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Peripherie-Hersteller hoffen auf den kritischen Käufer:


18.11.1988 - 

Vehikel in die "Blaue Szene"

Horst-Joachim Hoffmann ist freier Mitarbeiter der COMPUTERWOCHE.

MÜNCHEN - Eng geht's zu im Großrechnerbereich. Bei eingeschnürten Budgets liebäugelt mancher IBM-Großanwender mit "artfremder" Peripherie. PCM-Verkaufsgespräche verheißen Kostenersparnis und bessere Technologie. Doch Vorsicht, manches Produkt entstammt dem puren Überlebenskampf im Windschatten der großen Mother Blue.

"Eine IBM-Ankündigung bringt uns immer kräftig Aufwind beim Geschäft", freut sich ein Anbieter IBM-kompatibler Peripherie. Die Argumente der PCMer über ihre Vorzüge im Mitbewerb zu IBM gleichen sich dann auch fast durch die Bank.

IBM sei zu schwerfällig für technische Neuentwicklungen, die der Markt verlangt, artfremde Peripherie sei kostengünstiger, heißt es da.

Kritiker der PCM-Szene jedoch stellen heraus, daß PCMer häufig nur für die jeweils vorherige Technologiegeneration bessere Leistung bringen. Als Beispiel wird gern die Situation im Bereich der Platten-Laufwerke angeführt. So produziert IBM derzeit die 3880 - ein gutes System wie es heißt. Davor war die 3370 aktuell, die jetzt von Hitachi in aufgebohrter Technik neu aufgelegt ist.

Interessantes tut sich im Bereich optischer Plattenspeicher. Hier warten die PCMer dieses Sektors in der Tat auf eine IBM-Aussage: siehe Stichwort "Geschäftsbelebung".

IBM habe zwar eine Aussage zu den WORMs gemacht, aber auch diese mit einer "antiquierten" Technik mit einer 200-MB-Version, wobei Maxcoh und Ricoh schon mit 800 MB operieren.

Engpässe bei der Sicherung

Auch im CD-ROM-Bereich halte sich IBM leider noch bedeckt. Der Schub im Markt bedeutet viel für kleine Unternehmen, die nicht vordergründig als PCMer gelten, aber natürlich IBM-kompatibel sind. Sie sehen auch mit wenigen Prozenten aus der IBM-Welt bessere Chancen, ihre Technologie zu vermarkten.

Ähnlich sieht die Situation im Bereich Tapes aus. Digital Audio Tape ist hier ein neues Schlagwort. IBM fährt mit 40-MB-Streamern, die auf neun Spuren Parallelaufzeichnungen machen und recht langsam in der Übertragung sind. Bei großen Plattensystemen mit großen Kapazitäten kommt es schon mal zu Engpässen bei der Sicherung. Für Mainframes liefert IBM das 3480-Laufwerk für Cartridges mit Kapazitäten von knapp 200 MB. Wie IBM im Oktober ankündigte, wird das System im zweiten Halbjahr 1989 mit nachrüstbaren Zusatzeinrichtungen auf die drei- bis fünffache Kapazität aufgestockt. Der Preis liegt für komplette Bandspeicher - Controller und zwei Laufwerke - zwischen 150 000 und 230 000 DM. Als Negativaspekt ist zu vermelden, daß das System keinem Standard unterliegt und zu keinem anderen System kompatibel ist.

Fernab der IBM-Manufakturen indes sind zwischenzeitlich Streamer als Einbaugeräte von der Größe eines 5È-Zoll-Diskettenlaufwerkes auf dem Markt, die mittels DAT 1,2 GB auf Scheckkartengröße packen und durch neuartige Zugriffstechniken eine mittlere Zugriffszeit von 20 Sekunden erreichen. Doch, wohlgemerkt, der Anbieter hier ist kein klassischer PCMer. In diesem Bereich wird es übrigens in absehbarer Zeit einen Standard geben: Die konkurrierenden Unternehmen (Hitachi, Sony, HP, Gigatape) haben ihre Vorschläge bereits eingebracht.

Nicht selten wird Peripherie von den klassischen PCMern, zu denen streng genommen nur noch Amdahl Hitachi und Fujitsu zählen, in der Hoffnung ins Geschäft gebracht, über diese Schiene einen Fuß ins Rechenzentrum zu bekommen. Geringere Wartungskosten, bessere Features und höhere Kapazitäten durch Zusatsentwicklungen zählen zu den positiven Punkten, die anwenderseitig dann - hoffentlich - honoriert werden.

Dennoch vermögen die PCMer es nur selten, IBMs neueste Produkte in ihren Leistungsmerkmalen zu treffen. Im Normalfall ist es so, daß die IBM die Spezifikation eines Produktes erarbeitet - das technische Aufbohren der Systeme ist dann Sache der Plug-Kompatiblen, die zum einen von neuerer Technologie profitieren, und zum anderen keine Kundeninstallationen zu nehmen haben.

Geniale Idee läßt sich schwer umsetzen

Ein Beispiel, was man bringen kann, wenn keine Kundeninstallation zu schützen ist: Die Idee von Hitachi, ein unidirektionales Kabel im Bereich von Data-Streamern durch einen Sonderbefehl bidirektional zu schalten, gilt zwar aus technischer Sicht als nahezu genial, weil einfach, ist aber schlicht inkompatibel - und somit problematisch einzusetzen.

Die psychologische Argumentationskette der PCMer ist sinnig. Amdahl beispielsweise führt ins Feld, daß Kunden, die sich grundsätzlich und von vornherein für IBM entscheiden, sich selbst der Vorteile des Wettbewerbs berauben.

Das Unternehmen stützt zudem die oben erwähnte These der besseren Performance zu einem günstigeren Preis, sprich also der positiven Kraft des Wettbewerbs durch Taten. So seien im Peripheriesektor die Amdahl-Preise um durchschnittlich 30 Prozent niedriger als die von IBM, erläutert ein Amdahl-Sprecher.

Als Beispiel für den technischen Fortschritt führt Amdahl gern sein Multiple Domain Feature (MDF) von 1984 an, das allerdings nicht IBM-kompatibel war. Dieser Aufteilung der CPU-Leistung folgt der Marktführer jetzt mit einem Äquivalent, dem PR/SM. Kritische Beobachter der Szene sind allerdings davon überzeugt, daß MDF zu seiner Zeit als reiner Überlebensschritt eingeführt wurde, um die Maschinen auf die (kleineren) IBM-Leistungsgroßen zu trimmen.

Speicherbereich am heftigsten umkämpft

Ein Beispiel allerdings, wo die Steckerkompatiblen wirklich besser scheinen als Mother Blue, ist der Bereich des Data-Set-Caching. Bei diesem elektronischen Speicher zwischen CPU und Platte ist IBM nur zum Cache auf Volume-Ebene in der Lage. Die Nutzung ist bei dieser Anwendung in vielen Fällen eingeschränkt, da auf einem Volume oft mehrere Data-Sets sind, die für die Anwendung nicht benötigt werden, aber den Cache belasten. Cache allerdings zählt zu den teuersten Speicheranwendungen überhaupt, so daß sich hier die Kompatiblen mit Data-Set-Caching, also einem kleinen Teil des Volumes, durchaus positiv hervorheben. Hier folge IBM mit dem 3990-Controller erst langsam, erläutern Techniker.

Der Speicherbereich an sich ist wohl das am heißesten umkämpfte Marktsegment. Im Bereich der Magnetbänder und -Platten sei Big Blue durchaus aggressiv an vorderster Front zu finden. Ein Kunde, dessen steckerkompatible Speicher zur Zufriedenheit funktionieren, sei auch schon mal zu größerem Risiko bereit und stelle sich auch PCM-Zentraleinheiten in sein Rechenzentrum.

Die Anwender denken eher konservativ

Die Kundeneinschätzung allerdings, die die PCMer erstmal grundlegend haben, geht davon aus, daß der Anwender eher konservativ denke. Wohl keiner der Gesprächspartner erwartet, daß ein potentieller Käufer seine IBM-Installation vollständig austauscht. Dementsprechend ist auch die Kompatibilität gegenüber IBM - und nur IBM - als oberstes Gebot gegeben.

Untereinander jedoch besteht in diesem Markt durchaus eine breitere Basis zur Kombination. So dürfte es zum Beispiel keine Schwierigkeiten machen, das Plattenlaufwerk des Herstellers A mit der optischen Kanalverlängerung des Herstellers B zu verbinden, sofern die I/O-Interfaces eingehalten werden.

Kompatibilität generell beruht auf den "Principles of Operations", die IBM verpflichtet ist herauszugeben. Hier hat Big Blue mit einer geschickten Politik der Ankündigung, Realisierung und Verfügbarkeit Marketingvorteile, die nicht zu unterschätzen sind.

Es fällt den PCMern teils recht schwer, auf bloße Ankündigung hin termingerecht gleichzuziehen. Wann immer das allerdings möglich ist, bemüht man sich um Zusatzfeatures, eventuell auch Neuerungen - auch um den Zeitverlust zu kompensieren. Den Steckerkompatiblen kommt dabei zugute, daß sie den üblicherweise über Jahre dauernden Entwicklungsprozeß nicht gänzlich neu durchlaufen müssen und sich die Technologie im allgemeinen fortentwickelt.

Soweit bekannt, ist IBM im Peripheriebereich kein großer OEM-Sympathisant: Das meiste stammt aus eigener Schmiede. Teils, so ein PCMer mit süffisantem Grinsen, erkenne man das Originalprodukt der IBM an der "altbackenen" Technik. Laserdrucker werden hier als Beispiel angeführt. Sie seien Riesenkästen, von denen man zwei brauche, da einer fast grundsätzlich kaputt sei. Der Siemens-Laserdrucker sei technologisch weitaus besser, verkaufe sich aber - obwohl an IBM anschließbar - schlecht. Vielleicht, so die Mutmaßung, weil er kein IBM-Firmenzeichen trage.

Tips von Experten: Wo man was kaufen soll

Der Markt an sich ist, so Szenen-Insider, bis auf den Bereich der Nicht-Laserdrucker, von IBM umworben. Ein Fachexperte gibt Anwendern generelle Orientierungshilfe: Wenn eine führende Technologie gesucht wird, wenn die neueste IBM-Systemsoftware installiert werden soll, zum Beispiel MVS/ESA, oder die neueste NCP-Version, sollte IBM direkt ausgewählt werden. Für bestehende Anwendungen sollte im Speicherbereich aus Preis/Leistungs-Gründen der Kaufvertrag mit PCM-Herstellern unterzeichnet werden.

Für komplett neue Anwendungen oder einen neuen Approach bei existierenden Installationen, so zum Beispiel für die 3480-Kassettenbänder oder die 3990-Controller für Diskdrives, dann wiederum empfiehlt sich IBM direkt.

Die Selbständigkeit des Marktes mit kritischem Blick und Mut zur Unkonventionalität ist mit das größte Anliegen derer, die sich in ihm tummeln: Wettbewerb als Geschäftsbelebung ist gefragt - auch als Herausforderung für PCMer, die gern auf eigenen Füßen stehen.