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11.06.1982

Utopisches Denken sollte gefördert werden

Daß bei dem angebotenen Lehrstoff eine beträchtliche Verschiebung erfolgen muß, ist offensichtlich. Die Darstellung des menschlichen Lebens muß realitätsnah geschehen, wichtig ist das Verständnis der modernen Industriegesellschaft. Die Idylle des landwirtschaftlichen Dorfes soll zwar nicht unterdrückt werden, aber auf ihre tatsächliche Bedeutung beschränkt bleiben.

Der Unterricht sollte nicht nur auf das Faktische, das Seiende zugeschnutten sein, sondern die Kinder frühzeitig auf das Nochnichtseiende, auf das Mögliche vorbereiten. Utopisches Denken sollte im musichen, naturwissenschaftlichen und technischen Unterricht gefördert werden. Diese Unterweisung in Utopie scheint mir eine wichtige Voraussetzung zur Auflockerung der geistigen Situation in unserem Lande. Dies ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Gesellschaft nicht mehr die Konformität prämiiert. Das Rad der Geschichte wird ja nicht von den Buchhaltern gedreht, sondern von den Utopisten.

Bei der Aufteilung des Unterrichtsstoffes muß wohl eine andere Gewichtsverteilung unter Beachtung der zukünftigen Praxis erfolgen.

Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Technik werden die zentralen Fächer sein müssen. Zur Schulung logischen Denkens ist wohl kein anderes Fach so geeignet wie logische Algebra. Warum sollen Primaner nicht lernen, Computer zu programmieren?

Wo immer es in unserem Lande darum geht, moderne Techniken an die Stelle traditioneller Verfahren zu setzen, stößt man auf eine "psychologische Barriere". Um Mißverständnisse zu vermeiden: Die Frage, ob in irgendeiner Verwaltung, Firma oder sonstigen Institution beispielsweise ein Computer benutzt werden soll darf nicht primitiv und emphatisch so beantwortet werden: "Computer ist modern und immer besser." Mancher als Statussymbol angeschaffte Computer erweist sich nach nüchterner Prüfung als eine nutzlose Fehlinvestition. Die Einführung solcher moderner Techniken setzt stets eine sorgfältige Systemanalyse voraus, vor allem eine kritische Untersuchung des Zustandes ohne und mit Computer. In unserem Lande wird aber oft eine - bei nüchterner Prüfung - sehr zweckmäßige Benutzung moderner Techniken einfach durch emotionale Ablehnung verhindert. Beispielsweise so, daß der alles entscheidende Patriarch sich nicht davon abbringen läßt, daß sein untrüglicher Instinkt bisher immer den richtigen und besten Weg gefunden habe, und die Vermutung, mit so einem Dingsda könne man bessere Entscheidungen fällen, geradezu eine Beleidigung sei.

Diese "psychologische Barriere" ist an vielen Stellen in

Staat und Wirtschaft zu beobachten. Sie findet ihre scheinbare Rechtfertigung durch zahlreiche uralte, unbewußte Gewohnheiten und schwer ablegbare Vorurteile: Das deutsche Gemüt zieht die Gartenlaube dem Computer vor.

Die sinnvolle Anwendung der modernen Technik setzt nicht nur eine sorgfältige Systemanalyse voraus, sondern auch den Abbau dieser "psychologischen Barriere". Gewiß, dieses Problem löst sich marktwirtschaftlich von selbst dadurch, daß Unternehmen, die nicht mehr konkurenzfähig sind, zugrunde gehen. Aber es ist eine schwere wirtschaftliche Belastung unserer Gesellschaft, wenn Firmen bei diesem Selektionsprozeß zugrunde gehen und auch wenn nichtkommerzielle Institutionen im Schutze staatlicher Autorität und unbehelligt vom Konkurrenzkampf diese psychologische Barriere noch lange konservieren. Typisch ist hierfür die Situation vieler unserer Regierungsinstanzen: Vergleichbare Instanzen anderer Länder arbeiten seit Jahren mit hervorragend organisierten wissenschaftlichen Stäben und den modernsten technischen Hilfsmitteln. Bei uns ersetzen vorläufig noch die sympathischen und eloquenten Berater die rationale und effiziente Unterstützung. Es hat sich bei uns seit den Zeiten der "grauen Eminenz" noch nicht viel geändert.

Die Anwendung modernster Techniken im gesellschaftlichen Bereich setzt eine psychologische Veränderung unserer Gesellschaft voraus: Nämlich die unvoreingenommene Benutzung der Technik. Es ist offensichtlich, daß große Teile unserer Gesellschaft - als Folge einer extrem rückwärtsgewandten Erziehung - die Technik als "schlecht" ansehen, mindestens aber die moderne Technik. Zugegeben, an die Techniken "Herd" und "Spinnrad" hat man sich gewöhnt (sie werden ja so rührend in Märchen und Volksliedern gepriesen), aber moderne Techniken, wie zum Beispiel Computer, Düsenflugzeuge und Atomreaktoren, hält man für das Böse schlechthin.

Kurzum, all diese Ressentiments gegen die Technik in unserer Gesellschaft sind eine Art verbaler Schaumschlägerei, die nur dort eine schreckliche Wirkung hat, wo es um die Ausbildung unserer Kinder und Studenten geht. Wir müssen ohne Ressentiments feststellen, daß die internationale Konkurrenzfähigkeit einer Gesellschaft überwiegend von der Qualität ihrer Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure abhängt.

Wer die Veröffentlichung??????, über die Wirtschaftspolitik sorgfältig verfolgt, hat keinen Zweifel daran, daß in unserem Lande für die Planung von Forschung und Entwicklung sehr viele Instanzen und Personen zuständig sind. Derselbe Beobachter hat aber Zweifel daran, ob Forschung und Entwicklung mit wissenschaftlicher Methodik geplant werden. Manches mutet recht naiv an.

* Entnommen dem Titel "Falsch programmiert" von Karl Steinbuch (Seite 159 ff, auszugsweise); Untertitel: über das Versagen unserer Gesellschaft in der Gegenwart und vor der Zukunft und was eigentlich geschehen müßte; ersehienen 1968 bei der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart.