Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

12.05.1995

User-Business zu komplex fuer konventionelle Modelle Chairman Paul Margolis ueber die Notwendigkeit der Open Applications Group

Mit der Gruendung der Open Applications Group

(OAG) hat die Standardsoftware-Branche zum ersten Mal dokumentiert, dass sie die Kundenforderung nach offenen Schnittstellen ernst nimmt. Als Ziel ihrer Bemuehungen gibt die Anbietervereinigung an, Interoperabilitaet zwischen Komponenten unterschiedlicher Softwarepakete herstellen zu wollen (vgl. CW Nr.9 vom 3. Maerz 1995, Seite 1). Skeptiker fragen sich jedoch, ob die bislang neun Mitglieder - darunter Umsatzriesen wie SAP und Oracle - tatsaechlich ihre geschlossenen Welten oeffnen werden. OAG- Chairman Paul Margolis, hauptberuflich CEO des PPS-Spezialisten Marcam Corp. mit Sitz in Newton, Massachusetts, gibt sich optimistisch - zumal alle Mitglieder, SAP eingeschlossen, bereits viel Geld in Schnittstellen-Technik investiert haetten. Zwar kann auch Margolis die Zweifel am Goodwill der Anbieter nicht ausraeumen. Doch gelingt es ihm ueberzeugend, die Notwendigkeit verbindlicher Anwendungs-Schnittstellen darzulegen. Mit ihm sprach CW-Redakteurin

Karin Quack.

CW: Es ist Ihnen gelungen, auch die SAP ins OAG-Boot zu ziehen. Aber welche Indizien haben Sie dafuer, dass ein derart marktbeherrschendes Unternehmen in der OAG mehr sieht als ein Instrument, um seine Kontrolle noch weiter auszubauen?

Margolis: Die SAP hat verstanden, dass sie sich, wenn sie kuenftig nicht als Dinosaurier dastehen will, an dieser Art von Zusammenarbeit beteiligen muss. Wissen Sie, in der Presse gibt es immer auf der einen Seite die harten Nachrichten und auf der anderen die Spekulationen. Folglich wurde auch nach der Gruendung der OAG gefragt, welche duesteren Beweggruende die Mitglieder moeglicherweise verfolgen. Sicher, wir sind alle Unternehmen, die von dem Wunsch nach Profitmaximierung getrieben werden. Aber ich leite auch eines dieser Unternehmen. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich der OAG beitreten will - und zwar um darin mitzuarbeiten. Es ist meine Ueberzeugung, dass die anderen Mitglieder das ebenso wollen - auch und besonders die SAP, die viel zur technischen Arbeit der OAG beisteuert.

CW: SAP hat unter dem Kuerzel ALE

(Application Link Enabling, siehe auch CW Nr. 36 vom 9. September 1994, Seite 10) eine eigene Schnittstellen-Technik angekuendigt. Wird das Unternehmen diese Spezifikationen als Basis fuer die zu entwickelnden OAG-Schnittstellen anbieten?

Margolis: Ich kann nicht fuer die SAP sprechen. Soweit ich weiss, hat sie ihre ALE-Spezifikationen in die betreffende Arbeitsgruppe eingebracht, aber ich kann mich irren. Alles, was ich weiss, ist, dass die SAP sehr wohl bereit ist, ihre Produkte zu oeffnen. Das waere doch eine wunderbare Gelegenheit: Ich meine, wenn sie ohnehin zu dieser Investition bereit sind, dann koennen sie es doch genausogut auf der Basis eines Standards tun. Uebrigens gilt das fuer die anderen Mitglieder gleichermassen. Wir alle haben bereits grosse Summen in Interfaces gesteckt, weil einzelne Kunden nun einmal bestimmte Module anderer Anbieter mit unseren Produkten verbinden wollten.

CW: Heisst das moeglicherweise, dass diese Schnittstellen zum Teil bereits existieren?

Margolis: Ja, aber das sind Bruecken, die oft ins Nichts oder bestenfalls zu einem einzigen Anbieter fuehren. Jetzt wollen wir den gesamten Schnittstellen-Aufwand ein fuer allemal erledigen. Wenn spaeter ein Kunde eine bestimmte Verbindung benoetigt, koennen wir ihm sagen: Das haben wir schon gemacht, hier ist die Spezifikation. Tatsaechlich sparen die OAG-Mitglieder durch diese Arbeit Investitionskosten.

