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30.10.1992 - 

Mehr Produktivität nur durch offen konzipierte DV-Systeme

VDI-Kongreß auf der Systec '92: Kritik auch an den IT-Strukturen

MÜNCHEN (CW) - Hart in Gericht gingen die Referenten auf dem Münchner VDI-Kongreß, der anläßlich der Systec-Messe stattfand, mit dem Stand des DV-Einsatzes in Fertigungsunternehmen. Soll eine für die Wettbewerbsfähigkeit unverzichtbare Produktivitätssteigerung erzielt werden, sind die überkommenen Strukturen schnellstens auszuräumen - auch in der Informationsverarbeitung.

Mit einem Seitenhieb auf die DV-Abteilungen beschrieb Friedrich Schaible von der Siemens- Nixdorf Informationssysteme AG den Realzustand in der deutschen Fertigungsindustrie: Bei Arbeitsprozessen betrage der Anteil an nicht wertschöpfenden Tätigkeiten bis zu 80 Prozent - trotz 20 Jahren Datenverarbeitung. Der SNI-Manager zeigte damit auf, daß der bisherige Einsatz der Informationstechnik in den letzten Jahren offenbar noch nicht zu den erwarteten Effizienzsteigerungen in der Produktion beigetragen hat.

Der Grund dafür liegt Joachim Milberg zufolge meist im tayloristischen Organisationsprinzip deutscher Produktionsbetriebe, die aufgabenorientiert strukturiert sind. Dementsprechend wurde auch die Datenverarbeitung aufgebaut, erklärte Milberg, ordentlicher Professor und Leiter des Instituts für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften der TU München. Entgegen der japanischen Form einer auf integrierte Prozesse abgestimmten Fertigung, werden dadurch hochgradig arbeitsteilige Strukturen weiter verstärkt. Milberg: "Die in den letzten Jahren fortschreitende DV-Entwicklung und der verstärkte Einsatz rechnergestützter, aber vielfach streng aufgabenorientierter Hilfsmittel führte in fast allen Unternehmen zu einer Verfestigung der Arbeitsteilung mit einer sehr starken Abgrenzung der Verantwortlichkeiten." Dies sei unter anderem ein Grund dafür, daß die erwartete Produktivitätssteigerung durch den Einsatz von DV nicht in dem Maße wie erwartet eingetreten sei und Durchlaufzeiten zwischen den einzelnen Aufgabenbereichen nicht verkürzt werden konnten.

Der bei der Massenproduktion bevorzugte tayloristische Organisationsgedanke wird DV-technisch durch fertige, an proprietäre Betriebssysteme gebundene Software gekennzeichnet. Helmut Drodofsky, Geschäftsführer der Debis Systemhaus GmbH, der dieses IS-Szenario in seinem Vortrag beschrieb, äußerte: "Ganzheitliche Lösungen bilden in einer solchen Welt die Ausnahme." In den 90er Jahren erwarten die Unternehmen aber von der Informationsverarbeitung neue, ganzheitliche Methoden, so Drodofsky.

Mit zentralen Systemen und überholter Technik lassen sich dabei die neuen Anforderungen Milberg zufolge nicht mehr erfüllen. So gilt es, geänderte Organisationsstrukturen - dies muß zuerst realisiert werden - mit den passenden informationstechnischen Hilfsmitteln zuzu unterstützen. Milberg:"Zukünftig sind neue technische und organisatorische Lösungen gleichrangig zu behandeln, mit dem Ziel, die Arbeitsteiligkeit zu verringern."

Dies bestätigte auch Ingersoll-Engineers-Geschäftsführer Bodo Holz in seinem Vortrag .Holz: "Computer auf nicht mehr passende Organisationsformen, auf traditionsbeladene Hierarchien und Ausbildungsstrukturen zu profan, die den Möglichkeiten der C- Technologien in keiner Weise mehr entsprechen, heißt nur, Kosten auf Kosten häufen."

