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03.09.1999 - 

Kunden waren zehn Tage ohne Verbindung

US-Analysten: MCI Worldcom reagierte zu spät auf Netzausfall

MÜNCHEN (CW) - Dem US-Carrier MCI Worldcom steht Ärger ins Haus. Für den zehntägigen Ausfall des Frame-Relay-Netzes fordern die betroffenen Anwender Schadensersatz. Mit dem Schlichtungsangebot, 20 Tage lang kostenlos das Netz zu nutzen, geben sich viele nicht zufrieden. Marktbeobachter kritisieren, MCI Worldcom habe dem Problem viel zu lange tatenlos zugesehen.

Der Netzausfall Anfang August entwickelt sich nach und nach zum Skandal. Insgesamt zehn Tage konnten viele Frame-Relay-Nutzer weder Daten senden und empfangen noch E-Mails verschicken oder auf das Internet zugreifen. Viele kleine Internet-Service-Provider waren von der Kommunikation abgetrennt, weil ein großangelegtes Upgrade-Programm bei den Switches der Lucent-Tochter Ascend fehlschlug. Verläßliche Angaben von ihrem Carrier darüber, wann der Schaden behoben werde, erhielten die Kunden nicht.

Bei seiner ersten Telefonkonferenz nach dem Desaster setzte sich MCI-Worldcom-CEO Ber- nard Ebbers vor Journalisten und Analysten in die Nesseln. Wenig Verständnis zeigte er für die Aufregung um die Probleme. Den Anwendern bot er zur Kompensation 20 Tage freien Netzzugang an, entsprechende Briefe seien in Vorbereitung. In der gleichen Konferenz versuchte er, die Börsianer zu beruhigen, diese Maßnahme werde nur minimalen Einfluß auf die eigenen Erträge haben. Im übrigen, so Ebbers, trage nicht MCI Worldcom die Verantwortung. Hauslieferant Lucent verstehe sein Geschäft nicht.

Ein Vergleich zu dem Netzausfall von AT&T vor einem Jahr drängt sich auf: Damals waren Geräte der Cisco-Tochter Stratacom die Ursache für den 27stündigen Stillstand des Frame-Relay-Netzes. AT&T übernahm die volle Verantwortung und stellte sich noch am gleichen Tag den Anwendern.

Das MCI-Worldcom-Desaster währte insgesamt vom 5.August bis zum 15. August. Obwohl die technischen Unzulänglichkeiten sicher Lucent anzulasten sind, hat nach Meinung von US-Analysten und der betroffenen Anwender auch MCI Worldcom keine gute Figur gezeigt. "Die machen einen schlechten Job und weisen mit dem Finger auf Lucent", kritisierte MCI-Worldcom-Kunde Glenn Seidman, verantwortlich für technische Dienste bei Complus Data Innovations in Hawthorne, New York. "Wir haben zu keiner Zeit eine Nachricht bekommen", bemängelte Steve Capriolo, technischer Direktor beim Reiseveranstalter Libgo, der insgesamt 159 Knoten im Frame-Relay-Netz nutzt. "Unsere einzige Informationsquelle war das Internet."

"Die Geschichte war erst unglaublich, dann unerträglich und ist nun unverzeihlich", kommentierte Gartner-Group-Analyst Ken McGee die Vorgänge. Der Carrier habe viel zu lange gewartet, die Probleme wirklich zu beheben. Erst neun Tage nach dem ersten Ausfall hat MCI Worldcom das Netz gezielt heruntergefahren, um die Lucent-Software wieder zu entfernen. "Das hätten sie schon nach dem ersten Tag machen sollen", kritisierte Frank Dzubeck, Berater bei Communications Networks Architects.

Viele Anwender wollen sich mit dem Angebot nach dem Motto "Zwei Tage kostenlosen Zugang für einen Tag Ausfall" nicht zufriedengeben. "Eine ziemlich einfache Antwort auf das Problem", ließ etwa Rod Taitano wissen. Der WAN-Manager des State Compensation Insurance Fund hatte zeitweilig keinen Kontakt zu 14 von 28 Niederlassungen. Der Wertpapierhändler Chicago Board of Trade (CBOT) schätzt die Zahl der entgangenen Verträge auf 180000 und behält sich rechtliche Schritte vor. "Wir werden das Ebbers-Angebot akzeptieren und darüber hinaus Schadensersatzforderungen prüfen", kündigte CBOT-Sprecherin Katherine Spring an.

Vor allem die kleinen MCI-Worldcom-Kunden werden sich jedoch damit bescheiden müssen, 20 Tage kostenlos auf das Frame-Relay-Netz zuzugreifen. Hank Levine, der als Rechtsanwalt etwa 50 geschädigte Anwender vertritt, räumt nur Großkunden, die schon bei der Vertragsunterzeichnung hart verhandelt hätten, eine Chance auf Ausgleichszahlungen ein. Allen anderen bleibe lediglich der Klageweg vor der Federal Communications Commission (FCC). Der könne sich aber über zwei Jahre hinziehen, schätzt Levine.

MCI Worldcom hat sich keinen Gefallen damit getan, die Anwender zu vergraulen. Das Unternehmen, das vornehmlich Geschäftskunden anspricht, versucht derzeit, das erodierende Fernsprechgeschäft mit der Vermarktung von Internet-Zugängen zu kompensieren. Vor allem die lange Dauer des Netzausfalls und die Reaktion von MCI Worldcom darauf haben das Vertrauen in den Carrier, der derzeit vehement in den europäischen und deutschen Markt drängt, erschüttert.