CW: In Deutschland gehen mehr und mehr Anwender dazu ueber, fuer alle Funktionen ihrer Unternehmens-DV das System eines einzigen Anbieters einzusetzen. Damit wuerden solche Schnittstellen ueberfluessig.

Margolis: Nun gut, wenn ein Anwender tatsaechlich R/3 im gesamten Unternehmen nutzen will, dann braucht er die OAG nicht, das ist richtig. Aber die Geschaefte der Anwender sind eine komplizierte Sache, die zudem einem staendigen Wandel unterliegt. Und dafuer wird es immer wieder neue und bessere Loesungen geben. SAP bleibt sicher ein wichtiger Anbieter - fuer Kunden, die an dieser Art von Ansatz interessiert sind. Aber ebenso sicher werden wir kuenftig einen gestiegenen Bedarf fuer Plug-and-play-Loesungen aus Produkten unterschiedlicher Anbieter beobachten. Eine solche Loesung ermoeglicht es naemlich den Anwendern, die Vorteile der engen Integration zu nutzen, ohne deren Nachteile in Kauf nehmen zu muessen.

CW: Mit Ihrem juengsten Produkt Protean haben Sie ein Commitment zur Objektorientierung abgegeben. Der Markt wird aber derzeit von prozeduraler Software bestimmt. Welchen Einfluss hat das auf die Arbeit der OAG?

Margolis: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es bedeutet zwar mehr Arbeit, Produkte zu integrieren, die nach dem alten Paradigma konstruiert sind. Aber deshalb ist es doch keineswegs unmoeglich.

CW: Sie haben angekuendigt, die OAG werde bei der Entwicklung ihrer Schnittstellen eng mit der Object Management Group zusammenarbeiten. Warum haben Sie nicht einfach eine Special Interest Group innerhalb der OMG gegruendet?

Margolis: Wir haben das tatsaechlich in Erwaegung gezogen und mit OMG-President Chris Stone darueber gesprochen. Aber schliesslich haben wir es vorgezogen, unabhaengig zu bleiben, also selbst zu bestimmen, wie wir die Dinge handhaben wollen. Denn wenn sich Konkurrenten zusammentun, so ist das vom rechtlichen Standpunkt her eine heikle Angelegenheit.

CW: Marcam hat im vergangenen Jahr 30 Prozent seiner weltweiten

Einnahmen aus Europa bezogen. Nur ein Sechstel davon, also fuenf Prozent des Gesamtumsatzes, stammen aus Deutschland. Woran liegt das?

Margolis: Ich bin in der Tat ziemlich unzufrieden mit den Ergebnissen in Deutschland. SAP hat dort eine sehr dominante Position. Gluecklicherweise gilt das nicht fuer die anderen europaeischen Laender.

CW: Wann kann man tun, wenn ein Mitbewerber 80 oder 90 Prozent der deutschen Grossbetriebe zu seinen Anwendern zaehlt?

Margolis: Sie muessen das differenziert betrachten. Dass ein so grosser Teil dieser Unternehmen SAP-Software verwendet, heisst ja noch lange nicht, dass SAP auch einen entsprechend grossen Teil des Marktes besetzt hielte. Kaum ein Anwenderbetrieb wird jedes R/3- Modul einsetzen.

CW: Die Grossunternehmen sicher nicht. Aber kleine und mittlere Betrieben tendieren - wie bereits angedeutet - dazu, ihre Eigenentwicklungen wegzuwerfen und SAP als Unternehmensstandard zu definieren. Der einzige Bereich, wo Mitbewerber eine Chance haben, ist tatsaechlich die Produktionsplanung und -steuerung. Denn da weist R/3 noch Schwaechen auf.

Margolis: Ja, aber SAP gibt sich Muehe, hier aufzuholen.

CW: Um so schlimmer fuer Sie!

Margolis: Die Qualitaet des PPS-Moduls hat nichts mit der Frage zu tun, ob SAP den Markt dominiert oder nicht. Der springende Punkt ist vielmehr der, den ich ebenfalls schon herausgestellt habe: Die Art und Weise, wie die Anwenderbetriebe ihr Geschaeft handhaben, ist hochkomplex. Und Unternehmensapplikationen, wie SAP oder wir sie anbieten, sind das, worauf dieses Business basiert. Ja, ich kenne diesen Mythos, dass im Grunde das Geschaeft ueberall das gleiche waere. Und deshalb, so heisst es, koenne auch in jedem Betrieb dasselbe Softwarepaket benutzt werden. Schliesslich gebe es ja Tabellen, in denen sich hier etwas einstellen und dort etwas aendern lasse. Aber das ist ein fundamentaler Fehler.

