktung eines Projekts, das der Informatiker Helmut Volkmann von der Zentralabteilung Forschung und Entwicklung unter dem geschützten Markenzeichen "Xenia" gegründet hat. Xenia ist ein "Metaprogramm für Wandel, Innovationen und Reformen zur Zukunftsgestaltung in Regionen, Kommunen, Unternehmen, Institutionen und Organisatoren", heißt es in einem Prospekt. Xenia heißt auch die virtuelle "Wissensstadt am Weg zur Informationsgesellschaft", die Volkmann als virtueller Bürgermeister gern bauen und mit vielen Ateliers ausstatten würde.

Die Anfänge der Wissensstadt reichen zurück bis ins Orwell-Jahr 1984. Volkmann war damals besorgt, daß die Menschen die Informationstechnik nicht mehr akzeptieren würden: "Wir müssen aufpassen, daß wir als Informatiker nicht in die gleichen Schwierigkeiten kommen wie die Kollegen von der Kernkraft."

In der weiteren Entwicklung seines Projekts spielte eine "Unsinn-Maschine" eine große Rolle. Für Volkmann war es aufschlußreich, etwas "ohne Sinn zu tun". Später hat der Informatiker Geschichten geschrieben. Er notierte die Diskussionen eines virtuellen Teams, in dem Vips, das Kleine, Medik, der Zwilling, Eva Pragma, die Wahrsagerin und Ingo, der alte Ingenieur, ihre Gedanken austauschen.

1993 war es dann soweit. Innerhalb weniger Monate war damit das Xenia-Konzept niedergeschrieben.

Volkmann suchte einen zugkräftigen Titel für seine Ideenwelt. Beim Durchforsten der Grundelemente fiel die Wahl auf "Xenon", ein seltenes und teueres Edelgas. Xenia, die weibliche Form, heißt im Griechischen soviel wie "die Gastfreundliche" und "die Fremde". Um sein Projekt und den neuen Namen zusammenzubringen, wählte Volkmann die Formulierung, er wolle "die Zukunft gastlich empfangen". Die Gegenwart sei geprägt durch das Gegenteil: "Wir sind Weltmeister im Erfinden von Gründen, warum etwas nicht geht."

Mit seinem philosophischen Konzept stieß Volkmann im Konzern nicht immer auf Wohlwollen und Verständnis. Ihn rettete die CeBIT 1995, auf der Xenia erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Bunte Bilder von einer virtuellen Wissensstadt übten eine erstaunliche Anziehungskraft auf Besucher und Prominenz aus. Rita Süssmuth, Jürgen Rüttgers, Renate Schmidt und Franz Alt trugen sich ins Gästebuch ein. Der Erfolg sicherte Volkmann den Arbeitsplatz. Er "durfte" seine Ideen im Namen von Siemens weiterentwickeln.

1997 übernahm der Bereich Training und Services bei Siemens-Nixdorf die kommerzielle Verwertung der Idee. Als "Entrepreneur" arbeitet der Soziologe Reinhard Schwarz an der "Produktvermarktung". Er vermietet das "Atelier für Innovatoren" für 5000 Mark pro Kalendertag. Außerdem treibt er den Aufbau weiterer Ateliers voran. Unternehmen, Behörden und andere Organisationen sind eingeladen, nach dem Vorbild in München eigene Ateliers einzurichten und zu vernetzen (Lizenzgebühr und Ausstattung summieren sich auf 250000 bis 300 000 Mark pro Atelier).

Bei aller Euphorie über den Aufbruch zu neuen Ufern sind im Konzern nach wie vor auch skeptische Stimmen zu hören. Für die kaufmännische Leiterin des Bereichs Training und Services bei Siemens-Nixdorf, Ellen Dittmer, ist es "bei Xenia schwierig, die Kurve zu kriegen und was Handfestes daraus zu machen". Bei der Eröffnung des ersten Ateliers Ende 1997 sagte Siemens-Vorstandsmitglied Claus Weyrich, daß bis zur Umsetzung "noch ein sehr weiter Weg" zurückzulegen sei. Und Helmut Volkmann selbst betonte, daß für die Vermarktung ein "langer strategischer Atem" erforderlich ist, denn es bestehe die Gefahr, daß die Idee verwässert und Bausteine aus dem Konzept herausgebrochen würden.