Auch DV-Manager werden im Zuge von Schlankheitskuren in den Unternehmen ihre IT-Konzepte überdenken und ändern müssen. Holz' Äußerung trifft deshalb auch für sie zu. "Gerade in Deutschland, wo das Sicherheitsdenken nicht zuletzt aus Gründen einer nach Inflation und Krieg herausgebildeten eher defensiven, bewahrenden Mentalität fest verwurzelt ist, muß jetzt und in Zukunft risikofreudiger vorgegangen werden", argumentierte der Unternehmensleiter und fordert: "Altes, liebgewordenes Denken und Tun muß radikal in Frage gestellt werden, und zwar nicht erst für ferne Zukunftszeiten, sondern hier und jetzt."

Heutige Lösungen passen nur für alte Strukturen

Die vorhandenen Lösungen zur Informationsverarbeitung sind in der Regel für alte Strukturen entwickelt und daher nicht ohne weiteres für die Implementierung neuer Konzepte geeignet, stellte Drodofsky fest. Der Debis-Mann steht damit nicht allein, auch bei Schaibles Vortrag war dies der Tenor. Er zeigte auf, daß die integrierte Fertigung eine Technik erfordert, die gegenüber der klassischen Datenverarbeitung" offenere Nutzungsmöglichkeiten" zuläßt und vor allem die Kommunikation besonders betont .Dadurch würden sich Möglichkeiten eröffnen, auch Aufgaben zu unterstützen, die von hoher Dynamik und von ständigem Wechsel geprägt seien. Milberg beschrieb in seinem Vortrag Anforderungen und Lösungsansätze für zukünftige Informationssysteme, die seiner Meinung nach offen konzipiert sein müssen. Wichtig sei neben dem Angebot von grafischer Datenaufbereitung und Simulationsfähigkeiten, daß mit durchgängigen Datenmodellen gearbeitet werden kann.

Nicht nur in der

DV gibt es Altlasten

"Daten sind, um Zeit zu sparen, nur einmal zu erzeugen und überall dort so aufbereitet zur Verfügung zu stellen, wie sie jeweils gebraucht werden", erklärte er. Arbeit mit durchgängigen Datenmodellen bedeute auch, daß man nicht vollständig auf einen Hersteller angewiesen ist, der in einem ganz bestimmten Bereich einen Schwerpunkt besitzt, aber andere nicht so unterstützen kann.

Realisieren läßt sich eine integrierte Datenverarbeitung Hans-Jörg Bullinger, Professor und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation, zufolge, in erster Linie durch den Zuriff auf gemeinsame Datenbanksysteme und die Kommunikation zwischen verteilten, lokalen Systemen, etwa via Edifact .Daß die Einführung miteinander

verknüpfter Systeme durch unausgereifte Entwicklungen in bezug auf offene Schnittstellen und Datenmodelle aber noch erschwert wird, ist auch Milberg klar. "Die Situation hat sich zwar deutlich verbessert, etwa bei Step oder MAP-MMS, ist aber immer noch nicht so, wie sich die Anwender das wünschen. Hier besteht noch Umsetzungs beziehungsweise Handlungsbedarf"

Nicht gelten läßt der fachliche Leiter der VDI-Veranstaltung jedoch das von DV-Verantwortlichen oftmals angeführte Argument, daß Altlasten und die für diese Systeme bereits getätigten Investitionen den Einsatz moderner Informationstechnik verhindern. "Unternehmen leben in einem szenarischen Prozeß und befinden sich selten auf der grünen Wiese. Es ist also ein ganz normaler Vorgang, permanent darüber nachzudenken, wie man unternehmerische Strukturen schneller besser und billiger machen kann. So gesehen habe ich überall Altlasten, nicht nur in der DV-Landschaft. Auch im Maschinenbereich müssen kontinuierlich alte Maschinen durch neue ersetzt werden und das muß man im DV-Bereich ähnlich sehen", äußerte Milberg in einem Gespräch mit der CW. Dabei sei sicherlich nicht die Frage, daß alle Lösungen, die früher richtig waren, jetzt abgeschafft werden, sondern auch dies sei als Prozeß zu verstehen. "Dabei muß nicht alles dezentral gemacht werden, sondern es kommt auf die vernünftige Mischung an, beispielsweise zentral große Datenmengen zu schaufeln, die nicht zeitkritisch sind, und dezentral beim Prozeß schnell zu reagieren. Die Anpassung ist dabei kein einfacher ,von heute auf morgen stattfindender Vorgang .Aber wenn das Ziel erkannt ist, ist der erste Schritt schon getan".