CW: Inwiefern?

Margolis: Der Grund dafuer, warum sich ein Unternehmen behaupten kann, ist doch der, dass es irgendwo einen Wettbewerbsvorteil gegenueber der Konkurrenz hat. Dazu benoetigt es aber Unternehmensanwendungen, die Differenzierungen dieser Art unterstuetzen. Und deshalb funktioniert das konventionelle Softwarepaket-Modell eben nicht: Ich meine diesen Ansatz, der dem Anwender die Wahl der Farbe ueberlaesst, solange es nur Schwarz ist, und dieses Business-Re-Engineering, bei dem wir alles genau so tun muessen, wie die Software es uns vorschreibt. Und wenn Sie aus der grossen Verbreitung von R/3 schliessen, dass es keinerlei Chancen fuer andere Anbieter gaebe, dann liegen Sie falsch.

CW: Vom heutigen Standpunkt aus sieht es aber ganz so aus, als ob diese Chancen zumindest nicht allzu gross waeren.

Margolis: Mag sein. Aber wenn die Anwenderunternehmen erst einmal alle ein Re-Engineering nach der Massgabe von R/3 vorgenommen haben, dann werden sie keineswegs die Haende in den Schoss legen, sondern sie werden etwas Neues anschaffen wollen. Schliesslich haben die Anwender auch nicht aufgehoert, Computer zu kaufen, als sie in den 70er Jahren alle ihre ersten Mainframes angeschafft hatten.

CW: Aber hier hat IBM ein Beispiel gegeben, das SAP leicht nachahmen koennte. In Deutschland jedenfalls konnte IBM viele OS/2- Lizenzen an Unternehmen verkaufen, die bereits MVS im Hause hatten.

Margolis: Na ja, aber am Ende war der Anteil, den OS/2 am PC-Markt hatte, auch in Deutschland nicht allzu gross.

CW: Was ich damit sagen will, ist nur, dass es einfacher ist, jemandem etwas zu verkaufen, bei dem man bereits einen Fuss in der Tuer hat.

Margolis: Ich habe niemals bestritten, dass SAP weiterhin gute Geschaefte machen wird. Ich glaube auch nicht, dass die Kunden eine einmal getroffene Entscheidung zugunsten von SAP wieder zuruecknehmen werden. Ein Anbieter, der darauf spekuliert, wird keinen Erfolg haben. Aber es gibt viele Kunden, die bei jeder einzelnen Investition neu ueberlegen, was sie wollen und was sie brauchen.

CW: Manche Leute sprechen mittlerweile von einem SAP-Monopol.

Margolis: Ich tue das nicht. Monopole existieren nur in Branchen, in denen es keine Moeglichkeit fuer eine Differenzierung gibt. Weltweit hat SAP derzeit einen Marktanteil von schaetzungsweise 25 Prozent. Ich bin davon ueberzeugt, dass er kaum jemals hoeher liegen wird als 45 Prozent. Der Grund ist der, dass SAP nur mit einer begrenzten Geschwindigkeit zu wachsen vermag. Meiner Ansicht nach kann ein solches Unternehmen auf gar keinen Fall mehr als 50 Prozent im Jahr zulegen. Ein schnelleres Wachstum verkraftet die Vertriebs- und Servicestruktur einfach nicht. In der Tat hat SAP damit jetzt schon genug Probleme. Dieses Geschaeft funktioniert schliesslich nicht so wie bei Microsoft, wo die Arbeit hauptsaechlich darin besteht, Kopien anzufertigen und auszuliefern.

CW: Ein Wachstum von 50 Prozent im Jahr ist aber immer noch phaenomenal.

Margolis: Ja, sicher. Und ich gestehe Ihnen gern zu, dass ich unsere Geschaeftsergebnisse mit Vergnuegen gegen die von SAP eintauschen wuerde.

CW: Wollen Sie im Hinblick darauf immer noch abstreiten, dass die tat-kraeftige Mitarbeit der SAP fuer die OAG von entscheidender Bedeutung ist?

Margolis: Ach, wissen Sie, eigentlich geht es gar nicht darum, ob die SAP bei uns mitarbeiten will oder nicht. Denn sie wird ihre Kunden nicht daran hindern koennen, notfalls selbst die erforderlichen Schnittstellen zu entwickeln.