Bei Internet-Surfern hat das Projekt Staunen und vorsichtige Zustimmung gefunden. Dr. Rose äußerte per E-Mail: "So war ich doch überrascht, bei einem Großunternehmen, das ansonsten den Anschein macht, Wirtschaftlichkeit eher als Selbstzweck zu verstehen, jetzt eine Zukunftswerkstatt zu finden..

Die Xenia-Philosophie

Der Informatiker und "erste Bürgermeister" der Wissensstadt Xenia, Helmut Volkmann, hat ganz unterschiedliche Ideen in seine Gedankenwelt integriert. Zu den wesentlichen Elementen seines Denkens zählen folgende Punkte:

- Die Rückbesinnung auf die Philosophie zur Bewältigung der gegenwärtigen Probleme.

"Weisheit täte uns gut", sagt Volkmann und fügt hinzu, es sei "erstaunlich, was man entdeckt, wenn man in alten Kulturen herumstöbert". Daß Philosophen und Mönche spazieren gehen, um zu philosophieren oder zu meditieren, fasziniert den Informatiker. Damit könne man "ganz andere Dinge in Bewegung bringen".

- Die Orientierung am Gemeinsinn.

Mit einer gewissen Befriedigung erzählt Volkmann, daß Tony Blair und Lionel Jospin ihre Wahlen mit dem Versprechen gewonnen hätten, den Gemeinsinn zu fördern. Volkmann selbst sieht sein Gedankengut als parteipolitisch neutral.

- Die Standortbestimmung in der Gegenwart.

"Die Informationsgesellschaft ist mehr als Industriegesellschaft und Informationstechnik", betont Volkmann und ist der Auffassung, daß wir uns bereits auf dem "Weg in die Problemlösungsgesellschaft" befinden.

- Aphorismen

Sprüche runden das philosophische Denken Volkmanns ab. Ein Beispiel, das verdeutlicht, wie weit sich der Informatiker von der Computereuphorie entfernt hat: "Nichts bewirkt mehr als menschliche Begegnung!"

"Satori" und andere Methoden

Bevor die Arbeit im Atelier für Innovatoren beginnt, wird ein Thema bestimmt. Idealerweise arbeiten alle von einem Thema betroffenen Gruppen mit. Xenia, so Helmut Volkmann, ist ein Verfahren bei dem "ein Thema rein- und ein Programm rauskommt".

Die wichtigste Methode im Atelier - "Satori" - kombiniert sechs aufeinanderfolgende Arbeitsschritte und geht damit über übliche Vorgehensweisen durch tiefergehende Fragen hinaus. Die Abfolge im einzelnen laut Xenia-Prospekt:

S = Sensibilisierung: Was ist geschehen?

A = Analyse: Warum ist was geschehen?

T = Transzendenz: Was wollen wir überhaupt?

O = Occasionen: Was können wir wagen?

R = Resultierende: Was soll geschehen?

I = Innovationen: Was werden wir veranlassen?

Daneben prägt eine Art virtuelle "Stadtteilarbeit" den innovativen Prozeß der Begegnung. Im günstigsten Fall arbeiten insgesamt 64 Personen in acht Gruppen in acht virtuellen, auf Folien im Grundriß dargestellten Stadtteilen. Die Mitglieder einer Gruppe verteilen sich in der nächsten Arbeitsphase auf alle acht Stadtteile, um den anderen Innovatoren das erarbeitete Wissen aus der ersten Phase zu überbringen. Die Stadtteil-Folien provozieren durch ungewöhnliche Institutionen. So findet man im "Stadtviertel der Kontakte und Kooperationen" Einrichtungen wie das "Pentagon der Sammlungen des Wandels" oder die "Börse für Sponsoring und Promotion" sowie die "Klausen der Vor- und Querdenker".

Am Computer können die Atelier-Besucher das Verhalten von Systemen studieren. Der Rechner simuliert mit einem eigens geschriebenen Programm, was sich alles an einem System ändert, wenn an einer "Stellschraube" gedreht wird. Was der Computer rechnet, animiert die Innovatoren zu kontroversen Diskussionen und fördert so diesen Prozeß der Innovation.

Angeklickt

"Die Zukunft gastlich empfangen", will Helmut Volkmann, der "erste Bürgermeister" der "virtuellen Wissensstadt" Xenia, die sich seit einiger Zeit schon in der Siemenswelt angesiedelt hat. Das Projekt, daß sich als Ideenschmiede für das 21. Jahrhundert versteht, soll Innova- toren zusammenführen. IT-Unterstützung steht zur Verfügung.

*Johannes Kelch ist freier Journalist in München.